Mappe V | 6 | 38

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( 52. Atemzüge ..) 5.

Man hält an sich und gibt der Handlung nicht im mindesten statt, zu der jedes Gefühl hinzieht und treibt. Und in diesem Fall wird das Leben wie ein etwas unheimlicher Traum, worin das Gefühl bis an die Wipfel der Bäume, an die Turmspitzen, an den Scheitel des Himmels steigt ..! Allzu wahrscheinlich haben wir daran gedacht, als wir noch von Bildern, und nichts als ihnen zu sprechen vorgaben."

Agathe stützte sich neugierig auf. „Hast du nicht einmal schon gesagt," fragte sie „daß es nicht nur zwei von Grund auf verschiedene Möglichkeiten gibt, leidenschaftlich zu leben gibt , sondern auch und , daß sie geradezu verschiedenen Tonarten des Gefühls gleichen? Die eine sollte die des ‚weltlichen’ Gefühls sein, das nie zur Ruhe und Erfüllung kommt; die andere, ich weiß nicht, ob du ihr einen Namen gegeben hast -: aber es hätte wohl die eines ‚mystischen’ Gefühls sein müssen, das dauernd mitklingt, aber niemals zur ‚vollen Wirklichkeit’ gelangt?" Obgleich sie zögernd sprach, hatte sie sich überhastet und endete verlegen.

Ulrich erkannte aber dennoch recht gut, was er gesagt zu haben schien; und schluckte daran, als hätte er etwas zu Heißes im Mund gehabt; und versuchte zu lächeln. Er sagte: „Sollte ich das gemeint haben, so muß ich mich jetzt wohl umso anspruchsloser fassen! Ich werde also die beiden Arten des leidenschaftlichen Seins einfach nach einem bekannten Beispiel die appetithafte und ebendann auch, als deren Gegenteil, die nicht=appetithafte nennen, mag es sich unschön anhören, oder nicht. Denn in jedem Menschen ist ein Hunger und verhält sich wie ein reißendes Tier; und ist kein Hunger, sondern etwas, das frei von Gier und Sattheit, zärtlich wie eine Traube in der Herbstsonne reift. Ja, auch sogar in jedem unsrer seiner Gefühle ist das eine wie das andere."

"Also geradezu eine vegetab ilische ile , wenn nicht gar vegetarische Anlage , neben einer animalischen Anlage?" Ein Anflug von Vergnügen und Neckerei war in dieser Frage Agathens.

"Beinahe!" erwiderte Ulrich. „Vielleicht wäre das Tierische und das Pflanzenhafte, als Grundgegensatz der Gelüste verstanden, sogar der tiefste Fund für einen Philosophen! Aber sollte ich denn einer sein wollen! Wessen ich mich erdreiste, ist auch ganz einfach: An jedem Gefühl lassen sich zwei Teile unterscheiden schlechthin nur das, was ich gesagt habe, und namentlich was ich zuletzt angedeutet gesagt habe, daß die beiden