MoE 6 | Der Spion (1919-1920)

Band 6 - DIE VORSTUFEN

1.
Alexander Unrod


Auf der psychiatrischen Klinik der Universität befand sich ein Mann in Beobachtung, den sie Franz hießen. Er war Zimmermann von Beruf, stammte aus Steiermark, hatte wegen eines Lustmordes vier Jahre in Irrenanstalten verbracht und war als geheilt entlassen worden. Zwei Jahre lang fristete er danach sein Leben in ehrlicher Arbeit, durchwanderte Europa, las in seiner freien Zeit viel, bekannte sich als theoretischen Anarchisten und tat keinem Menschen ein Leid, ausgenommen zweien Maurern, mit denen er auf dem Bau Streit kontrahierte. Er selbst nannte das mit diesem Namen, denn seit ihm das erste unter die Augen gekommen war, las er mit einer stillen Leidenschaft Kommersbücher und studentische Schriften und hegte eine heimliche Schwärmerei für Burschentreue und Burschenfreiheit, im Grünen gekreuzte Schläger und in der Abendsonne funkelnde Weinpokale. Damals, als die beiden Männer mit ihm wegen einer geringfügigen Ursache zu streiten begonnen hatten, war er aber plötzlich erschrocken, wie vor einer Verschwörung, und hatte sie besinnungslos mit seinen riesenstarken Fäusten zwei Stockwerke tief hinabgestoßen, wo sie mit gebrochenen Gliedern liegen blieben. In der Gerichtsverhandlung bekam er trotz seiner Beteuerungen mehrere Monate Zuchthaus und wurde ein dumpfes, machtloses Gefühl über erlittenes Unrecht nie wieder los.
Von den beiden Lustmorden, deren er jetzt angeklagt war, leugnete er den einen entschieden und räumte den andern unumwunden ein. Aber er suchte ihn als Totschlag hinzustellen. Er war von ihr bedroht worden und hatte dann aus Haß über die »Weibsperson« sie so zugerichtet. Geisteskrank zu sein bestritt er aufs heftigste. Er wollte lieber gehenkt werden, als wieder ins Irrenhaus kommen. Die Gerichtspsychiater behaupteten seine Zurechnungsfähigkeit zur Zeit der Tat, der Verteidiger verlangte unter Hinweis auf die frühere Internierung ein Fakultätsgutachten.
So kam Franz Moosbrugger zur Beantwortung einer Frage über Leben und Tod auf die Klinik. Als er eingeliefert wurde, war er noch sehr gerührt durch einige Aussprüche, die der Verteidiger während der Verhandlung über ihn getan hatte. Opfer der Verhältnisse, der mangelnden Erziehung, gute Fähigkeiten, die irregeleitet wurden und dergleichen. Er betrug sich auf der Klinik still und militärisch musterhaft. Die Kranken – er war in einem Zimmer zusammen mit mehreren Paralytikern in verschiedenen frühen und mittleren Stadien untergebracht – machten ihm keinen sonderlichen Eindruck. Er führte eine Art Intelligenzregiment über sie und ganz ohne zu bedenken, daß sie krank waren, freute er sich seiner überlegenen Fähigkeiten im Lesen und Rechnen bei den kleinen Prüfungen, die die Ärzte manchmal veranstalteten. Er bat um Bücher und durfte sich auch selbst welche kaufen lassen; seine Ausdrucksweise bereicherte sich um einige medizinische Ausdrücke. Er wäre glücklich gewesen, wenn ihn unter diesen erleichterten Verhältnissen nicht wieder die Lust zu leben angekommen wäre und damit der Wunsch, für krank erklärt zu werden. Denn er wollte nicht krank sein auf einer Stufe mit den Leuten, unter die man ihn gesteckt hatte, und hütete eifersüchtig das Ansehen seiner Intelligenz (er wollte keinen Intelligenzdefekt). Er hatte sich eine eigene Auffassung seines Krankseins zurechtgelegt und suchte sie den Ärzten aufzuzwingen. Es war eine durchaus romantische Auffassung, eine Art krankes Gemüt, woran er glaubte und in Gesprächen mit Unrod ausführte, daß die Ärzte, nachdem sie ihn zwei-, dreimal angehört hatten, nicht weiter darauf eingingen, reizte ihn, ließ ihn manchmal ein wenig beginnen zu querulieren und rief eine alte Anschauung wieder in ihm herauf, daß alle Ärzte und zumal die Psychiater unfähig seien, Beutelschneider, und nicht imstande, einen Fall zu erkennen, der mehr als schablonenhaft ist. Dadurch zog er sich einige Verschärfungen seiner Lage zu, unterwarf sich mit der Resignation, die ihn sein Leben gelehrt hatte, und fraß seinen Grimm in sich hinein.
Sieben Wochen vor seiner Hinrichtung erhielt Moosbrugger zum ersten Mal den Besuch Alexander Unrods. Er hinterließ ihm eine eigentümliche Freude. Der große, schöne, junge Mensch, der nur ganz kurz auf einem Rundgang bei ihm eingetreten war und einige belanglos freundliche Worte mit ihm gewechselt hatte, hatte ihn in seiner Einsamkeit ergriffen wie ein Mensch aus der Heimat. Es brach etwas auf in ihm, Wärme, Bewunderung, in seinem Kopf wurde es feucht und weich und behaglich wie die Luft einer Waschküche und durch das sanfte Wallen brach manchmal etwas unbegreiflich Glänzendes. Ein unendliches Gefühl der Hingabe überkam Moosbrugger; er gedachte mit Zufriedenheit seiner Morde, an diesen trüben, untreuen, weiblichen Geschöpfen, die er in der Erinnerung noch einmal mit Haß von sich stieß, während eine große, gütige Klarheit von einer Ahnung der geistigen Gesellschaft des Manns ausstrahlte. Eine ruhige, schöne Welt ohne Kämpfe.
Als Dr. Danner auf dem letzten abendlichen Inspektionsgang durch Moosbruggers Zimmer kam, trat dieser vor ihn hin und bat ihn militärisch stramm um Auskunft, wer der vornehme fremde Herr gewesen sei, der ihn besucht hatte. Hans v. Danner, der jüngste Assistent an der Klinik, war ein Freund Alexander Unrods. Er war ein langer, weicher Mensch, Protektionskind, Sohn des Astronomen Danner (der mit Alexanders Vater mehrere Jahre an der gleichen Universität gelehrt hatte), ein etwas unbestimmter Kopf, modisch, klagte gern über sein Fach, erklärte die heute herrschende klassifikatorische Methode der Psychiatrie für ekelerregend unexakt und schwärmte bloß für hirnanatomische Untersuchungen. Er war ein wenig lächerlich in dieser Art, gerade dadurch aber, daß er sich selbst in dem wissenschaftlichen Betrieb um sich unbefriedigt fühlte, der einzige, der Moosbrugger ein – wenn auch affektiertes – menschliches Interesse entgegenbrachte.
Als der nun vor ihm stand und seine Bitte vorbrachte, maß er ihn erstaunt und wie wegen einer allzu großen Intimität, dann willfahrte er aber doch der Frage und sagte Moosbrugger, daß dies der Privatdozent der Philosophie Dr. Alexander Unrod gewesen sei. »Der Philosophie?« staunte Moosbrugger, »ein sehr ein vornehmer Herr. Vielleicht – ich mein bloß, daß ich mir eine gehorsamste Bitte erlaube – kommt der Herr Doktor nicht wieder her?«
»Was wollen Sie denn?« fragte Danner. Moosbrugger wurde verlegen. »Ich habe mir bloß eine gehorsamste Frage erlaubt. Aber wenn der Herr Doktor die Güte hätten, dem Herrn Doktor zu sagen, vielleicht kommt er doch noch einmal her. Ein sehr guter, vornehmer Herr muß er sein, der Herr Doktor …«
Dr. Danner ließ seinen Blick mit der hohen Gleichgültigkeit des beschäftigten Arztes, der sich vor den Augen des Kranken nicht stellen läßt, an dem Verbrecher vorbeigleiten, dann sagte er nachlässig, »nun, ich will bei Gelegenheit sehen«, klopfte scherzend einem freundlichen Paralytiker auf die Wange, der daneben stand, und setzte seinen Rundgang fort.
Moosbrugger aber war an diesem Abend fortwährend, bis er einschlief, als ob in dem dunklen Zimmer um ihn irgendwo eine Kerze brennen würde. Vielleicht war es eine Erinnerung an die kleine Hütte seiner Mutter und seine Kindheit bei dieser armen Taglöhnersfrau.
Er hatte sie jahrelang nicht gesehn gehabt, erst bei der Verhandlung. Sie reichte ihm die Hand. Er wußte, daß sie wegen des Lebens von so einem Mensch kein solches Aufheben machen würde. Dann sagte sie aus, um ihn herauszuhaun, wie er als Bub auf den Kopf fiel und dergleichen.
»Es stehen sich in der Beurteilung eines solchen Grenzfalls auch zwei Schulen gegenüber. Wenn Ihre Verhandlung und Untersuchung in Würzburg stattgefunden hätte, wären Sie wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen worden; hier werden Sie verurteilt werden. Verstehen Sie das. Die gelehrte Beurteilung reicht nicht ganz aus, aber immerhin, sie ist das beste, was wir haben.« So sprach Unrod zu Franz.
Unrod, Alexander. Alexander Unrod nimmt sich seiner an und gerät dadurch in Konflikt mit der akademischen Behörde und dem Ministerium. Er ist an jenem kritischen Punkt der Dozentenlaufbahn, wo man noch nicht durch das Erreichte fixiert wird und das Begrenzte des bloß Wissenschaftlichen fühlt. Der Fall wird ihm zum Damaskus. Er tut nicht viel, sitzt ihm gegenüber, sieht seine Hände an, läßt sich erzählen, von »Dämon – Sünde - Frau« und dergleichen.


2.
Am Tag vor der Hinrichtung


Vielleicht haßte er die Frauen im Grunde nur, weil er sie zu vorbedingungslos liebte. Der Ausdruck in jedem Gesicht oder Körper konnte ihn reizen. Sein höheres Wesen empfand er nie mitschwingen.
Zuweilen stand auf seinem Schreibtisch das Bild des Zimmerergesellen … buschiger Schnauzbart, niedere zerarbeitete Stirn. Am Tag vor der Hinrichtung besuchte er ihn noch einmal – er saß am Bettrand – die großen haarigen Hände – spuckte auf die Erde. »Das einzige, was ich Ihnen zum Trost sagen kann, ist, daß es auf die paar Jahre mehr nicht ankommt.« »Wann i wenigstens nur noch an von die Richter hinmachen könnt« seufzte seine unsterbliche, von der Verständnislosigkeit gequälte Seele.
Für den Rest des Tages und die Nacht riß sich … von den Eindrücken los. Es war ihm unangenehm zu denken, daß in dieser Zeit der Gefängnisgeistliche bei … saß und die Sterbensangst in seinem Charakter ihre zerstörende Arbeit verrichtete. Freundlich und hart machte er sich los und die Hinrichtung war für ihn nur mehr …


3.
Hinrichtung


Es war ein selbst in der Stadt tauflimmernder Morgen, als Achilles in einen Kraftwagen stieg und zum Gefängnis hinausfuhr. Eine Frühe, in der man nicht begreift, was Schuld, nicht einmal, was Irrtum heißt. Wo alles nur die ihm eigentümliche Kraft ist. Als sie ihn heranführten, sah Achilles, wie sein Auge ihn suchte. Aber er hatte nicht Zeit, denn schon wurde Moosbrugger von den Gehilfen gepackt und angeschnallt. Mit einer unwillkürlichen Abwehrbewegung seiner riesenstarken Schultern schüttelte er sie ab, dann schien er sich zu besinnen, spuckte aus, hielt still, als sie ihn wiederanpackten. Achilles fühlt eine leichte Übelkeit, ein flaues kraftloses Gefühl, eine weder angenehme noch unangenehme, sondern rein spannungshafte Enttäuschung, als wäre eine schleimige Medizin,vor der man sich sehr geekelt hat, rasch hinuntergeglitten.
In dem Totenhaus das gleiche Gefühl, wie wenn man als Kinder allein zu Hause blieb, man muß etwas anstellen.
Auf der Rückfahrt Anhalten vor einem kaiserlichen Automobil mit einem Prinzen. Drei Hupentöne. Schreit den Chauffeur an, der nimmt kaum mit den Schultern Notiz davon. Und wird noch ein Trinkgeld bekommen. So machtlos ist man.


4.
Kostümball


Hinter dem Feuerwehreindruck kommt als stärkerer doch diese Niedergeschlagenheit hervor, die man über den Eingriff der Justiz in die Integrität eines Menschenlebens empfindet. Weswegen Familien eines Gehenkten sich als geschändet vorkommen. Etwas empfindet Achilles für sich selbst davon. Und das fließt vorbereitend in seine allgemeine Aufregung.
Agathe ist älter als Achilles. So alt wie man eben jetzt ist.
Kostümball. Nein, wir gehen nicht zusammen hin. Sie bereitet ein Kostüm vor, von dem er nichts wissen darf. Er ist vor ihr dort. In Frack. Sie kommt: in gewürfelten Hosen usw. Mit einer rötlichen Perücke. Am Arm des Statthaltereirats, der ihr Kurmacher ist (auch im Frack). – Es ist eigentlich unerhört,empfindet Achilles. Zugleich fühlt er sich so ganz ferngehalten wie ein abgewiesener Liebhaber. Er betrachtet die Besitzerzüge im Gesicht, in den Schultern, in den Lackschuhen des andern. So kommt ihm die Idee der Preisgabe, der eine Faktor des späteren Lebens. – Der andre ist der Reiz der Verkleidung und geht von der Perücke und dem Kostüm der Schwester aus. Ihr Gesicht ist das gleiche und doch ist die ganze Erscheinung wie in die Atmosphäre von Träumen getaucht. Irgend etwas Kannibalenhaft-Zauberisches der Verkleidung.
Drei Uhr morgens: Vorhallen, Treppen von Paaren und Gruppen besetzt. Wie Bienen an Dolden hängen sie. Er geht durch, ärgerlich über seinen Frack, zugleich von dem sordinierten Loin-de-bal-Zauber besessen. Ein Student spricht ihn an – Herr Professor – himmelt ihn an; Brillen zum Kostüm, einen Weiberpopo, ein Altweibergesicht. Sein Mädel etwas schwermütig besoffen, sieht Achilles immer so vorwurfsvoll an; der weiß nicht, was er Bedeutendes sagen könnte. – Ihr seid ja alle so schlecht, so schlecht, sagt sie.


5.
Achilles aus seiner Zeit


Achilles aus seiner Zeit, der vor dem Kriege, heraus entwickeln. Die Zeit, die den Tod nicht kannte. Automobilrasen, Fliegen, aller Sport, das war im Gegenteil konzentrierteste Lebendigkeit. Verbrechen der Pazifisten, zu sagen: Ihr habt ihn im Bordell kennengelernt. So ist das Heute um die Erkenntnis betrogen. Und die Menschen setzen ihr Dasein genau so blöd fort. Schwester, Verrückte, Spionage, das war die Unzufriedenheit Achilles. Er glaubte selbst schon, daß er ein pathologischer Mensch sei. Er hat alle menschlichen Unmöglichkeiten, die der Krieg zeigte, vorausgewußt, das war seine Abnormität. Jetzt begreift er den Menschen, der Held und Schieber zugleich ist, und das ist wieder seine Abnormität.
Anknüpfen gleich an die Hinrichtungssache. So starrten alle Menschen damals den Tod an, wenn sie Gelegenheit hatten. An seine Blasiertheit. Denn was waren die Erlebnisse, die man sich wünschte? Ein weißer Tennismantel und ein brauner Arm. Ein Auto usw.
Der Tod eines solchen Menschen, an dem die Gesellschaft in ihrer gewissen unschuldigen Weise schuldig ist, kann die entscheidende Erschütterung für Achilles liefern. Er hat ihn kaum erst kennengelernt.


6.
Moosbruggers Geständnis


Die Brüste eines zwölfjährigen Mädchens sind noch ganz Form, Rauminhalt, sie bedeuten noch nichts. Der Körper: wenn man ihn umarmt, greift man gleich die Knochen. Das kann einem nicht gefallen. Es ist ein Unsinn, daß ich meiner Lust gefrönt habe. Was man meint, ist die Frau, die man hier in der Hand hat, die man auf- und zudecken kann, auseinandernehmen. Er war immer zu schüchtern; er hat sich nicht an Frauen herangefunden; gleichsam aus Zartheit wird er zum Lustmörder. Man hat ihm nämlich auch diese Fakten mit kleinen Mädchen nachgewiesen, Geständnis nach der Verurteilung. Achilles muß gehn, weil Pfarrer kommt.


7.
Der Mensch ohne Gewissen


Achilles liebte Frauen in mittleren Jahren, auch ältere Mädchen – hausfrauliche Gesichter, gleichgültige Züge um Mund, Nase und Augen. Alles vom Leben ein wenig Ausgeweitete. Statt der Enge des nur erotischen Verhältnisses gibt das etwas von der Mannigfaltigkeit der andren Dinge. Ein Vorstadium war es.
Man muß, da es sich um eine abnorme erotische Beziehung handelt, von den normalen ein Wort sagen. Zunächst: Achilles hat gar kein psychologisches Interesse an den Frauen und der Kult, aus seinen Erlebnissen eine mondäne Philosophie zu machen, existiert zwischen ihnen nicht. Er ist, wie so viele Sexualiker, anerotisch. Er lebt unzufrieden, mit dem Gefühl mangelnder Expansion seines eigentlichen Wesens und das Mittel, diese in einen verstopfte Tücke etwas abzureagieren, ist die Frau. Dabei hat man noch von der Pubertät her irgendeine Liebe, phantastische Sehnsucht.
Achilles. Der Mensch ohne Gewissen … In der Tat, das hat er nicht. Er hat gar keine Zeit dazu. Ist Gewissen nicht ein Symptom von Unbestimmtheit? Nun gibt es gewiß zu jeder Bestimmtheit eine höhere Unbestimmtheit. Und auf diesem Wege läßt sich so wenig sagen, was das Letzte ist, wie, ob die höchste Zahl gerade oder ungerade sei.
Praktisch sind aber sehr hohe Grade des einen wie des andren immer mit anderweitigen Eigenschaften verknüpft. Einem Vornüberfallen oder einem nicht vom Fleck kommen. Beide sind unharmonisch.
Der harmonische Mensch ist aber durchaus nicht schon an und für sich als das Höchste empfohlen. Das Problem ist durch ihn nur um ein Glied erweitert.
Menschendarstellung: Achilles: Menschen haben viele sozusagen zufällige Eigenschaften, Nebenreaktionen, die ihr Schicksal beeinflussen können, mit ihnen selbst aber nichts zu tun haben.
Diese Eigenschaften hängen viel lockerer an ihm, er hat nie darüber nachgedacht, warum und wozu er sie hat, sie sind ihm eigentlich fremd und gleichgültig, obwohl sie oft sein äußeres Schicksal bestimmen und irgendwie sogar kausal an dem Aufbau seines Wesentlichen beteiligt sind.
Die praktische Gutmütigkeit theoretisch kalt-scharfer Menschen – es wird sogar bedeutende Menschen geben, die das meiste, was sie tun, ohne Beziehung zu sich selbst tun. Umgekehrt ganz brave Kerls mit lächerlichen Idealen, »sittlichen Forderungen«und dergleichen, »ihre Leidenschaften gehen über sie hin«.
Auch dies ist eine der Vorbedingungen: Das Unbeherrschbarwerden (intellektuell) dieser Zeit für den einzelnen. Freunde wunderten sich oft etwas respektlos über Achilles, warum er an dieser etwas beschränkten Experimentalpsychologie festhalte. Er tut es, weil es an einem Punkt wenigstens ein Gefühl von Sicherheit gibt. Und weil er – auch in Anblick der vielen Täuschungen, denen Dichter in Hinsicht auf den Wert von Gefühlen unterliegen – sieht, daß Erkenntnisse das Entscheidende sind, für den Wert des Gefühllebens.
Also: man kann sich der Liebe für diese rasend in die Breite schießenden intellektuellen Entwicklung nicht entziehen, aber man kann diese auch nicht in sich aufnehmen. Es ist bei Achilles derart ein Gebrochensein aus Kraft. Absolut nichts Dekadentes, denn sein ganzes Wesen ist Kraft, Fassen, Zupacken. Nur: der Gegenstand, wie er ihn sieht, ist eben noch größer als seine Kraft. Soziales Empfinden hat er auch bloß nicht, weil es ihm geistig suspekt vorkommt; er hätte es gerne aus Opposition gegen die Gras fressenden Junker, blöden Automobillinge usw.
Schule. Aufsatz gegen jenen Patriotismus geschrieben, wie er gelehrt wird und in Österreich die Niederlagen leugnet, in Deutschland ein einmaliges Gelingen, das auch der Stärkste nicht ohne Erschütterung hinnimmt, zur ständigen Geste machen will. Ein Kind kann diesen Unsinn sehr wohl empfinden. Wird relegiert, der Vater steckt ihn nach Huyes. Kleine kaufmännische Betriebsamkeit solcher Institute! Erfüllt ihn mit einer internationalen Verachtung. Er bleibt auch zum Universitätsstudium im Ausland, Deutschland, wird Psychiater (in einem persönlich ergreifenden Fall – Clarisse – weiß man trotzdem nicht, was gut, was krank ist), erreicht nichts Besonderes. Der Vater unzufrieden mit ihm. Schreibt: Deine Schwester Agathe hat geheiratet … In der Ehe deiner Schwester Agathe ist Gott seis geklagt nicht alles, wie es soll … Er hat nur diese eine Schwester, hat sie nie gesehn seit der Kindheit. Als er sie jetzt wieder trifft, ist es zunächst eine fremde Frau. Sie beide sind aber entschlossen, das Amüsante der Situation auszunützen.


8.
Achilles kommt an


Achilles erinnerte sich in diesen Tagen an einen alten friesischen Bauern. Er hatte ihn in dem kleinen Inselbad schon oft beobachtet. Er war so komisch. Gut an die achtzig. Mit einer schwarzen Schirmmütze. Obeinig. Abends holte er das Kalb vom Grasplatz. An der Kette riß es ihn hin und her; aber mit Geduld steuerte er es doch in den Stall. Einmal sah er ihn die Leiter am Strohschober hinaufkriechen. Unbehilflich, aber entschlossen. Oben richtete er die Leinenplache. Und dann kam Achilles einmal durch Zufall ins Gespräch mit ihm. Schnupftabak zog sich über dieses Gesicht mit den weißen Bartstreifen. »Der typische Stoffel«, hatte Achilles gedacht. Ein hinkendes Schweinchen hüpfte vergnügt am Dunghaufen. »Steif ist es«, sagte der Bauer und nannte eine Krankheit, die Achilles nicht verstand. »Vier Monate haben wirs aufgezogen und es wird nicht besser.« Der Bauer sprach, wie man von einem mißratenen Kinde spricht. Wie merkwürdig diese Liebe, empfand Achilles, trotzdem man es nur zum Abstechen aufzieht. – Dann sprachen sie über die Weltlage und Achilles war erstaunt, wie fein und zart der alte Bauer sprach, wie er all das sagte, was jeder Gebildete sagt. Italienisches Volk, fiel ihm ein. Wo hat er es her? Wird das mit jedem geboren? Ein Schauer ergriff ihn vor dem Menschlichen, Gemeinsamen; denn wie klein ist der Weg, den der Einzelne Beste dem voraneilt.
An diese Eindrücke denkt Achilles während der Zeit mit dem Delinquenten. Auch dieser: wie viel bon sens! Welch ein guter Kerl usw. Eine kleine Abweichung und schon ist man im Extrem. – »Glauben sie, daß man mich begnadigen wird?« fragt der beim Abschied. »Hoffen wir es«, sagt Achilles. Während der Bahnfahrt weiß er, der wird jetzt umgebracht. Er hat das ein andermal mitangesehn und sieht es vor sich.
Achilles steht schlecht mit dem Vater, darum ist er während Krankheit nicht dort; wohl aber Agathe.
Achilles kommt an. Hinten herum. Er war hinter Erinnerungen gegangen. Eingang von einer schrägen Gasse. Ein schräges Haus, einstöckig, Stall und Dienerschaft.
Legt sich plötzlich die Frage vor, ob er gleich zur Leiche soll. Widerstreben, es so, ramponiert von der Reise, zu tun. Gefühl, daß er nicht weiter wüßte, wenn er einfach so hinstürzte, was der inneren Situation nicht entspricht. Läßt sich auf sein Zimmer führen. Kleidet sich um. Weiß eigentlich nicht, wie ihn die Schwester empfangen wird. Kommt plötzlich auf die Idee, einen schwarzweißen Pijama anzuziehn. Sieht aus wie ein riesiger Pierrot. Trifft so mit der Schwester zusammen – sie kommt ins nebenliegende Zimmer – und geht zu der Leiche. Halbdunkel, Blumengeruch. Klein und steif, die zwei großen Menschen stehn davor.
Man hat ihm alle Orden angelegt und Frack angezogen nach letztem Willen. Achilles fährt durch den Kopf, man muß die Orden zurückgeben, ich werde es sicher vergessen. »Erinnere mich«, bittet er Agathe. Er beschließt, dem Toten morgen die Miniaturorden anzulegen, die Eigentum bleiben. Abendbrot, er präsidiert, wo einst der Vater saß. Sie suchen dann die anderen Orden, kommen dabei ins Graben. In der Nacht, Zimmer nebeneinander; man spricht und hört durch die Türe. Eventuell gehn sie noch in der Nacht die Orden suchen und so durch das Haus. Am Morgen ruft er Agathe an, als er sie hört. Agathe ist bei Gelegenheit der Krankheit ihres Vaters von ihrem Mann fort.
Der Alte hat zum Schluß nicht mehr wissenschaftlich gearbeitet, sondern nur gesammelt. Das Haus ist eine Liebhabersache. Als Achilles abberufen wird, läßt er Agathe noch da. Sie wollen das Haus samt Inventar verkaufen, falls sich ein Liebhaber findet. Nach einer gewissen Zeit wird die Sache zum normalen Verkauf einem Büro übergeben und die beiden wollen sich treffen.
Abberufung erfolgt durch ein Telegramm Clarissens. Gustl sei in einer Krisis. Privatdozent. Bibliothekar. Sinkt immer mehr ins Passive. Dies die Krisis nach Clarisse. Gespanntheit ist ihm sofort wieder in Erinnerung. Er fühlt sich »angerufen«. Tage wie in Seis. Endlich schlägt Clarisse vor, zusammen wegzureisen, um stark auf Gustl zu wirken. Bei all dem hat Achilles wohl den Eindruck des Abnormalen. Aber da er innerhalb der Motive steht, bleibt er machtlos.
Sie reisen Venedig. Alte Casa Petrarca. Alter maître d’hôtel. Getrennte Zimmer. Achilles hat keine Eile mit der Geschlechtlichkeit. Clarisse wird immer sonderbarer, plötzlich kommt ihr der Gedanke: ich muß nach Rom. Sie hinterläßt Achilles ein Billet und reist ab.
Jetzt auf Clarisse übergehn, ihre Reise usw. Sie wird in Rom interniert und erlebt die Münchner Dinge in Rom. Achilles holt sie dann ab und jetzt erst wird gesagt, daß sie ihm das erzählt. In Venedig Erneuerung des Anfalls. Clarisse wird von der Gondel geholt. Achilles telegrafiert Gustl und reist nach Wien. Dort Zusammentreffen mit dem Agenten und erst einige Tage später, nachdem das alles schon in Gang, Eintreffen Agathens.


9.
Clarisses Reise nach Italien


Sie ist betrübt, daß Nietzsche diese Stadt nicht liebte. Sie sucht das Haus auf, wo er wohnte. Sie kommt so zum ersten Mal auf den Gedanken, daß sie eine eigene Mission hat. (Mit dem Norden beginnend die Welt zu erlösen; sie fährt dann nach Venedig.) Dazu das Gefühl, daß hier die wundervollsten Schätze der Welt seien. Wirklich in die Museen zu gehn, wo dieser Eindruck auf reales Maß gesunken wäre, kommt sie nicht dazu, der Ausbruch treibt sie früher fort, so hat sie stets das phantastische Bewußtsein.
Sie fühlt, wie ihr Leib unter ihr zusammenbricht. Der beständige Durchfall – an einem Zahn entsteht eine Lücke und beunruhigt sie beständig – auf ihrer einen Hand bildet sich eine kleine Warze. – Gerade das treibt sie zu immer stärkeren geistigen Anspannungen, wie vor dem Ziel, wenn man nur mehr mit dem Willen die Beine trägt.
Der Abendhimmel bis hoch hinauf orange; schwarz und gefiedert davor die Bäume.
Der Luxus der hoch gelegten Gärten; auf fünf bis acht Meter hohe Mauern. Die riesigen Tore, die hohen Fenster selbst der Miethäuser. Die Luft in der Via 20. Settembre und im Ludoviciviertel ein wundervolles Gemisch aus Meer und Gebirge. Leicht, köstlich, stark.
Auf den ersten Blick gibt es in dieser Stadt kein Spießbürgertum. Alles ist voll Energie, Hast, Lärm. Die Automobile rasen durch die engen Gassen, die Radfahrer sind lebensgefährlich und fröhlich. Clarisse fühlt zum ersten Mal eine Stadt ihres Temperaments. In der Nacht kann sie nicht schlafen, weil die Leute Couplets singen, kreischen, Katzenmusik machen. Sie ist ganz elektrisiert davon. Sie bekommt von der Septemberhitze Durchfall. Sie erzählt das Achilles. Es ist ein entzückender Zustand: man ist ganz entleert, leicht, befiedert. Matt erregt.


10.
Zweite Reise mit Agathe


Was ist eine Hinrichtung im Vergleich mit einer Operation?! Er fährt mit einem andern zurück, der sich entsetzt. Wie sie auf die gepflasterte Straße kommen, stößt der Wagen so, daß sie nicht weiter sprechen. Bäume reißt es vorbei, manchmal schleudert es den Blick durch eine Lücke durch in Sand. Kiefern …
Überfahrt. Seekrankheit. Aufschießendes Bewußtsein einer fürchterlichen Leidenschaft zueinander, weil man sich so sieht, erträgt, zugehörig fühlt, mit aufgerissenem Mund, erbrechend. Das ganze Schiff eine Orgie. Ancona. Erschöpfung. Für Ehepaar gehalten, Zimmer mit zweischläfrigem Bett; man will nicht zurückweisen; Angst, Verfolgtsein quasi, Süßigkeit. Von Rom nur das Schreckliche. Das Geglättete, die schluchtartigen Straßen mit grünen Fensterläden. Das Gemartert-sein von früher.
Das war die erste Reise. Bei der zweiten, mit Clarisse, erinnert er sich daran. In Venedig, wo, auf der Rückreise, Clarisse interniert wird, Zusammentreffen mit Gustav. Etwas dicker Bauch, tiefe Zusammengehörigkeit mit Clarisse. Zurückgetrieben nach Wien; Zusammentreffen mit Agathe, Beginn der Spionagegeschichte. Die innere Stadt wie ein Garnknäuel geschlungen um den Stephansdom. Grau-gelbe Dunkelheit, Luft wie Daunen.
Auf der Reise: Sie tun gar nichts wirklich; sie leiden nur die Angst, daß man sie bezichtigen könnte, und das Begehren. Irgendwann Erinnerung an Esslingen. Museum, erster Stock. Er sitzt am Fenster, spiegelndes Nichts, Abglanz des Zimmers. Wenn man sich aber nah hinbeugt, taucht erst von allen Seiten das Schwarz herein und dann die Kirche, die gezackten schwarzen Häuser mit den Schneehauben. Der Mann: geht, sieht sich um. Achilles fühlt ein unaussprechliches Verbundensein mit ihm. Dostojewskisch. Sie lacht und gibt freiwillig nach.
Erste Reise: Es ist langweilig anders; wir reisen als Mann und Frau. Nichts sonst; alles nur in dem Zögern, das man innen dabei überwindet. Sie reisen ohne Pässe. Morgens in Budapest. Unterredung mit einem Advokaten. Der Platz vor dem Parlament: wie dünne Eisplatten zerbricht etwas unter den Füßen; Windstöße fegen ihn von Menschen leer, das bloße Existieren macht sich als Anstrengung fühlbar. Ungeduld, in den Zug zu kommen. Erst zehn Minutenvor Abgang, Widerstand gegen die Ordnung. Irgend einem Gefühl folgen sie und nehmen Fahrkarten zweiter Klasse; irgend einer angenehmen Vorstellung von schwarzem Leder. Trinkgeld, allein.Überall werden sie für ein junges Ehepaar gehalten. Es ist langweilig, Agathe legt sich hin. Es war schön; weiße Ebene wie ein Meer, meterhoch verschneite Wälder, dicke Schneepolster auf den Zweigen der Tannen. Achilles weckt Agathe auf; diese weiß-schwarze, vielleicht eine weiß- und geheimnisvoll flaschengrüne Landschaft stürzt durch ihre Augen – schön sagt sie, drückt seine Hand – und zerschmilzt zu Schlaf; er starrt in die fremde Gegend, sieht im Dunkel des Abteils Agathens, die auf der Seite lag, Schultern und Hüften wie Hügel, geheimnisvoll …
Morgen bei Fiume. Durch das geöffnete Fenster feucht-heiße Luft. Gefleckte Flanken des Kessels, in den sie hinabfahren. In Fiume Regen, Sturm.
Ein Mensch auf der Bahn sagt, der Dampfer ist schon morgens weg; ein andrer: er wird noch da sein. Weg über den Hafenplatz: der Sturm dreht den Schirm um. – Lachen auf den Steinplatten, der Regen durchnäßt die Kleider so, daß man in Halbschuhen durchwatet. Spaziergang in Sonnenschein, Palmen, wie ein Band in Schleifen gelegter Straße.
Moosbrugger ist einfach verlegen bei seiner Hinrichtung. Exekution wie eine Feuerwehrübung. Die feierlichen Floskeln am Ende berühren Achilles nicht. Er grüßt höflich und unbestimmt beim Hinausgehn: Fühlt, daß es vielleicht unpassend ist. Erst als er in das Gesicht seines Chauffeurs schaut, merkt er einen Unterschied von Helle und Wärme der Umgebung gegen früher. Das Gesicht erscheint ihm ganz hart, er sieht jedes Barthaar einzeln. Ein Herr, der zwecks einer journalistischen Studie dabei war, den er zum Fahren eingeladen und vergessen hatte, steigt zu ihm ein. Er bleibt aus unbestimmtem Gefühl rechts sitzen. Fünf Stunden Landstraße, dann herausgestreckte Stadtstraße. Wirtshäuser, Volk in schwarzen Röcken und Hemdsärmeln. Achilles fühlt einen unbestimmten verachtenden Haß gegen dieses Volk.


11.
Achilles Vater


Achilles Vater hat sein Vermögen den Geschwistern zu gleichen Teilen vermacht. Das würde nun Agathes Mann miterben, während sie doch schon auf den Gedanken der Scheidung kommen. Was kann man tun? Agathe kann – in Erwartung einer fiktiven Erbschaft eines Onkels – mit ihrem Einverständnis auf den Pflichtteil gesetzt werden und diesen Achilles zedieren. All das vor ihrer Heirat. Während dieser hat sie nur eine Rente bekommen und die persönlichen Zusicherungen des Vaters an den Bräutigam können abgestrichen werden.
Es muß also bloß das Testament vorhanden sein und die Zession. Der Notar, vor dem das echte alte Testament errichtet worden ist, ist tot. Stempel läßt man sich im Ausland machen. Die Umstände sind günstig.
Auf den Gedanken selbst kommt Agathe. Einfach fremd der Bedeutung einer Rechtsordnung. Nur von einem ganz natürlichen Ihm-nichts-vonsich-Lassen. Achilles fühlt: die Welt des Weibes fremd in dieser Welt (nicht die des ambitionierten und Berufsweibes). Mit ethischen Argumenten kommt man bekanntlich nicht durch. Die Tat ist moralisch vielleicht gut, nur sozial ist sie schlecht. So läßt er die inneren Vorbereitungen geschehn. Schriftproben des Vaters aus jener Zeit. Dabei allerhand merkwürdige Funde. Agathe ahmt die Schrift ihres Vaters vorzüglich nach.
Was beide, vor allem aber Achilles reizt, ist: Dieses Abstoßen für ewig aus der bürgerlichen Welt. Mit einer ganz kleinen heimlichen Handlung. Denn diese Fälschung der Schrift macht man wie für sich allein, in seinen vier Mauern, es geht niemanden was an, solang man nicht davon Gebrauch macht. Macht man dann aber davon Gebrauch, so ist das eigentlich Verbrecherische schon längst geschehn, man ist gar nicht mehr so beteiligt. Das ist der Unterschied gegen einen Diebstahl oder einen Totschlag.
Sie sahen einander an und beide fühlten, daß man ebensogut auch ganz andre Dinge heimlich miteinander tun könnte. Wenigstens Achilles kam dieser Gedanke.


12.
Vorstadtgasthof


Um zwölf Uhr, ohne Unterschied der Nacht, wurde das schwere Holztor der Einfahrt geschlossen und zwei armbreite Eisenstangen wurden dahintergelegt; bis dahin erwartete eine verschlafene, bäurisch aussehende Magd verspätete Gäste. Nach einer Viertelstunde führte sein langsamer, weiter Rundgang einen Schutzmann vorbei, der die Sperrstunde der Wirtschaften überwachte. Um ein Uhr tauchte aus dem Nebel der aufschwellende Dreischritt einer Patrouille auf, die von der nahegelegenen Trosskaserne kam, hallte vorbei und wurde wieder kleiner. Dann gab es lange Zeit nichts als das kalte, feuchte Schweigen dieser Novembernächte; erst um drei Uhr kamen die ersten Wagen vom Land herein. Mit schwerem Lärm prasselten sie über das Pflaster; in ihre Tücher gewickelt, taub vom Lärm und der Morgenkälte schwankten die Leichname der Kutscher hinter den Pferden.
Das war alles ganz gewiß so gewesen. Und in einer solchen Nacht hatte kurz vor der Sperrstunde das Paar ein Zimmer verlangt. Die Magd schien den Herrn zu kennen; sie schloß vorerst ohne alle Eile das Tor, legte die Riegel vor und ging dann ohne zu fragen voraus. Es kam erst eine steinerne Treppe, dann ein langer, fensterloser Gang, kurz und unerwartet zwei Ecken, eine Treppe mit fünf von vielen Füßen ausgemuldeten Steinstufen und wieder ein Gang, dessen gelockerte Fliesen unter den Sohlen schwankten. An seinem Ende führte, ohne daß dies den Besucher noch befremdete, eine Leiter von wenigen Sprossen zu einer kleinen Diele empor, in welche drei Zimmer mündeten; ihre Türen standen nieder und braun um das Loch im Boden.
»Sind die andren besetzt?« Die Alte schüttelte den Kopf, während sie, sich mit der Kerze leuchtend, eines der Zimmer aufschloß; dann stand sie mit hochgehobenem Licht und ließ die Gäste eintreten. Es war ihr noch nicht oft vorgekommen, hier seidene Unterröcke rauschen zu hören, und das Trippeln der hohen Absätze, die erschreckt jedem Schatten auf den Fliesen auswichen, erschien ihr dumm. Störrisch und stumpf sah sie geradaus der Dame, die jetzt an ihr vorbei mußte, ins Gesicht. Die nickte ihr mit verlegener Herablassung zu und mochte vielleicht vierzig Jahre alt sein oder sogar einiges darüber. Die Magd nahm das Geld für das Zimmer, löschte im Hausflur das letzte Licht aus und legte sich in ihre Kammer.
Danach war im ganzen Haus kein Laut. Das Licht der Kerze hatte noch nicht Zeit gefunden, in alle Winkel des elenden Zimmers zu kriechen. Der fremde Herr stand wie ein flacher Schatten am Fenster und die Dame hatte sich, das Ungewisse erwartend, auf dem Bettrand niedergelassen. Sie mußte quälend lange warten; der Fremde rührte sich nicht auf seinem Platz. War es bis dahin erinnerungslos schnell gegangen, wie ein Traum anhebt, so stak jetzt jede Bewegung in zähem Widerstand, der kein Glied losließ. Er fühlte, diese Frau erwartete etwas von ihm. Ihr Mieder öffnen –: Das wäre, wie man die Türe eines Zimmers aufschließt. Da stand in der Mitte ein Tisch. Um den saßen der Mann, der Sohn. Er hätte eine Granate hinwerfen mögen oder die Tapete in Fetzen herunterreißen. Mit äußerster Anstrengung gelang es ihm endlich, dem zähen Widerstand wenigstens einen Satz abzuringen: »Hattest Du mich wirklich gleich bemerkt, als ich Dich ansah?«
Ach, es gelang. Sie konnte ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern. Sie hatte sich verleiten lassen, man sollte aber nicht glauben, daß sie schlecht sei. So mußte sie ihn, zur Rettung ihrer Ehre, noch immer zauberhaft finden. Das Blut, das sich ihr vor Angst und Unwillen in den Hals hob, stürzte kopfüber in die Hüften.
Er fühlte in diesem Augenblick, daß es ganz unmöglich sei, einen Vogel in die Hand zu nehmen. Und diese nackte Haut sollte sich an seine nackte und ungeschützte Haut pressen? Seine Brust sich aus ihrer Brust mit Wärme füllen? Er suchte es mit Witzen zu verzögern. Sie waren gequält und ängstlich. »Sieh diesen abscheulichen Stumpf von Kerze. Dieses Bett ist schmutzig. Sie wechseln das Leinen-zeug hier nicht jedes Mal. Vielleicht lag vor einer Stunde noch einer mit Blattern im Bett. Wir sind nicht hochmütig; nein, nicht wahr, wir sind es nicht? Du bist korpulent. Starke Frauen schnüren ihre Füße. Mit den Schuhen. Und oben am Bund quillt dann das Fleisch etwas über und dort sitzt ein kleiner unnachahmlicher Geruch. Ein kleiner Geruch, den es sonst nirgends in der Welt gibt.«
Sie sagte sich: er muß ein Dichter sein, jetzt verstehe ich das sonderbare Benehmen. Später werde ich die Wirkung der distinguierten Frau auf ihn ausüben. Sie begann sich entschlossen auszukleiden; sie war es ihrer Ehre schuldig.
Er hatte Angst; er wußte: niemals kann ich diesen Sprung hinüber machen, mich mit diesem wildfremden Menschen einlassen.
Mißmut stieg in ihr auf; auch in ihr Angst. Wie, wenn sie einem Unverschämten zum Opfer gefallen wäre? Sie kannte ihn nicht. Die Dame, die ihren Namen verschwiegen hatte, begann zu bereuen. Sie hielt ein. Aber eine Mahnung sagte ihr, es wird besser werden, wenn wir erst weiter sind.
Ihn quälte die Vorstellung: Aufmachen! Wie ein Kinderspielzeug. Da steht immer wieder eine neue fensterlose Mauer der Enttäuschung, bis in Wut das Ganze zerschlägt.
Und die zweite Qual war: Sie verfolgt mich. Was drängt sie sich an mich heran?! Was redet sie unaufhörlich?! Was geht mich ihre Haut an?! Ich stehe da wie ein Baum und kann mich nicht bewegen und nicht wehren. Ich bin ein Baum und sie will etwas mit mir machen. Seine Augen gingen wie Hunde an einer Kette hin und her.
Und sie fühlte, daß sie ihm Unrecht tat; mußte er ihr nicht mißtrauen, ohne daß er sie kannte? Sie wollte ihm sagen, daß Leopold zwar ein guter Mensch sei. Da hörte sich Achilles den sinnlosen Satz sagen: »jung ist, wer liebt.«
Im gleichen Augenblick hingen ihre Arme um seinen Hals. »Geliebter, Geliebter, laß Deine Augen, Du siehst so leidend und edel aus!«
Da fragte er sie in äußerster Verzweiflung: »Willst Du Musil? Musil-musil? Oder magst Du lieber Walzel …?« Sie hielt das für Fachausdrücke aus einer Herrengesellschaft. Sie wollte sich keine Blöße geben. Sie heimelten sie an. Seine Zungenspitze berührte ihre Lippen. Dieses alte Menschenverständigungsmittel, welche Stirnen immer über solchen Lippen sitzen, war ihr bekannt. Sie machte langsam ihre Zunge breit und schob sie vor. Dann zog sie sie rasch zurück und lächelte schalkhaft. Ihr schalkhaftes Lächeln war schon berühmt, als sie noch ein Kind war. Und sagte aufs Geradewohl, vielleicht von irgend einer unbewußten Klangverknüpfung bestimmt: »… Lieber walzeln …«
In diesem Augenblick biß er ihr aber die Zunge ab. Es schien ihm lange zu dauern, bis die Zähne ganz durch waren. Dann fühlte er sie dick im Munde. Die unglückliche arme Frau war derweilen eine weiße, blutende, um sich schlagende, um einen hohen heiser kreischenden Ton, um den taumelnden Rumpf eines Lauts kreiselnde Masse. Die Sprossen der Leiter bogen sich zauberhaft, der dunkle Gang, durch den er floh, nahm kein Ende; aber er fürchtete sich nicht.


13.
Das Problem der Zurechnungsfähigkeit


Das Problem der Zurechnungsfähigkeit als Grenzproblem findet Achilles nirgends bearbeitet. Im Gespräch sagt ihm ein andrer Dozent: »es gibt einen Doktor X., dessen Spezialität ist das, vielleicht gehn Sie hin.«
»Nun, man wird doch wohl etwas von ihm lesen können, das gibt ein besseres Bild.«
»Nein, ich glaube, er hat nie etwas publiziert. Vielleicht hie und da etwas in einer Monatszeitschrift. Er gehört nicht zur Wissenschaft. Ich habe ihn in einem Café kennengelernt. Solche Spezialisten findet man nie unter den Unseren; vielleicht versuchen Sie es. Männer, die wissen – verstehen Sie – wieviel Federn, nach der Berechnung der Scholastik, die Engel hatten und wie viele die Erzengel. Oder welche Wirkung die Bekanntschaft mit den Affen in der europäischen Literatur und Malerei hinterlassen hat. Wir kennen keinen; aber das ist sehr merkwürdig, denn wenn wir auch für das klassische Altertum diese Bekanntschaft voraussetzen dürfen, irgendwann – etwa in der Zeit der Troubadours – muß dieses Erlebnis für das nördliche Europa doch wieder neu gewesen sein und das muß doch ein starker Eindruck gewesen sein und falls nicht, ist es doch noch sonderbarer?«
Doktor … war für eine Neigung zu feuilletonistischen Einfällen bekannt.
Achilles hörte nur halb hin, sobald er wußte, daß er keine präzise Auskunft erhielt; aber es war doch etwas in dem undeutlich iltishaften Gesicht, das ihn ernst stimmte und ihm eine halbe Stunde nach der Unterredung plötzlich den Eindruck gab, mit einem Sonderling gesprochen zu haben, der bloß ein bürgerlich anständiges Geisteskleid trug.
Trotzdem war es ein Anzeichen des ungewöhnlichen Zustands, in dem sich Achilles befand, daß er einige Tage später wirklich zu Doktor X. hinausfuhr; in seinem wissenschaftlichen Selbstgefühl hätte er diese Berührung wie Unreines verachtet. Man kann es Beschränktheit nennen, aber auch den Stolz eines tadellos trainierten jungen Kriegers.
Achilles hatte sich nun überlegt, daß ein solcher Mensch gewiß um zwei Uhr noch im Kaffeehaus sitzt und deshalb nicht vor elf Uhr aufstehen werde. Was er dann macht und womit ein Mensch, dessen Lebensinhalt es ist, die Frage der Zurechnungsfähigkeit zu kennen, seinen Tag zubringt, vermochte sich Achilles nicht vorzustellen. Er kennt die gesamte ältere Literatur und was neu hinzukommt, ist wenig; vielleicht bummelt er die Woche durch die Bibliotheken rundum, um sich von den neuen Erscheinungen zu überzeugen, und vertut den Rest des Tags in einem tranigen kleinbürgerlichen Leben bei den kleinen Geschäftsleuten und Wirten der Nachbarschaft und in Wohnungen von zwei, drei Zimmern ohne Bad. Aber es kann sein Interessenkreis auch sehr umfassend sein. Es gibt diese Menschen, die ganze Universitäten zusammenlesen, die sogar im Gespräch ein außerordentlich scharfes kritisches Urteil beweisen, ohne doch mehr zu schaffen als einige kleine, in ihrem Unverhältnis lächerliche spezialistische Aufsätze während ihres ganzen Lebens. – Angesichts dieser Unentscheidbarkeit gab es Achilles eine Befriedigung, die er selbst als merkwürdig empfand, daß er so sicher wußte, diesen Mann um elf Uhr des Morgens anzutreffen. Er würde entweder eben aufgestanden sein oder durch das heftige Klingeln beunruhigt aus dem Bett getrieben werden.
Während Achilles auf die Wirkung seines rücksichtslosen Läutens wartete, fühlte er, wie hoch er stand, in einem glatten vierkantigen Prisma von Haus fünf Treppen emporgehoben. Er balanzierte auf seinem eigenen Willen, mit emporgehobener Handfläche gestemmt, und freute sich, daß er nicht im Kraftwagen hergefahren war, sondern – einem Einfall folgend – in einem fensterklirrenden alten Einspänner, der nach muffigem Leder roch wie ein Fechtboden. Als sich die Türe öffnete, ohne daß jemand gefragt oder herausgesehen hätte, stand er im Besuchsanzug vor einem kleinen fetten Mann in Hemd und Unterhosen. Er schätzte ihn auf vierzig, zweiundvierzig Jahre und bemerkte, daß er einen großen kahlen Schädel hatte, an dessen Unterteil die Haare in einem Büschelkranz herunterhingen.
Da dies Doktor X. war und dieser völlig unbefangen blieb, saß ihm Achilles bald in eifrigem Gespräch gegenüber, nachdem Doktor X. einen alten Regimentsarztsmantel umgeschlagen und auf einem Spirituskocher seinen Kaffee bereitet hatte. Warum Kaffee?! Der Mann ißt für den ganzen Tag. Erst Aalstückchen, die er sich selbst in den Mund angelt. Die scharfen Haken nötigen zur Vorsicht der Lippen und einem umsichtigen Benagen. Das erzielt Sekretion, was bei jemand, der ein Nachtleben führt, sehr wichtig ist. Manchmal benagt er auch stattdessen einen Knochen. Dann kommt eine Milchsuppe mit Gemüse und Schmalzbrot, die sich nur so aufnehmen läßt, dann Hochpolitur durch starken schwarzen Kaffee.
Kauz. Arzt. Achilles hat aber kein Schild bemerkt. Übt keine Praxis aus. Nur hie und da Gerichtsgutachten. Ist glänzend orientiert über alle Verzweigungen der Theorie. Spricht eine Stunde lang und erklärt Achilles alles, was er wissen will, samt Literaturangabe. Dann erst fragt er ihn, wozu er das eigentlich wissen wollte. Ob er den Zusammenhang mit … (irgend ein logisches Prinzip) bearbeite? Achilles sagt: Menschen retten. Da sagt Doktor X.: Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich Ihnen gar keine Auskunft gegeben. Das ist Unsinn.
Nur der Einzelne ist stark (trotz seiner elenden Existenz hält er sich für stark), darum diesen Arztberuf nie ausgeübt, diese Betreuertätigkeit ist ihm ekelhaft. Er hilft nicht einmal im Kaffeehaus den Bohémiens. Sei krank, so bist du vereinzelt, sagt er. Rühmt sich, daß er als Gutachter ein Massenmörder ist. Ist stolz, wieviel von einer Theorie abhängt und zeigt Achilles, wie man jeden Fall zur Verantwortlichkeit biegen kann. Er ist umgeben von Photographien seiner Opfer und holt andre aus der Lade. Erinnerungen an berühmte Prozesse. Von solchen mit Todesurteil spricht er mit besondrer Zärtlichkeit.Etwa: der oder die wäre mir beinahe entwischt. Es ist bei Männern wie eine Rivalität, bei Frauen ein Kampf mit Geschlechtslist. Er triumphiert als Vertreter seiner Theorie. – Simulanten? – Keine Spur. Widerspenstige Grenzfälle.
Um wegzugehn sagt Achilles nach Dank ganz ernst: Ich werde jedenfalls Sorge tragen, daß Moosbrugger nicht Sie als Gutachter findet. X. darauf: Die Gesellschaft braucht starke und gesunde Individualitäten (oder dergleichen. Das Recht muß rigoros gehandhabt werden. Unser Staat ist von Feinden umgeben). Diese Banalität ist Achilles unwillkürlich angenehm, wie wenn kaltes Wasser ins Bad gelassen wird, bevor man es verläßt. Er sucht ihn noch einmal auf, bevor er Spion wird, in der Hoffnung ihn zu gewinnen und an ihm als Gutachter einen Rückhalt zu haben, falls es schief geht.


14.
Achilles in dieser Zeit


Dieses Problem der Zurechnungsfähigkeit: direkt Dickens! Achilles, in der Hoffnung, den Doktor doch zu gewinnen für Moosbrugger, nimmt ihn mit hin. Dort der Assistenzarzt und eventuell noch der Anstaltsgeistliche würden ein Dickens-Kollegium bilden.
Um Zeit dafür zu gewinnen, erotische Fragen dazwischen erzählen. Nach einer Weile kann man auch solche vom Doktor erzählen.
Irgend ein Autor in 414667 führt als Strafgrund die Erhöhung der Würde der Gesetze an. Erstens: Darin liegt der Zusammenhang mit dem Weltkrieg! Zweitens: So könnte auch der Doktor in seiner menschlichen Mediokrität gezeichnet werden, die ihn die Verurteilungen unterstützen läßt.
Er könnte aber auch aus Haß gegen die geistigen Formulierungen handeln, ähnlich der Auffassung, die sich auf das Rechtsbewußtsein des Volkes beruft.
Der Geistliche endlich mit seiner scholastischen Erziehung muß doch geradezu triumphieren, wenn er diese schwerfälligen Distinktionen hört.
In dieser Schwerfälligkeit übrigens – besonders in dem Referat des Liszt-Seminars ersichtlich – liegt auch eine wesentliche Eigentümlichkeit des öffentlichen Denkens, also der Staaten, also auch eine der Ursachen des Kriegs.
Anderseits wirken auf Achilles die sexuellen Erlebnisse Moosbruggers.
Dann braucht es aber auch schon moralische Gegenbeispiele. Einen Familienmenschen. Eventuell die letzte Geliebte Achilles sehr moralisch oder sehr unmoralisch zeichnen und ihn in der Gegenphase.
Achilles hat zwei Geliebte. (Wie jeder junge Mann, der Geld besitzt.) Eine Chansonette, frigid und gefräßig. Sie liebt ihn, weil er auf ihre Eßgelüste eingeht. Er duldet sie, weil ihm ihr frigider Zynismus Spaß macht. Alles Sexuelle ist für sie nicht das Geringste. Das ist eine Figur auch schon für später. Sie ist mager, schmutzig (nur darüber parfumiert und faul). Sehnsucht schon in den engen Kindheitsverhältnissen.
Die zweite Geliebte ist eine anständige Frau. Sentimental. Sehnt sich nach Familie. Möchte nichts lieber, als mit ihrem eigenen Mann glücklich sein. Aber kann sich nicht helfen, weil sie gleich sinnlich wird. Ist also bei jeder Reizung geil und im Grundton melancholisch. Oft mürrisch. Dann wieder voll Anklagen und Mißtrauen, daß man sie mißbraucht. Sie hat dann einen brüllenden, plärrenden Ton.


15.
Verführung


Erzählen, wie dann so eine Verführung zustande kommt. Das Dienstmädchen hat Ausgang. Walther wird plötzlich in die Stadt gerufen. Achilles fühlt das Signal. Clarisse hat an das gleiche gedacht. Das wissen sie beide. Sie werden Klavier spielen. Clarisse beginnt. Achilles winkt vom Fenster Walther nach. Clarisse bricht plötzlich ab, kommt ans Fenster, Walther ist nicht mehr zu sehn. Sie spielt weiter. Achilles sieht zum Fenster hinaus. Clarisse hört wieder zu spielen auf, läuft ins Vorzimmer, er hört, wie sie die Kette vorlegt. Er dreht sich um, schweigt, schwankt. Sie spielt weiter. Er geht zu ihr, legt ihr die Hand auf die Schulter, sie stößt sie mit der Schulter weg; »Schuft« sagt sie, spielt. Er weiß, sie will vom Stuhl heruntergerissen werden. Er fühlt sich dadurch beengt. Geht ins Zimmer hinein. Sucht nach Gelegenheiten. Bevor er etwas weiß, sagt er: »Clarisse!« Das hat sich gepackt aus der Brust gelöst. Oder er gurgelt. Sie steht folgsam auf und ist bei ihm. Seine Beine tragen ihn nicht, er wirft sich ins Sofa. In diesem Augenblick wirft sie sich auf seinen Schoß, ihre Armeidechsen schlingen sich um seinen Kopf und Hals. Sie zieht an ihren Armen, ohne sie lösen zu können. Sie hat Tränen in den Augen. Heiße Luft fährt aus ihrem Mund und brennt ihm den Satz »Herr, Herr, Herr!« in die Brust. Da zerbricht alles, was ihn gehalten hat. »Walther verdient dich nicht!« sagt er; es paßt gar nicht, ist albern, aber vor seinen Augen schwanken die Adern wie ein Gitter, ihre Seelen gehen wie die Stiere aufeinander los und sie empfinden es beide wie eine Entscheidung von ungeheurer ethischer Größe. Nun hält weder Achilles noch Clarisse mehr ihre Worte, ihr Gesicht, ihre Hände. Die Gesichter pressen sich, feucht von Tränen und Schweiß nur noch als Fleisch aneinander, alle Worte, die einzuholen sind, überstürzen sich, als würde man im Inhalt von zwei Jahren Ehe verkehrt ausschütten, die lasziven abgehärteten Worte, die erst spät kommen, unvermittelt, fast sinnlos und unbegreiflich zuvorderst. Sie sind aufgestanden, alles ist so schlüpfrig, daß das Ineinandergleiten keinen Laut mehr gibt.
Clarisse reißt ihren Hut vom Nagel, stürmt fort; er mit ihr. Wortlos. Wohin führt sie? (Zum Unterschied von den nachher gebrochenen Frauen wird sie post coitus böse, fühlt sich erniedrigt.)
Tiergarten, Rokkokolusthaus. Dort noch einmal. Jetzt mit Worten und Geständnissen. In denen schon die späteren Visionen sind. Diesmal wird er danach ganz kalt und hart vor Reue. Läßt sie zurück, kümmert sich nicht, wie sie nach Haus kommt, läuft davon.
Als er heimkommt, findet er sie mit Walther. Sie ist böse auf ihn, aber sie gehören zusammen. Hinterdrein fällt ihm der Ausdruck ihrer Augen auf: rasend, verrückt. Dann kommt es noch einmal so weit und da reist er ab.


16.
Abend bei Clarisse und Walther


Den Abend verbrachte Achilles bei Clarisse und Walther in dem kleinen Haus, das sie in den Weinbergen gemietet hatten. Das Ehepaar musizierte, Achilles saß im Garten und lauschte, wie die Tonfluten zwischen den Bäumen einfielen. Plötzlich fragte er sich: Warum bin ich nicht eifersüchtig.
Er sah das offene Fenster, fühlte die Tonmassen, die sich in seinem Rahmen preßten und herausquollen, und bildete sich ein, dahinter die zwei von Leidenschaft steifen Gesichter zu sehn und die beiden Körper, die sich nebeneinander in Verzückung wanden.
Er wußte, daß er und Clarisse der Gelegenheit erlegen waren. Er haßte Walther und stellte sich blitzschnell vor, er stünde hinter ihm, könnte ihm die Weste aufreißen und ein Messer in die Brust stoßen. Er sah seine gelbliche Haut, die abfallenden Schultern und die ausgefüllte Magengrube, die er vom Baden her so gut kannte. Er hätte in diesem Augenblick heulen können wie ein Hund bei Mondschein.
Als es vorbei war, befand er sich im Erkenntniszustand. Er hatte überhört, daß die Musik oben schloß; Walther schrieb einen Brief und Clarisse kam Achilles suchen. Im Garten dunkelte es sehr und die beiden jungen Menschen wuchsen für einander aus dem Ungewissen unruhigen Herzens heraus.
Achilles stand auf und faßte Clarissens Hände. Diese Hände waren heiß und noch verwirrt, ja geradezu zerstreut, während Clarisse sich auf Achilles stützte, um sich zu setzen. Als sie aber seiner Hand gar nicht mehr bedurfte, schlangen sich eine halbe Sekunde lang ihre Finger so fest wie Reben um seine Hand und preßten sie; dann zog sie sie im Dunkel ein.
»Hast Du auch solche Augenblicke, wo man sich bis ins Fernste durchsichtig zu sein scheint?« Clarissens Augen kamen zum Vorschein. Sie leuchteten in der Nacht und schienen den gespannten Zug bis zum Mund hinunter zu beleuchten, den Achilles jetzt vorhanden wußte. Ihre Anteilnahme elektrisierte ihn und machte ihn verrückt.
»Nein,« sagte er, »ich habe ja gar kein Interesse daran, mich selbst zu durchschauen. Was sollte man da auch sehen, Clarisse? Wenn man sich objektiviert, ist man nicht mehr man selbst. So kann man nur ein fremdes Ich betrachten.«
»Ohne Willen« schaltete Clarisse ein. Da war wieder dieses zauberhafte Wort.
»Ich werde einen langen Urlaub nehmen« antwortete Achilles.
»Und –?«
»Ich weiß es nicht; ich stehe noch ganz im Nebel. Aber ich habe keine Angst.«
Sie schwiegen glücklich und unruhig. Erst nach einer Weile nahm Achilles seinen ursprünglichen Gedanken auf. »Es muß auch in der Wirklichkeit Zauberwurzeln geben. Man schlägt damit an den Stein und ein unbeschreibliches Feenland springt auf, das durch die ganze Erde durch reicht. Ich habe manchmal Augenblicke, wo ich alles in ganz ungewohnten Zusammenhängen sehe.«
»Die Weltluft ist durchsichtig und trocken?«
»Durchsichtig und trocken. Und dein Zusammenhang mit der Welt, das muß so etwas grob Aufgebautes sein, poltert ein, und du siehst nur durchleuchtete Wolken aufeinandergetürmt. Ganz ein anderes Leben. Das ist das, was mich noch hindert. Ich habe das Gefühl, wenn ich mich jetzt festlege, ist es zu früh, weil ich das andere noch nicht herausgebracht habe.«
»Man muß endlich sein Ziel finden!«
»Keine Spur! Ich möchte sagen: es kommt nicht darauf an, daß man das findet, worauf man zugehen soll, sondern daß man die Landschaft findet, in der man gehen soll.«
»Und du glaubst im Ernst, daß es derartiges gibt?«
»Warum denn nicht?! Hast du nicht am ganzen Leib gezittert, wenn dir deine Kinderfrau Märchen erzählte? Weil das eine Welt von Helden war! Das kann man aber auch jetzt; es muß nur alles, was man tut, einen so ergreifen wie die paar Augenblicke, wo man sich wirklich bei sich fühlt, und man muß sich die Empfindungsschlamperei abgewöhnen, dieses blöde im Innern der Welt Gesellschaft leisten.«
Achilles war sich beinahe schon unerträglich, so redend. Aber er fühlte diesen schlanken Teufel an seiner Seite, der ihn immer tiefer hineintrieb, das zu reden, von dem er wußte, daß es gehört sein wollte.
Sie bemerken, daß im Wohnzimmer wieder Licht ist, wissen nicht, wie lange sie abwesend waren, und gehen etwas trotzig ins Haus. Zu dritt entwickelt Achilles gegen Walther sein Problem Moosbrugger. Aber auch schon das Gespräch mit Clarisse hat es als Ziel. Es ist alles, was wir tun, nur Gleichnis, ist das, was er ihr sagt. Das, was nicht nur Gleichnis ist, wäre das, was er im Gespräch suchte.


17.
Achilles in einem Konvikt erzogen


Es muß erwähnt werden, daß Achilles in einem von geistlichen Brüdern geleiteten Konvikt erzogen worden ist. Es geschah aus einer der Seltsamkeiten seines Vaters, der – für seine Person heftig liberal und einen seichten Aufklärungsstil tragend – aus einem Grund, den, wie manchen andren in ihm, niemand durchschaute, diese Maßregel getroffen hatte. Man könnte glauben, daß es geschah, um dem Andenken der kurz zuvor verstorbenen Mutter des Jungen eine Unbill anzutun; denn sie, deren stille Religiosität den Professor täglich schwer gereizt hatte, war gleichwohl wie viele einfache und natürlich religiöse Menschen stets mißtrauisch gegen das Übertriebene eines klösterlichen Lebens. Ihrer Frömmigkeit scheinbar einen Wunsch zu erfüllen und ihr in Wahrheit einen Schmerz zuzufügen, der ihr das Unvernünftige ihres Wünschens demonstrieren sollte, wäre der Art ihres Gatten nicht unähnlich gewesen. Es kann aber auch bloß die Bequemlichkeit des Witwers gewesen sein, was ihn Achilles ins Kloster schicken hieß, und ein Augenblick der Unsicherheit seinen eignen Prinzipien gegenüber; war Achilles einer christlichen Erziehung anvertraut, so war den Göttern geopfert, niemals konnte man sich den Vorwurf einseitiger Starrheit machen und es geschah beileibe nicht deshalb, sondern aus guten Gründen, denn ein einsamer Witwer ist ein schlechter Erzieher für einen Jungen. Dieses heimliche dem Gegenteil von dem, was man meint, die Verpflichtung gegenüber einem andren opfern, geschieht unglaublich oft im Leben, aber natürlich kann niemand wissen, ob das wirklich der Grund war. Selbst ich, dem Achilles alles erzählt hat, weiß sowenig, warum er damals ins Kloster gekommen ist, wie ich weiß, warum gerad in jenem Augenblick als … ein Regen zu fallen begonnen hat.
Achilles gibt an, daß er bei diesem Aufenthalt jene Abneigung gegen Religion davontrug, die er selbst manchmal als unheilvoll empfunden hat. Es scheint die Jugend von unbetrüglicher Ahnung aller heimlichen Schwächen zu sein, die eine Lehre durch die Personen ihrer Vertreter bloßstellen. Die im Krieg zwischen den Erwachsenen des Hinterlands herangewachsene Jugend geriet pazifistisch; ich getraue mich zu wetten, daß die heute zwischen verprügelten Humantitätspredigern und schiefen Revolutionären heranwachsende entweder kriegerisch sein oder nur die platte Nützlichkeit gelten lassen wird. So war auch Achilles wie seine Kollegen nur von wenig Achtung für die heiligen Väter erfüllt, denen seine Erziehung oblag.
Sie trugen schöne Kutten, deren zwei Farben ein Kreuz bildeten und damit stets an einen der höchsten Menschheitsgedanken, die Selbstaufopferung des Erlösers, erinnern sollten, aber die Buben dachten nicht daran, sondern nannten ihre Erzieher nur die Kreuzspinnen. Ja sie trugen eine merkwürdige ganz allgemeine Fähigkeit karikierenden Denkens allen Idealen gegenüber aus der Erziehung nach Hause. Es fiel Achilles auch späterhin oft schwer, einer Sache, die ihn eigentlich begeisterte, nicht – wie sie es damals nannten – unter die Kutte zu gucken, das heißt, die abscheulichste Vorstellung mit ihr zu verbinden, die sich dazu nur gebrauchen ließ und sie auf diese gefährliche Weise zu erproben.
Die religiöse Erziehung, wie sie damals gehandhabt wurde, hatte aber auch eine wirkliche Schwäche. Bekanntlich treibt die Kirche von allen ihren Forderungen an ihre Getreuen keine so unerbittlich ein wie die Verabscheuung der Irrlehren und der Unkeuschheit. Für Fraß, Trunksucht und Roheit hat sie eine gewisse behagliche Nachsicht. So glichen denn auch die dem Konvikt anvertrauten Buben im einen kurz geschorenen Rasenplätzen, im andren wild wuchernden Unkrautstätten. Sie hielten strenge die religiösen Exerzitien ein, zu denen man sie kaum mehr zu zwingen brauchte, da sie der schläfrig strenge, abwechslungslose Rhythmus von selbst in Bann hielt. Sie trieben keine Häresie, sondern lernten die Schöpfungsgeschichte und die andren Umbiegungen der Erkenntnis auswendig, interessierten sich aber so wenig dafür wie für das Gegenteil (wenige Empörer ausgenommen). Man kann eben den Fragetrieb des jungen Menschen nur unterbinden und nicht ablenken, wenn man ihn nicht aufrichtig befriedigt. Ich will damit nicht sagen, daß die heiligen Brüder ihre Zöglinge belogen, aber da sie die moralische Resignation, die zum intellektuellen Verzicht führt, nicht vermitteln konnten, sondern nur diesen, wirkten sie in der gleichen Weise. – Das gleiche war es mit der Unkeuschheit. Die – man könnte sagen: erotoantimanische – Erziehungskunst vermochte wohl den Gedanken an die Frau in weitem Umkreis auszumerzen oder in einen von Angst begleiteten zu verwandeln, nicht aber vermochte sie die Roheit fernzuhalten, welche in allen Konvikten grassiert und das Erwachen der Jugend gefährdet. Diese jungen Menschen sprachen keine geschlechtlichen Schweinereien, aber sie waren in jeder andren Weise doppelt unflätig. Wenn man sie reden hörte, so waren ihre ehrwürdigen Lehrer jeden Tag besoffen, überfraßen sich täglich und ließen sich häufig Zeichen solcher Unmäßigkeit entfahren. Dem entsprach auch der Wetteifer der Zöglinge, einander im Ausspucken und ähnlichen Leistungen zu übertreffen, und wem es gelang, sich trotz der Aufsicht einen Rausch anzutrinken, der konnte Anspruch auf jene Ehrfurcht erheben, den sonst in der Jugend nur der heimliche Venusdienst verleiht.
Achilles ging im späteren Leben Kameraden aus jener Zeit weit aus dem Wege und es dauerte lang, bis er so gereift und selbstsicher war, daß er ihre Gegenwart lächelnd ertragen konnte.
Ein später hinzugekommener Lehrer, der schon jener neuen sozialen Richtung im Katholizismus angehörte, die weniger Wert auf das geistige Exerzitium legt als auf die Heranbildung einer gewissen christlich-bürgerlichen Standfestigkeit, vermochte, während der kurzen Zeit, die Achilles noch blieb, keinen Einfluß mehr auf ihn zu gewinnen. Aber später kehrten seine Gedanken einmal gerade zu diesem zurück und er wurde ihm wichtig.


18.
Versuch eines Aufbaus


Vorstadtgasthof. (Erzählt wie eine unheimliche wirkliche Geschichte.) Es ist zu viel zu erzählen, um es in diesen Rahmen zu spannen. Man muß während der Unterbrechung des Prozesses hineinspringen. Dieser Traum gibt Achilles den entscheidenden Anstoß; nun folgen seine Aktionen. Man kann immerhin den Verlauf des Prozesses schon vorher erzählen.
Dann fährt Achilles im Auto, sehr früh morgens, und man erfährt, daß es der Traum der eben vergangenen Nacht ist. Gibt irgendwie einen unheimlichen geheimen Anfang; man weiß noch nicht, wie das mit der Erzählung kommuniziert. Der Kraftwagen (eines Freundes) hat neunzig Horsepower. Fährt zur Hinrichtung. Technische Rekordfreude unserer Zeit vibriert in Achilles. Er versucht sich sachverständig den Motor vorzustellen, den er hört. Dabei aber ein Gefühl: je mehr er rast, desto mehr beschleunigt er die Hinrichtung.
Es war der Traum eines Logikers. Das fühlt Achilles. Ekel vor dem Rationalen, Sehnsucht nach dem sinnlos-sinnlich Tatsächlichen. Achilles gehört der Bourgeoisie an. Vater war Professor. Onkel und Großvater aber Fabrikanten, Aktionäre großer Unternehmungen. Aber nicht mehr so reich, daß er ein phantastisches Geldleben führen könnte.
Es ist eine lange Fahrt. Wenn auf der Fahrt der Tod käme? Wie unvorbereitet! Ich weiß nicht mehr, war es nur die Hin- oder auch schon die Rückfahrt; unvermerkt in eins ziehen. Da nun das Moosbruggerproblem erzählen. Zurechtlegen.
In diesen Zeitraum fallen: Begegnung mit Schwester nach Tod des Vaters. Irgend welche Liebesgeschichten. Begegnungen mit Vertretern der verschiedenen Richtungen des orbis literarum. Jede ein Zentrum. Das zentrale Zentrum das Moosbruggerproblem unter dem dreifachen Gesichtspunkt der Zurechnungsfähigkeit, des Alleinseins der Individualität und der Schwierigkeit der Querschnitte. Zum Beispiel Zurechnungsfähigkeit im kanonischen Recht: Das gibt es heute auch noch! Er hat noch nie solches Interesse an Menschen genommen. Es ist schon Andeutung der späteren Fahrten und des späteren Diffusismus.
Der Konflikt mit der wissenschaftlichen Umwelt bereitet sich vor und bereitet den Konflikt mit der gesamten Umwelt vor. Die eigentliche Spannung darin suchen, wie sich das entwickelt.
Gustl läßt ihn intellektuell im Stich. Clarisse nimmt sich seiner an. Er stellt sich jetzt, wo er aus Resignation Interesse an den Menschen gewinnt, Clarisse viel eindringlicher vor.
Er kommt vom Moosbruggerfall weiter darauf, daß auch in den allergewöhnlichsten Individualfällen die gleiche Unüberblickbarkeit besteht. Damit erlischt sein Interesse für Moosbrugger. Dies das gewisse Unbehagen bei der schnellen Fahrt. Dies muß schon ein Erlebnis oder Abenteuer sein.


19.
Zweite Linie


Achilles hat einen Streit mit Margarethe Susman, Ellen Key oder Agnes Harder. Man sagt von ihr, sie ist eine zweite Diotima. Noch nie ist etwas so Edles seit Platos Gastmahl geschrieben worden. Wie schön ist Inhalt und Form zugleich, wie eins sind Dichter und Denker. (Wenn sie spricht. Denn sie schreibt nur hie und da; in der Frankfurter Zeitung und in der Neuen Freien Presse.) Ebenso tief wie umspannend. Liebe als Religion. Vergißt nicht das Menschliche im Weiblichen, noch das Weibliche im Menschlichen. Leben und Liebe ein und derselbe Begriff.
»Hier ist ein Buch, in dem die sich widersprechenden Irrungen und Wirrungen unserer Zeit als tief gefaßte Probleme neu geschaut sind.« »Das Sehnen der Seele, vom Leben erlöst und vom Sein verschlungen zu werden, was sie doch nicht erreichen kann, ohne sich dem Leben hinzugeben und von ihm durchpulsen zu lassen. Hier werden Probleme aufgedeckt, die an die letzten Geheimnisse der Seelen reichen.« Zum Beispiel zitiert man von ihr: »Wir haben in unserm heutigen Leben nichts, das ein Äquivalent bilden könnte zu der vollen, realen Hingabe von Leib und Seele in vergangenen Zeiten, wie sie in den Taten der Märtyrer sich vollzog.« – Aber das ist ja Quatsch, schreit Achilles! (Siehe unsre Märtyrer.) Entgötterte Jetztzeit. Die Sehnsucht nach Verwandlung treibt die Geschlechter zur Vereinigung. (Nicht übel, aber was soll man weiter sagen?) Weibliche Schicksalskraft im Persönlichkeitsringen der Zeit. Die Kultur wird vom Manne aufgebaut, von der Frau getragen und erfüllt. (Das sind lauterso halbe Sätze.) »Der Glaube, nicht die Kirche.« »Wir können auf Erden nicht vollkommen lieben, weil uns der Lebensdrang daran hindert. Wir würden uns im Augenblick verströmen.«
»Im Augenblick der Reife müßte das Leben den vollkommen Liebenden ans Kreuz schlagen. Durch das Opfer der Seele hindurch würde sein Opfer seinen Leib, ohne daß er ihn darböte, mitreißen in den Tod.«
Achilles will so viel Dummheit, wie in diesen Verwechslungen liegt, nicht glauben. Diese Frau ist die Folie für Agathe! (Agathe ist der Mensch, der diese Dinge nicht intellektuell auslegen kann und viel tiefer bleibt. Überhaupt der Mensch, der nicht durch systematisches Denken, sondern durch die Gleichheit der wichtigen Geschmacksreaktionen zu ihm gehört!) Achilles erkennt es für wichtiger, diese Frau zu bekämpfen, als die soziale Aktion zu fördern. Dies ist das erste seiner Verbrechen.
Er wird bei Diotima von Franziscus Länglich verdrängt, der zwar die Dichterin nicht mag, aber die gesellschaftliche Person estimiert und sich mit den Fingern hilft. Da sind die zwei Richtigen beisammen, Achilles ist Diotima los und der Literat ist eingeführt? (Vorher nimmt er für ihren Mann Partei – Genoveva.«
Frau, die man nicht in Ruhe und formal betrachten darf (wie den Äffchentypus). Sie liest ihm vor oder spricht und er erkennt schauernd: das ist Huysmans oder Flaubert. Komische Episode mit Diotima: ich begehre nach Deiner Seele! Er erkennt: Das ist die Frau aus dem Traum. Und hat Mühe, diesem aus der Zeit vorgeahnten Wesen nicht … abzubeißen. Überindividuelle Erotik. Körperliche Eindrücke von einem Seelenbuch.
In Diotima eventuell Karikatur auf alle Seelenambitionen der Zeit geben. Er brüskiert sie mit ihrem Dienstmädchen. Als Länglich vorbei ist, verfolgt sie ihn erotisch. Das Dienstmädchen dagegen rettet ihn und seine Schwester ganz einfach aus einer unangenehmen Situation (sozialer Unterschied!), trotzdem Achilles dabei die Beziehung ahnt.
Fräulein Z.: Freideutsche Jugend. Junger Mensch. Alldeutsche. Sie ist die Jüdin im Priesterroman. Als Achilles sich zu Diotima wendet, macht ihm die Mutter eine ungeheure Eifersuchtsszene, in der alle Scham und sonstiges Ressentiment ausbricht. Hätte Achilles nicht gerade Diotima, so hätte er diese Alte genommen. Hat einen Bruder, der Offizier ist. Künftiger Weißmörder. Scheinbar junges Mädchen von heute, sehr zielbewußt, mit leichtem Einschlag ins Soziale. Junge Damen wurden zu wohltätigem Zweck ohne Schwierigkeit Omnibusschaffner. Sehr weit von unsrer Seele. (Diese Bestimmungen galten Clarisse, diese Figuren sind also gegeneinander zu überlegen.) Will man sie gegen Ende etwas sympathisch haben, um sie in den Priesterroman hinüber zu leiten, so bietet ihr Achilles plötzlich eine Brutalität an und sie reagiert wie in der Rilkenotiz (sinnlose Brutalität eines homosexuellen Ansinnens). Mutter macht eventuell einen Mordversuch auf ihn.


20.
Diotima Episode


Man hat Achilles gesagt: »Diese Frau müssen Sie kennenlernen.«
»Warum?« fragt Achilles mißtrauisch.
Er bekommt keine Antwort.
»Etwas so Reizendes!« sagt eine junge Frau. »Schon wenn man eintritt! Ein tadelloses Haus, aber alles hat eine gewisse Anmut, etwas Geistiges; Sie müssen es selbst sehen.«
Wäre Achilles klug gewesen – aber er war nichts weniger als das – so hätte er schon daraus den Schluß gezogen, daß die zweite Diotima keine Frau für Männer war. Ich, der ich wohl klug geworden bin, ich weiß nicht, wann – ich glaube, an dem Tag, wo ich einsah, daß die beliebtesten Sommerfrischen auch wirklich die schönsten sind, hatte ich meine Seele verloren, das heißt, die Widerstandskraft gegen gewisse allgemeine Wahrheiten, die heute in mir ein- und ausgleiten – ich würde wohl sogleich daran gedacht haben, daß Frauen, die Frauen gefallen, sicher etwas haben, das – auch wenn sie schön sind – Männer gleichgültig bleiben läßt.
Jedoch wurde Diotima auch von einem Mann Achilles angepriesen. Sektionsrat … sagte zu ihm: »Wenn Sie unsre schönste und gescheiteste Frau kennenlernen wollen, lassen Sie sich bei … einführen.«
»Wie alt ist sie?« fragte Achilles.
Der Sektionsrat vermochte das zu seinem Erstaunen nicht zu beantworten, ja, er erschien selbst einen Augenblick darüber betroffen zu sein. Sie müsse mehr als fünfundzwanzig und weniger als fünfunddreißig Jahre zählen, genauer wußte er es nicht anzugeben. (Eventuell: Sektionsrat ist Giongo oder Giongo dessen Freund, emeritierter Advokat, Besitzer, berühmt als feinsinnig. Und Achilles erfährt erst später die Geschichte mit seiner Schwester.«
»Aber Sie wissen doch, wie alt Frau Y ist?« prüfte Achilles.
»Gewiß. Durch eine Indiskretion sogar genau. Sie ist neununddreißig.«
»Und Fräulein Z.?«
»Trotzdem, was neulich behauptet wurde, nicht älter als einundzwanzig.«
»Und zwischen diesen Altern hat doch jedes Jahr seine unverkennbare Physiognomie?« lachte Achilles. »Hat diese Frau eine Scheibe statt eines Gesichts?«
»Sie hat etwas Unirdisches an sich« meinte der Sektionsrat nach kurzem Nachdenken.
Achilles durfte sich die Frage erlauben, ob Frau Diotima einen Geliebten habe.
»Ein Verhältnis?« staunte der Sektionsrat, er wisse es nicht, kein Mensch käme auf diesen Gedanken.
»Aber sie lebt bei ihrem Mann? Und wie ist der?«
Hierauf antwortete der Sektionsrat nun mit voller, fertiger Überzeugung: »Ein Ekel.« »Dann ist sie auch ein Ekel!« entschied sich Achilles, als er allein weiterging. »Denn das gibt es nicht: eine wertvolle Frau, die bei einem Untier von Mann ausdauert.« Achilles hatte damals noch wenig Verständnis für Zwischenfälle und Kompromisse. Er hatte überhaupt wenig Lust, andre Menschen zu verstehn. Das Wort Genoveva fiel ihm wohl ein, aber er gab ihm einen Fußtritt und lächelte aus Höflichkeit gegen sich selbst zynisch; natürlich wußte er das kaum, eins war so gedankenlos wie das andre.


21.
Fräulein Z.


Als aber auch ein Mädchen Frau … überaus lobte, ward Achilles neugierig. Das war Fräulein Z. Achilles wußte, daß sie ihn zu heiraten beabsichtigte und mit seiner Zurückhaltung unzufrieden war. Warum, zum Kuckuck, riet auch sie ihm, mit Frau … zu verkehren? Nun war Achilles’ mathematischer Verstand gereizt und versuchte, sich aus drei Bestimmungsstücken das Bild der Unbekannten zu machen.
Fräulein Z. war die Tochter eines getauften Abteilungsdirektors in der X-Bank und einer aus Professorenkreisen oder aus denen der hohen Bürokratie stammenden christlichen Mutter. Wie es früher war, setzten sich ideale Menschen über das antisemitische Vorurteil der Gewöhnlichkeit hinweg; so hatte ihre Mutter den Juden geheiratet. (Mutter: Ideale. Liberalismus. Die Erinnerungen an 1848. Ihr jüdischer zweiter Sohn wird Kommunist. Die beiden Brüder töten sich irgendwann beinahe, aber können sich ebenso leicht lieben, denn sie sind nicht so gar tief anders.) Später kam die antisemitisch-nationale Hochflut. Wirkung auf die Mutter: schmerzlich überbetonter Liberalismus in ihren Außenreaktionen; Erkaltung der ohnedies unhaltbaren Liebe zu ihrem Mann, sorgsame Pflege alles Arischen an ihrer Tochter und Ungeduld mit der Karriere ihres Manns. Wäre Fräulein Z. einige Jahre später geboren worden, so wäre ihr Papa schon einer der ersten Finanzleute gewesen (wenn auch kein führender) und sie hätte ihr Judentum wahrscheinlich mit Trotz und Hochmut betont; ihre Mutter, der das Ventil der Muttersorgen sich zu spät geöffnet hätte, wäre voraussichtlich mit ihrem Manne zerfallen gewesen und verbittert, und alles wäre ebenso gekommen, wie man niemals im menschlichen Leben recht wissen kann, warum es nicht so kommt.
Wie die Dinge aber lagen, war Fräulein Z. empfindlich gegen die arische Empfindlichkeit ihrer Mutter und deshalb von dem unbekümmerten, scheinbar von diesen Fragen ganz losgelösten, dennoch germanomanen Typ »Freideutsche Jugend«.
Als er merkt, daß man an Heirat denkt, schränkt er die Besuche korrekt ein. (Er war sehr familiär hingekommen, komisch.) Aber Fräulein Z. bittet ihn ärgerlich, sich doch nicht daran zu kehren.


22.
Charakteristika


Menschen mit Denksystemen, Kriegserscheinungen vor dem Krieg, Concordia – Expressionismus, Frankreich vor dem Krieg, Deutschland vor Krieg, national und sozial als letzte Idee. Stellt sich die Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit vor! Das war das wissenschaftliche, entgeistigte Deutschland. Dort aber auch Beispiel, wie das (Hoffnung, Liebe, Glaube an das Leben) verballhornt werden kann. Es gibt in Deutschland keine Menschen, nur Berufe. Physiker, Künstler, Dichter, Schöpferische – Unschöpferische. Staatsbiologie. Klerikal-feudal. Der enternstete Mensch. Gewerkschaft, Bürokratie, Preußische Kirche, Konservatives Deutschland. Sie lesen. Geistsekten (Musiker). Leerer Rahmen des Kriegs. Die moralischen Scheinstützen. Egoismus (als Verknüpfung und stärkstes Charakteristikum). Gewährenlassen, Kapitalismus. Rathenau, Bankdirektor, Halbaufklärung, Nietzsche, Baustil, Zivilisation und Traum. Altösterreich, Coitus und Krieg,Rassentheoretiker, Frauenrechtlerin, Kaufmann. Alles falsch gesehen. Frack, Bürowünsche, Juristen, Reizleitungsfähigkeit, Geistspezialisten (Doktor W. – Markensammler, fortführen!), Staatshoheit (Verteidiger – Präsident). Katholikomanie, Freireligiöse Bewegung, Stefan George, Das Ewige. Intellektuelle Mystik mit unzureichendem Intellekt. Spirituelle Kunst mit schlechtem Spiritus. Diese Art Philosophie entvölkert Publikum für Kunst. Problem der Zeit (Zwei Schichten, die sich durchdringen sollen, getrennt): Logos – Psyche, ratio – Mensch (Teil – Ganzes) zweckhaft verständlich. Scheinproblem (Dazwischen zu wählen, eins gegen das andre auszuspielen): Wissenschaft – Religion, Ratio – Intuition, Materialismus – Geist. (Oder:) Wachsender Sinn für äußere und rezente Tatsachen: statt Ergänzung des Erkennens andre Art von Erkenntnis gesucht.
Lächerliche Gegensätze: Christliches Land, Staat – zugleich Militärstaat. Anwälte, denen man alles vorkauen muß, und doch nur soviel sagen darf, daß sie sich bona fide vortäuschen können. Privatmoral der Ärzte für Geschlechtskrankheit. Ziel: Staat ohne intellektuelle Unsauberkeit. Man muß das irgendwie zu einer machtvollen (Jubiläums-)Kundgebung zusammenfassen. Etwa in Deutschland. Und in Österreich soll eine Kundgebung dynastischer Eifersucht erfolgen. Ausland durch Botschaften und Kaufleute zeichnen.
Aus Diotima muß ein ganzer Diotimakreis werden (Die Seelischen). Gegenfigur (eventuell manchmal darin auftauchend) ein Versicherungsmathematiker oder Mathematiker einer großen Industrie, voll Begeisterung für das Technische, Neue, Emersonische. Ein Beamter der Deutschen Bank, Durchschnittsmensch.
Achilles taucht bei Beginn zum erstenmal wieder auf. Er war Ingenieur und hat die Philosophie bis zur Habilitation forciert. Das war erst vor kurzem. Nun steht er (nicht ganz zufällig) vor dem Moosbruggerproblem und sieht, daß er nichts weiß und nichts kann. Der Diotimakreis ist natürlich mit Begeisterung für die Demonstration gegen Deutschland. Gefühl gegen Verstand. Diotimakreisepisode zieht sich durch die ganze Länge des Spions. Erst beginnt er mit Deutschland. Daß Österreich dann doch den Krieg an Deutschlands Seite mitmacht, muß die ganz andere Mechanik des äußren und allgemeinen und des innren, individuellen Lebens zeigen: a) des staatlichen – des privaten, b) des praktischen – des Ideenlebens (Gefühlslebens).


23.
Diotimakreis


Diotima: Guratori; ihren Taufnamen hat sie nach der Heirat italienisiert. Hermine, später Ermelinda Tuzzi. (Ermana Prschykril von Prschykryllika.«
I. Figur, die es mit diesen Fragen ernst nimmt. Kauz. Im Diotimakreis gemieden. Name: Sebastian Krätschmer. Beruf: offen. Geistige Stigmata: Hüpfendes Übel. Interpunktionsloses Denken, um nicht zwischen den Vorstellungen die gleiche Diskontinuität herzustellen wie zwischen den materiellen Gegenständen. Gegen die unberechtigte Übersetzung der Qualität in Quantität.
2. Mr. Pouffo. Vertreter des Zivilisations-Romanen-Spießbürgertums. Auf Studienreise in Wien. Erhält dort die gewissen kulturellen Informationen gegen Deutschland.
3. Herr Tuzzi. Hofrat im Ministerium des Auswärtigen. Abgesehen von seiner Privatperson (Ekel, Genoveva), die noch näher zu bestimmen sein wird, nimmt er wohlwollend schweigenden Anteil an dem Geschimpfe auf Deutschland; bewirkt aber dann –Überkraft der Maschinerie – das Schulter an Schulter.
4. Neben dem modern-optimistischen Physiker und Mathematiker noch den versoffenen Hani oder Benze nehmen. Der die Relativitätstheorie antizipiert. Aber es glaubt ihm keiner. Von Haus aus Theologe.
5. Stand der Philosophie, eventuell auch der Literatur, durch einen zeichnen, der Fähnchen steckt wie im Tristram Shandy. Das ist die Möglichkeit, die Diskussion in einer erträglichen Form darzustellen. Achilles paßt gar nicht auf, sondern ist unpersönlich, dann orientiert er sich bei ihm über den Stand. Wink für Erfindung der Handlung: Die Unglaublichkeiten des Kriegs, Bolschewismus, weißen Terrors in nucleo vorher zeigen.
6. Die theoretischeren Sachen der Diotima in Rathenau nehmen.
7. Edschmid, Hesse, George: die drei Dichter um Diotima. Was haben diese Philosophen, Dichter usw. für eine Seele? Gar keine. Alles ist nach außen geschlagen. Das Zerebralwachstum ist zu groß, oder die gleiche Menge kann sich nur verschieden verteilen. Sie haben ihre primitivsten Anlagen rudimentär behalten. Entscheidungen des Lebens, Liebe, Kampf, Reisen, Komfort erfolgen von dort aus. Sie lieben beispielsweise magere Frauen, das ist durch ihre Einbildung bedingt, aber tief reizt sie es nur, wenn ein großer Popo an diesem astralen Körper hängt. Das andre übersehen sie. Oder sie lassen sich im Verhalten zu Achilles von Eitelkeit leiten.


24.
Diotima: Seelenlose Zivilisation


Was dem Zivilisationsmenschen fehlt: ein Ruhen mit ausgebreiteten Schwingen über der Erscheinungswelt. (Geht es nicht billiger?) Intellekt ist Bewußtseinsform des Begehrens. Seele: neue Qualität des Geistes neben dem intellektuellen Leben über dem Leben. (Was ist es mit der Beteiligung des Intellekts an den Emotionen, wirft Achilles ein.) Kunst ist typisch, typesuchend geworden, sagt Diotima, das ist Zeichen der Seelenlosigkeit. Sie will immer Tradition. (Ist nicht nach vielen Autoren gerade Tradition ein Zeichen der Seelenzucht? wirft Achilles ein. Aber er fühlt, wie diese Fragen heute nie beantwortet werden.) Heitere Freiheit der Seelenhaftigkeit. Unbelastet von Begehrlichkeit schwebt der Geist über der Erscheinung und erhebt sich zu der souveränen Anschauungsform des Humors, der voll höchsten Verstehens sich der Geschöpfe annimmt. Die transzendente Liebe versenkt sich in die Natur und verliert sich nicht, weil sie durch den farbigen Schleier das Licht des Unbedingten erblickt. Einfühlende Empfindung der Natur. Achtung vor der Einheit und Würde jedes Geschöpfes. Hingegebenes Aufhorchen zu der Stimme der eigenen Seele. Praktisch-ethisch soll man primitiv bleiben: Mut, Treue, Wahrheit. Religionen und dergleichen sind Symbole für Irdisches, sagt Achilles, von dem aus müssen sie gespeist werden; bei euch ist das Irdische ein Symbol des Geistes. Diese Frage ist mit dem bloßen Verstande nicht zu unterscheiden, diesem Gedanken fehlt jede Religiosität oder jedes Kosmische.
Erst ist Diotima natürlich ganz für die Rettung Moosbruggers. Dann schlägt sie um (aus so einer halb begründeten Ansicht heraus)? Das kann ein Grund sein, warum Achilles das Verhältnis mit ihr eingeht.


25.
Rathenau


Im Begehren, das Schlechte zu sehn, Humor zu propagieren: das ist Philosophie des Satten. Er ist hier, um irgend ein großes Geschäft zu betreiben. Daß er sich Diotimas zur Einführung bediente, hat hauptsächlich ihren Ruhm begründet.
Ein junges Mädchen (Repräsentant des jungen Geschlechts) liebt ihn. Was kann er ihr bieten, wenn er aus dem Buch heraustritt? Banalitäten und Brutalitäten. Heiraten will er sie nicht, das ist eine ganz feste Lebenseinstellung. Und sonst will er von Menschen eigentlich nur Befriedigung seiner Eitelkeit. Die hat er, aber wie nun weiter? Da er kein Wüstling ist, gerät er aufrichtig in Verlegenheit. Er beschließt, ihr die Sache auszureden. Und dabei verstrickt er sich in Eitelkeit.
Seit dem Examen aus Geschichte der Philosophie hat Achilles dieses Spukgefühl nicht mehr empfunden, das ihm Rathenau einflößt; seit dem Schreck, den ihm Leibniz, Hegel, Spinoza, Descartes als seltsam systematisch verdrehte Menschen einprägten. Er hatte angenommen, ungefähr nach 1870 wäre es traulicher, heller, menschlicher, sicherer geworden.
Jenseits der rechnenden Vernunft lebt ein Reich der Seele. Modern ist es, das mit mathematischen Symbolen auszudrücken.
Rheinischer Großeisenmann. Neuromantische Populärphilosophie. – In den Fassungen stets von Bergson beeinflußt. Ungenügend-Erachten der bloßen ratio. Übertritt zur Intuition. Auffassen des heutigen Zustands als bloßer Phase einer ungeheuren, ewigen Geistesevolution, die unsre rationale Gegenwart gleichsam bloß ausgespien hat. (Sehr eindrucksvoll auf Diotima.) Die Materie ist das Produkt des Geistes. Notizbucheinfälle. Zehenspitzenstimmung der All-Ich-Genossenschaft. All dieses Stummblicken und Raunen und Winken des Alls, das Geheimnisvolle, das Eingeflochtensein, Getragensein, Verantwortlichsein. Wie die Kinder, die König spielen und Verordnungen erlassen.
Charakteristisch erstens die Schärfe, mit der die Wissenschaft abgelehnt wird, zweitens die Weichheit gegenüber den eigenen Gesetzen.
Klimakterium der Seele. Seit fast dreihundert Jahren ist sie in einem Prozeß der Einengung, Einschrumpfung und Alterung, diese alte Seele mit Gott, festen Werten und Idealen, und sie wird vielleicht bald eingehn und einer neuen Platz machen. Exakte Wissenschaft in gleichem Maße gering geschätzt, wie ihr Einfluß auf unser Leben wächst.
Zugenommen hat in der Philosophie der Tatsachensinn. Das ist das Gleiche wie zunehmende Technik, Wissenschaft und Kommerzialisierung. Trotzdem man in der Philosophie nicht davon lassen will, fühlt man sich feindlich. – Es gibt zweierlei Stellung zu den Tatsachen: sich nach ihnen richten und sich von ihnen treiben lassen.
Leichtfertigkeit in Fragen, die mit geduldigem Verstand entschieden werden müssen: gilt als gut, wird mit bestem Gewissen betont, Clubzeichen höherer Geistigkeit. Bloße Logik. Belanglose Psychologie. Anstelle des überlegten Gedankens tritt der unüberlegte: das ist das Ganze. Galilei schlug mit dem Zauberstab an den Fels und der Fels spendet eine täglich wachsende Überschwemmung. Eine kleine Schichte tiefer lebt unser aller Geist in der Wildnis. Wir wissen zu viel. Mensch, der nichts wissen, ungebrochen sein will, von sich benommen handelnd.
Der Massenmensch kann überhaupt kaum noch anders, als nach Graden der Intelligenz und Anstelligkeit unterschieden werden. Er ist gut und böse, rührend und zum Speien zugleich und verschieden nur nach Blickrichtung und Umständen. Sein Nichts und Ganzes besteht aus Beruf, kurzlebigen Vergnügungen, repetitiven Zuständen und ein paar unübersehbar großen Resten. Prestigemetaphysik, die das persönliche Erlebnis zum Weltall aufbläst. Diese Gefühle ohne Verstand sind Karpfen ohne Hecht, empfindet Achilles. Zur Geschichte des Sentimentalen … »Ein der Liebeskraft analoges Streben.«
Dem mechanisierten Gesellschafts- und Gefühlsleben haben bereits im Anfang Stendhal, Balzac und Flaubert die Epopöe geschaffen? Das Dämonium der Unterschichten haben Dostojewski, Tolstoi und Strindberg aufgedeckt. Nennt eine grenzenlose Verwirrung des Sittenempfindens: es sei eine Kraft und Tugend, gut zu hassen. (Und haßt Achilles.) Ein Volk erlebt, was es verdient. Ein Einzelner, der dauernd in schiefen Situationen, kleinlichen Kämpfen und dergleichen lebt, ist schlecht.
Rathenau hat einen kleinen Pagen, Meßnerssohn, gefiel ihm durch katholischen Schliff. Spricht vertraut mit ihm. Der Kleine liest Dumas, Stendhal usw. Alle jene kleinen, schönen jungen Männer, die dann hochkamen. Aber Rathenau läßt ihn gar nichts lernen und ist eigentlich unerhört indolent grausam gegen ihn. Dieser Jugendlich-Imbezille ist das einzige dichterische Objekt, das unempirischromantisch sein kann. Liebt eine Kammerzofe Stendhalisch. Zum Schluß haßt er Rathenau und wird von Achilles gegen diesen benützt.
Der alte Rathenau: ein ekelhafter, aber wunderbarer Kerl. Haupteigenschaft: das Kommende zu wissen; später stellt sich dieses Gefühl der Unmöglichkeit des Mißlingens ein. Von daher hat Rathenau jun. seinen Begriff der Intuition, der nicht nur fürs mystische Leben gelten soll. Rathenau jun. geeignet zum Diplomatisieren und Behandeln wie ich. Von seinem Vater so verwendet. Läßt dunkel, ob er hier ist, um mit der Regierung zu verhandeln oder nicht. Vielleicht versteckter Zweck, eine Bankgruppe zu etwas zu bringen.


27.
Das jüdische Dienstmädchen und der Page


Welch weise Einrichtung, dieses italienische Nichtzusammenkommenkönnen der Geschlechter! Sie merkt nur, daß er überall auftaucht, wo sie ist. Daß ein Wesen sie mit der größten Aufopferung ausspioniert, ihren Charakter erprobt. Dann kommen die abenteuerlichen, unter Gefahren dargebrachten Aufmerksamkeiten. Der Mensch, den man nie gesprochen, kaum recht gesehen hat, stürzt sich in Lebensgefahr. Endlich sind sie beisammen, aber es ist Nacht, sie sind nahe, aber sehen einander nicht. Das reizt zu den phantastischesten Leistungen.
Diese ganze Romantik heißt dann: Der Kerl wurde bei ihr gefunden. Sie ist eine romantische Person, heißt es von ihr nicht ohne Tadel.
Sie sehnt sich nach einem schönen Jüngling, mutig und stark. Als Kind wollte sie gut, schön und stark sein; reich nicht, aus Opposition gegen die jüdische Umgebung. Sich hingebenwollen, retten, entführen, befreien spielen für sie wie für ihn die gleiche Rolle. Die Sehnsucht nach einem zweiten, nur für einen bestimmten Menschen.
Gleich am Morgen der ersten Nacht ertappt sie Diotima. Sie sagt wenig oder nichts, schreibt aber das Zeugnis. Das Mädchen und der Page sitzen einander in dem morgennüchternen Zimmer gegenüber. Das Haar ungekämmt. Von der tiefen Demütigung des Erwischtwerdens ganz entselbstet. Das Mädchen weiß: sie muß mindestens bis Galizien fliehn, der Page hat Angst vor seinem Herrn. (Dem das auch richtig innerer Anlaß ist, die Hand von ihm zu ziehn.) Jetzt gilt: das Auftreten präziser, individualisierter Schönheitsvorstellungen ist eine große Verlegenheit. Mehr oder minder gewaltsam stellt sie sich der junge Mensch zusammen, und dieser Reichtum endigt dann in einer Person, zwar mit allem Reichtum der Nuancen, aber das über das ganze innere Firmament Hinbrennende ist weg. Alles ist konkret geworden, zielgespitzt. – So kommen sie einander vor. Sie können das, was sie sehen, nicht mit der Illusion der vorangehenden Tage zur Deckung bringen. Trotzdem später noch in ihr und ihm der Riesen-Nachbrand wie bei Valerie. Achilles gibt ihr Reisegeld und sichert sich so ihre Dankbarkeit, die sie ihm später abstattet.