MoE 4 | Zweites Buch | Druckfahnen-Kapitel 39-58

39.
Nach der Begegnung

Der Mann, der am Grab des Dichters in Agathes Leben getreten war, Professor August Lindner, sah, talwärts steigend, Bilder der Rettung vor sich.
Hätte sie ihm beim Abschied nachgeblickt, so wäre ihr der stocksteif den steinigen Weg hinabtänzelnde Gang des Mannes aufgefallen, denn es war ein eigenartig heiterer, stolzer und doch ängstlicher Gang. Lindner trug seinen Hut in der Hand und strich sich zuweilen übers Haar; so wohlig frei war ihm zumute geworden.
»Wie wenig Menschen« sprach er zu sich selbst »haben eine wahrhaft mitfühlende Seele!« Er malte sich eine Seele aus, die sich ganz in den Mitmenschen hinzuversetzen vermöchte, seine verborgensten Schmerzen mitleiden und sich in seine tiefe Schwäche hinablassen könnte: »Welche Aussicht ist das!« rief er sich zu. »Welch eine wunderbare Nähe göttlichen Erbarmens, welcher Trost und welcher Feiertag!« Sodann fiel ihm aber ein, wie wenig Menschen es gebe, die ihrem Nebenmenschen auch nur aufmerksam zuzuhören vermöchten; denn er gehörte zu den Gutgesinnten, die vom Hundertsten ins Hundertstel kommen, ohne einen Unterschied daran zu finden. »Wie wenig ernst gemeint sind zum Beispiel die gewöhnlichen Fragen nach unserem Wohlergehen« dachte er. »Man braucht bloß einmal ausführlich zu antworten, wie einem wirklich ums Herz ist, und sieht sich bald genug einem gelangweilten und geistesabwesenden Blick gegenüber!«
Nun, er hatte sich dieses Fehlers nicht schuldig gemacht! Nach seinen Grundsätzen war, den Schwachen zu schützen, die notwendige und besondere Gesundheitslehre des Starken, der ohne solche wohltuende Selbstbeschränkung allzu leicht der Roheit verfällt; und auch die Bildung bedurfte des Liebeswerks gegen die ihr einwohnenden Gefahren.
»Wer uns bedeuten will, was ›universelle Bildung‹ sei« bestätigte er sich nun durch innerlichen Zuruf, von einem plötzlich gegen seinen pädagogischen Fachgenossen Hagauer geschleuderten Blitz köstlich erfrischt – »dem sollte wahrhaftig zuerst geraten werden: erfahre, wie dem anderen zumute ist! Durch Mitleid wissend, es bedeutet tausendmal mehr, als durch Bücher wissend sein!« Anscheinend war es eine alte Meinungsverschiedenheit, was er da einerseits an dem liberalen Begriff der Bildung, anderseits an der Gattin seines Amtsbruders ausließ, denn Lindners Brillen blickten wie zwei Schilde eines doppelgewaltigen Kämpfers in die Runde. In Agathes Gegenwart war er befangen; wenn sie ihn dagegen jetzt gesehen hätte, wäre er ihr wie ein Offizier vorgekommen, aber wie ein Offizier einer keineswegs leichtsinnigen Truppe. Denn eine wahrhaft männliche Seele ist hilfsbereit, und sie ist hilfsbereit, weil sie männlich ist. Er warf die Frage auf, ob er angesichts der schönen Frau richtig gehandelt habe, und erwiderte sich: »Es wäre falsch, wenn die stolze Forderung der Unterordnung unter das Gesetz denen überlassen bliebe, die zu schwach dafür sind; und es wäre ein entmutigender Anblick, wenn bloß geistlose Pedanten die Hüter und Bildner der Sitte sein dürften: darum ist den Lebendigen und Starken die Pflicht auferlegt, aus ihrem Kraft- und Gesundheitsinstinkt nach Zucht und Grenze zu verlangen; sie müssen die Schwachen stützen, die Gedankenlosen rütteln, und die Zügellosen anhalten!« Er hatte den Eindruck, es getan zu haben.
So wie die fromme Seele der Heilsarmee sich der Uniform und militärischer Gebräuche bedient, hatte Lindner gewisse soldatische Gedankenformen in seinen Dienst genommen, ja er scheute nicht einmal vor Zugeständnissen an den »Machtmenschen« Nietzsches zurück, der dem bürgerlichen Geiste jener Zeit noch ein Stein des Anstoßes, Lindner aber auch ein Wetzstein war. Er pflegte von Nietzsche zu sagen, man könne nicht behaupten, daß er ein schlechter Mensch gewesen wäre, wohl aber seien seine Lehren übertrieben und lebensfremd, und der Grund liege darin, daß er das Mitleid verwerfe; denn so habe er nicht die wunderbare Gegengabe des Schwachen erkannt, daß dieser den Starken zart mache! Und seine eigenen Erfahrungen dem nun entgegensetzend, dachte er voll froher Absicht: »Die wahrhaft großen Menschen huldigen keineswegs einem öden Ichkultus, sondern sie erzeugen in den anderen das Gefühl ihrer Erhabenheit dadurch, daß sie sich zu ihnen hinabbeugen, ja, wenn es sein muß, für sie opfern!« Er blickte einem jungen Liebespaar, das, sehr verschlungen, herauf- und ihm entgegenkam, siegesgewiß und mit freundlichem Tadel, der zur Tugend ermuntern sollte, in die Augen. Es war aber ein recht ordinäres Liebespaar, und der junge Strolch, der seinen männlichen Teil bildete, kniff die Augenlider zusammen, als er diesen Blick erwiderte, streckte unvermittelt die Zunge heraus und sagte: »Bäh!« Lindner, der auf diese Verhöhnung und gemeine Drohung nicht vorbereitet war, erschrak; aber er tat, als bemerke er sie nicht. Er liebte die Tatkraft, und sein Blick suchte nach einem Schutzmann, der in der Nähe sein sollte, die öffentliche Sicherheit der Ehre zu gewährleisten; aber sein Fuß stieß dabei an einen Stein, die hastige Bewegung des Stolperns scheuchte einen Schwarm Sperlinge auf, der sich an Gottes Tisch über einem Haufen Pferdemist gütlich getan hatte, das Aufschwirren der Spatzen warnte Lindner und ließ ihn im letzten Augenblick, ehe er schmählich stürzte, mit einer tänzerisch bemäntelten Bewegung über das Doppelhindernis hinweghüpfen. Er blickte nicht zurück, und nach einer Weile war er sehr zufrieden mit sich. »Fest wie ein Diamant und zart wie eine Mutter muß man sein!« dachte er mit einer alten Definition aus dem siebzehnten Jahrhundert.
Er hätte, da er auch die Tugend der Bescheidenheit schätzte, zu keiner andern Zeit etwas Ähnliches in Ansehung seiner selbst behauptet, aber solche Erregung des Blutes ging von Agathe aus! Hinwieder bildete es den negativen Pol seiner Gefühle, daß dieses himmlisch zarte Weib, das er in Tränen gefunden hatte, wie der Engel die Magd im Tau – oh, er wollte sich nicht überheben, aber wie doch Nachgiebigkeit gegen Poesie gleich überheblich macht! – er fuhr darum strenger fort: daß diese unselige Frau im Begriffe stand, ein in die Hand Gottes abgelegtes Gelübde zu brechen; denn als das sah er ihr Begehren nach Ehescheidung an. Er hatte es ihr leider nicht mit der erforderlichen Entschiedenheit von Angesicht zu Angesicht – Gott, welche Nähe nun wieder in diesen Worten! – er hatte es ihr also leider nicht entschieden genug vorgestellt; er entsann sich bloß, im allgemeinen von zu lockeren Sitten und den Schutzmitteln gegen sie gesprochen zu haben. Der Name Gottes war übrigens dabei gewiß nicht über seine Lippen gekommen, es wäre denn als inhaltslose Redensart; und die Ungezwungenheit, der unbefangene, man mochte geradezu sagen, der respektlose Ernst, womit ihn Agathe gefragt hatte, ob er an Gott glaube, verletzte ihn selbst noch in der Erinnerung. Denn der wahrhaft Fromme gestattet sich nicht, einfach einem Einfall zu folgen und in roher Unverhülltheit an Gott zu denken. Ja, in dem Augenblick, wo sich Lindner dieser Zumutung entsann, verabscheute er Agathe, als wäre er auf eine Schlange getreten. Er faßte den Beschluß, sollte er je in die Lage kommen, seine Ermahnungen bei ihr zu wiederholen, durchaus nur die kräftige Vernunft walten zu lassen, die den irdischen Angelegenheiten angemessen und deshalb auf der Welt sei, weil nicht jeder ungezogene Mensch mit seinen längst entschiedenen Verwirrungen Gott bemühen dürfe; und darum begann er sich ihrer auch gleich jetzt zu bedienen, und es fiel ihm manches Wort ein, das einer Strauchelnden zu sagen wäre. Zum Beispiel, daß die Ehe keine Privatangelegenheit, sondern eine öffentliche Einrichtung sei; daß sie die erhabene Aufgabe habe, das Verantwortlichkeits- und Mitgefühl zu entfalten, und die ein Volk stählende Aufgabe, den Menschen auch im Ertragen von harten Schwierigkeiten zu üben; ja vielleicht, wenngleich es nur mit größtem Taktgefühl anzubringen wäre, daß sie gerade bei längerer Dauer auch den besten Schutz gegen das Übermaß der Begierde darstelle. Er hatte vom Menschen vielleicht nicht mit Unrecht die Vorstellung eines Sackes voll Teufel, der fest zugebunden werden müsse, und den Bund sah er in unerschütterlichen Grundsätzen.
Wie dieser teilnahmsvolle Mann, dessen körperliches Teil, außer in der Länge, in keiner Richtung überschüssig geraten war, die Überzeugung erlangt hatte, daß man sich auf Schritt und Tritt bezähmen müsse, das war freilich ein Rätsel, das sich erst dann leicht löste, wenn man den Vorteil kannte. Als er schon am Fuß der Hügel angelangt war, kreuzte ein Zug Soldaten seine Bahn, und er sah mit zärtlicher Rührung auf die verschwitzten jungen Männer, die ihre Kappen in die Nacken geschoben hatten und mit ihren von Ermüdung abgestumpften Gesichtern wie ein Zug verstaubter Raupen aussahen. Sein Abscheu vor dem Leichtsinn, womit Agathe die Frage der Ehescheidung behandelt hatte, wurde bei diesem Anblick träumerisch durch eine Freude daran gemildert, daß solches seinem freigeistigen Fachgenossen Hagauer widerfahren solle, und diese Regung war immerhin geeignet, ihn wieder an das unentbehrliche Mißtrauen gegen die menschliche Natur zu erinnern. Er nahm sich also vor, Agathe – sollte sich die Gelegenheit dazu wirklich und ohne sein Verschulden noch einmal darbieten – unnachsichtig vor Augen zu führen, daß die ichsüchtigen Kräfte letzten Endes doch nur zerstörend wirken, und daß sie ihre persönliche Verzagtheit, mochte sie noch so groß sein, der sittlichen Erkenntnis unterzuordnen habe, daß der wahre Prüfstein des Lebens erst das Zusammenleben ist.
Aber ob sich die Gelegenheit dazu noch einmal darbieten werde, war offenbar erst der Punkt, wohin die geistigen Kräfte Lindners so angeregt drängten. »Es gibt viele Menschen mit edlen Eigenschaften, die bloß noch nicht in einer unerschütterlichen Überzeugung gesammelt sind« gedachte er Agathe zu sagen; aber wie sollte er es tun, wenn er sie nicht wiedersähe; und doch widerstritt der Gedanke, daß sie ihn aufsuchen könnte, allen seinen Vorstellungen von zarter und unberührter Weiblichkeit. »Man müßte es ihr denn mit aller Entschiedenheit sogleich vor Augen halten!« nahm er sich vor, und weil er nun einmal diesen Vorsatz gefaßt hatte, zweifelte er auch nicht mehr daran, daß sie wirklich kommen werde. Er ermahnte sich lebhaft, die Gründe, die sie zu ihrer Entschuldigung anführen sollte, selbstlos mit ihr zu durchleben, ehe er sie von ihren Irrtümern überzeuge. Mit unbeirrbarer Geduld wollte er sie ins Herz treffen, und nachdem er sich auch das vorgestellt hatte, senkte sich ein edles Gefühl brüderlicher Achtsamkeit und Fürsorge in sein eigenes Herz, eine geschwisterliche Weihe, von der er bemerkte, daß sie überhaupt auf den Beziehungen ruhen sollte, die die Geschlechter zueinander unterhalten. »Die wenigsten Männer« rief er erbaut aus »haben eine Ahnung davon, welches tiefe Bedürfnis edle weibliche Wesen nach dem Edel-Mann haben, der schlicht mit dem Menschen in der Frau verkehrt, ohne durch geschlechtliche Gefallsucht gleich gestört zu werden!« Es mußten ihm diese Gedanken Flügel geliehen haben, denn er wußte nicht, wie er zu der Endstelle der elektrischen Straßenbahn gelangt sei, stand aber plötzlich vor ihr und nahm, ehe er einstieg, die Brille ab, um sie von dem Dunst zu reinigen, mit dem sie die erhitzenden inneren Vorgänge beschlagen hatten. Dann schwang er sich in eine Ecke, blickte in dem leeren Wagen um sich, machte das Fahrgeld bereit, sah dem Schaffner ins Gesicht und fühlte sich ganz auf dem Posten, in der bewundernswerten Gemeinschaftseinrichtung, die man Städtische Straßenbahn nennt, die Rückreise anzutreten. Durch ein wohliges Gähnen strömte er die Müdigkeit des Spaziergangs aus, um sich für neue Pflichten zu straffen, und faßte die erstaunlichen Abschweifungen, denen er sich ergeben hatte, in dem Satz zusammen: »Sich selbst zu vergessen, ist doch dem Menschen das Gesündeste, was es gibt!«

40.
Der Tugut

Es gibt gegen die unberechenbaren Regungen eines leidenschaftlichen Herzens nur ein zuverlässiges Mittel: streng bis zum letzten durchgehaltene Planmäßigkeit; und ihr, die er beizeiten erworben hatte, verdankte Lindner sowohl die Erfolge seines Lebens als auch den Glauben, von Natur ein leidenschaftsstarker und schwer zu disziplinierender Mann gewesen zu sein. Er stand des Morgens früh auf, Sommer und Winter um die gleiche Stunde, wusch sich an einem kleinen eisernen Waschtisch Gesicht, Hals, Hände und ein Siebentel seines Körpers, jeden Tag natürlich ein anderes, worauf er den übrigen Körper mit einem nassen Handtuch abrieb, durch welche Einteilung das Bad, dieser zeitraubende und wollüstige Vorgang, auf einen Abend aller zwei Wochen beschränkt werden konnte. Es lag darin ein kluger Sieg über die Materie; und wer je Gelegenheit gehabt hat, die unzureichenden Waschgelegenheiten und unbequemen Betten zu betrachten, mit denen sich historisch gewordene Persönlichkeiten begnügt haben, der wird sich kaum der Mutmaßung entschlagen können, daß zwischen eisernen Betten und eisernen Männern ein Zusammenhang bestehen müsse, wenn wir ihn auch nicht übertreiben wollen, da wir sonst gleich auf Nägelbetten schlafen dürften. Hier war dem Nachdenken also überdies eine vermittelnde Aufgabe gestellt, und nachdem sich Lindner im Widerschein anregender Beispiele gewaschen hatte, nützte er auch das Abtrocknen nur mit Maß dazu aus, dem Körper durch geschickte Benutzung des Handtuches einige Bewegung zu geben. Ist es doch eine verhängnisvolle Verwechslung, die Gesundheit auf den tierischen Teil des Menschen zu gründen, geistiger und sittlicher Adel sind es vielmehr, woraus die körperliche Widerstandsfähigkeit hervorgeht; und wenn das auch nicht immer auf den einzelnen zutrifft, so trifft es dafür umso sicherer im großen zu, denn die Kraft eines Volkes ist die Folge des rechten Geistes, und nicht gilt es umgekehrt. Lindner hatte darum seinen Abreibungen auch eine besondere und sorgfältige Ausbildung angedeihen lassen, die es vermied, mit rücksichtslosem Zugreifen den üblichen männlichen Götzendienst zu treiben, dafür aber die ganze Persönlichkeit beteiligte, indem er die Bewegungen seines Körpers mit schönen inneren Aufgaben verband. Er verabscheute besonders die halsbrecherische Anbetung der Schneidigkeit, die, von außen kommend, nun auch schon in seinem Vaterland manchem als Ideal vorschwebte; und sich von ihr abzuwenden, gehörte ganz und gar zu seinen Morgenübungen. Er ersetzte sie bei diesen mit großer Umsicht durch ein staatsmännischeres Verhalten im turnerischen Gebrauch seiner Gliedmaßen und verband Anspannung der Willenskraft mit rechtzeitiger Nachgiebigkeit, Schmerzüberwindung mit verständiger Menschlichkeit, und wenn er als abschließende Mutübung etwa über einen umgelegten Stuhl sprang, so geschah es mit ebenso viel Zurückhaltung wie Selbstvertrauen. Eine solche Entfaltung des ganzen Reichtums an menschlichen Anlagen machte ihm seine Leibesübungen, seit er sie vor einigen Jahren aufgenommen hatte, zu wahren Tugendübungen.
Soviel wäre im Fluge aber auch gegen den Ungeist vergänglicher Selbstbehauptung zu sagen, der sich, unter dem Schlagwort der Körperpflege, des an sich gesunden Gedankens des Sports bemächtigt hat, Zusätzliches indes noch gegen die besondere weibliche Form dieses Ungeistes als Schönheitspflege. Lindner schmeichelte sich, zu den wenigen zu gehören, die Licht und Schatten auch da richtig zu verteilen wüßten, und so, wie er bereit war, dem Zeitgeist allenthalben einen unverderbten Kern zu entnehmen, anerkannte er auch die sittliche Verpflichtung, so gesund und wohlgefällig zu erscheinen wie nur möglich. Er selbst pflegte sorgfältig jeden Morgen Bart und Haar, hielt seine Nägel kurz und peinlich sauber, nahm etwas Brillantine aufs Haupt und etwas schützende Salbe auf die tagsüber viel erduldenden Füße: wer dagegen möchte leugnen, daß es ein Zuviel an dem Körper gewidmeter Aufmerksamkeit ist, womit eine weltliche Frau ihren Tag verbringt? Sollte es aber wirklich nicht anders sein können – er kam Frauen gerne zart entgegen, zumal weil sich unter ihnen auch die von hochmögenden Männern befinden konnten – als daß Badewässer und Gesichtsbäder, Salben und Packungen, Hand- und Fußkünsteleien, Knetmeister und Haarkünstler einander in kaum unterbrochener Folge ablösen, so empfahl er als Gegengewicht solcher einseitigen Körperpflege den von ihm in öffentlicher Rede geprägten Begriff der inneren Schönheitspflege, oder kurz Innenpflege. Möge uns beispielsweise die Reinigung an die innere Reinheit mahnen, die Salbung an die Pflichten gegen die Seele, die Massage an die Hand des Schicksals, worin wir uns befinden, und die Feilung der Fußspitzen daran, daß wir auch im noch tiefer Verborgenen ein schöner Anblick sein sollen. So übertrug er sein Bild auf die Frauen, überließ es ihnen aber selbst, die Einzelheiten den Bedürfnissen ihres Geschlechts anzupassen.
Freilich hätte es geschehen können, daß ein Unvorbereiteter durch den Anblick, den Lindner beim Schönheits- und Gesundheitsdienst, vollends aber während des Waschens und Abtrocknens darbot, zum Lachen gereizt würde: denn seine Bewegungen riefen, bloß körperlich betrachtet, die Vorstellung eines sich vielfach wendenden Schwanenhalses hervor, der außerdem nicht aus Rundung, sondern aus dem spitzen Element von Knie und Ellbogen bestand; die von der Brille befreiten, kurzsichtigen Augen blickten märtyrerhaft in die Weite, als ob man ihren Blick nahe beim Auge abgeschnitten hätte, und unter dem Bart warfen sich die weichen Lippen im Schmerz der Anstrengung auf. Wer aber geistig zu sehen verstand, der konnte wohl das Schauspiel erleben, äußere und innere Kräfte in reiflich überlegter gegenseitiger Hervorbringung zu sehn; und wenn Lindner dabei an die armen Frauen dachte, die Stunden im Bade- und Ankleidezimmer verbringen und die Phantasie einseitig durch Leibeskultus erhitzen, so konnte er sich selten des Gedankens erwehren, wie gut es ihnen täte, wenn sie einmal ihm zusehen könnten. Harmlos und rein begrüßen sie die moderne Körperpflege und machen sie mit, weil sie in ihrer Unkenntnis nicht ahnen, daß solche große dem tierischen Teil gewidmete Aufmerksamkeit allzu leicht Ansprüche in diesem weckt, die das Leben zerstören können, wenn man sie nicht in strenge Dienstbarkeit nimmt!
Überhaupt verwandelte Lindner schlechthin alles, womit er in Berührung kam, in eine sittliche Forderung; und ob er sich in Kleidern befand oder nicht, war jede Stunde des Tags bis zum Eintritt traumlosen Schlafs von einem wichtigen Inhalt ausgefüllt, dem sie ein für allemal vorbehalten blieb. Er schlief sieben Stunden; seine Lehrverpflichtung, die das Ministerium mit Rücksicht auf seine wohlgelittene schriftstellerische Tätigkeit eingeschränkt hatte, forderte drei bis fünf Stunden des Tages von ihm, in denen schon die Vorlesung über Pädagogik inbegriffen war, die er wöchentlich zweimal an der Universität abhielt; fünf zusammenhängende Stunden – das sind fast zwanzigtausend Stunden in einem Jahrzehnt! – waren dem Lesen vorbehalten; zweieinhalb Stunden dienten der ohne Stockung aus dem inneren Gestein seiner Persönlichkeit wie eine klare Quelle fließenden Niederschrift seiner eigenen Arbeiten; die Mahlzeiten beanspruchten täglich eine Stunde für sich; eine Stunde war dem Spaziergang gewidmet und zugleich der Erbauung an großen Fach- und Lebensfragen, während eine andere dem beruflich bedingten Ortswechsel und zugleich dem gewidmet blieb, was Lindner das kleine Nachdenken nannte, der Sammlung des Geistes auf den Gehalt der eben vergangenen und der kommenden Beschäftigung; andere Zeitstücke hinwieder waren, teils ein für allemal, teils im Rahmen der Woche wechselnd, für An- und Auskleiden, Turnen, Briefe, Wirtschaftsangelegenheiten, Behörden und nützliche Geselligkeit vorgesehen. Auch ist es natürlich, daß die Ausführung dieses Lebensplans nicht nur nach seinen großen und strengen Linien erfolgte, sondern noch allerhand Besonderheiten mit sich brachte, wie den Sonntag mit seinen alltäglichen Pflichten, den größeren Überlandspaziergang, der alle vierzehn Tage stattfand, oder das Vollbad, und daß sie auch tägliche Doppeltätigkeiten enthielt, die noch nicht erwähnt werden konnten und zu denen beispielsweise der Umgang Lindners mit seinem Sohn während der Mahlzeiten gehörte, oder beim raschen Ankleiden die Übung des Charakters in der geduldigen Überwindung von unvorhergesehenen Schwierigkeiten.
Charakterübungen solcher Art sind nicht nur möglich, sondern auch überaus nützlich, und Lindner hatte eine ursprüngliche Vorliebe für sie. »In dem Kleinen, was ich recht tue, sehe ich ein Bild von allem Großen, was in der Welt recht getan wird« stand schon bei Goethe zu lesen, und in diesem Sinn kann eine Mahlzeit so gut wie ein Schicksalsauftrag als Pflegestatt der Selbstbeherrschung und Siegesstatt über die Begehrlichkeit dienen; ja an dem allen Überlegungen unzugänglichen Widerstand eines Kragenknopfes vermag der tiefer blickende Sinn geradezu den Umgang mit Kindern zu erlernen. Lindner betrachtete Goethe keineswegs in allem als Vorbild; aber welch köstliche Demut hatte er nicht schon daraus gewonnen, daß er mit Hammerschlägen einen Nagel in die Wand zu treiben versucht hatte, einen zerrissenen Handschuh selbst zu stopfen unternahm oder eine verdorbene Klingel wiederherstellte: schlug er sich dabei auf die Finger oder stach er sich hinein, so wurde der hervorgerufene Schmerz, wenn auch nicht gleich, so doch nach einigen entsetzlichen Sekunden, von der Freude am industriösen Geist der Menschheit überwunden, der sogar in solchen geringfügigen Fertigkeiten und ihrem Erwerbe steckt, wessen sich der Gebildete heute zu seinem allgemeinen Nachteil hochmütig überhoben dünkt! Mit Behagen hatte er dann Goetheschen Geist in sich wiederauferstehen fühlen und es umso mehr genossen, als er sich über des Klassikers praktische Liebhaberei und gelegentliche Freude an besonnener Handfertigkeit dank der Verfahren eines neueren Zeitalters doch auch hinausgehoben fühlte. Lindner war überhaupt frei von Vergötzung des alten Autors, der in einer erst halb aufgeklärten, und darum die Aufklärung überschätzenden, Welt gelebt hat, und nahm sich ihn mehr im liebenswürdig Kleinen zum Vorbild als im Ernsten und Großen, ganz abgesehen von der berüchtigten Sinnlichkeit des verführerischen Ministers.
Seine Verehrung war also sorgfältig abgewogen. Trotzdem machte sich seit einiger Zeit in ihr eine merkwürdige Verdrießlichkeit gelten, die Lindner oftmals zum Nachdenken reizte. Immer schon hatte er geglaubt, eine richtigere Auffassung vom Heldischen zu besitzen als Goethe. Von Scävolas, die ihre Hände ins Feuer stecken, Lukrezien, die sich durchbohren, oder Judithen, die den Bedrängern ihrer Ehre das Haupt abschlagen – »Motiven«, die Goethe jederzeit bedeutsam gefunden hätte, obzwar er sie nicht selbst behandelt hat – hielt Lindner nicht viel; ja er war sogar trotz der Autorität der Klassiker überzeugt, daß diese Männer und Frauen, die für ihre persönlichen Überzeugungen Verbrechen begangen haben, heutigentags nicht sowohl auf den Kothurn als vielmehr in den Gerichtssaal gehörten. Er setzte ihrem Hang zu schweren Körperverletzungen eine »verinnerlichte und soziale« Auffassung des Mutes entgegen. In Gespräch und Gedanke ging er sogar so weit, eine reiflich überlegte Eintragung ins Klassenbuch darüber zu stellen, oder die verantwortliche Erwägung, wie seine Wirtschafterin wegen voreiligen Eifers zu tadeln sei, weil man dabei nicht nur den eigenen Leidenschaften folgen dürfe, sondern auch die Gründe des anderen berücksichtigen müsse. Und wenn er so etwas aussprach, hatte er den Eindruck, in wohlanstehendem Zivilkleid eines späteren Jahrhunderts auf das bombastische moralische Kostüm eines älteren zurückzublicken.
Der Hauch von Lächerlichkeit, der mit solchen Beispielen verbunden war, entging ihm durchaus nicht, aber er nannte ihn das Lachen des Geistespöbels; und er hatte zwei feste Gründe dafür. Erstens behauptete er nicht nur, daß sich jeder Anlaß gleich gut zur Stärkung wie zur Schwächung der menschlichen Natur benutzen lasse; sondern es erschienen ihm Anlässe kleinerer Art sogar zur Kräftigung geeigneter als die großen Gelegenheiten, denn durch die glanzvolle Ausübung der Tugend wird unwillkürlich auch die menschliche Neigung zu Überhebung und Eitelkeit gefördert, wogegen die unscheinbare alltägliche Ausübung schlechthin aus ungewürzter und reiner Tugend besteht. Zweitens aber durfte eine planvolle Bewirtschaftung des moralischen Volksguts (diesen Ausdruck liebte Lindner, neben dem soldatischen Wort »Zucht«, wegen des Bäurischen und zugleich Fabriksneuen, das an ihm ist) auch deshalb die »kleinen Gelegenheiten« nicht verschmähen, weil der gottlose, von »Liberalen und Freimaurern« aufgebrachte Glaube, daß die großen menschlichen Leistungen gleichsam aus einem Nichts hervorgehn, mochte man es auch Genie nennen, schon damals im Veralten war. Das geschärftere Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit ließ den »Helden«, den frühere Zeit zu einer überheblichen Erscheinung gemacht hatte, bereits als einen unermüdlichen Kleinarbeiter erkennen, der sich zum Entdecker durch dauernden Lernfleiß vorbereiten, als Athlet seinen Körper so ängstlich behandeln muß wie ein Opernsänger seine Stimme, und als politischer Volkserneuerer vor unzähligen Versammlungen immer das gleiche zu wiederholen hat. Und davon hatte Goethe – der zeit seines Lebens doch ein bequemer Bürger-Aristokrat geblieben war – noch keine Ahnung gehabt, Lindner aber sah es kommen! Darum war es auch verständlich, daß er Goethens besseres Teil gegen dessen vergängliches in Schutz zu nehmen meinte, wenn er das Bedachtsam-Umgängliche, das jener in so erfreulichem Maße besaß, dem Tragischen vorzog; auch ließe sich wohl vertreten, daß es nicht unüberlegt geschah, wenn er sich aus keinem anderen Grunde, als weil er ein Pedant war, für einen von gefährlichen Leidenschaften bedrohten Menschen hielt.
Wahrhaftig ist es denn auch bald danach eine der beliebtesten menschlichen Möglichkeiten geworden, sich einem »Regime« zu unterwerfen, was mit demselben günstigen Erfolg gegen die Fettleibigkeit angewendet wird wie in der Politik und im geistigen Leben. Dabei werden Geduld, Gehorsam, Regelmäßigkeit, Gleichmut und andere sehr ordentliche Eigenschaften zu Hauptbestandteilen des Menschen im Privatzustand, während alles Ungezügelte, Gewaltsame, Süchtige und Gefährliche, dessen er, als ein Wildromantiker, doch auch nicht entbehren mag, seinen vortrefflichen Sitz im Regime hat. Wahrscheinlich ist diese merkwürdige Neigung, sich einem Regime zu unterwerfen, oder ein anstrengendes, unangenehmes und dürftiges Leben nach den Vorschriften eines Arztes, Sportlehrers oder anderen Tyrannen zu führen, obgleich man es mit ebenso gutem Mißerfolg auch unterlassen könnte, schon ein Ergebnis der Bewegung zum Arbeiter-, Krieger- und Ameisenstaat, dem sich die Welt annähert: aber da lag auch die Grenze, die zu überschreiten Lindner nicht mehr fähig war und an die sein Blick nicht mehr sehend hindrang, weil es ihm sein Goethesches Erbteil verbot. Wohl war seine Frömmigkeit von keiner Art, die sich damit nicht vertragen hätte, überließ er doch das Göttliche Gott, und auch die unverdünnte Heiligkeit den Heiligen; aber er konnte den Gedanken nicht fassen, auf seine Persönlichkeit zu verzichten, und es schwebte ihm als Ideal der Welt eine Gemeinschaft vollverantwortlicher sittlicher Persönlichkeiten vor, die als zivile Gottesstreitmacht zwar wider die Unbeständigkeit der niederen Natur kämpfe und den Alltag zum Heiligtum mache, dieses aber auch mit den großen Werken der Kunst und Wissenschaft schmücke. Hätte jemand seine Tageseinteilung nachgezählt, so wäre ihm darum auch aufgefallen, daß sie in jeder Abwandlung bloß dreiundzwanzig Stunden ergab, es fehlten also noch sechzig Minuten auf einen vollen Tag, und von diesen sechzig Minuten waren vierzig ein für allemal dem Gespräch und liebevollen Eingehn auf die Bestrebungen und die Wesensart anderer Menschen zugedacht, wozu er auch den Besuch von Kunstausstellungen, Konzerten und Vergnügungen rechnete. Er haßte diese Veranstaltungen. Sie verletzten fast jedesmal durch ihren Inhalt sein Gemüt, und nach seinen Begriffen tobte sich in diesen planlosen und überschätzten Erbauungen die berüchtigte Nervenstörung der Gegenwart aus, mit ihren überflüssigen Reizen und ihren echten Leiden, mit ihrer Unersättlichkeit und ihrer Unbeständigkeit, ihrer Neugierde und ihrem unvermeidlichen Sittenverfall. Er lächelte sogar erschüttert in seinen dünnen Bart, wenn er bei solchen Anlässen »Männlein und Weiblein« mit erhitzten Wangen der Kultur götzendienern sah. Sie wußten nicht, daß die Lebenskraft durch Einengung gesteigert wird, und nicht durch Zersplitterung. Sie litten alle unter der Angst, keine Zeit für alles zu haben, und wußten nicht, daß Zeit haben nichts anderes heißt, als keine Zeit für alles zu haben. Lindner hatte erkannt, daß die schlechte Nervenverfassung nicht von der Arbeit und ihrer Eile komme, die man in diesem Zeitalter anschuldige, sondern, im Gegenteil, von der Kultur und Humanität ausgehe, von den Ruhepausen, der Unterbrechung der Arbeit, den freigelassenen Minuten, wo der Mensch sich selbst leben möchte und etwas sucht, das er für schön halten könnte oder für ein Vergnügen oder für wichtig: diese Minuten sind es, aus denen die Miasmen der Ungeduld, des Unglücks und der Sinnlosigkeit aufsteigen. So empfand er, und wäre es nach ihm gegangen, das heißt, nach den Gesichten, die er in solchen Augenblicken hatte, so hätte er alle diese Kunststätten mit eisernem Besen ausgekehrt, und es hätten Feste der Arbeit und Erbauung, kurz angebunden an das tägliche Tun, die Stelle jener angeblichen Geistesereignisse eingenommen; es wäre eigentlich nichts zu tun gewesen, als von einem ganzen Zeitalter wenige Minuten täglich fortzunehmen, die ihr krankes Dasein einer falsch verstandenen Liberalität verdanken. Aber es ernsthaft und öffentlich und anders als in einigen Anspielungen zu vertreten, dazu hatte er nie die Entschiedenheit aufgebracht.
Und Lindner blickte plötzlich auf, denn er fuhr während dieser Gedankenträume ja noch immer mit der Straßenbahn, und fühlte sich gereizt und beklommen, wie es von Unentschlossenheit und Verhindertsein kommt, und hatte für einen Augenblick den verworrenen Eindruck, die ganze Zeit über an Agathe gedacht zu haben. Es geschah ihr auch die Ehre, daß ein Unwille, der arglos als Freude an Goethe begonnen hatte, nun mit ihr verschmolz, obwohl kein Grund dafür zu erkennen war. Gewohnheitsmäßig ermahnte sich darum Lindner selbst: »Widme einen Teil deiner Einsamkeit dem ruhigen Nachdenken über deinen Nächsten, zumal wenn du nicht mit ihm übereinstimmen solltest; vielleicht wirst du dann, was dich abstößt, besser verstehen und benutzen lernen und wirst seine Schwäche zu schonen und seine Tugend zu ermutigen wissen, die möglicherweise bloß eingeschüchtert ist!« flüsterte er mit stummen Lippen. Es war einer der Kernsätze, die er gegen das fragwürdige Treiben der sogenannten Kultur geprägt hatte und in denen er gewöhnlich die Gelassenheit fand, dieses zu ertragen; aber der Erfolg blieb aus, und Gerechtigkeit war offenbar nicht das, was ihm diesmal fehlte. Er zog die Uhr. Es bestätigte sich, daß er Agathe mehr Zeit geschenkt hatte, als ihm gegeben war. Aber er hätte es nicht tun können, wenn in seinem Tagesplan nicht restliche zwanzig Minuten für unvermeidliche Zeitverluste vorgesehen gewesen wären; und es zeigte sich, daß ihm von diesem Verlustkonto, diesem Notvorrat an Zeit, dessen kostbare Tropfen das vermittelnde Öl in seinem Tagwerk waren, selbst an diesem ungewöhnlichen Tag noch zehn Minuten übrig sein würden, wenn er sein Haus betreten werde. Wuchs dadurch sein Mut? Es fiel ihm ein anderer seiner Lebenssprüche ein, schon zum zweitenmal heute: »Je unerschütterlicher die Geduld in dir wird,« sagte Lindner zu Lindner »desto sicherer wirst du den andern ins Herz treffen!« Und ins Herz zu treffen, das bereitete ihm ein Vergnügen, das auch dem Heldischen seiner Natur entsprach; daß so Getroffene niemals zurückschlagen, spielte dabei keine Rolle.

41.
Die Geschwister am nächsten Morgen

Auf diesen Mann kamen nun Ulrich und seine Schwester abermals zu sprechen, als sie sich am Morgen nach dem plötzlichen Verschwinden Agathes aus der Gesellschaft bei ihrer Kusine von neuem sahen. Tags zuvor hatte auch Ulrich bald nach ihr die streitbar angeregte Versammlung verlassen, war aber nicht mehr dazugekommen, sie zu fragen, warum sie ihm auf und davon gegangen wäre; denn sie hatte sich eingeschlossen und entweder schon geschlafen oder mit Absicht die leise Frage des Lauschenden, ob sie noch wache, ohne Antwort gelassen. So schloß der Tag, wo sie dem wunderlichen Fremden begegnet war, ebenso launenhaft ab, wie er begonnen hatte. Auch am nächsten Tag war keine Auskunft von ihr zu erlangen. Ihre wirklichen Empfindungen kannte sie selbst nicht. Wenn sie an den bei ihr eingedrungenen Brief ihres Ehemanns dachte, den sie sich ein zweites Mal zu lesen nicht überwinden konnte, obwohl sie ihn von Zeit zu Zeit neben sich liegen sah, so erschien es ihr unglaubwürdig, daß seit seinem Empfang kaum ein Tag vergangen sein solle; so oft hatte sie inzwischen ihren Zustand gewechselt. Manchmal dünkte sie, daß auf diesen Brief wahrhaftig das Schauerwort: Gespenster der Vergangenheit angewandt werden müßte; trotzdem fürchtete sie sich auch wirklich vor ihm. Und zuweilen erregte er in ihr bloß ein kleines Unbehagen, das auch der unverhoffte Anblick einer stehengebliebenen Uhr erregen könnte; zuweilen aber versetzte es sie in unfruchtbares Nachdenken, daß die Welt, aus der er kam, den Anspruch hatte, die wirkliche für sie zu sein. Was sie innen nicht einmal leise berührte, umgab sie außen unabsehbar und hielt dort noch immer zusammen. Unwillkürlich verglich sie damit, was sich zwischen ihr und ihrem Bruder seit dem Eintreffen dieses Schreibens ereignet hatte. Das waren vor allem Gespräche, und obwohl eines von diesen sie sogar dazu gebracht hatte, an Selbstmord zu denken, war sein Inhalt vergessen, wenn auch wahrscheinlich noch auferstehensbereit und nicht verschmerzt. Es hatte also eigentlich auch wenig zu bedeuten, worüber ein Gespräch geführt wurde, und ihr herzergreifendes jetziges Leben gegen den Brief abwägend, empfing sie den Eindruck einer tiefen, beständigen, unvergleichlichen, aber machtlosen Bewegung. Sie fühlte sich von alledem an diesem Morgen teils matt und ernüchtert, teils zärtlich und unruhig, wie es ein Fiebernder nach dem Sinken der Temperatur ist.
In diesem Zustand von lebendiger Hilflosigkeit sagte sie plötzlich: »So teilzunehmen, daß man selbst erlebt, wie einem andren zumute ist, muß unbeschreiblich schwer sein!« Zu ihrer Überraschung entgegnete Ulrich sogleich: »Es gibt Menschen, die sich einbilden, es zu können.« Er sagte es ungelaunt und anzüglich und hatte sie nur halb verstanden. Bei ihren Worten wich etwas zur Seite und gab einem Ärger Raum, der tags zuvor zurückgeblieben war. Damit war unerachtet dessen, daß er ihn verächtlich finden sollte, diese Aussprache fürs erste zu Ende.
Der Morgen hatte einen Regentag gebracht und die Geschwister in ihrem Hause eingeschlossen. Die Blätter der Bäume glänzten öde vor den Fenstern wie nasses Linoleum; der Fahrdamm hinter den Lücken des Laubs spiegelte wie ein Gummischuh. Die Augen mochten den nassen Anblick kaum anfassen. Agathe bereute ihre Bemerkung und wußte nicht mehr, warum sie sie getan hatte. Sie seufzte und begann von neuem. »Die Welt erinnert heute an unsere Kinderzimmer.« Sie spielte damit auf die kahlen Oberstuben in ihres Vaters Haus an, mit denen sie beide ein verwundertes Wiedersehen gefeiert hatten. Das mochte weit hergeholt sein; aber sie fügte hinzu: »Es ist die erste Traurigkeit des Menschen inmitten seines Spielzeugs, die immer wiederkehrt!«
Unwillkürlich war die Erwartung nach dem ausdauernd guten Wetter der letzten Zeit wieder auf einen schönen Tag gerichtet gewesen und erfüllte darum den Sinn mit versagter Lust und ungeduldiger Schwermut. Ulrich blickte jetzt auch zum Fenster hinaus. Hinter der grauen, rinnenden Wasserwand gaukelten unausgeführte Entwürfe von Ausflügen, freies Grün und endlose Welt; und vielleicht geisterte dahinter auch der Wunsch, einmal allein zu sein und sich wieder frei nach allen Seiten zu regen, dessen süßer Schmerz die Passionsgeschichte und auch schon die Wiederauferstehung der Liebe ist. Er wandte sich, irgend etwas davon noch im Ausdruck des Gesichts und Körpers, zu seiner Schwester um und beinahe heftig fragte er sie: »Ich gehöre wohl nicht zu den Menschen, die auf andere teilnehmend eingehen können?«
»Nein, wirklich nicht!« erwiderte sie und lächelte ihn an.
»Aber gerade, was solche Menschen sich einbilden,« fuhr er fort, denn erst jetzt hatte er verstanden, wie ernst ihre Worte gemeint waren, »daß man miteinander leiden könnte, vermögen sie so wenig wie irgendwer. Sie haben gerade nur die Geschicklichkeit von Krankenschwestern, daß sie erraten, was ein Bedürftiger gerne hört –« fuhr er fort. Nun war der Ärger nicht mehr verächtlich.
»Also müssen sie doch wissen, was ihm wohltut« wandte Agathe ein.
»Durchaus nicht!« wiederholte Ulrich hartnäckiger. »Wahrscheinlich trösten sie überhaupt nur dadurch, daß sie reden: wer viel redet, entlädt das Leid des andern tropfenweise, wie ein Regen die Elektrizität einer Wolke. Das ist die bekannte Milderung eines jeden Kummers durch das Mittel der Aussprache!«
Agathe schwieg.
»Solche Menschen wie dein neuer Freund« meinte Ulrich nun unbefangen »wirken vielleicht auch, wie es manche Hustenmittel tun: sie beseitigen nicht den Katarrh, aber sie lindern seinen Reiz, und dann heilt er oft von selbst aus!«
Er hätte unter allen anderen Umständen die Zustimmung seiner Schwester erwarten dürfen, aber die seit gestern wunderlich gesonnene Agathe mit ihrer plötzlichen Schwäche für einen Mann, dessen Wert Ulrich bezweifelte, lächelte unnachgiebig und spielte mit ihren Fingern. Ulrich sprang auf und sagte eindringlich: »Aber ich kenne ihn doch, wenn auch nur flüchtig; ich habe ihn einigemal reden hören!«
»Du hast ihn sogar einen ›faden Esel‹ genannt« schaltete Agathe ein.
»Und warum nicht!?« verteidigte es Ulrich.
»Menschen wie der wissen noch weniger als irgendwer mit einem andern zu fühlen! Sie wissen nicht einmal, was es bedeutet. Sie fühlen einfach die Schwierigkeit, die ungeheuerliche Zweifelhaftigkeit dieses Anspruches nicht!«
Da fragte Agathe mit beinahe leidenschaftlichem Nachdruck: »Weshalb erscheint dir denn der Anspruch zweifelhaft?«
Nun schwieg Ulrich. Er zündete sich sogar eine Zigarette an, um zu bekräftigen, daß er darauf nicht antworten werde, hatten sie doch tags zuvor genug darüber gesprochen! Auch Agathe wußte das. Sie wollte keine neue Erklärung herausfordern. Diese Erklärungen waren so bezaubernd und so vernichtend, wie in den Himmel zu schaun, wenn darin graue, rosa und gelbe Städte aus Wolkenmarmor zu sehen sind. Sie dachte: »Wie schön wäre es, wenn er nichts sagte als: ›Ich will dich lieben wie mich selbst, und dich kann ich eher so lieben als alle anderen Frauen, weil du meine Schwester bist!‹« Und weil er es nicht sagen wollte, nahm sie eine kleine Schere und schnitt sorgfältig einen Faden ab, der irgendwo hervorragte, so als wäre es augenblicklich auf der ganzen Welt das einzige, was ihre volle Aufmerksamkeit verdiene. Ulrich sah dem mit der gleichen Aufmerksamkeit zu. Sie war in diesem Augenblick allen seinen Sinnen verführerischer denn je gegenwärtig, und etwas von dem, was sie verbarg, erriet er, wenn auch nicht alles. Denn sie hatte indessen Zeit zu dem Beschluß: wenn Ulrich vergessen könne, daß sie den fremden Mann selbst auslache, der sich anmaßte, hier helfen zu können, solle er es jetzt auch nicht von ihr erfahren. Und außerdem hatte sie doch auch ein erwartungsvolles Vorgefühl von Lindner. Sie kannte ihn nicht. Aber daß er ihr selbstlos und überzeugt seine Hilfe anbot, mußte ihr wohl Vertrauen eingeflößt haben, denn eine frohe Tonart des Herzens, harter Posaunenklang von Wille, Zuversicht und Stolz, ihrem eigenen Zustand wohltätig entgegengesetzt, schienen sie hinter aller Komik des Falls erfrischend anzublasen. »Mögen Schwierigkeiten noch so groß sein, sie bedeuten nichts, wenn man ernstlich will!« dachte sie und wurde dabei unversehens von Reue erfaßt, sodaß sie nun das Schweigen ungefähr so brach, wie eine Blume gebrochen wird, damit sich zwei Köpfe darüber beugen können, und ihrer ersten Frage die zweite hinzufügte: »Erinnerst du dich denn noch, daß du immer gesagt hast, liebe den Nächsten, ist von einer Pflicht so verschieden wie ein aus der Seligkeit kommender Wolkenbruch von einem Tropfen Zufriedenheit?«
Sie staunte über die Heftigkeit, mit der Ulrich ihr antwortete: »Die Ironie meines Zustands ist mir nicht unbekannt. Seit gestern, und wahrscheinlich immer, habe ich nichts getan, als ein Heer aufzustellen von Gründen dafür, daß diese Liebe zu diesem Nächsten nicht ein Glück sei, sondern eine ungeheuer großartige, halb unlösbare Aufgabe! Nichts könnte also begreiflicher sein, als daß du Schutz davor bei einem Menschen suchtest, der von alledem keine Ahnung hat, und ich an deiner Stelle täte es auch!«
»Aber es ist doch gar nicht wahr, daß ich es tue!« versetzte Agathe kurz.
Ulrich konnte nicht umhin, ihr einen so dankbaren wie mißtrauischen Blick zuzuwerfen: »Es stünde kaum dafür, daß man davon redete« versicherte er. »Ich habe es eigentlich auch nicht tun wollen.« Er zauderte einen Augenblick und fuhr fort: »Aber sieh, wenn man schon einen anderen lieben muß wie sich selbst, und liebt ihn noch so sehr, bleibt es doch eigentlich Betrug und Selbstbetrug, weil man einfach nicht mitfühlen kann, wie ihn der Kopf schmerzt oder der Finger. Es ist etwas völlig Unerträgliches, daß man an einem Menschen, den man liebt, nicht wirklich teilnehmen kann, und es ist etwas völlig Einfaches. So ist die Welt eingerichtet. Wir tragen unser Tierfell mit den Haaren nach innen und können es nicht ausstreifen. Und diesen Schreck in der Zärtlichkeit, diesen Albtraum der steckenbleibenden Annäherung, den erleben die regelrecht guten, die ›kurz und guten‹ Menschen nie. Was sie ihr Mitgefühl nennen, ist sogar ein Ersatz dafür, der zu verhindern hat, daß sie etwas vermissen!«
Agathe vergaß, daß sie soeben etwas gesagt hatte, das einer Lüge so ähnlich war wie keiner Lüge. Sie sah, daß in Ulrichs Worten die Enttäuschung von der Vision eines Aneinander-Teilhabens durchleuchtet war, vor der die gewöhnlichen Beweise der Liebe, Güte und Teilnahme ihre Bedeutung verloren; und sie verstand, daß er darum von der Welt öfter als von sich sprach, denn man mußte sich wohl mitsamt der Wirklichkeit ausheben wie eine Tür aus der Angel, wenn das mehr als eitel Träumerei sein sollte. In diesem Augenblick war sie weit weg von dem Mann mit dem schütteren Bart und der schüchternen Strenge, der ihr wohltun wollte. Sie vermochte es aber nicht zu sagen. Sie sah Ulrich bloß an, dann sah sie weg, ohne zu sprechen. Dann tat sie irgend etwas, dann sahen sie einander wieder an. Das Schweigen machte nach kürzester Zeit den Eindruck, daß es schon Stunden währe.
Der Traum, zwei Menschen zu sein und einer –: in Wahrheit war die Wirkung dieser Erdichtung in manchen Augenblicken der eines über die Grenzen der Nacht getretenen Traumes nicht unähnlich, und auch jetzt schwebte sie zwischen Glaube und Leugnung in einem solchen Gefühlszustand, daran die Vernunft nichts mehr zu bestellen hatte. Es war erst die unbeeinflußbare Beschaffenheit der Körper, wovon das Gefühl in die Wirklichkeit zurückgewiesen wurde. Diese Körper breiteten vor dem suchenden Blick ihr Sein, da sie einander doch liebten, zu Überraschungen und Entzückungen aus, die sich erneuten wie ein in den Strömen des Begehrens schwebendes Pfauenrad; aber sobald der Blick nicht bloß an den hundert Augen des Schauspiels hing, das die Liebe der Liebe gibt, sondern zu dem Wesen einzudringen versuchte, das dahinter dachte und fühlte, verwandelten sich diese Körper in grausame Kerker. Es fand sich wieder einer vor dem andern, wie schon so oft zuvor, und wußte nichts zu sagen, weil zu allem, was die Sehnsucht alsdann noch zu sagen oder zu wiederholen gehabt hätte, eine allzuweit hinübergebeugte Bewegung gehörte, für die es keinen Stand und Boden gab.
Und nicht lange, so wurden darüber unwillkürlich auch die körperlichen Bewegungen langsamer und erstarrten. Vor den Fenstern erfüllte noch immer der Regen die Luft mit seinem zuckenden Vorhang aus Tropfen und den einschläfernden Geräuschen, durch deren Eintönigkeit die himmelhohe Öde herabfloß. Es schien Agathe Jahrhunderte her zu sein, daß ihr Körper einsam sei; und die Zeit rann, als rinne sie mit dem Wasser vom Himmel. Im Zimmer war jetzt ein Licht wie ein ausgehöhlter Silberwürfel. Blaue, süßliche Schärpen von Rauch achtlos verbrennender Zigaretten umschlangen sie und Ulrich. Sie wußte nicht mehr, ob sie bis ins Innerste empfindlich und zärtlich sei oder ungeduldig und schlecht auf ihren Bruder zu sprechen, dessen Ausdauer sie bewunderte. Sie suchte sein Auge und fand es erstarrt wie zwei Monde in dieser unsicheren Atmosphäre schweben. Und in demselben Augenblick geschah ihr nun, was nicht aus ihrem Willen zu kommen schien, sondern von außen, daß das quellende Wasser vor den Fenstern plötzlich fleischig wurde wie eine aufgeschnittene Frucht und seine schwellende Weichheit zwischen sie und Ulrich drängte. Vielleicht schämte sie sich oder haßte sich deswegen sogar ein wenig, aber eine völlig sinnliche Ausgelassenheit – und gar nicht nur, was man Entfesseln der Sinne nennt, sondern auch, ja weit eher, ein freiwilliges und freies Ablassen der Sinne von der Welt! – begann sich ihrer zu bemächtigen; und sie konnte dem gerade noch zuvorkommen, und es vor Ulrich sogar verbergen, indem sie mit der schnellsten aller Ausreden, daß sie etwas zu besorgen vergessen hätte, aufsprang und das Zimmer verließ.

42.
Auf der Himmelsleiter in eine fremde Wohnung

Kaum war das vollbracht, faßte sie aber den Beschluß, daß sie den sonderbaren Mann aufsuchen werde, der ihr seine Hilfe angeboten hatte, und schritt sogleich an die Ausführung. Sie wollte ihm gestehen, daß sie nicht mehr wisse, was sie mit sich beginnen solle. Sie hatte keine deutliche Vorstellung von ihm; ein Mensch, den man unter Tränen gesehen hat, die in seiner Gesellschaft auftrockneten, wird nicht leicht jemand so erscheinen, wie er wirklich ist. Darum dachte sie unterwegs über ihn nach. Sie glaubte nüchtern nachzudenken; aber in Wahrheit geschah es noch ganz phantastisch. Sie eilte durch die Straßen und trug vor ihren Augen das Licht aus ihres Bruders Zimmer. Rechtes Licht sei es aber gar nicht gewesen, überlegte sie; eher mochte sie sagen, daß alle Dinge in dem Zimmer plötzlich die Fassung verloren hätten, oder eine Art von Verstand, der sonst wohl an ihnen sein mußte. Sollte es aber so sein, daß bloß sie selbst die Fassung verloren hätte, oder ihren Verstand, so wäre das auch nicht nur auf sie beschränkt gewesen, denn es hatte doch auch in den Dingen eine Befreiung erweckt, worin es sich von Wundern regte. »Im nächsten Augenblick hätte es uns aus den Kleidern geschält wie ein silbernes Messer, ohne daß wir auch nur einen Finger wirklich gerührt hätten!« dachte sie.
Allmählich beruhigte sie sich aber jetzt an dem Regen, der ihr harmloses, graues Wasser prasselnd auf Hut und Mantel schüttete, und ihre Gedanken nahmen eine gemäßigtere Art an. Vielleicht half auch die einfache, in Eile übergeworfene Kleidung dabei mit, denn sie lenkte ihre Erinnerung auf schirmlose Schulmädelwege und unschuldige Zustände zurück. Die Wandernde entsann sich sogar unerwartet einer arglosen Sommerszeit, die sie mit einer Freundin und deren Eltern auf einer kleinen Insel im Norden verbracht hatte: dort hatten sie zwischen der harten Herrlichkeit von Himmel und Meer einen Nistplatz der Seevögel entdeckt, eine Mulde voll von weißen, weichen Vogelfedern. Und nun wußte sie es: der Mann, zu dem es sie hinzog, erinnerte sie an diesen Nistplatz. Die Vorstellung freute sie. Allerdings hätte sie es sich zu jener Zeit, angesichts der strengen Aufrichtigkeit, die zum Bedürfnis der Jugend nach Erfahrung gehört, wohl kaum durchgehen lassen, daß sie sich dermaßen unlogisch, ja eben jugendlich-unreif, wie sie es jetzt mit Fleiß geschehen ließ, bei der Vorstellung des Weichen und Weißen einem überirdischen Grausen überlasse. Dieses Grausen galt Professor Lindner; aber auch das Überirdische galt ihm.
Die Ahnung voll Gewißheit, es stehe alles, was ihr begegne, in märchenhafter Verbindung mit etwas Verborgenem, war ihr aus allen erregten Zeiten ihres Lebens bekannt; sie spürte es als eine Nähe, fühlte es hinter sich und hatte die Neigung, auf die Stunde des Wunders zu warten, wo sie nichts zu tun hätte, als die Augen zu schließen und sich zurückzulehnen. Ulrich aber sah in überirdischen Träumereien keine Hilfe, und seine Aufmerksamkeit schien meistens davon in Anspruch genommen zu sein, den überirdischen Inhalt unendlich langsam in einen irdischen zu verwandeln. Agathe erkannte darin den Grund, warum sie ihn binnen vierundzwanzig Stunden jetzt schon zum drittenmal verlassen hatte, fliehend in der wirren Erwartung von etwas, das sie in Obhut nehmen und von den Mühsalen, oder auch nur von der Ungeduld ihrer Leidenschaften ausruhen lassen sollte. Sobald sie sich dann beruhigte, war sie wieder selbst an seiner Seite und sah alle Heilsmöglichkeit in dem, was er sie lehrte; und auch jetzt hielt dies eine Weile an. Als sich ihr aber die Erinnerung an das, was zu Hause »beinahe« geschehen wäre – und eben doch nicht geschah! – wieder lebhafter aufdrängte, war sie auch wieder bis ins Innerste ratlos. Bald wollte sie sich nun einreden, daß ihnen der unendliche Bereich des Unvorstellbaren zu Hilfe gekommen wäre, wenn sie noch einen Augenblick ausgeharrt hätten; bald warf sie sich vor, daß sie nicht abgewartet habe, was Ulrich tun werde; schließlich aber träumte sie davon, daß es das Richtigste gewesen wäre, einfach der Liebe nachzugeben und auf der schwindlichten Himmelsleiter, die sie hinanstiegen, der überforderten Natur eine Ruhestufe einzuräumen. Doch da kam sie sich, kaum war dieses Zugeständnis gemacht, wie eines der unfähigen Märchengeschöpfe vor, die nicht an sich halten können und in ihrer weibischen Schwäche vor der Zeit das Schweigen oder ein anderes Gelübde brechen, worauf alles unter Donner zusammenfällt.
Richtete sich jetzt ihre Erwartung wieder auf den Mann, der sie Rat finden lassen sollte, so hatte er nicht nur die großen Vorteile für sich, die der Ordnung, der Gewißheit, der gütigen Strenge und einem zusammengenommenen Betragen vor einer unartig verzweifelten Aufführung verliehen sind; sondern es war diesem Unbekannten auch die besondere Auszeichnung zu eigen, daß er gefühllos und gewiß von Gott sprach, als verkehre er täglich in dessen Hause und könne zu verstehen geben, daß man dort alles verachte, was bloß Leidenschaft und Einbildung sei. Was mochte ihr also bei ihm bevorstehen? Als sie sich diese Frage stellte, drückte sie den Fuß heftiger im Lauf an den Boden und atmete die Kälte des Regens ein, damit sie ganz nüchtern werde; und da wurde ihr denn recht wahrscheinlich, daß Ulrich, wenn er auch einseitig über Lindner urteile, es doch richtiger tue als sie, denn vor den Gesprächen mit ihm, als ihr Eindruck von jenem noch ursprünglich war, hatte sie selbst auch recht spöttisch von dem Guten gedacht. Sie wunderte sich über ihre Füße, die sie dennoch zu ihm trugen, und nahm sogar einen in der gleichen Richtung fahrenden Stellwagen, damit es schneller vonstatten gehe.
Zwischen Menschen geschüttelt, die wie grobe nasse Wäschestücke waren, hatte sie es schwer, ihr inneres Gespinst ganz zu erhalten, aber sie stand mit erbittertem Gesicht und schützte es vor dem Zerreißen. Sie wollte es heil zu Lindner bringen. Sie verkleinerte es sogar. Ihr ganzes Verhältnis zu Gott, wenn dieser Name denn schon auf eine solche Abenteuerlichkeit angewandt werden sollte, beschränkte sich darauf, daß ein Zwielicht jedesmal vor ihr aufging, wenn das Leben zu bedrückend und widerwärtig oder, was das Neue war, zu schön wurde. Da hinein rannte sie dann suchend. Das war alles, was sie ehrlich davon zu sagen wußte. Und ein Ergebnis hätte es nie gehabt. So sagte sie sich unter Stößen. Und dabei bemerkte sie, daß sie jetzt eigentlich auch recht neugierig darauf war, wie sich ihr Unbekannter aus diesem Geschäft ziehen werde, das ihm gleichsam in Stellvertretung Gottes anvertraut wurde; mußte er doch zu solchem Behuf von dem großen Unzugänglichen auch etwas Allwissenheit abbekommen haben, weil sie sich unterdes, eingeklemmt zwischen allerhand Menschen, fest vorgenommen hatte, ihm um keinen Preis gleich ein volles Geständnis abzulegen. Als sie ausstieg, entdeckte sie aber merkwürdigerweise die tief versteckte Überzeugung in sich, daß es diesmal anders kommen werde als sonst und daß sie entschlossen sei, auch auf eigene Faust das ganz Unfaßbare aus dem Zwielicht ans Licht zu holen. Vielleicht hätte sie dieses übertreibende Wort rasch wieder ausgelöscht, wenn es ihr überhaupt zu Bewußtsein gekommen wäre; aber dort war an der Stelle kein Wort, sondern bloß ein überraschtes Gefühl, das ihr Blut emporwirbelte, als wäre es Feuer.
Der Mann, auf den so leidenschaftliche Gefühle und Einbildungen unterwegs waren, saß indessen in Gesellschaft seines Sohnes Peter bei der Mittagsmahlzeit, die von ihm, einer guten Regel älterer Zeiten folgend, noch zur wirklichen Mittagsstunde eingenommen wurde. In seiner Umgebung gab es keinen Luxus oder, wie man in deutscher Sprache besser sagt, keinen Überfluß; denn das deutsche Wort eröffnet uns den Sinn, den das fremdländische verschließt. So hat auch Luxus die Bedeutung des Überflüssigen und Entbehrlichen, das müßiger Reichtum ansammeln mag; Überfluß dagegen ist nicht sowohl überflüssig, und insofern gleichbedeutend mit Luxus, als vielmehr auch überfließend und bedeutet dann eine leicht über den Rahmen schwellende Polsterung des Daseins oder jene überschüssige Bequemlichkeit und Weitherzigkeit des europäischen Lebens, die nur den ganz Armen fehlt. Lindner unterschied diese zwei Begriffe des Luxus, und ebensosehr Luxus im ersten seiner Wohnung fehlte, war er im zweiten Begriff darin vorhanden. Schon wenn sich die Eingangstür öffnete und den mäßig großen Vorraum darbot, empfing man diesen eigentümlichen Eindruck, von dem nicht zu sagen war, wovon er kam. Sah man sich dann um, so fehlte keine der Einrichtungen, die dazu geschaffen sind, dem Menschen durch eine nützliche Erfindung zu dienen: Ein Schirmständer, aus Blech gelötet und mit Email bemalt, sorgte für den Regenschirm. Ein Laufteppich mit derben Fasern nahm den Schuhen den Schmutz ab, den die Abstreifbürste noch daran gelassen haben mochte. In einer Tasche an der Wand staken zwei Kleiderbürsten, und auch der Rechen zum Aufhängen der Überkleidung fehlte nicht. Eine Glühbirne erhellte den Raum, sogar ein Spiegel war vorhanden, und alle diese Geräte waren aufs beste gewartet und wurden rechtzeitig erneuert, wenn sie Schaden nahmen. Aber die Glühbirne hatte die geringste Lichtstärke, bei der man gerade noch etwas ausnehmen kann; der Kleiderrechen hatte bloß drei Haken; der Spiegel faßte bloß vier Fünftel eines Erwachsenengesichts; und die Dicke wie die Güte des Teppichs waren gerade so groß, daß man noch den Fußboden hindurchspürte und nicht in Weichheit versank: Mag es übrigens vergeblich sein, durch solche Einzelheiten den Geist der Örtlichkeit zu beschreiben, so brauchte man doch bloß einzutreten und empfand ihn im ganzen als etwas eigentümlich Anwehendes, das nicht streng und nicht lässig, nicht wohlhabend und nicht arm, nicht würzig und nicht geschmacklos, sondern eben etwas so bejahend aus zwei Verneinungen Hervorgehendes war, wie es sich am besten durch das Wort: Mangel an Verschwendung ausdrücken läßt. Das schloß aber, wenn man die inneren Räume betrat, ein Gefühl für Schönheit, ja sogar das des Behagens keineswegs aus, die sich allenthalben bemerken ließen. An den Wänden hingen gerahmte Prachtstiche, das Fenster neben Lindners Schreibtisch war durch ein buntes Schaustück aus Glas geziert, das einen Ritter darstellte, der mit spröder Bewegung eine Jungfrau von einem Drachen befreite, und in der Wahl einiger bemalter Vasen, die schöne Papierblumen enthielten, in der Anschaffung eines Aschenbechers durch den Nichtraucher, sowie in den vielen Kleinigkeiten, durch die gleichsam ein Sonnenstrahl in den ernsten Pflichtkreis fällt, den die Erhaltung und Betreuung eines Hauswesens darstellt, hatte Lindner gerne einen freien Geschmack walten lassen. Immerhin drang überall die zwölfkantige Strenge der Zimmerform gerade noch durch alles hindurch wie eine Erinnerung an die Härte des Lebens, deren man auch in der Annehmlichkeit nicht vergessen soll; und selbst dort, wo, aus vergangenen Zeiten herrührend, noch etwas weiblich Undiszipliniertes, ein Kreuzstichdeckchen, ein Polster mit Rosen oder ein Unterröckchen von Lampenschirm, diese Einheitlichkeit durchbrach, war sie stark genug, das schwelgerische Element daran zu hindern, daß es ganz aus ihrem Rahmen falle.
Trotzdem war Lindner an diesem Tag, und nicht zum erstenmal seit dem gestrigen Tage, beinahe um eine Viertelstunde zu spät zur Mahlzeit erschienen. Der Tisch war gedeckt; die Teller, je drei vor jedem der beiden Plätze aufeinandergestellt, sahen ihn mit dem runden Blick des Vorwurfs an; die Messerbänkchen aus Glas, auf denen Messer, Löffel und Gabel wie Kanonenrohre von der Lafette starrten, und die eingerollten Servietten in ihren Ringen waren aufmarschiert wie eine Armee, die ihr General im Stich gelassen hat. Lindner hatte flüchtig die Post zu sich gesteckt, die er sonst vor dem Essen zu öffnen pflegte, war schlechten Gewissens ins Speisezimmer geeilt und wußte nun in seiner Befangenheit nicht, was ihm dort eigentlich zustieß – es mochte wohl etwas Ähnliches wie Mißtrauen sein, da im gleichen Augenblick von der anderen Seite, und ebenso eilig wie er, sein Sohn Peter eintrat, als hätte er dazu bloß auf den Vater gewartet.

43.
Der Tugut und der Tunichtgut

Peter war ein recht beträchtlicher, ungefähr siebzehnjähriger Bursche, in dem sich die abschüssige Größe Lindners mit einer breiteren Körperlichkeit durchdrungen und verkürzt hatte; er reichte seinem Vater nur an die Schultern, aber sein Kopf, der einer großen eckig-runden großen Kegelkugel glich, saß auf einem Nacken von strammem Fleisch, dessen Umfang für einen Oberschenkel von Papa ausgereicht hätte. Peter hatte statt in der Schule auf einem Fußballplatz geweilt und unseligerweise am Heimweg ein Mädchen angesprochen, dem seine männliche Schönheit das halbe Versprechen eines Wiedersehens abrang: dadurch in Verspätung, hatte er sich heimlich in die Wohnung und an die Tür des Speisezimmers geschlichen, unschlüssig bis zum letzten Augenblick, wie er sich ausreden werde, hatte aber zu seiner Überraschung niemand im Zimmer gehört, war hineingestürzt, und gerade im Begriff, die gelangweilte Miene langen Wartens aufzusetzen, wurde er jetzt sehr verlegen, als er mit seinem Vater zusammenprallte. Sein rotes Gesicht überzog sich mit noch röteren Flecken, er ließ augenblicklich einen großen Wortschwall los und schielte seinen Vater ängstlich an, wenn er glaubte, daß dieser es nicht bemerke, wogegen er sein Auge furchtlos in das väterliche springen ließ, wenn er es auf sich gerichtet fühlte. Das war ein wohlberechnetes und oft erprobtes Verhalten, das die Aufgabe erfüllte, den Eindruck eines bis zur Unklugheit offenen und unbeherrschten jungen Mannes zu erwecken, der alles imstande sein könnte, bloß das eine nicht, etwas zu verbergen. Aber wenn das nicht genügte, so schreckte Peter auch nicht davor zurück, sich scheinbar versehentlich unehrerbietige oder andre seinem Vater mißliebige Worte entschlüpfen zu lassen, die dann wie Spitzen wirkten, die den Blitz anzogen und von gefährlicheren Bahnen ablenkten. Denn Peter fürchtete seinen Vater wie die Hölle den Himmel, mit dem Ehrgefühl des schmorenden Fleisches, auf das der Geist hinabblickt. Er liebte das Fußballspiel, und selbst dabei liebte er es mehr, mit sachkundiger Miene zuzusehn und gewichtige Urteile zu fällen, als sich selbst anzustrengen. Er hatte vor, Flieger zu werden und eines Tags Heldentaten zu vollbringen; er stellte es sich aber nicht als ein Ziel vor, für das man arbeiten müsse, sondern als eine persönliche Anlage, wie eben Wesen, zu denen das gehört, eines Tags fliegen können. Auch daß seine Abneigung zu arbeiten in Widerspruch zu den Lehren der Schule stehe, beeinflußte ihn nicht: Dieser Sohn eines anerkannten Pädagogen legte überhaupt keinen Wert darauf, von seinen Lehrern geachtet zu werden; es genügte ihm, körperlich der Stärkste in seiner Klasse zu sein, und wenn ihm ein Mitschüler zu gescheit vorkam, so war er bereit, durch einen Fausthieb gegen Nase oder Magen das Verhältnis wieder erträglich zu gestalten. Bekanntlich kann man auch auf diese Weise ein geachtetes Dasein führen, und sein Verfahren hatte bloß den einen Nachteil, daß er es zu Hause gegen seinen Vater nicht anwenden konnte, ja daß dieser davon möglichst wenig erfahren durfte. Denn vor dieser geistigen Autorität, die ihn erzogen hatte und sanft umklammert hielt, brach Peters Ungestüm zu jammernden Versuchen der Auflehnung zusammen, die Lindner senior das klägliche Geschrei der Begierden nannte. Von klein auf mit den besten Grundsätzen vertraut gemacht, hatte es Peter schwer, sich ihrer Wahrheit zu verschließen, und vermochte seiner Ehre und Wehrhaftigkeit nur durch einen indianischen Gebrauch von Kriegslisten genugzutun, die den offenen Wortkampf mieden. Zwar bediente er sich, um sich seinem Gegner anzupassen, auch vieler Worte, doch ließ er sich dabei niemals zu dem Bedürfnis herab, die Wahrheit zu reden, was nach seiner Auffassung unmännlich und geschwätzig war.
So sprudelten auch dieses Mal sogleich seine Beteuerungen und Grimassen, fanden aber keine Gegenwirkung auf seiten des Meisters. Professor Lindner hatte eilig das Kreuz über der Suppe geschlagen und aß ernst, schweigend und hastig. Nur zuweilen ruhte sein Auge kurz und ohne Sammlung auf dem Scheitel seines Sohnes. Dieser Scheitel war an diesem Tag mit Kamm, Wasser und viel Pomade durch das dicke, braunrote Haar gezogen wie eine Schmalspurbahn durch unwillig ausweichendes Walddickicht. Fühlte Peter den Blick seines Vaters darauf ruhn, so senkte er den Kopf, um mit dem Kinn die rote, schreiend schöne Krawatte zu verdecken, die sein Erzieher noch nicht kannte. Denn einen Augenblick später konnte sich der Blick sanft an einer solchen Entdeckung erweitern, und der Mund ihm folgen, und Worte hervorbringen von der »Unterwerfung unter die Parolen von Hanswursten und Laffen« oder von »sozialer Gefallsucht und knechtischer Eitelkeit«, die Peter kränkten. Diesmal geschah aber nichts, und erst nach einer Weile, während die Teller gewechselt wurden, sagte Lindner gütig und unbestimmt – es war nicht einmal sicher, ob er die Krawatte meine oder nur von einem unbewußt aufgenommenen Anblick zu seinem Mahnwort bestimmt werde: »Menschen, die noch sehr mit ihrer Eitelkeit zu kämpfen haben, sollten in ihrer äußeren Erscheinung alles Auffallende meiden …!«
Peter benutzte diese unerwartete Charakterabwesenheit seines Vaters, um eine Geschichte von einem Ungenügend vorzubringen, das er aus Ritterlichkeit erhalten haben wollte, weil er, nach einem Kameraden geprüft, sich mit Absicht unvorbereitet gezeigt habe, um diesen, angesichts unerhörter Anforderungen, die für Schwächere einfach unerfüllbar seien, nicht in den Schatten zu stellen.
Professor Lindner schüttelte bloß den Kopf dazu.
Aber als der Mittelgang abgetragen wurde und die Nachspeise auf den Tisch kam, begann er nachdenklich und behutsam: »Sieh, gerade in den Jahren des größten Appetits kann man die folgenreichsten Siege über sich gewinnen, und zwar nicht etwa durch ungesundes Hungern, sondern nach ausreichender Ernährung durch gelegentlichen Verzicht auf ein Lieblingsgericht!«
Peter schwieg und zeigte kein Verständnis dafür, aber sein Kopf bedeckte sich wieder bis über die Ohren mit lebhaftem Rot.
»Es wäre verfehlt,« fuhr sein Vater bekümmert fort »wenn ich dich für dieses Ungenügend strafen wollte, denn da du überdies kindisch lügst, liegt noch ein solcher Mangel an sittlichem Ehrbegriff vor, daß man den Boden erst urbar machen muß, auf dem die Strafe wirken kann. Ich verlange darum von dir nichts, als daß du das selbst einsiehst, und bin sicher, daß du dich dann auch selbst bestrafen wirst!«
Dies war der Augenblick, wo Peter lebhaft auf seine schwache Gesundheit hinwies wie auch auf seine Überarbeitung, die in letzter Zeit sein Versagen in der Schule verursacht haben könnten und ihn außerstand setzten, seinen Charakter durch Verzicht auf den letzten Gang zu stählen.
»Der französische Philosoph Comte« erwiderte Professor Lindner darauf gelassen »pflegte nach dem Essen an Stelle des Desserts auch ohne besonderen Anlaß ein Stück trockenen Brots zu kauen, bloß um dabei an diejenigen zu denken, die nicht einmal trockenes Brot haben. Es ist ein feiner Zug, der uns daran erinnert, daß jede Übung in der Enthaltsamkeit und Einfachheit eine tiefe soziale Bedeutung hat!«
Peter hatte schon längst eine äußerst unvorteilhafte Vorstellung von der Philosophie, aber auch die Dichtkunst brachte ihm sein Vater nun in üble Erinnerung, denn er fuhr fort: »Auch der Dichter Tolstoi sagt, die Enthaltsamkeit sei die erste Stu fe zur Freiheit. Der Mensch hat viele knechtische Begierden, und damit der Kampf gegen alle erfolgreich sei, muß man bei den elementarsten beginnen: der Eßsucht, dem Müßiggang und der Sinnenlust.« – Professor Lindner pflegte eins dieser drei Worte, die in seinen Ermahnungen oft vorkamen, so unpersönlich wie das andere auszusprechen; und lange, ehe Peter mit dem Worte Sinnenlust eine bestimmte Vorstellung zu verbinden vermochte, hatte er schon den Kampf gegen sie an der Seite des Kampfes gegen Eßsucht und Müßiggang kennengelernt, ohne sich etwas anderes dabei zu denken als sein Vater, der sich nichts dabei zu denken brauchte, weil er sicher war, daß damit der Elementarunterricht in der Selbstbestimmung beginne. Auf diese Weise kam es, daß Peter an einem Tag, wo er die Sinnenlust zwar auch noch nicht in ihrer begehrtesten Gestalt kannte, ihr aber doch schon um die Röcke strich, zum erstenmal davon überrascht wurde, daß er gegen ihre lieblose, von seinem Vater gewohnheitsmäßig ausgeführte Verbindung mit Eßsucht und Müßiggang plötzlich zornigen Widerwillen empfand; er durfte es bloß nicht geradeswegs ausdrücken, sondern mußte lügen und rief aus: »Ich bin ein schlichter Mensch und kann mich nicht mit Dichtern und Philosophen vergleichen!« Wobei er trotz seiner Erregung die Worte nicht ganz unbedacht wählte.
Sein Erzieher schwieg darauf.
»Ich habe Hunger!« fügte Peter noch leidenschaftlicher hinzu.
Lindner lächelte schmerzlich und verächtlich.
»Ich gehe zugrunde, wenn ich nicht genügend zu essen bekomme!« plärrte Peter beinahe.
»Die erste Erwiderung des Menschen auf alle Eingriffe und Angriffe von außen geschieht mittels der Stimmwerkzeuge!« belehrte ihn sein Vater.
Und das »klägliche Geschrei der Begierden«, wie Lindner es nannte, erstarb. Peter wollte an diesem besonders männlichen Tag nicht weinen, aber die Forderung, beredten Verteidigungsgeist zu entwickeln, lastete furchtbar auf ihm. Es fiel ihm durchaus nichts mehr ein, und er haßte in diesem Augenblick sogar die Lüge, weil man sprechen muß, um sich ihrer zu bedienen. In seinen Augen wechselte Mordgier mit Klagegeheul. Als es so weit gekommen war, sagte Professor Lindner gütig zu ihm: »Du mußt dir ernsthafte Übungen in der Schweigsamkeit auferlegen, damit nicht der unbedachte und ungebildete Mensch in dir rede, sondern der besonnene und erzogene, von dem Worte ausgehn, die Friede und Festigkeit bringen!« Und dann dachte er mit freundlichem Antlitz nach. »Ich habe, wenn man andere gut machen will, keinen besseren Rat,« eröffnete er das Ergebnis, zu dem er kam, seinem Sohn »als daß man selbst gut sei; auch Matthias Claudius sagt: ›Ich kann nichts anderes aussinnen, als daß man selbst sein muß, wie man die Kinder machen will!‹« Und mit diesen Worten schob Professor Lindner gütig und entschieden die Nachspeise von sich, obgleich es seine Lieblingsspeise Milchreis mit Zucker und Schokolade war, ohne sie zu berühren und seinen Sohn durch solche liebende Unerbittlichkeit zwingend, zähneknirschend das gleiche zu tun.
Da geschah es, daß die Wirtschafterin hereinkam und Agathe anmeldete. August Lindner richtete sich verstört auf. »Also doch!« sagte eine schrecklich deutliche stumme Stimme zu ihm. Er war bereit, sich entrüstet zu fühlen, aber er war auch bereit, brüderliche Milde zu empfinden, die sich mit feinem moralischen Tastsinn einfühlt, und diese zwei Gegenspiele, mit einem großen Gefolge von Prinzipien, begannen eine wilde Jagd durch seinen ganzen Körper zu veranstalten, ehe es ihm gelang, den einfachen Befehl zu geben, daß die Dame ins Empfangszimmer geführt werde. »Du erwartest mich hier!« sagte er streng zu Peter und entfernte sich großen Schrittes. Peter aber hatte etwas Ungewöhnliches an seinem Vater bemerkt, er wußte bloß nicht was; immerhin gab es ihm so viel Leichtsinn und Mut, daß er sich nach dessen Abgang und nach kurzem Zögern einen Löffel voll Schokolade in den Mund strich, die zum Überstreuen bereitstand, dann einen Löffel Zucker und schließlich einen großen Löffel voll Reis, Schokolade und Zucker, was er mehrmals wiederholte, ehe er die Schüsseln auf alle Fälle wieder glättete.
Und Agathe saß eine Weile allein in der fremden Wohnung und wartete auf Professor Lindner, denn dieser ging in einem andern Zimmer von einer Seite zur andern und sammelte seine Gedanken, ehe er dem schönen und gefährlichen Weib entgegentrat.
Sie sah um sich und fühlte plötzlich eine Angst, als hätte sie sich in den Ästen eines geträumten Baums verstiegen und müßte fürchten, aus seiner Welt von gewundenem Holz und tausenden Blättern nicht mehr heil zurückzufinden. Eine Fülle von Einzelheiten verwirrte sie, und in dem dürftigen Geschmack, der sich in ihnen aussprach, verschränkte sich auf das merkwürdigste eine abweisende Herbheit mit einem Gegenteil, für das sie in ihrer Aufregung nicht gleich ein Wort fand. Das Abweisende mochte dabei vielleicht an die gefrorene Steifheit von Kreidezeichnungen erinnern, doch sah das Zimmer auch aus, als röche es großmütterhaft verzärtelt nach Arznei und Salbe und es schwebten altmodische und unmännliche, mit unangenehmer Geflissentlichkeit auf das menschliche Leiden gerichtete Geister in dem Raum. Agathe schnupperte. Und obwohl die Luft nichts als ihre Einbildungen enthielt, sah sie sich von ihren Gefühlen nach und nach weit zurückgeführt und erinnerte sich nun an den bänglichen »Geruch des Himmels«, jenen halb entlüfteten und seiner Würze entleerten, an den Tuchen der Sutanen haften gebliebenen Weihrauchduft, den ihre Lehrer einst an sich getragen hatten, als sie ein Mädchen war, das gemeinsam mit kleinen Freundinnen in einem frommen Institut erzogen wurde und keineswegs in Frömmigkeit erstarb. Denn so erbaulich dieser Geruch auch für Menschen ist, die das Richtige mit ihm verbinden, in den Herzen der heranwachsenden weltlich-widerstrebenden Mädchen bestand seine Wirkung in der lebhaften Erinnerung an Protestgerüche, wie sie Vorstellung und erste Erfahrungen mit dem Schnurrbart eines Mannes oder mit seinen energischen, nach scharfen Essenzen duftenden und von Rasierpuder überhauchten Wangen verbinden. Weiß Gott, auch dieser Geruch hält nicht, was er verspricht! Und während Agathe auf einem der entsagungsvollen Lindnerschen Polsterstühle saß und wartete, schloß sich nun der leere Geruch der Welt mit dem leeren Geruch des Himmels unentrinnbar um sie zusammen wie zwei hohle Halbkugeln, und eine Ahnung wandelte sie an, daß sie im Begriff sei, eine unachtsam überstandene Lebensschulstunde nachzuholen.
Sie wußte nun, wo sie war. Zaghaft-bereit, versuchte sie, sich dieser Umgebung anzupassen und der Lehren zu gedenken, von denen sie sich vielleicht zu früh hatte abwenden lassen. Aber ihr Herz scheute bei dieser Willigkeit wie ein Pferd, das keinem Zuspruch zugänglich ist, und fing in wilder Angst zu laufen an, wie es geschieht, wenn Gefühle da sind, die den Verstand warnen möchten und keine Worte finden. Trotzdem versuchte sie es nach einer Weile abermals; und um es zu unterstützen, dachte sie dabei an ihren Vater, der ein liberaler Mann gewesen war und für seine Person immer einen etwas seichten Aufklärungsstil zur Schau getragen hatte, unerachtet dessen er aber den Entschluß aufbrachte, sie einer Klosterschule zur Erziehung zu übergeben. Sie fühlte sich geneigt, das als eine Art Versöhnungsopfer aufzufassen und als den von heimlicher Unsicherheit erzwungenen Versuch, einmal das Gegenteil von dem zu tun, wovon man überzeugt zu sein meint: und weil sie sich jeder Inkonsequenz verwandt fühlte, mutete sie die Lage, in die sie sich selbst gebracht hatte, dabei einen Augenblick lang als eine geheimnisvolle unbewußttöchterliche Wiederholung an. Aber auch dieser zweite, freiwillig geförderte fromme Schauer war nicht von Bestand; und anscheinend hatte sie ein für allemal, als sie in allzu seelsorgliche Obhut gesteckt worden, die Fähigkeit verloren, für ihre bewegten Ahnungen den Ankerplatz in einem Glauben zu finden: Denn sie brauchte bloß wieder ihre Umgebung zu mustern, und mit dem grausamen Spürsinn, den die Jugend für den Abstand hat, der zwischen der Unendlichkeit einer Lehre und der Endlichkeit des Lehrers besteht, der ja auch leicht dahin führt, von dem Diener auf den Herrn zurückzuschließen, sah sie sich von dem sie umrahmenden Heim, darin sie sich gefangen begeben und erwartungsvoll niedergelassen hatte, plötzlich unaufhaltsam zum Lachen gereizt.
Doch grub sie unwillkürlich die Nägel in das Holz des Sessels, denn sie schämte sich der Unschlüssigkeit. Und am liebsten hätte sie dem Unbekannten, der sich der Tröstung anmaßte, alles, was sie bedrückte, jetzt so rasch wie möglich und auf einmal ins Gesicht geschleudert, so er bloß geruht hätte, sich endlich zu zeigen: Den bösen Handel mit dem Testament – völlig unverzeihlich, wenn man es ohne Trotz überlegt. Hagauers Briefe, ihr Abbild so abscheulich verzerrend wie ein schlechter Spiegel, ohne daß sich die Ähnlichkeit ganz hätte leugnen lassen. Dann wohl auch, daß sie diesen Mann vernichten wollte, nun aber doch nicht wirklich töten; und daß sie ihn einst wohl geheiratet hätte, aber auch nicht wirklich, sondern blind vor Selbstverachtung. Es gab lauter ungewöhnliche Halbheiten in ihrem Leben; aber schließlich hätte dann auch, alles vereinend, die zwischen Ulrich und ihr schwebende Ahnung zur Sprache kommen müssen, und diesen Verrat konnte sie ja doch nie und nimmer begehen! Sie fühlte sich unwirsch wie ein Kind, dem stets eine zu schwere Aufgabe zugemutet wird. Warum wurde das Licht, das sie manchmal sah, jedesmal gleich wieder verlöscht wie eine durch weites Dunkel schwankende Laterne, deren Schimmer von der Finsternis bald eingeschluckt, bald freigegeben wird?! Sie war aller Entschließung beraubt, und zum Überfluß entsann sie sich, daß Ulrich einmal gesagt habe, wer dieses Licht suche, der müsse über einen Abgrund, der keinen Boden und keine Brücke hat. Glaubte er also zuinnerst selbst nicht an die Möglichkeit dessen, was sie gemeinsam suchten? So dachte sie, und obwohl sie nicht wirklich zu zweifeln wagte, fühlte sie sich doch tief erschüttert. Niemand konnte ihr also helfen als der Abgrund selbst! Dieser Abgrund war Gott: ach, was wußte sie! Mit Abneigung und verächtlich musterte sie die Brücklein, die hinüberführen wollten, die Demut des Zimmers, die fromm an den Wänden angebrachten Bilder, alles das, was ein vertrauliches Verhältnis zu ihm vortäuschte. Sie war ebenso nahe daran, sich selbst zu demütigen, wie sich mit Grausen abzuwenden. Und am liebsten wäre sie wohl noch einmal davongelaufen; als sie sich aber erinnerte, daß sie immer davonliefe, fiel ihr noch einmal Ulrich ein, und sie kam sich »furchtbar feig« vor. Das Schweigen zu Hause war doch schon wie eine Windstille gewesen, die dem Sturm vorangeht, und von dem Druck dieses Herannahens war sie hiehergeschleudert worden. So sah sie es jetzt an, nicht gerade ohne ein aufkommendes Lächeln; und da lag es auch nahe, daß ihr noch etwas einfiel, das Ulrich gesagt hatte, denn er hatte irgend einmal gesagt: »Niemals findet sich ein Mensch selbst völlig feig; denn wenn er vor etwas erschrickt, so läuft er genau so weit davon, daß er sich wieder als Held vorkommt!« Und da saß sie also!

44.
Eine gewaltige Aussprache

In diesem Augenblick trat Lindner ein und hatte sich ebensoviel zu sagen vorgenommen wie seine Besucherin; aber es kam alles anders, als sie sich einander gegenüber befanden. Agathe ging gleich mit Worten zum Angriff über, die zu ihrem Erstaunen weitaus gewöhnlicher ausfielen, als es ihrer Vorgeschichte entsprochen hätte. »Sie erinnern sich wohl, daß ich Sie gebeten habe, mir einiges zu erklären« begann sie. »Ich bin jetzt da. Ich weiß noch gut, was Sie gegen meine Scheidung gesagt haben. Vielleicht habe ich es seither sogar besser verstanden!« Sie saßen an einem großen, runden Tisch, und die ganze Länge seines Durchmessers trennte sie. Agathe fühlte sich, im Verhältnis zu den letzten Augenblicken ihres Alleinseins, gleich im ersten Augenblick dieses Beisammenseins tief gesunken, dann aber auf festem Boden; sie legte dort das Wort Scheidung wie einen Köder aus, obwohl ihre Neugierde, Lindners Meinung zu erfahren, auch aufrichtig war.
Und dieser antwortete wirklich fast in demselben Augenblick: »Ich weiß recht wohl, warum Sie diese Erklärung von mir verlangen. Man wird Ihnen zeitlebens eingeflüstert haben, daß der Glaube an Übermenschliches und der Gehorsam gegen Gebote, die in diesem ihren Ursprung haben, dem Mittelalter angehöre! Sie haben erfahren, solche Märchen seien durch die Wissenschaft abgetan worden! Sind Sie aber dessen gewiß, daß es wirklich so ist?!«
Agathe bemerkte zu ihrer Überraschung, daß sich ungefähr bei jedem dritten Wort seine Lippen unter dem schütteren Bart wie zwei Angreifer aufrichten. Sie gab keine Antwort. »Haben Sie darüber nachgedacht?« fuhr Lindner streng fort. »Kennen Sie die wahre Unzahl von Fragen, die damit zusammenhängen? Ich sehe: Sie kennen sie nicht! Aber Sie haben eine großartige Handbewegung, mit der Sie das abtun, und wissen wahrscheinlich nicht einmal, daß Sie bloß unter dem Einfluß fremden Zwanges handeln!«
Er hatte sich in die Gefahr gestürzt. Es blieb ungewiß, an welche Einflüsterer er dabei dachte. Er fühlte sich fortgerissen. Seine Rede war ein langer Tunnel, den er durch einen Berg gebohrt hatte, um jenseits über eine Vorstellung: »Lügen freigeistiger Männer« herzufallen, die dort in prahlerischem Licht prangte. Er meinte weder Ulrich noch Hagauer, aber er meinte beide, er meinte alle. »Und wenn Sie auch nachgedacht hätten« – er rief es mit kühn ansteigender Stimme aus – »und von diesen Irrlehren überzeugt wären: daß der Körper nichts als ein System toter Korpuskeln sei, die Seele ein Drüsenspiel, die Gesellschaft ein Lumpenbündel mechanisch-wirtschaftlicher Gesetze; und sogar, wenn das richtig wäre, wovon es weit entfernt ist – so würde ich doch solchem Denken das Wissen von der Wahrheit des Lebens absprechen! Denn was sich Wissenschaft nennt, hat nicht die geringste Zuständigkeit, mit ihrem äußerlichen Verfahren das zu erklären, was als innere, geistige Gewißheit im Menschen lebt. Die Lebenswahrheit ist ein anfangloses Wissen, und die Tatsachen des wahren Lebens werden nicht durch Beweis vermittelt: wer lebt und leidet, hat sie in sich selbst als die geheimnisvolle Macht höherer Ansprüche und als lebendige Deutung seiner selbst!«
Lindner war aufgestanden. Seine Augen blitzten wie zwei Kanzelredner auf der von seinen langen Beinen gebildeten Höhe. Er sah mit Machtgefühlen auf Agathe hinab. »Warum spricht er gleich so viel?« dachte sie. »Und was hat er gegen Ulrich? Er kennt ihn kaum, und spricht doch offenkundig gegen ihn!?« Da gab ihr die weibliche Übung im Erregen von Gefühlen, schneller, als es Nachdenken vermocht hätte, die Gewißheit ein, daß Lindner nur deshalb so spräche, weil er in einer lächerlichen Weise eifersüchtig sei. Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln zu ihm auf. Er stand groß, schwank und bewaffnet vor ihr und kam ihr wie eine kampflustige Riesenheuschrecke aus vergangenen Erdzeitaltern vor. »Du lieber Himmel,« dachte sie »jetzt werde ich wieder etwas sagen, das ihn ärgert, und er wird wieder hinter mir drein laufen: Wo bin ich?! Welches Spiel treibe ich?!« Es verwirrte sie, daß sie von Lindner zum Lachen gereizt wurde, und doch einzelne seiner Worte nicht ohneweiters los wurde, wie »anfangloses Wissen« oder »lebendige Deutung«: so fremde Worte in der Gegenwart, aber ihr heimlich vertraut, als hätte sie selbst sie immer gebraucht, ohne daß sie sich erinnern konnte, diese Ausdrücke früher auch nur gehört zu haben. Sie dachte: »Es ist schauerlich, aber einzelne seiner Worte hat er mir schon wie Kinder ins Herz gesenkt!«
Lindner bemerkte, daß er auf sie Eindruck gemacht habe, und diese Genugtuung versöhnte ihn ein wenig. Er sah eine junge Frau vor sich, an der Erregung und gespielte Gleichgültigkeit, ja selbst Keckheit verdächtig zu wechseln schienen: und da er ein genauer Kenner der Frauenseele zu sein glaubte, ließ er sich davon nicht beirren, sondern wußte, daß die Versuchung zu Hochmut und Eitelkeit für schöne Frauen außerordentlich groß sei. Er konnte überhaupt ein schönes Gesicht selten ohne eine Beimischung von Mitleid betrachten. Damit ausgezeichnete Menschen waren seiner Überzeugung fast immer Märtyrer ihrer glänzenden Außenseite, die sie zu Dünkel verführte, und seinem schleichenden Gefolge von Herzenskälte und Äußerlichkeit. Immerhin kann es aber auch vorkommen, daß hinter einem schönen Antlitz eine Seele wohnt, und wieviel Unsicherheit hat sich denn nicht oft schon hinter Hochmut, wieviel Verzweiflung unter Leichtsinn verborgen! Oft sind das sogar besonders edle Menschen, denen bloß die Hilfe richtiger und unerschütterlicher Überzeugung abgeht. Und Lindner wurde nun nach und nach wieder ganz davon überwältigt, daß sich der erfolgreiche Mensch in die Stimmung des vernachlässigten hineinzuversetzen habe; und als er dies tat, wurde er gewahr, daß die Form von Agathes Antlitz und Körper jene liebliche Ruhe besitze, die nur dem Großen und Edlen zu eigen ist, ja das Knie in den Falten der Umhüllung erschien ihm sogar als das einer Niobe. Es setzte ihn in Erstaunen, daß sich ihm gerade dieser Vergleich aufdränge, der seines Wissens keinesfalls passend sein konnte, aber anscheinend hatte sich darin der Adel seines moralischen Schmerzes selbsttätig mit der verdächtigen Vorstellung vieler Kinder verbunden, denn er fühlte sich nicht minder angezogen als geängstigt. Er bemerkte nun auch den Busen, der in raschen, kleinen Wellen atmete. Es wurde ihm schwül zumute, und wäre ihm nicht abermals seine Weltkenntnis zu Hilfe gekommen, so hätte er sich sogar ratlos gefühlt: sie flüsterte ihm aber im Augenblick der höchsten Verfänglichkeit zu, daß dieser Busen etwas Unausgesprochenes umschließen müsse, und daß dieses Geheimnis nach allem, was er wußte, mit der Scheidung von seinem Kollegen Hagauer zusammenhängen dürfte; und das rettete ihn aus beschämender Torheit, indem es ihm augenblicklich die Möglichkeit bot, sich in die Enthüllung dieses Geheimnisses an Stelle der des Busens zu wünschen. Er tat es aus ganzer Kraft, und die Verbindung von Sünde mit der ritterlichen Tötung des Sündendrachens schwebte ihm dabei in glühenden Farben vor, ähnlich wie sie auf der Glasmalerei in seinem Arbeitszimmer leuchteten.
Agathe unterbrach dieses Nachsinnen mit einer Frage, die sie in gemäßigtem, ja verhaltenem Ton an ihn richtete, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte. »Sie haben behauptet, daß ich unter Einflüsterungen, unter einem fremden Zwang handle: was haben Sie damit gemeint?«
Lindner hob verblüfft den Blick, der auf ihrem Herzen geruht hatte, zu ihren Augen. Was ihm noch nie widerfahren war, er wußte nicht mehr, was er zuletzt gesagt hatte. Er hatte in dieser jungen Frau ein Opfer des Geistes gesehen, der die Zeit verwirrt, und hatte es über seiner Siegesfreude vergessen.
Agathe wiederholte ihre Frage mit einer kleinen Veränderung: »Ich habe Ihnen anvertraut, daß ich mich von Professor Hagauer scheiden lassen will, und Sie haben mir erwidert, daß ich unter Zwang handle. Es könnte mir nützen zu erfahren, was Sie darunter verstehen. Ich wiederhole Ihnen, daß keiner der landläufigen Gründe ganz zutrifft; nicht einmal die Abneigung ist nach den Maßen der Welt unüberwindlich gewesen. Ich bin bloß überzeugt worden, daß man die Abneigung gegen das gewöhnliche Leben nicht überwinden darf, sondern daß sie unermeßlich vergrößert werden soll!«
»Von wem?«
»Das ist eben die Frage, die Sie mir lösen helfen sollen.« Sie sah ihn wieder mit einem sanften Lächeln an, das sozusagen abscheulich tief ausgeschnitten war und den inneren Busen entblößte, als läge nur noch ein schwarzes Spitzentuch darüber.
Unwillkürlich schützte Lindner davor das Auge mit einer Bewegung der Hand, die seine Brille zu richten vorgab. Die Wahrheit war, daß Mut sowohl in seinem Weltbild als auch in den Gefühlen, die er Agathe entgegenbrachte, dieselbe ängstliche Rolle spielte. Er gehörte zu denen, die erkannt haben, daß es den Sieg der Demut erleichtert, wenn sie die Hochmut zuvor mit der Faust niederstreckt, und seine gelehrte Natur hieß ihn keinen Hochmut so bitterlich fürchten wie den der freien Wissenschaft, die dem Glauben vorwirft, daß er unwissenschaftlich sei. Hätte man ihm gesagt, daß die Heiligen mit ihren leer und bittend erhobenen Händen veraltet seien und gegenwärtig mit Säbel, Pistole oder noch neueren Instrumenten in der Faust dargestellt werden müßten, so möchte ihn das empört haben, aber die Waffen des Wissens wollte er dem Glauben nicht vorenthalten sehen. Das war beinahe zur Gänze ein Irrtum, aber nicht er allein beging ihn; und darum war er über Agathe mit Worten hergefallen, die in seinen Veröffentlichungen einen ehrenvollen Platz verdient hätten – und ihn dort wahrscheinlich auch einnahmen –, der sich ihm Anvertrauenden gegenüber fehl am Ort gewesen waren. Da er den Sendling ihm feindlicher Weltteile, den ein gütiges oder dämonisches Geschick in seine Hände gegeben, nun bescheiden nachdenklich vor sich sitzen sah, spürte er das selbst und war in Verlegenheit, was er antworten solle. »Ach!« sagte er, möglichst allgemein und wegwerfend, und traf zufällig nicht weit vom Richtigen: »Ich habe den Geist gemeint, der heute herrscht und junge Menschen befürchten läßt, daß sie dumm, ja sogar unwissenschaftlich erscheinen könnten, wenn sie nicht allen modernen Aberglauben mitmachen. Was weiß ich, welche Schlagworte Ihnen im Sinn liegen mögen: Ausleben! Lebensbejahung! Kultur der Persönlichkeit! Freiheit des Denkens oder der Kunst! Jedenfalls alles, nur nicht die Gebote der ewigen und einfachen Moral.«
Die glückliche Steigerung: »dumm, ja sogar unwissenschaftlich« erfreute ihn durch ihre Feinheit und hatte seinen Kampfgeist wieder aufgerichtet.
»Sie werden sich wundern,« fuhr er fort »daß ich im Gespräch mit Ihnen auf Wissenschaft Wert lege, ohne davon unterrichtet zu sein, ob Sie sich viel oder wenig mit ihr befaßt haben –.«
»Gar nicht!« unterbrach ihn Agathe. »Ich bin leider das Gegenteil von Wissenschaft!«
Sie betonte es und schien daran, vielleicht mit einer Art von Schein-Unheiligkeit, Vergnügen zu haben.
»Aber es ist Ihr Milieu!« berichtigte Lindner mit Nachdruck. »Und ob Freiheit der Sitten oder der Wissenschaft, in beiden drückt sich dasselbe aus: der von der Moral losgelöste Geist!«
Agathe empfand auch diese Worte wieder als nüchterne Schatten, die gleichwohl von etwas Dunklerem herfielen, das ihnen in der Nähe war. Sie war nicht gesonnen, ihre Enttäuschung zu verbergen, offenbarte sie aber lachend; »Sie haben mir letzthin den Rat gegeben, nicht an mich zu denken, und reden selbst immerzu von mir« gab sie dem Mann vor ihr spöttisch zu bedenken.
Dieser wiederholte: »Sie haben Angst, sich unzeitgemäß vorzukommen!«
In Agathes Augen zuckte es ärgerlich. »Ich bin ratlos, so wenig paßt auf mich, was Sie sagen!«
»Und ich sage Ihnen: ›Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht Knechte der Menschen!!‹« Die Vortragsweise, die zur ganzen Verkörperung in Widerspruch stand wie eine schwere Blüte zu einem schwachen Stengel, erheiterte Agathe. Sie fragte dringlich und beinahe rauh: »Also, was soll ich tun? Ich erhoffe mir von Ihnen eine bestimmte Antwort.«
Lindner schluckte und wurde dunkel vor Ernst. »Tun Sie, was Ihre Pflicht ist!«
»Ich weiß nicht, was meine Pflicht ist!«
»Dann müßten Sie sich Pflichten suchen!«
»Ich weiß doch nicht, was Pflichten sind!«
Lindner lächelte grimmig. »Da haben wir ja gleich die Freiheit der Persönlichkeit!« rief er. »Eitel Spiegelung! Sie sehen doch an sich: wenn der Mensch frei ist, ist er unglücklich! Wenn der Mensch frei ist, ist er ein Phantom!« fügte er, aus Verlegenheit die Stimme noch etwas mehr hebend, hinzu. Dann senkte er sie aber wieder und schloß mit Überzeugung: »Sie müssen zu Ihrem Mann zurückkehren! Pflicht ist, was die Menschheit in richtiger Selbsterkenntnis gegen ihre eigene Schwäche aufgerichtet hat. Pflicht ist ein und dieselbe Wahrheit, die alle großen Persönlichkeiten gekannt oder auf die sie ahnungsvoll hingewiesen haben. Pflicht ist das Werk jahrhundertelanger Erfahrung und das Ergebnis des Seherblicks der Begnadeten. Pflicht ist aber auch, was selbst der einfachste Mensch im geheimen Innern genau kennt, wenn er nur aufrichtig lebt!«
»Das war ein von Kerzen durchzitterter Gesang« stellte Agathe anerkennend fest.
Unliebsam war, daß Lindner auch fühlte, daß er falsch gesungen habe. Er hätte etwas anderes sagen sollen, getraute sich aber nicht zu erkennen, worin die Abweichung von der echten Stimme seines Herzens bestehe. Er gestattete sich bloß den Gedanken, daß dieses junge Wesen von seinem Mann tief enttäuscht sein müsse, da es so dreist und verbittert gegen sich selbst wüte, und daß es trotz alles Tadels, den es herausfordere, eines stärkeren Mannes würdig wäre; er hatte aber den Eindruck, daß auf diesen Gedanken ein noch weitaus gefährlicherer folgen wolle. Indessen schüttelte Agathe aber langsam und sehr entschlossen den Kopf; und mit der unwillkürlichen Sicherheit, mit der ein erregter Mensch vom andern zu dem verführt wird, was die bedenkliche Lage ganz zum Sturz bringt, fuhr sie fort: »Aber wir sprechen von meiner Scheidung! Und warum sagen Sie da heute nichts mehr von Gott? Warum sagen Sie nicht einfach zu mir: ›Gott befiehlt, daß Sie bei Professor Hagauer bleiben!‹? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß er so etwas befehlen mag!«
Lindner zuckte unwillig die hohen Schultern; ja, er schien mit ihrer auffahrenden Bewegung fürwahr selbst in die Höhe zu schweben. »Ich habe nie mit Ihnen davon gesprochen, das haben bloß Sie versucht!« verwahrte er sich schroff. »Und was das Übrige betrifft, glauben Sie nur ja nicht, daß sich Gott um die kleinen selbstischen Händel unseres Gefühls kümmert! Dafür ist sein Gesetz da, das wir zu befolgen haben! Oder dünkt Sie das nicht heldisch genug, da doch der Mensch heute in allem das ›Persönliche‹ will? Nun, dann setze ich Ihren Ansprüchen ein höheres Heldentum entgegen, das der heroischen Unterwerfung
Jedes Wort davon besagte nach seiner eigenen Überzeugung bedeutend mehr, als sich ein Laie erlauben sollte, wäre es selbst nur in Gedanken; Agathe hinwieder konnte zu so grobem Hohn bloß unaufhörlich lächeln, wollte sie nicht gezwungen sein, daß sie aufstehe und ihren Besuch abbreche, und sie tat es natürlich mit so sicherer Geschicklichkeit, daß sich Lindner immer wirrer gereizt fühlte. Er gewahrte seine Einfälle beunruhigend aufsteigen und immer mehr eine glühende Trunkenheit verstärken, die ihn der Besinnung beraubte und von dem Willen widerhallte, den störrischen Sinn zu brechen und vielleicht die Seele zu retten, der er sich gegenüber sah. »Unsere Pflicht ist schmerzhaft!« rief er aus. »Unsere Pflicht mag widerwärtig und ekelerregend sein! Glauben Sie nur ja nicht, daß ich der Anwalt Ihres Gatten sein will und von Natur auf seiner Seite stehe. Aber Sie müssen dem Gesetz gehorchen, weil es das einzige ist, was uns dauernd Friede gewährt und uns vor uns beschützt!«
Agathe lachte ihn jetzt aus; sie hatte die Waffe erraten, die ihr die Wirkungen an die Hand gaben, die von ihrer Scheidung ausgingen, und sie drehte das Messer in der Wunde um. »Ich begreife von dem allen wenig« sagte sie. »Aber darf ich Ihnen aufrichtig einen Eindruck bekennen? Wenn Sie zornig sind, werden Sie ein wenig schlüpfrig!«
»Ach, lassen Sie das!« verwies es Lindner. Er prallte zurück und hatte nur den einen Wunsch, so etwas um keinen Preis zuzulassen. Er hob abwehrend die Stimme und beschwor das vor ihm sitzende sündliche Phantom. »Der Geist darf sich nicht dem Fleisch unterwerfen und seinen Reizen und Schauern! Nicht einmal in der Form des Abscheus! Und ich sage Ihnen: Es mag die Beherrschung des fleischlichen Unwillens, welche die Schule der Ehe anscheinend von Ihnen verlangt hat, schmerzlich sein, so dürfen Sie ihr doch nicht entfliehn. Denn es lebt im Menschen ein Verlangen nach Befreiung, und wir dürfen so wenig die Knechte des Abscheus unseres Fleisches sein wie die seiner Wollust! Das ist es doch offenbar, was Sie haben hören wollen, denn sonst wären Sie nicht zu mir gekommen!« – schloß er, nicht minder großartig als hämisch. Er stand hochgereckt vor Agathe, die Bartfäden bewegten sich um seine Lippen. Noch nie hatte er solche Worte zu einer Frau gesprochen außer zu seiner verstorbenen eigenen, und da waren die Gefühle andere gewesen. Denn jetzt waren sie mit Wollust untermischt, als schwänge er eine Geißel in der Faust, den Erdball zu züchtigen, und zugleich waren sie ängstlich, als schwebte er gleich einem entführten Hut auf der Höhe des bußpredigerlichen Wirbelsturms, der ihn erfaßt hatte.
»Da haben Sie soeben wieder merkwürdig gesprochen!« bemerkte Agathe leidenschaftslos und wollte seine Unverschämtheit jetzt mit einigen trockenen Worten abstellen; doch dann ermaß sie den ungeheuren Absturz, der ihm bevorstünde, und zog es vor, sich sanft zu demütigen, indem sie einhielt und mit einer Stimme, die scheinbar plötzlich von Reue verdunkelt worden war, fortfuhr: »Ich bin bloß deshalb gekommen, weil ich wollte, daß Sie mich führen.«
Lindner, in ratlosem Eifer, schwang die Wortgeißel weiter; ihm ahnte, daß ihn Agathe mit Absicht in die Irre treibe, aber er fand nicht zurück und vertraute sich der Zukunft an. »Lebenslänglich an einen Mann gefesselt zu sein, ohne körperliche Neigung zu empfinden, ist gewiß eine schwere Strafe« rief er aus. »Aber hat man sich diese nicht gerade dann, wenn der Partner unwürdig ist, dadurch zugezogen, daß man auf die Zeichen des inwendigen Lebens nicht genug geachtet hat?! Viele Frauen lassen sich doch von äußeren Umständen betören, und wer weiß, ob man nicht gestraft wird, um aufgerüttelt zu werden!« Plötzlich überschlug sich seine Stimme. Agathe hatte seine Worte mit zustimmender Kopfbewegung begleitet; aber daß sie sich Hagauer als betörenden Verführer vorstellen sollte, war zuviel für sie gewesen, und ihre heiteren Augen verrieten es. Lindner, aufs äußerste irregemacht, schmetterte in der Fistel: »Denn der die Rute spart, der haßt sein Kind, der es aber liebt, züchtiget es!!«
Der Widerstand seines Opfers hatte aus dem auf sicherer Warte hausenden Lebensphilosophen nun vollends einen Dichter von Strafen und ihren erregenden Begleitumständen gemacht. Er war von einer ihm unbekannten Empfindung berauscht, die aus einer innigen Verbindung der moralischen Zurechtweisung, durch die er seinen Besuch stachelte, mit einer Aufreizung seiner ganzen Männlichkeit hervorging und die man symbolisch, wie er nun selbst einsah, als wollüstig bezeichnen konnte.
Aber die »arrogante Eroberin«, die von der leeren Eitelkeit ihrer weltlichen Schönheit doch endlich zur Verzweiflung hätte getrieben werden sollen, knüpfte sachlich auch an seine Drohungen mit der Rute an und fragte still: »Von wem werde ich gestraft? Denken Sie an Gott?«
Und das ließ sich nicht aussprechen! Lindner verlor plötzlich den Mut. Schweiß stand zwischen seinen Haaren. Es war unmöglich, in einem solchen Zusammenhang den Namen Gottes zu nennen. Sein Blick, der wie eine zweizinkige Gabel vorgestreckt war, zog sich langsam von Agathe zurück. Agathe fühlte das. »Er kann es also auch nicht!« dachte sie. Sie empfand eine wahnwitzige Lust, an diesem Menschen weiter zu zerren, so lange, bis das aus seinem Mund hervorginge, was er ihr nicht preisgeben wollte. Doch für diesmal war es genug; das Gespräch war an seiner äußersten Grenze angelangt. Agathe verstand, daß es nur eine glühende, und in der Glut durchsichtig gewordene Ausrede gewesen war, um das Entscheidende nicht sagen zu müssen. Übrigens wußte auch Lindner jetzt, daß alles, was er vorgebracht, ja alles, was ihn erregt hatte, ja die Übertreibung selbst, nur der Angst vor Übertreibungen entsprungen war, als deren zuchtloseste er es ansah, sich dem, was von hohen Worten verhüllt bleiben soll, mit fürwitzigen Sinnes- und Gefühlswerkzeugen zu nahen, wozu ihn offenbar diese übertriebene junge Frau drängte. Er nannte es bei sich jetzt »eine Verletzung der Dezenz des Glaubens«. Denn während dieser Augenblicke strömte das Blut aus Lindners Kopf zurück und nahm seine ordentliche Bahn wieder auf; er erwachte wie ein Mensch, der sich weit weg von der Tür seines Hauses nackend dastehn findet, und erinnerte sich, daß er Agathe nicht ohne Trost und Belehrung fortschicken dürfe. Tief aufatmend trat er von ihr zurück, strich seinen Bart und sagte verweisend: »Sie haben ein unruhiges und phantastisches Selbst!«
»Und Sie haben eine eigentümliche Art von Galanterie!« entgegnete Agathe kühl, denn sie hatte jetzt keine Lust mehr auf eine Fortsetzung.
Lindner fand es indes zu seiner Wiederherstellung erforderlich, noch etwas zu sagen: »Sie sollten in der Schule der Wirklichkeit lernen, Ihre Subjektivität unerbittlich in die Zügel zu nehmen, denn wer das nicht kann, dessen Phantasie und Einbildung wird ihn gar zu bald am Boden schleifen …!« Er hielt ein, denn die sonderbare Frau zog noch immer die Stimme ganz unerwünscht aus seiner Brust.
»Wehe dem, der sich von der Sitte loslöst, er löst sich von der Wirklichkeit los!« fügte er leise hinzu.
Agathe zuckte die Achseln. »Ich werde in die Schule der Wirklichkeit kommen! Ich hoffe Sie das nächste Mal bei uns zu sehen!« schlug sie vor.
»Da muß ich doch erwidern: Nie!« verwahrte sich Lindner plötzlich heftig und nun ganz irdisch. »Zwischen Ihrem Bruder und mir bestehen Gegensätze der Lebensauffassung, die einen Verkehr besser meiden lassen« fügte er als Entschuldigung hinzu.
»Also werde ich zu Ihnen kommen« gab Agathe ruhig zur Antwort.
»Nein!« wiederholte Lindner, vertrat ihr da bei aber merkwürdigerweise beinahe drohend den Weg; denn sie hatte sich mit jenen Worten zum Gehen angeschickt. »Das darf nicht geschehen! Sie dürfen mich Kollegen Hagauer gegenüber nicht in die zweideutige Lage bringen, daß ich ohne sein Wissen Ihre Besuche empfange!«
»Sind Sie immer so leidenschaftlich wie heute?« fragte Agathe spöttisch und zwang ihn dadurch, ihr den Weg freizugeben. Sie fühlte sich jetzt am Ende schal, aber gekräftigt. Die Angst, die Lindner vor ihr verriet, zog sie zu Handlungen hin, die ihrem wahren Zustand fremd waren; während aber die Forderungen ihres Bruders sie leicht entmutigten, gab ihr dieser Mann die Freiheit zurück, ihr Inneres nach Willkür zu regen, und es tröstete sie, ihn zu verwirren.
»Habe ich mir vielleicht etwas vergeben?« fragte sich Lindner, nachdem sie gegangen war. Er steifte die Schultern und marschierte einigemal im Zimmer auf und ab. Schließlich beschloß er, den Verkehr fortzusetzen, und faßte sein Unbehagen, das dabei sehr groß war, in die soldatischen Worte: »Man muß den festen Willen zur Tapferkeit gegenüber allem Peinlichen haben!«

Peter aber war, als Agathe aufbrach, vom Schlüsselloch fortgehuscht, wo er nicht ohne Staunen belauscht hatte, was sein Vater mit der »großen Gans« anhebe.

45.
Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse

Bald nach diesem Besuch wiederholte sich das »Unmögliche«, das Agathe und Ulrich beinahe schon körperlich umschwebte, und es geschah wahrlich, ohne daß irgenderlei geschah.
Die Geschwister kleideten sich zu einer Abendunterhaltung um, es war niemand als Ulrich im Haus, Agathe zu helfen, sie hatten nicht rechtzeitig begonnen und waren darum eine Viertelstunde lang in lebhaftester Eile gewesen, als eine kleine Pause eintrat. Auf den Lehnen und Flächen des Zimmers lag Stück für Stück fast noch der ganze Kriegsschmuck ausgebreitet, der von einer Frau bei solcher Gelegenheit angelegt wird, und Agathe bückte sich soeben über ihren Fuß, mit der ganzen Aufmerksamkeit, die das Anziehen eines dünnen Seidenstrumpfs erfordert. Ulrich stand ihr im Rücken. Er sah ihren Kopf, den Hals, die Schulter und diesen beinahe nackten Rücken; der Körper bog sich über dem emporgezogenen Knie ein wenig zur Seite, und am Hals rundete die Spannung des Vorgangs drei Falten, die schlank und lustig durch die klare Haut eilten wie drei Pfeile: die liebliche Körperlichkeit dieses Bilds, der sich augenblicks ausbreitenden Stille entsprungen, schien ihren Rahmen verloren zu haben und ging so unvermittelt und unmittelbar in den Körper Ulrichs über, daß dieser seinen Platz verließ und, nicht ganz so bewußtlos, wie ein Fahnentuch vom Wind entrollt wird, aber auch nicht mit bewußter Überlegung, auf den Fußspitzen näher schlich, die Gebeugte überraschte und mit sanfter Wildheit in einen dieser Pfeile biß, wobei sein Arm die Schwester umschlang. Dann ließen Ulrichs Zähne ebenso vorsichtig die Überfallene los; die rechte Hand hatte ihr Knie umfaßt, und während er mit dem linken Arm ihren Körper an seinen drückte, riß er sie auf emporschnellenden Beinsehnen mit sich in die Höhe. Agathe schrie dabei erschrocken auf.
Bis dahin hatte sich alles ebenso übermütig und scherzhaft abgespielt wie vieles zuvor, und mochte es auch in den Farben der Liebe gestreift sein, so doch nur mit der eigentlich schüchternen Absicht, deren gefährlichere ungewöhnliche Natur unter solchem heiter vertraulichen Kleid zu bergen. Aber als Agathe ihr Erschrecken überwand und sich nicht sowohl durch die Luft fliegen als vielmehr in dieser ruhen fühlte, von aller Schwere plötzlich entbunden und an deren Stelle von dem sanften Zwang der allmählich langsamer werdenden Bewegung gelenkt, bewirkte es einer jener Zufälle, die niemand in seiner Macht hat, daß sie sich in diesem Zustand wundersam besänftigt vorkam, ja aller irdischen Unruhe entrückt; mit einer das Gleichgewicht ihres Körpers verändernden Bewegung, die sie niemals hätte wiederholen können, streifte sie auch noch den letzten Seidenfaden von Zwang ab, wandte sich fallend ihrem Bruder zu, setzte gleichsam noch im Fall das Steigen fort, und lag niedersinkend als eine Wolke von Glück in seinen Armen. Ulrich trug sie, ihren Körper sanft an sich drückend, durch das dunkelnde Zimmer ans Fenster und stellte sie neben sich in das milde Licht des Abends, das ihr Gesicht wie Tränen überströmte. Trotz der Kraft, die alles erforderte, und des Zwangs, den Ulrich auf seine Schwester ausgeübt hatte, kam ihnen das, was sie taten, merkwürdig entlegen von Kraft und Zwang vor; man hätte es vielleicht wieder mit der wundersamen Inbrunst eines Bildes vergleichen können, das für die Hand, die es von außen ergreift, nichts als eine lächerliche, angestrichene Fläche ist. So hatten sie denn auch nichts im Sinn als den leiblichen Vorgang, der ihr Bewußtsein ganz erfüllte, und doch besaß er neben seiner Natur als harmloser, ja anfangs sogar etwas derber Scherz, der alle Muskeln in Bewegung setzte, eine zweite Natur, die äußerst zart alle Gliedmaßen lähmte und zugleich mit einer unsagbaren Empfindlichkeit umstrickte. Sie schlangen fragend einander die Arme um die Schultern. Der geschwisterliche Wuchs der Körper teilte sich ihnen mit, als stiegen sie aus einer Wurzel auf. Sie sahen einander so neugierig in die Augen, als sähen sie dergleichen zum erstenmal. Und obwohl sie das, was eigentlich vorgegangen sei, nicht hätten erzählen können, weil ihre Beteiligung daran zu inständig war, glaubten sie doch zu wissen, daß sie sich soeben unversehens einen Augenblick inmitten dieses gemeinsamen Zustands befunden hätten, an dessen Grenze sie schon so lange gezögert, den sie einander schon so oft beschrieben und den sie doch immer nur von außen geschaut hatten.
Prüften sie es nüchtern, und verstohlen taten sie das beide, so bedeutete es freilich kaum mehr als einen reizenden Zufall und hätte sich im nächsten Augenblick, oder wenigstens mit der Wiederkehr einer Beschäftigung, in nichts auflösen sollen; trotzdem geschah das nicht. Im Gegenteil, sie verließen das Fenster, machten Licht, nahmen ihre Tätigkeit wieder auf, standen aber doch bald von ihr ab; und ohne daß sie sich darüber hätten verständigen müssen, ging Ulrich an den Fernsprecher und teilte dem Hause, wo sie erwartet wurden, mit, daß sie nicht kämen. Er hatte da schon den Abendanzug an, aber Agathes Kleid hing noch ungeschlossen die Schulter hinab, und sie bemühte sich eben erst, ihrem Haar eine gesittete Ordnung zu geben. Der technische Beiklang seiner Stimme im Gerät und die Verbindung mit der Welt, die sich herstellte, hatten Ulrich nicht im geringsten ernüchtert; er setzte sich seiner Schwester gegenüber, die in ihrer Beschäftigung einhielt, und nichts war, als ihre Blicke einander da begegneten, so gewiß, wie daß die Entscheidung gefallen sei und jedes Verbot ihnen nun gleichgültig wäre. Trotzdem kam es anders. Ihr Einverständnis tat sich ihnen mit jedem Atemzug kund; es war ein trotzig erlittenes, sich endlich vom Unmut der Sehnsucht zu erlösen, und es war ein so süß erlittenes, daß sich die Vorstellungen der Verwirklichung beinahe von ihnen losrissen und sie schon in der Einbildung vereinten, wie der Sturm einen Schaumschleier den Wellen voranpeitscht: aber ein noch größeres Verlangen gebot ihnen Ruhe, und sie vermochten nicht, noch einmal aneinander zu rühren. Sie wollten es beginnen, aber die Gebärden des Fleisches waren ihnen unmöglich geworden, und sie fühlten eine unbeschreibliche Warnung, die mit den Geboten der Sitte nichts zu tun hatte. Es schien sie aus der Welt der vollkommeneren, wenn auch noch schattenhaften Vereinigung, von der sie zuvor wie in einem schwärmerischen Gleichnis genossen hatten, ein höheres Gebot getroffen, eine höhere Ahnung, Neugierde oder Voraussicht angehaucht zu haben.
Die Geschwister verharrten nun verwirrt und nachdenklich, und nachdem sich ihre Empfindungen besänftigt hatten, fingen sie zögernd zu sprechen an.
Ulrich sagte, sinnlos, wie man in die Luft spricht: »Du bist der Mond –«
Agathe verstand es.
Ulrich sagte: »Du bist zum Mond geflogen und mir von ihm wiedergeschenkt worden –«
Agathe schwieg: Mondgespräche sind so von ganzem Herzen verbraucht.
Ulrich sagte: »Es ist ein Gleichnis. ›Wir waren außer uns‹, ›Wir hatten unsere Körper vertauscht, ohne uns zu berühren‹, sind auch Gleichnisse! Aber was bedeutet ein Gleichnis? Ein wenig Wirkliches mit sehr viel Übertreibung. Und doch wollte ich schwören, so wahr es unmöglich ist, daß die Übertreibung sehr klein und die Wirklichkeit fast schon ganz groß gewesen ist!«
Er sprach nicht weiter. Er dachte: »Von welcher Wirklichkeit spreche ich? Gibt es eine zweite?«
Verläßt man hier das Gespräch der Geschwister, um einer Vergleichsmöglichkeit zu folgen, von der es zumindest mitbestimmt wurde, so wäre wohl zu sagen, daß diese Wirklichkeit fürwahr am nächsten mit der abenteuerlich veränderten in Mondnächten verwandt war. Begreift man doch auch diese nicht, wenn man in ihr bloß eine Gelegenheit zu etwas Schwärmerei sieht, die bei Tag besser unterdrückt bleibt, muß sich vielmehr, wenn man das Richti ge bemerken will, das ganz Unglaubliche vergegenwärtigen, daß sich auf einem Stück Erde wirklich alle Gefühle wie verzaubert ändern, sobald es aus der leeren Geschäftigkeit des Tags in die empfindungsvolle Körperlichkeit der Nacht taucht! Nicht nur schmelzen die äußeren Verhältnisse dahin und bilden sich neu im flüsternden Beilager von Licht und Schatten, sondern auch die inneren rücken auf eine neue Weise zusammen: Das gesprochene Wort verliert seinen Eigensinn und gewinnt Nachbarsinn. Alle Versicherungen drücken nur ein einziges flutendes Erlebnis aus. Die Nacht schließt alle Widersprüche in ihre schimmernden Mutterarme, und an ihrer Brust ist kein Wort falsch und keines wahr, sondern jedes ist die unvergleichliche Geburt des Geistes aus dem Dunkel, die der Mensch in einem neuen Gedanken erfährt. So hat jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren. Er hat die Natur des Gesteigerten. Er hat die der uneigennützigen Freigebigkeit und Entäußerung. Jede Mitteilung ist eine neidlose Teilung. Jedes Geben ein Empfangen. Jede Empfängnis vielseitig verflochten in die Erregung der Nacht. So zu sein, es ist der einzige Zugang zum Wissen dessen, was vor sich geht. Denn das Ich behält in diesen Nächten nichts zurück, keine Verdichtung des Besitzes an sich selbst, kaum eine Erinnerung; das gesteigerte Selbst strahlt in eine grenzenlose Selbstlosigkeit hinein. Und diese Nächte sind voll des unsinnigen Gefühls, daß etwas geschehen werde, wie es noch nie dagewesen sei, ja wie es sich die verarmte Vernunft des Tages nicht einmal vorstellen könne. Und nicht der Mund schwärmt, sondern der Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, ist über dem Dunkel der Erde und unter dem Licht des Himmels in eine Erregung eingespannt, die zwischen zwei Gestirnen schwingt. Und das Flüstern mit den Gefährten ist voll einer ganz unbekannten Sinnlichkeit, die nicht die Sinnlichkeit einer Person ist, sondern die des Irdischen, des in die Empfindung Dringenden überhaupt, die plötzlich enthüllte Zärtlichkeit der Welt, die unaufhörlich alle unsere Sinne berührt und von unseren Sinnen berührt wird.
Wohl hatte Ulrich nie eine besondere Vorliebe zum Mondscheinschwärmen an sich wahrgenommen; doch wie man gewöhnlich das Leben ohne Gefühl hinunterschlingt, so hat man manchmal viel später seinen geisterhaft gewordenen Geschmack auf der Zunge: und derart fühlte er alles, was er an solcher Schwärmerei versäumt hatte, alle achtlos und einsam, ehe er seine Schwester kannte, verbrachten Nächte plötzlich als silberübergossenes unendliches Gebüsch, als Mondflecken im Gras, als hangende Apfelbäume, singenden Frost und vergoldete Schwarzwässer wieder. Es waren lauter Einzelheiten, die nicht zusammenhingen und nie beisammen gewesen waren, die sich nun aber wie der Duft vermengten, der aus vielerlei Kräutern eines berauschenden Getränks aufsteigt. Und als er das Agathe sagte, fühlte sie es auch.
Darum faßte Ulrich das alles, was er gesagt hatte, schließlich zu der Behauptung zusammen: »Was uns mit dem ersten Augenblick einander zugewandt hat, ließe sich recht ein Leben der Mondnächte nennen!« Und Agathe atmete tief auf. Das mochte heißen, was es wolle; und wahrscheinlich hieß es: Warum weißt du aber nicht auch einen Zauber dagegen, daß es uns im letzten Augenblick trennt?! Sie seufzte so natürlich und vertraulich, daß sie nicht einmal selbst davon wußte.
Und wieder hob damit eine Bewegung an, die sie zueinander neigte und auseinander hielt. Jede starke Erregung, die zwei Menschen gemeinsam bis ans Ende erlebt haben, hinterläßt in ihnen die nackte Vertraulichkeit der Erschöpfung; selbst der Streit tut das, und um wieviel mehr nicht die Zärtlichkeit von Gefühlen, die das Mark schier zu einer Flöte aushöhlen! So hätte nun auch Ulrich, als er sie wortlos klagen hörte, Agathe beinahe doch gerührt umarmt, und entzückt wie ein Liebhaber am Morgen nach den ersten Stürmen. Seine Hand berührte schon ihre Schulter, die noch immer entblößt war, und sie zuckte bei dieser Berührung lächelnd zusammen; aber in ihren Augen zeigte sich auch gleich wieder die ungewollte Abmahnung. Sonderbare Bilder entstanden nun in seinem Kopf: Agathe hinter Gittern. Oder sie, aus wachsender Entfernung ihm ängstlich winkend, von der trennenden Gewalt fremder Fäuste fortgerissen. Dann wieder war er selbst nicht nur der ohnmächtig Verabschiedete, sondern ähnlich auch der Trennende … Vielleicht waren das ewige Bilder des Liebeszweifels, bloß im Durchschnittsleben verbraucht, vielleicht auch nicht. Er hätte gerne davon zu ihr gesprochen, doch blickte Agathe jetzt von ihm weg und zu dem offenen Fenster hin und stand zögernd auf. Das Fieber der Liebe war in ihren Körpern, aber diese wagten keine Wiederholung, und jenseits des Fensters, dessen Vorhänge fast offenstanden, befand sich das, was ihnen die Einbildungskraft entführt hatte, ohne die das Fleisch nur roh oder mutlos ist. Als Agathe die ersten Schritte in diese Richtung tat, löschte Ulrich, ihr Einverständnis erratend, das Licht aus, um den Blick in die Nacht freizumachen. Der Mond war hinter den Fichtenwipfeln emporgekommen, deren grün glimmendes Schwarz sich schwerblütig von der goldblauen Höhe und der blaß glitzernden Weite abhob. Unwillig musterte Agathe das tiefe, kleine Stück Welt.
»Also doch nicht mehr als Mondscheinromantik?!« fragte sie.
Ulrich sah sie ohne Antwort an. Ihr blondes Haar wurde im Halbdunkel neben der weißlichen Nacht feurig, ihre Lippen waren von Schatten geöffnet, ihre Schönheit war schmerzlich und unwiderstehlich.
Wahrscheinlich stand aber auch er ähnlich vor ihrem Blick, mit blauen Augenhöhlen in weißem Gesicht, denn sie fuhr fort: »Weißt du, wie du jetzt aussiehst? Wie der ›Pierrot Lunaire‹! Es mahnt zur Vorsicht!« Sie wollte ihm ein wenig Unrecht antun, in ihrer Erregung, die sie beinahe weinen machte. In der bleichen Maske des mondlich-einsamen Pierrots waren sich vor Zeiten doch alle jungen unnützen Leute schmerzvoll-launisch vorgekommen, kreidebleich gepudert bis auf die blutstropfenroten Lippen und von einer Kolombine verlassen, die sie niemals besessen hatten; es drückte also die Vorliebe für Mondnächte beträchtlich ins Lächerliche hinab. Aber Ulrich pflichtete, zu seiner Schwester anfangs größer werdendem Weh, bereitwillig bei. »Auch das ›Lache Bajazzo!‹ hat schon tausenden Spießbürgern den Rücken kalt vor innerster Zustimmung gemacht, wenn sie es singen hörten« versicherte er bitter. Dann aber fügte er leise und einflüsternd hinzu: »Dieser ganze Gefühlskreis ist eben verdächtig! Und doch siehst du in diesem Augenblick so aus, daß ich alle Erinnerung meines Lebens dafür hingeben möchte!« Agathes Hand hatte die Ulrichs gefunden. Ulrich fuhr leise und leidenschaftlich fort: »Unsere Zeit versteht unter der Seligkeit des Gefühls bloß das Gefühlsselige und hat den Mondrausch zu einer sentimentalen Ausschweifung entwürdigt. Ihr ahnt nicht recht, daß er entweder eine unverständliche geistige Störung sein müßte oder das Fragment eines anderen Lebens ist!«
Diese Worte – gerade weil sie vielleicht übertrieben – hatten den Glauben und damit die Flügel des Abenteuers. »Gute Nacht!« sagte Agathe unerwartet und nahm sie mit sich. Sie hatte sich losgemacht und zog den Vorhang so hastig zu, daß das Bild der beiden im Mondschein Stehenden wie auf einen Schlag verschwand; und ehe Ulrich Licht machte, gelang es ihr, aus dem Zimmer zu finden.
Ulrich ließ ihr überdies Zeit: »Du wirst in dieser Nacht so ungeduldig schlafen wie vor dem Aufbruch zu einem großen Ausflug« rief er ihr nach.
»Ich will es auch tun!« klang als Antwort in das Schließen der Tür.

46.
Mondstrahlen bei Tage

Als sie sich am Morgen wiedersahen, war es von weitem zuerst so, wie man in einer gewöhnlichen Wohnung auf ein ungewöhnliches Bild stößt, ja wie man in der frei zerstreuten Natur ein bedeutendes Bildwerk sichtet; da erhebt sich unvermutet in sinnlicher Verwirklichung eine Insel der Bedeutung, eine Erhöhung und Verdichtung des Geistes aus der flüssigen Niederung des Daseins! Als sie dann aber aufeinander zutraten, waren sie befangen, und von der vergangenen Nacht war in ihren Blicken nur die Ermattung zu spüren, die sie mit zärtlicher Wärme beschattete.
Wer weiß, ob die Liebe übrigens ebenso bewundert würde, wenn sie nicht müde machte! Als sie die Nachwehen der gestrigen Aufregung gewahrten, beglückte es sie von neuem, wie Liebesleute stolz darauf sind, daß sie vor Lust fast gestorben wären. Trotzdem war die Freude, die sie aneinander fanden, nicht nur ein solches Gefühl, sondern war auch eine Erregung des Auges: Die Farben und Formen, die sich darboten, waren aufgelöst und grundlos, und doch scharf hervorgehoben wie ein Strauß von Blumen, der auf einem dunklen Wasser treibt. Sie waren nachdrücklicher begrenzt als sonst, aber auf eine Weise, daß sich nicht sagen ließe, ob es an der Deutlichkeit der Erscheinung liege oder an deren tieferen Bewegtheit. Der Eindruck gehörte sowohl dem bündigen Bereich der Wahrnehmung der Aufmerksamkeit an als auch dem ungenauen des Gefühls; und gerade das machte ihn zwischen Innen und Außen schweben, wie der angehaltene Atem zwischen Einatmen und Ausatmen schwebt, und ließ, in einem eigentümlichen Gegensatze zu seiner Stärke, nicht leicht unterscheiden, ob er der Welt des Körperlichen angehöre oder bloß der erhöhten inneren Anteilnahme sein Entstehen verdanke. Die beiden wollten das auch nicht unterscheiden, denn eine Art von Scham der Vernunft hielt sie zurück; und auch noch durch längere folgende Zeit zwang es sie dazu, voneinander Abstand zu halten, obschon ihre Empfindlichkeit von Dauer war und wohl den Glauben erregen konnte, es könnte sich mit einmal der Verlauf der Grenzen sowohl zwischen ihnen als auch gegen die Welt ein wenig verändern.
Es war wieder Sommerwetter geworden, und sie hielten sich viel im Freien auf; im Garten blühten Blumen und Sträucher. Wenn Ulrich eine Blüte betrachtete – was nicht gerade eine alte Gewohnheit des einstmals Ungeduldigen war –, so fand er jetzt manchmal des Ansehns kein Ende und, um alles zu sagen, auch keinen Anfang. Wußte er zufällig den Namen zu nennen, so war es Rettung aus dem Meere der Unendlichkeit. Dann bedeuteten die goldenen Sternchen auf einer nackten Gerte »Goldbecher«, und jene frühreifen Blätter und Dolden waren »Flieder«. Kannte er den Namen aber nicht, so rief er wohl auch den Gärtner herbei, denn dann nannte dieser alte Mann einen unbekannten Namen, und alles kam wieder in Ordnung, und der uralte Zauber, daß der Besitz des richtigen Wortes Schutz vor der ungezähmten Wildheit der Dinge gewährt, erwies seine beruhigende Macht wie vor zehntausenden Jahren. Doch konnte es auch anders kommen und geschehn, daß sich Ulrich einem solchen Zweiglein und Blütlein verlassen und ohne Helfer gegenüber fand, und nicht einmal Agathe da war, mit der man die Unwissenheit teilen konnte: dann schien es ihm mit einemmal ganz unmöglich zu sein, das helle Grün eines jungen Blattes zu verstehen, und die geheimnisvoll begrenzte Formenfülle eines kleinen Blütenbechers wurde zu einem von nichts unterbrochenen Kreis unendlicher Abwechslung. Zudem hatte ein Mann wie er, wenn er sich nicht belog, was schon um Agathes willen nicht geschehen durfte, kaum die Möglichkeit, an ein verschämtes Stelldichein mit der Natur zu glauben, dessen Raunen und Augenaufschlagen, Gottseligkeit und stummes Musizieren vielmehr das Vorrecht einer besonderen Einfalt ist, die sich einbildet, wenn sie kaum den Kopf ins Gras lege, kitzle sie Gott schon am Hals, obzwar sie an Wochentagen nichts dawider hat, daß die Natur auch an der Fruchtbörse gehandelt wird. Ulrich verabscheute diese Schleudermystik zu billigstem Preis und Lob, die im Grund ihrer beständigen Gottergriffenheit über die Maßen liederlich ist, und überließ sich da eher noch der Ohnmacht, eine zum Greifen deutliche Farbe mit Worten zu bezeichnen oder eine der Formen zu beschreiben, die auf so gedankenlos-eindringliche Art für sich selbst sprachen. Denn das Wort schneidet nicht in solchem Zustand, und die Frucht bleibt am Ast, ob man sie gleich schon im Mund meint: das ist wohl das erste Geheimnis der taghellen Mystik. Und Ulrich bemühte sich, es seiner Schwester zu erklären, wenn auch in der verhohlenen Absicht, daß es nicht eines Tags wie eine Täuschung verschwinden möge.
Dadurch griff aber nach dem leidenschaftlichen Zustand einer des ruhigeren, ja manchmal fast zerstreuten Gespräches ziemlich um sich, der ihnen zum Schirm voreinander diente, obzwar sie ihn ganz durchschauten. Sie lagen gewöhnlich im Garten auf zwei großen Liegestühlen, die sie immer der Sonne nachschleppten; diese Frühsommersonne schien zum millionstenmal auf den Zauber, den sie alljährlich anrichtet; und Ulrich sagte da manches, das ihm gerade durch den Kopf ging und sich behutsam rundete wie der Mond, der jetzt ganz blaß und ein wenig schmutzig war, oder auch wie eine Seifenblase: Und so geschah es denn, und zwar recht bald, daß er auf den vertrackten und von vielen verwünschten Widersinn zu sprechen kam, daß alles Verstehen eine Art von Oberflächlichkeit voraussetzte, einen Hang zur Oberfläche, was sich in dem Wort »Begreifen« überdies ausspreche und damit zusammenhänge, daß die ursprünglichen Erlebnisse ja nicht einzeln, sondern eines am andern verstanden und dadurch unvermeidlich mehr in die Fläche als in die Tiefe verbunden würden. Er fuhr dann fort: »Wenn ich also behaupte, dieser Rasen hier vor uns sei grün, so klingt das sehr bestimmt, aber ich habe nicht eben viel gesagt. In Wahrheit nicht mehr, als wenn ich dir von einem vorbeigehenden Mann erzählt hätte, er gehöre der Familie Grün an. Und, du lieber Himmel, wie viele Grün gibt es! Da ist es gleich besser, ich begnüge mich mit der Erkenntnis, dieser grüne Rasen sei eben rasengrün, oder gar er sei grün wie ein Rasen, auf den es vor kurzem ein wenig geregnet hat –« Er blinzelte träg über die junge sonnenbeschienene Grasfläche und meinte: »So möchtest du es doch wahrscheinlich wirklich beschreiben, denn du bist von Kleiderstoffen im Anschaulichen geübt. Ich dagegen könnte die Farbe vielleicht auch messen: Sie dürfte schätzungsweise eine Wellenlänge von fünfhundertvierzig Millionstelmillimetern besitzen; und da wäre dieses Grün nun doch scheinbar gefangen und auf einen bestimmten Punkt angenagelt! Da entspringt es mir aber auch schon, denn sieh: an dieser Bodenfarbe ist doch auch etwas Stoffliches, das sich mit Farbworten überhaupt nicht bezeichnen läßt, weil es anders ist als das gleiche Grün in Seide oder Wolle. Und nun sind wir wieder bei der tiefen Erleuchtung, daß grünes Gras eben grasgrün ist!«
Agathe fand es, zum Zeugen aufgerufen, sehr verständlich, daß man nichts verstehen könne, und entgegnete: »Ich rate dir, sieh einmal einen Spiegel in der Nacht an: er ist dunkel, er ist schwarz, du siehst beinahe überhaupt nichts; und doch ist dieses Nichts ganz deutlich etwas anderes als das Nichts der übrigen Finsternis. Du ahnst das Glas, die Verdopplung der Tiefe, irgendeine noch zurückgebliebene Fähigkeit zu schimmern – und doch gewahrst du gar nichts!«
Ulrich lachte über die Bereitwilligkeit seiner Schwester, dem Wissen gleich die Ehre ganz abzuschneiden; er meinte beiweitem nicht, daß Begriffe keinen Wert hätten, und wußte wohl, was sie leisten, auch wenn er nicht gerade so tat. Was er ausheben wollte, war das Unfaßbare der Einzelerlebnisse, der Erlebnisse, die man aus einem naheliegenden Grund allein und einsam bestehen muß, auch wenn man zu zweien ist. Er wiederholte: »Das Ich erfaßt ja seine Eindrücke und Hervorbringungen niemals einzeln, sondern immer in Zusammenhängen, in wirklicher oder gedachter, ähnlicher oder unähnlicher Übereinstimmung mit anderem; so lehnt alles, was Namen hat, aneinander in Hinsichten, in Fluchten, als Glied von großen und unüberblickbaren Gesamtheiten, eins auf das andere gestützt und von gemeinsamen Spannungen durchzogen. Aber darum steht man auch,« fuhr er plötzlich anders fort »wenn aus irgendeinem Anlaß diese Zusammenhänge versagen und keine der inneren Ordnungsreihen anspricht, allsogleich wieder vor der unbeschreiblichen und unmenschlichen, ja vor der widerrufenen und formlosen Schöpfung!« Damit waren sie denn wieder an den Punkt zurückgekehrt, von wo sie ausgegangen; aber Agathe fühlte darüber die dunkle Schöpfung, den Abgrund Welt, den Gott, der ihr helfen sollte!
Ihr Bruder sagte: »Das Verstehen macht einem unstillbaren Staunen Platz, und das geringste Erlebnis – dieses Fähnchen Gras oder die sanften Laute, wenn deine Lippen da drüben ein Wort aussprechen – wird unvergleichbar, welteinsam, hat eine unergründliche Selbstischkeit und strömt eine tiefe Betäubung aus …!«
Er schwieg, drehte einen Grashalm unschlüssig in der Hand und horchte erfreut zu, wie Agathe, scheinbar so unzergrübelt wie ungründlich, zunächst die Leiblichkeit des Gesprächs wiederherstellte. Denn sie erwiderte jetzt: »Wenn es trockener wäre, möchte ich mich auf den Rasen legen! Laß uns fortreisen! Ich wollte so gern auf einer Wiese liegen, bescheiden zur Natur zurückgekehrt wie ein weggeworfener Schuh!«
»Aber das heißt auch nur, aus allen Gefühlen entlassen sein« wandte Ulrich ein. »Und Gott allein mag wissen, was aus uns werden sollte, wenn nicht auch sie in Scharen aufträten, diese Lieben und Hasse und Leiden und Güten, die scheinbar jedem allein gehören. Wir wären wohl aller Fähigkeit des Handelns und Denkens beraubt, denn unsere Seele ist für das geschaffen, was sich wiederholt, und nicht für das, was ganz aus der Reihe tritt –« Er war bedrückt, glaubte ins Nichts vorgestoßen zu sein, und sah mit unruhiger und gekrauster Stirn prüfend das Gesicht seiner Schwester an.
Aber Agathes Gesicht war noch klarer als die Luft, die es umgab und mit ihrem Haar spielte, als sie nun aus dem Gedächtnis etwas zur Antwort gab. »Ich weiß nicht, wo ich bin, noch suche ich mich, noch will ich davon wissen, noch Kunde haben. Ich bin so eingetaucht in der Quelle seiner Liebe, als wäre ich im Meere unter Wasser und könnte von keiner Seite irgendein Ding sehen oder fühlen als Wasser.«
»Woraus ist das?« fragte Ulrich neugierig und entdeckte da erst, daß sie ein Buch in Händen hielt, das sie seiner eigenen Bibliothek entnommen hatte. Agathe entzog es ihm und las vor, ohne Antwort zu geben: »Ich habe alle meine Vermögen überstiegen bis an die dunkle Kraft. Da hörte ich ohne Laut, da sah ich ohne Licht. Dann wurde mein Herz grundlos, meine Seele lieblos, mein Geist formlos und meine Natur wesenlos.«
Nun erkannte auch Ulrich den Band und lächelte, und da erst sagte Agathe: »Aus deinen Büchern.« Und beendete aus dem Gedächtnis, das Buch schließend, ihre Wiedergabe mit der Anrufung: »Bist du du selbst, oder bist du es nicht? Ich weiß nichts davon, ich bin dessen unkundig, und ich bin meiner unkundig. Ich bin verliebt, aber ich weiß nicht, in wen; ich bin weder treu noch ungetreu. Was bin ich doch? Ich bin selbst meiner Liebe unkundig; ich habe das Herz von Liebe voll und von Liebe leer zugleich!«
Ihr gutes Gedächtnis arbeitete auch sonst nicht gern seine Erinnerungen zu Begriffen um, sondern bewahrte sie sinnlich-einzeln auf, wie man sich Gedichte merkt; weshalb eine schwer beschreibliche Mitbeteiligung des Körpers und der Seele immer an ihren Worten war, wenn sie selbst noch so unauffällig sprach. Ulrich entsann sich des Auftritts vor dem Begräbnis seines Vaters, wo sie die wildschönen Verse Shakespeares zu ihm gesprochen hatte. »Wie wild ist ihr Wesen doch im Vergleich mit meinem!« dachte er. »Wenig habe ich mir heute zu sagen erlaubt!« Er überprüfte die Erklärung der »taghellen Mystik«, die er ihr gegeben hatte: Alles in allem war das nicht mehr, als daß er die Möglichkeit vorübergehender Abweichungen von der gewohnten und bewährten Ordnung des Erlebens zugegeben hatte; und wenn man es so auffaßte, folgten ihre Erlebnisse bloß einem etwas gefühlvolleren Grundgesetz als dem der gewöhnlichen Erfahrung und glichen kleinen Bürgerskindern, die in eine wandernde Schauspielertruppe geraten sind. Mehr hatte er also nicht zu sagen gewagt, obschon jedes Stück Raum zwischen ihm und seiner Schwester seit Tagen voll unvollendeter Geschehnisse war! Und allmählich begann er sich mit der Frage zu beschäftigen, ob sich nicht doch mehr glauben ließe, als er sich zugestanden habe.
Nach der lebhaften Gipfelung der Wechselrede hatten sich Agathe und er wieder in ihre Stühle zurückfallen lassen, und die Stille des Gartens deckte die verklungenen Worte zu. Insofern als gesagt worden, daß sich Ulrich mit einer Frage zu beschäftigen begonnen hätte, muß freilich berichtigt werden, daß viele Antworten ihren Fragen vorangehen wie ein Eiliger seinem geöffnet flatternden Mantel. Es war ein überraschender Einfall, was Ulrich beschäftigte, und forderte eigentlich auch nicht Glauben, sondern rief durch sein Auftreten Erstaunen hervor und den Eindruck, daß solche Eingebung wohl nie wieder vergessen werden dürfte, was in Ansehung ihrer Ansprüche etwas unbehaglich war. Ulrich war es gewohnt, nicht sowohl gottlos als vielmehr gottfrei zu denken, was nach Art der Wissenschaft heißt, jede mögliche Wendung zu Gott dem Gefühl zu überlassen, weil sie das Erkennen doch nicht zu fördern, sondern bloß ins Unwegsame zu verführen vermag. Und er zweifelte auch in dieser Minute nicht im mindesten daran, daß dies das einzig Richtige sei, sind doch die handgreiflichsten Erfolge des Menschengeistes schier erst entstanden, seit er Gott aus dem Weg geht. Aber der Einfall, der ihn heimsuchte, sagte: »Wie, wenn nun gerade dieses Ungöttliche nichts wäre als der zeitgemäße Weg zu Gott?! Jede Zeit hat noch einen anderen ihren stärksten Geisteskräften entsprechenden Gedankenweg dahin gehabt; wäre es also nicht unser Schicksal, das Schicksal eines Zeitalters der klugen und unternehmenden Erfahrung, alle Träume, Legenden und ausgeklügelten Begriffe nur deshalb zu leugnen, weil wir uns auf der Höhe der Welterforschung und -entdeckung wieder ihm zuwenden und zu ihm ein Verhältnis der beginnenden Erfahrung gewinnen werden?!«
Dieser Schluß hatte gar keine Beweiskraft, das wußte Ulrich; ja, er sollte den meisten sogar als Verkehrtheit erscheinen, und das focht ihn nicht an. Auch er selbst hätte ihn eigentlich nicht denken dürfen: Das wissenschaftliche Verfahren – so hatte er es doch erst kurz zuvor als rechtmäßig erläutert – besteht, außer aus Logik, daraus, daß es die an der Oberfläche, an der »Erfahrung« gewonnenen Begriffe in die Tiefe der Erscheinungen senkt und diese aus jenen erklärt; man verödet und verflacht das Irdische, um es beherrschen zu können, und der Einwand lag nahe, daß man das nicht auch auf das Überirdische ausdehnen dürfe. Aber diesen Einwand bestritt jetzt Ulrich: die Wüste ist kein Einwand, sie ist seit je eine Geburtsstätte himmlischer Gesichte gewesen; und überdies, Aussichten, die noch nicht erreicht sind, lassen sich auch nicht vorhersehen! Es entging ihm dabei, daß er sich vielleicht noch in einem zweiten Gegensatz zu sich selbst befand, oder in eine Richtung geraten war, die von der seinen abbog: Paulus nennt den Glauben die zuversichtliche Erwartung von Dingen, die man erhofft, und die Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht; und der Gegensatz zu dieser aufs Greifen bedachten Bestimmung, die zur Überzeugung der Gebildeten geworden ist, gehörte zum stärksten, was Ulrich im Herzen trug. Der Glaube als eine Verkleinerungsform des Wissens war seinem Wesen zuwider, er ist immer »wider besseres Wissen«; dagegen war es ihm gegeben, in der »Ahnung ›nach‹ bestem Wissen« einen besonderen Zustand und ein Fahrtengebiet für unternehmende Geister zu erkennen. Es sollte ihn später noch manche Mühe kosten, daß sich dieser Gegensatz jetzt abgeschwächt hatte, aber vorläufig bemerkte er nichts davon, denn es gab in dieser Minute einen Schwarm von Nebeneinfällen, der ihn beschäftigte und vergnügte.
Er griff Beispiele heraus. Das Leben wurde immer gleichförmiger und unpersönlicher. In alle Vergnügungen, Erregungen, Erholungen, ja selbst in die Leidenschaften drang etwas Typenhaftes, Mechanisches, Statistisches, Reihenweises ein. Der Lebenswille wurde breit und flach wie ein vor der Mündung zögernder Strom. Der Kunstwille war sich schon selbst beinahe verdächtig geworden. Es hatte den Anschein, daß die Zeit das Einzelwesen zu entwerten beginne, ohne doch den Verlust durch neue gemeinschaftliche Leistungen ersetzen zu können. Das war ihr Gesicht. Und dieses Gesicht, das so schwer zu verstehen war; das er einmal geliebt und in den Schlammkrater eines tief dröhnenden Vulkans umzudichten versucht hatte, weil er sich jung fühlte wie tausend andere; und von dem er sich, wie diese Tausende, abgewandt hatte, weil er des entsetzlich mißgestalten Anblicks nicht Herr wurde: dieses Gesicht verklärte sich, wurde ruhig, listig-schön, und leuchtend von innen durch einen einzigen Gedanken! Denn wie, wenn Gott selbst es wäre, der die Welt entwertet? Gewänne sie damit nicht auf einmal wieder Sinn und Lust? Und müßte er sie nicht schon entwerten, wenn er ihr auch nur um den kleinsten Schritt näher käme? Und wäre es nicht schon das einzige wirkliche Abenteuer, auch nur den Vorschatten davon wahrzunehmen?! Diese Überlegungen hatten die unvernünftige Folgerichtigkeit einer Reihe von Abenteuern und waren so fremd in Ulrichs Kopf, daß er zu träumen meinte. Er spähte zuweilen vorsichtig zu seiner Schwester hinüber, als müßte er fürchten, daß sie wahrnähme, was er treibe, und einige Male erblickte er dabei ihren blonden Kopf wie Licht im Licht vor dem Himmel, und die Luft, die in ihrem Haar spielte, sah er auch mit den Wolken spielen.
Wenn das geschah, hob nämlich auch sie sich ein wenig in die Höhe und blickte sich staunend um. Sie versuchte sich dann vorzustellen, wie es wäre, aus allen Gefühlen des Lebens entlassen zu sein. Selbst der Raum, dieser sich immer gleichbleibende, gehaltlose Würfel, sei nun wohl verändert, dachte sie. Wenn sie die Augen eine Weile geschlossen hielt und dann wieder öffnete, so daß der Garten unberührt in ihren Blick trat, als wäre er eben erst erschaffen worden, bemerkte sie so deutlich und unkörperlich wie ein Gesicht, daß die Richtung, die sie mit ihrem Bruder verbinde, unter allen anderen ausgezeichnet sei: Der Garten »stand« um diese Linie, und ohne daß sich an den Bäumen, Wegen und anderen Stücken der wirklichen Umgebung etwas geändert hätte, wovon sie sich leicht überzeugen konnte, war alles auf diese Verbindung als Achse bezogen und dadurch in einer sichtbaren Weise unsichtbar verändert. Es mochte widerspruchsvoll klingen; sie hätte aber ebensogut auch sagen können, daß die Welt dort süßer sei, vielleicht auch leidvoller: das Merkwürdige war, daß man es mit den Augen zu sehen meinte. Überdies lag etwas Auffälliges darin, daß alle die umgebenden Gestalten auf das unheimlichste verlassen dastanden, aber auch, auf das unheimlichste entzückend, belebt waren, in dem Anschein eines zarten Todes oder einer leidenschaftlichen Ohnmacht, als wären sie soeben von etwas Unnennbarem verlassen worden, was ihnen eine geradezu menschliche Sinnlichkeit und Empfindlichkeit verlieh. Und etwas Ähnliches wie am Eindruck des Raums hatte sich überdies am Gefühl der Zeit ereignet; dieses fließende Band, die rollende Treppe mit ihrer unheimlichen Nebenbeziehung zum Tod schien in manchen Augenblicken stillzustehn, und in manchen floß sie ohne Verbindung dahin. Während eines einzigen äußeren Augenblicks konnte sie innen verschwunden sein, ohne eine Spur davon, ob sie eine Stunde oder eine Minute ausgesetzt habe.
Einmal überraschte Ulrich seine Schwester bei diesen Versuchen und erriet wohl etwas von ihnen, denn er sagte leise und lächelnd: »Es gibt eine Weissagung, daß für die Götter ein Jahrtausend nicht mehr als ein Öffnen und Schließen ihres Auges sei!« Dann lehnten sie sich beide wieder zurück und hörten weiter den Traumreden der Stille zu.
Agathe dachte: »Alles das hat bloß er zustande gebracht; und doch zweifelt er jedesmal, wenn er lächelt!« Aber die Sonne fiel mit ihrer beständig niederkommenden Wärme zart wie ein Schlafmittel auf seine geöffneten Lippen, das fühlte Agathe an den ihren und wußte sich eins mit ihm. Sie versuchte sich in ihn hineinzuversetzen und seine Gedanken zu erraten, was zwischen ihnen eigentlich als unerlaubt galt, weil es von außen kam und nicht aus der schöpferischen Teilnahme; als eine Abweichung aber umso heimlicher war. »Er will nicht, daß es bloß eine Liebesgeschichte werden soll« dachte sie; und fügte hinzu: »Das ist auch mein Geschmack.« Und gleich darauf dachte sie: »Er wird keine andre Frau nach mir lieben, denn dies ist keine Liebesgeschichte mehr; das ist überhaupt die letzte Liebesgeschichte, die es geben kann!« Und sie fügte hinzu: »Wir werden wohl eine Art Letzte Mohikaner der Liebe sein!« Sie war auch dieses Tons gegen sich selbst im Augenblick fähig, denn wenn sie sich ganz ehrlich Rechenschaft ablegte, so war natürlich auch dieser verzauberte Garten, worin sie sich mit Ulrich befand, mehr Wunsch als Wirklichkeit. Sie glaubte nicht wirklich, daß schon das Tausendjährige Reich begonnen haben könnte, trotz dieses nach festem Boden klingenden Namens, den Ulrich einmal angegeben hatte. Sie fühlte sich sogar sehr verlassen von ihren Wunschkräften, und wo sonst ihre Träume entstanden, sie wußte nicht wo, bitter nüchtern. Sie entsann sich, daß sie vor der Zeit Ulrichs eigentlich leichter imstande gewesen war sich einzubilden, ein wacher Schlaf, wie der, worin ihre Seele jetzt schaukelte, vermöchte sie hinter das Leben zu geleiten, in ein Wachsein nach dem Tode, in Gottes Nähe, zu Mächten, die sie holen kämen, oder bloß neben das Leben zu einem Aufhören der Begriffe und einem Übergang in Wälder und Wiesen von Vorstellungen: es war ja nie klar geworden, was das sei! So gab sie sich nun Mühe, sich dieser alten Vorstellungen zu entsinnen. Aber es kam ihr nur noch eine Hängematte in Erinnerung, zwischen zwei ungeheure Finger gespannt und von einer unendlichen Geduld geschaukelt; dann ein stilles Überragtwerden, wie von hohen Bäumen, zwischen denen man sich emporgehoben und verschwunden fühlt; und schließlich ein Nichts, das einen auf unbegreifliche Weise greifbaren Inhalt hatte –: Das waren wohl alle die Zwischengebilde von Eingebung und Einbildung, an denen ihr Verlangen einst Trost gefunden hatte. Aber waren es denn wirklich bloß Zwischen und Halbgebilde gewesen? Zu ihrem Erstaunen begann Agathe etwas sehr Merkwürdiges allmählich aufzufallen. »Wahrhaftig,« dachte sie »es ist so, wie man sagt: es geht einem ein Licht auf! Und es verbreitet sich, je länger es dauert!« Denn was sie sich einst eingebildet hatte, war doch wohl fast in allem das, was jetzt ruhig und ausharrend dastand, sooft sie den Blick auf Ausschau schickte! Lautlos war es in die Welt getreten. Freilich war – anders, als es vielleicht ein buchstabengläubiger Mensch erlebt hätte – Gott ihrem Abenteuer fern geblieben, aber dafür war sie auch nicht mehr in diesem Abenteuer allein: das waren die zwei einzigen Änderungen, durch die sich die Erfüllung von der Vorankündigung unterschied, und zwar zugunsten irdischer Natürlichkeit.

47.
Wandel unter Menschen

In der Zeit, die nun folgte, zogen sie sich von ihren Bekannten zurück und setzten sie dadurch in Erstaunen, daß sie jede Einladung ablehnten und sich auf keine Weise erreichen ließen. Sie waren viel zu Hause, und wenn sie ausgingen, vermieden sie Orte, wo sie Menschen antreffen konnten, die demselben Gesellschaftskreis angehörten wie sie, besuchten aber Vergnügungsstätten und kleine Theater, wo sie sich davor sicher fühlten; und im allgemeinen folgten sie, sobald sie das Haus verließen, einfach den Großstadtströmungen, die ein Bild der Bedürfnisse sind und mit gezeitenmäßiger Genauigkeit die Menschen je nach der Stunde an bestimmten Orten zusammenpressen oder von dort absaugen. Es vergnügte sie, an einer Lebenshaltung teilzunehmen, die sich von der ihren unterschied und ihnen die Verantwortung für diese zeitweise abnahm. Noch nie war ihnen die Stadt, worin sie lebten, so schön und so fremd zugleich vorgekommen. Die Häuser boten in ihrer Gesamtheit ein großes Bild dar, auch wenn sie einzeln oder im einzelnen gar nicht schön waren; der Lärm strömte durch die hitzeverdünnte Luft wie ein an die Dächer reichender Fluß dahin; in dem starken, von der Straßentiefe gedämpften Licht sahen die Menschen leidenschaftlicher und geheimnisvoller aus, als sie es wahrscheinlich verdienten. Alles klang, sah aus, roch – so unersetzlich und unvergeßlich, als gäbe es zu verstehen, wie es sich in seiner Augenblicklichkeit selbst vorkomme; und die Geschwister nahmen diese Einladung, sich der Welt zuzuwenden, nicht ungern an.
Sie gerieten dabei an einen denkwürdigen Zwiespalt. Die Erlebnisse, die sie selbst einander nicht offen mitteilten, sonderten sie von den anderen Menschen ab; aber die gleiche ungewisse Leidenschaft, die sie unvermindert weiter fühlten und die sich nicht an einem Verbot gebrochen hatte, sondern an einer Verheißung, hatte sie auch in einen Zustand versetzt, der Ähnlichkeit mit den schwülen Unterbrechungen einer körperlichen Vereinigung besaß. Die Lust ohne Ausweg sank wieder in den Körper zurück und erfüllte ihn mit einer Zärtlichkeit, die so war wie ein letzter Herbsttag oder ein erster Frühlingstag. Trotzdem liebten sie gar nicht jeden Menschen, den sie sahen, und alles, was geschah: sie spürten bloß den schönen Schatten des »Wie es wäre« davon auf ihr Herz fallen, und dieses konnte der sanften Täuschung weder völlig glauben, noch konnte es sich ihr ganz entziehen. Es schien, daß sie durch ihre Gespräche und ihre Askese, durch ihre Erwartung und deren vorläufige Grenze empfindlich für die Schranken geworden waren, die dem Gefühl von der Wirklichkeit gesetzt werden, und nun zuhauf die eigentümlich zweiseitige Beschaffenheit des Lebens gewahrten, das jede große Bestrebung durch eine niedrige dämpft. Diese zweiseitige Beschaffenheit bindet an jeden Fortschritt einen Rückschritt, an jede Kraft eine Schwäche, und sie gibt keinem ein Recht, das sie nicht anderen nähme, ordnet keine Verwicklung, ohne neue Unordnung zu stiften, und scheint sogar das Erhabene hervorzurufen, um es in der nächsten Stunde mit dem Platten verwechseln zu können. Ein geradezu unlösbarer und tief notwendiger Zusammenhang verbindet scheinbar alle hochgestimmten menschlichen Bemühungen mit der Verwirklichung ihres Gegenteils und macht das Leben über alle Parteiungen hinweg für geistige Menschen schwer erträglich.
Dieses Aneinanderhaften der Ehr- und Kehrseite des Lebens ist sehr verschieden beurteilt worden. Fromme Menschenverächter sehen darin einen Ausfluß der irdischen Hinfälligkeit; Donnerkerle das saftigste Lendenstück des Lebens; Durchschnittlinge fühlen sich in diesem Widerspruch so wohl wie zwischen ihrer rechten und linken Hand; und Korrekte sagen, die Welt sei nicht geschaffen, um menschlichen Vorstellungen zu entsprechen. Aber umgekehrt, sind diese doch geschaffen, um ihr zu entsprechen, und warum bringen sie das im Bereich des Rechten und Schönen niemals zuwege?! Ulrich war der Meinung, daß dies der Erzeugung und Erhaltung eines mittleren Lebenszustands diene, der es mehr oder minder dem Zufall überläßt, das menschliche Genie mit der menschlichen Dummheit zu mischen, wie dieser Zustand denn auch selbst aus solcher Mischung hervorgeht; und er hatte das schon vor langer Zeit einmal mit den Worten ausgesprochen, daß der Geist keinen Geist habe, und vor ganz kurzer Zeit erst hatte er an dem Abend bei Diotima wieder ausführlich davon gesprochen als von der großen Unordnung der Gefühle. Aber kurz oder lang her, und wenn es auch noch so nahe gelegen hätte, in den gleichen Gedanken fortzufahren, sobald Ulrich damit begann, hatte er die Empfindung, daß solche Worte um einige Tage zu spät aus seinem Mund kämen. Es fehlte ihm diesmal oft das Verlangen, sich mit großen Angelegenheiten zu befassen, denn seine Seele war bereit, sich der Welt mit allen Sinnen hinzugeben, wie immer diese auch wäre. Sein Urteil spielte dabei sogut wie keine Rolle. Es bedeutete sogar fast nichts dafür, ob ihm etwas gefiel oder nicht, denn es ergriff ihn einfach alles mehr, als er verstehen konnte. Das war ein so allgemeiner wie ein im kleinen und einzeln zu jedem haltender Zustand, ja manchmal ganz ohne Gedanken und körperlich; wenn es aber eine Weile gedauert und ein volles Maß erreicht hatte, wurde es ihm unangenehm oder erschien ihm lächerlich, und er war dann auf ebenso unbegründete Weise, wie er sich hingab, auch bereit, diese Hingabe wieder zurückzunehmen.
Und Agathe erging es auf ihre Art nicht viel anders. Ihr Gewissen war bedrückt und erwartete neue Bedrückungen von seiten der Welt, die sie zurückgelassen hatte und die sich trotzdem rings um sie voll Kraft ankündigte. In der tausendfältigen Betriebsamkeit, die Tag und Nacht ausfüllt, wäre wohl nicht eine einzige Aufgabe zu finden gewesen, an der sie mit ganzem Herzen hätte teilnehmen mögen; und wessen sie sich selbst unterfing, dem sollte von den andern nichts so sicher wie Tadel oder Verachtung sein. Es lag ein merkwürdiger Friede darin! Wahrscheinlich darf gesagt werden, daß ein schlechtes Gewissen ein besseres Ruhekissen darbietet als ein gutes, wenn es nur schlecht genug ist: Die unablässige Nebentätigkeit des Geistes in der Absicht, aus allem Unrecht, in das er verwickelt ist, ein gutes persönliches Gewissen als Abschluß zu gewinnen, ist dann eingestellt und läßt dem Gemüt eine ungemessene Unabhängigkeit zurück. Eine zarte Einsamkeit, ein himmelhoher Hochmut gossen zuweilen ihren Glanz auf diese Weltausflüge. Neben den eigenen Empfindungen konnte dann die Welt plump aufgeblasen erscheinen wie ein Fesselballon, den Schwalben umkreisen, oder zu einem Hintergrund erniedrigt sein, der klein war wie ein Wald am Rand des Gesichtskreises. Die verletzten bürgerlichen Verpflichtungen klangen wie ein fern und roh andringendes Geräusch; sie waren unwichtig, wenn nicht unwirklich. Eine ungeheure Ordnung, die zuletzt nichts ist als eine ungeheure Absurdität, das war dann die Welt. Und doch hatte auch jede Einzelheit, die ihr begegnete, die gespannte, die hochseiltänzerische Natur des Einmal-und-nicht-wieder, die Natur der Entdeckung, die zauberisch bestellt ist und keine Wiederholung zuläßt; und wenn sie davon sprechen wollte, so geschah es in dem Bewußtsein, daß sich kein Wort zweimal sagen lasse, ohne den Sinn zu verändern.
Das Weltverhalten der Geschwister war also zu dieser Zeit keine ganz einwandfreie Äußerung sicheren Wohlwollens und enthielt auf eigene Art Zuneigung und Abneigung nebeneinander in einem wie ein Regenbogen schwebenden Zustand der Rührung, statt daß sich diese Gegensätze seßhaft gemischt hätten, wie es dem seiner selbst gewissen Zustand der Alltäglichkeit entspricht. Damit hing es zusammen, daß sich in dieser Zwischenzeit auch der Ton ihrer Gespräche veränderte; der Anklang des Schicksals schwächte sich ab, und der Fortschritt wurde ungebundener, ja mitunter verflüchtigte er sich in ein spielendes Flattern der Worte. Trotzdem bedeutete das nicht sowohl ein Zaudern aus Mutlosigkeit als vielmehr ein ungeregeltes Erweitern der Lebensgrundlage ihres eigenen Abenteuers. Sie suchten Unterstützung an der Betrachtung der durchschnittlichen Lebensgestaltung und waren im geheimen sicher, daß auch deren Gleichgewicht bloß eine Vortäuschung sei. Auf diese Weise kam es, daß ihre Unterhaltung eines Tags eine Richtung einschlug, in der sie trotz des Schwankens ausharrte. Ulrich fragte: »Was bedeutet eigentlich der Auftrag: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?«
»Liebe auch den Fernsten wie dich selbst, bedeutet es!« gab Agathe mit der zärtlichen Nachsicht zur Antwort, auf die ihr Bruder in Fragen der Menschenliebe nun schon Anspruch hatte.
Aber Ulrich gab sich nicht zufrieden. »Und was bedeutet es: Liebe, was du nicht kennst? Liebe, wen du nicht kennst, obwohl ihr überzeugt sein dürftet, daß ihr euch nach geschlossener Bekanntschaft mißfallen werdet? Schließlich also: liebe ihn, obschon du ihn kennst!?« wiederholte er ausführlicher.
»Das ist offenbar die Lage, worin sich die meisten Menschen befinden, ohne daß sie es sich anfechten lassen!« erwiderte Agathe. »Sie setzen Zweifel und Vertrauen ineinander!«
»Sie sehen zum voraus im Gebot der Liebe nicht mehr als das vernünftige Verbot, einander Schaden zuzufügen, wenn es keinen Zweck hat« schlug Ulrich vor.
Aber Agathe sagte, das wäre die lahme Nutzregel: ›Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu!‹ Und es könne unmöglich der ganze Sinn des hochherzig-leidenschaftlichen und heiter-freigebigen Auftrags sein, daß man einen fremden Menschen liebe, ohne auch nur zu fragen, wer er sei!
»Vielleicht ist dieses ›Liebe!‹ darin nur ein Ausdruck, der sich einen viel zu großen Schwung genommen hat, um die Widerstände zu überwinden?!« gab nun Ulrich zu bedenken. Aber Agathe bestand darauf, daß es wirklich: »Liebe ihn!« und
»Ohne jeden besonderen Grund!« bedeute und daß davon nichts abzudingen wäre, sodaß Ulrich nachgab. »Es hat den Sinn: Liebe ihn trotz deiner Kenntnis!« räumte er ein. »Und ehe du ihn kennst!« wiederholte Agathe und bekräftigte es noch einmal:
»Jedenfalls: ohne daß du ihn kennst!«
Plötzlich hielt sie aber inne und sah ihren Bruder verdutzt an. »Aber was liebt man denn eigentlich an einem Menschen, wenn man ihn überhaupt nicht kennt?!« fragte sie ungeduldig.
So hatte die rasch hin und her spielende Frage verschiedene Formen angenommen. Ulrich beeilte sich jetzt aber nicht, seiner Schwester behilflich zu sein. Er meinte, etwas lieben, hieße, es anderem vorzuziehn, und das setze wohl doch ein gewisses Kennen voraus.
»Sich selbst lieben aber fast alle Menschen am meisten, und kennen sich am wenigsten?!« warf Agathe nun ein.
»Es gibt eine Menschenliebe unabhängig von Verdienst und Lohn« bestätigte es Ulrich in nachahmend-moralisierendem Tonfall und mit einem Achselzucken.
»Da stimmt etwas nicht!«
»Da stimmt vieles nicht!« meinte er.
»Und wenn man alles liebt? Wenn man, wie heute, die ganze Welt lieben muß? Was liebt man dann? Du wirst sagen: nichts Besonderes!« fragte ihn Agathe lachend.
»Fällt dir nicht auch auf, daß es heute geradezu stört, wenn uns zufällig ein Mensch begegnet, der so schön ist, daß man darüber etwas Persönliches sagen müßte« fragte er sie.
»Dann gilt das Gefühl nicht der wirklichen Welt und den wirklichen Menschen!« sagte sie mit Bestimmtheit.
»Dann haben wir also die Frage zu beantworten, welchem Teil von diesen es gilt, oder welcher Umgestaltung und Verklärung des wirklichen Menschen und der wirklichen Welt!« sagte Ulrich mit leiserem Nachdruck.
Nach einer kleinen Weile erwiderte Agathe mit schüchternem Gewissen darauf: »Vielleicht ist gerade das der wirkliche Mensch?!« Ulrich schüttelte aber in zögernder Abwehr den Kopf.
Der Inhalt dieser fragenden Behauptung hatte wohl eine tief durchschimmernde Augenfälligkeit für sich. Es war die Luft und Lust dieser Tage so heiter und zärtlich, daß unwillkürlich der Eindruck entstand, Mensch und Welt müßten sich darin so zeigen, wie sie wirklich wären: Ein kleiner übersinnlich-abenteuerlicher Schauer war in dieser Durchsichtigkeit, wie er in der fließenden Durchsichtigkeit eines Baches ist, die den Blick an den Grund gelangen, dem schwankend ankommenden aber dort die farbig geheimnisvollen Steine wie eine Fischhaut erscheinen läßt, unter deren Glätte sich, was er zu erfahren geglaubt hat, nun erst recht unzugänglich verbirgt. Agathe brauchte ihre Augen bloß ein wenig zu lösen, so konnte sie, von Sonnenschein umgeben, das Gefühl empfangen, in einen übernatürlichen Bereich geraten zu sein; es fiel ihr dann für eine kleinste Weile ganz leicht zu glauben, sie habe sich mit einer höheren Wahrheit und Wirklichkeit berührt oder sei zumindest an eine Seite des Daseins geraten, wo ein hinterirdisches Pförtchen aus dem Erdgarten heimlich ins Überirdische führt. Wenn sie aber ihrem Blick wieder eine gewöhnliche Spannung gab und das Leben prall hineinströmen ließ, so sah sie, was gerade da sein mochte: etwa ein Fähnchen, das lustig, aber ohne alle Hintergründigkeit von der Hand eines Kindes gehalten wurde, einen Polizeiwagen mit Gefangenen, dessen schwarzgrüner Lackanstrich im Licht blitzte, einen Mann mit einer farbigen Mütze, der zwischen Fuhrwerken die Straße kehrte, und schließlich eine Abteilung Soldaten, deren geschulterte Gewehre die Läufe gegen den Himmel richteten. Und das alles war wohl von etwas übergossen, das mit Liebe Verwandtschaft hatte, auch schienen alle Menschen bereit zu sein, sich mehr als sonst diesem Gefühl zu öffnen: aber zu glauben, nun sei wirklich das Reich der Liebe da, das wäre wohl doch ebenso schwer, sagte Ulrich, wie sich einzubilden, daß in diesem Augenblick kein Hund beißen und kein Mensch Böses tun könne.
Ebenso erging es allen anderen Erklärungsversuchen, die mit diesem darin verwandt waren, daß sie dem alltäglichen, erdrunden, bös-guten, aber immerhin vorhandenen Menschen irgendeinen entlegen wahren entgegensetzten. Die Geschwister musterten sie einen nach dem anderen durch und glaubten keinem. Da gibt es das Gefühl, daß die Natur an solchen Festtagen alles hervorkehre, was in ihren Geschöpfen an heimlicher Güte und Schönheit liege. Dann gibt es die schon eher psychologischen Erklärungen, daß sich der Mensch in dieser durchsichtigen Hochzeitsluft zwar nicht als ein magisch-anderer erzeige, aber doch so liebenswert zur Schau trage, wie er es sein möchte und sich selbst sehe: seine Eigenliebe und einwärts schauende Nachsicht gleichsam wie Honig ausschwitzend. Und endlich gibt es auch noch die Abwandlung, daß die Menschen ihren guten Willen zeigten, der sie zwar nicht hindern kann, Schlechtes zu tun, aber an solchen Tagen wunderbarerweise aus dem bösen Willen, der sie gewöhnlich beherrscht, unversehrt hervorkommt wie Jonas aus dem Fischbauch. Die einfachste Erklärung aber ist die, daß es der unsterbliche Teil des Menschen sei, der durch den sterblichen schimmere. Alle diese Unterstellungen hatten es nun gemeinsam, daß sie den wahren Menschen in einen Teil des Menschen verlegten, der zwischen den unwesenhaften übrigen nicht zur Geltung kommt; und wenn dessen ahnungsvolle Berührung ein deutlich nach oben gerichteter Vorgang war, so gab es auch noch eine zweite, nicht weniger reichhaltige Gruppe von Erklärungen, bei der sich dieser Vorgang ebenso deutlich nach unten richtet: Es sind alle die, worin der Mensch die Unschuld eines Naturdaseins durch seinen geistigen Hochmut und allerlei Unglück der Zivilisation verloren haben soll. Es gibt also zwei wahre Menschen, die vor dem Gemüt bei gleicher, immer wiederkehrender Gelegenheit überaus pünktlich auftreten, doch lagen nun diese beiden – der eine himmlischer Übermensch, der andere kreatürlicher Untermensch – zu den entgegengesetzten Seiten des wirklichen Menschen. Und Ulrich sagte schließlich trocken: »Als gemeinsam, und auch recht bezeichnend, bleibt sonach nur übrig, daß der Mensch den wahren Menschen auch in den Augenblicken seiner Güte nicht in sich selbst sucht, sondern sich selbst ›plus oder minus‹ etwas anderem dafür hält!«
Damit waren die Geschwister aber von einem Grenzfall der so fraglichen, so sanft alles verbindenden Liebe zum andren geraten, und Agathe seufzte, nicht ohne Anmut, ärgerlich auf. »Dann bleibt von allem also nur eine ›Stimmung‹ übrig!« rief sie enttäuscht aus. »Es scheint die Sonne. Man gerät in einen Gemütszustand!«
Ulrich ergänzte es. »Die sozialen Instinkte dehnen sich im Sonnenschein aus wie das Quecksilber in der Thermometerröhre, auf Kosten der egoistischen, die ihnen sonst ungefähr die Waage halten. Nichts andres vielleicht!«
»Also ein ›unbewußter Drang‹ wie bei einem Schulmädel oder einem Schulbuben!« fuhr Agathe fort. »Sie möchten die ganze Welt küssen und wissen nicht warum! Mehr können also auch wir nicht sagen?«
Sie waren plötzlich des Fühlens müde; und es geschah manchmal, daß sie über einem solchen Gespräch, das nur von ihrem Empfinden handelte, dieses verabsäumten. Auch weil die Überfülle des Gefühls, die nirgends einen Ausweg fand, eigentlich schmerzte, vergalten sie es ihr zuweilen mit ein wenig Undankbarkeit. Als sich aber Ulrichs Antwort über Gebühr verzögerte, sah ihn seine Schwester rasch von der Seite an und behauptete entschieden: »Das wäre zu wenig!«
Und in dem Augenblick, wo sie es sagte, fühlten beide wieder, daß sie nicht bloß an einer persönlichen Einbildung hingen, sondern eine unabsehbare Wirklichkeit vor sich hätten. In der überflutenden Stimmung schwebte Wahrheit, unter dem Schein war Wirklichkeit, Weltveränderung blickte schattenhaft aus der Welt! Es war allerdings eine merkwürdig kernlose, nur halbgreifliche Wirklichkeit, deren sie sich gewärtig fühlten; und eine alt-vertraute, vertraut-unvollendbare Halbwahrheit, die um Glaubwürdigkeit buhlte: keine Allerweltswirklichkeit und Wahrheit für alle Welt, sondern eben bloß eine geheime für Liebende. Aber offenbar war sie auch nicht bloß Willkür oder Täuschung, und ihre geheimste Einflüsterung sprach: »Du solltest dich mir bloß ohne Mißtrauen überlassen, dann wirst du die ganze Wahrheit erfahren!« Es war so schwer, sich davon Rechenschaft zu geben, weil die Sprache der Liebe eine Geheimsprache ist und in ihrer höchsten Vollendung so schweigsam wie eine Umarmung.
Agathe entsann sich dunkel, daß geschrieben steht: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht.«
Ulrich dagegen überlegte, weil sie zuvor gesagt hatte, daß es »bloß eine Stimmung« wäre, einen Gedanken, der so süß-nüchtern wie Flötenklang war. Man hätte nämlich bloß anzunehmen, daß eine solche Stimmung der Verliebtheit nicht immer nur ein vorübergehender Ausnahmezustand sei, sondern daß sie auch über die Gelegenheit hinaus der Dauer und Ausbreitung fähig wäre, mit andern Worten, man hätte nichts vorauszusetzen, als daß einer auch allein und seinem dauernden Wesen nach ein Liebender sein könne, so wie er ein Gleichgültiger sein kann, und käme mit den Folgen zu einer völlig veränderten Lebensweise, ja voraussichtlich zu einer ganz ungewöhnlichen Welt, die sich in seinem Kopf abmalt, ohne daß er doch als ein Geisteskranker gelten dürfte. Dieser Gedanke, daß alles anders sein könnte durch einen einzigen Schritt, ja durch eine Bewegung, der sich das Gemüt bloß zu überlassen hätte, war äußerst verführerisch. Und plötzlich fragte Ulrich neugierig seine Schwester: »Was, meinst du, geschähe, wenn wir jetzt einen von diesen da anhielten und zu ihm sagten: ›Bleib bei uns, Bruder!‹ oder: ›Halt an, vorbeieilende Seele!‹?«
»Er würde uns verblüfft anschauen« erwiderte Agathe.
»Und dann seine Schritte scheu verdoppeln oder einen Schutzmann herbeirufen!« vollendete es Ulrich.
»Wahrscheinlich würde er denken, mit gutmütigen Irren zusammengeraten zu sein« fügte nun Agathe hinzu.
»Wenn wir ihn aber mit den Worten anschrien: ›Sie Verbrecher, Sie gemeines Subjekt!‹, so dürfte er uns wahrscheinlich nicht für verrückt halten,« bemerkte Ulrich vergnügt »sondern bloß für ›Andersdenkende‹, für ›Angehörige einer andern Partei‹, die an ihm Ärgernis genommen haben!«
Agathe zog lächelnd die Augenbrauen zusammen, und dann blickten sie mitsamt wieder in den Menschenstrom, der sie begleitete und ihnen entgegenkam. Gemeinsam fühlten sie abermals die Selbstvergessenheit und Macht, das Glück, die Güte, die tiefe und hohe Befangenheit, die im Innern einer Menschenbrüderschaft, und sei es auch nur die zufällige einer belebten Straße, vorherrschen, so daß man nicht glaubt, daß es auch Schlechtes und Trennendes geben könne; und ihr eigenes Sein, das scharf begrenzte und schwere Hineingestelltsein, dieses Grundglück und diese Grundfeindschaft, hob sich wunderlich davon ab. Sie dachten dasselbe; aber sie dachten auch verschieden, ohne daß es bemerklich wurde. Sie errieten einander; und manchmal rieten sie auch falsch. Und allmählich ging eine Trägheit, ja Lähmung des Denkens von diesem doppelperlenartigen Nebeneinander in der Schale der Welt aus, wie es Ulrich ein wenig spöttisch nannte, und dann lachten sie zur Abwehr über einander oder über irgend etwas.
Als sich das wiederholte, sagte aber Agathe: »Ich bin immer so traurig, wenn wir über uns lachen müssen; und ich weiß nicht, warum ich lachen muß.«
Darauf erwiderte Ulrich: »Nichts ist ja komischer, als die Augen zur Wirklichkeit aufzuschlagen, wenn sie noch seelenvoll sind!«
Aber Agathe ging nicht darauf ein; sie wiederholte: »Alles bleibt so ungewiß. Es zieht sich scheinbar zusammen und dehnt sich dann wieder gestaltlos aus. Es erlaubt nichts zu tun, und die Untätigkeit wird auch unerträglich. Ich vermag ja auch nicht zu sagen, daß ich diese Menschen wirklich liebe oder daß ich diese wirklichen Menschen liebe, wie sie da vor uns sind. Ich fürchte, unsere eigenen Gefühle sind recht unwirklich!«
»Ihnen selbst geht es aber untereinander genau so!« entgegnete Ulrich. »Sie möchten sich lieben, doch halten sie im entscheidenden Augenblick Abneigung für natürlicher und gesünder! So geht es allen gleich: Wir empfinden ein mögliches Leben gebrochen durch das wirkliche!«
»Aber dann erkläre mir doch,« empörte sich Agathe »warum zur Liebe immer eine Kirche oder ein Bett gehört!«
»Um Himmelswillen,« beschwichtigte Ulrich lachend seine Gefährtin »sprich heimlicher!« Er berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand und fuhr geheimnisvoll scherzend fort: »Was du und ich im Nahen sind, dürfen im Weiten auch alle sie heißen: die Ungetrennten und Nichtvereinten!«
Es war keine Behauptung; bloß ein schmeichelndes Wortgebilde, ein Scherz, ein offenes Wölkchen aus Worten; und sie wußten, daß sich auserwählt zu fühlen das billigste Zaubermittel und sehr jugendlich sei: Trotzdem stieg Ulrichs Geschwisterwort an beiden langsam von der Erde bis über den Kopf empor. Auch Agathe flüsterte nun scherzend: »Manchmal fühlt man von einem Schleier seinen eigenen Atem heiß wie ein Paar fremder Lippen zurückkommen: So täuschend oder wirklich kommt es mir manchmal vor, daß ich du bin!« gab sie zur Antwort, und ihr leises Lachen zog hinter sich das Schweigen wie einen Vorhang zu, als es verklang.
In solcher wechselnden Art sprachen sie also über einen Vorwurf, dem die ernste Wißbegierde von Millionen Liebespaaren gilt, die sich hundertmal im Tage fragen, ob es wahr und wirklich sei, daß sie sich lieben, und wie lange es dauern könne; ohne daß diese freilich befürchteten, auch ebensolche Merkwürdigkeiten heraufzubeschwören.

48.
Liebe macht blind. Oder Schwierigkeiten, wo sie nicht gesucht werden

Ein anderes dieser weltzugewandten Gespräche verlief so: »Wie stünde es dann um das sowohl berühmte als auch gerne erlebte Geschehnis der Liebe zwischen zwei sogenannten ›Personen verschiedenen Geschlechts‹?« wandte Ulrich ein. »Man liebt doch wohl zum Teil wirklich den Menschen, den man zu lieben glaubt.«
»Aber im ganzen macht man sich aus ihm bloß eine Puppe!« fiel Agathe unwillig ein.
»Immerhin, was er dabei so meint und denkt und ist, hat auch seinen Reiz!«
»Solange man ihn liebt! Weil man ihn liebt! Aber nicht umgekehrt! Hat man erst verstanden, wie es der andere meint, ist nicht bloß, wie es immer heißt, der Zorn entwaffnet, sondern meist auch die Liebe!« – Wieder war es Agathe, die diese leidenschaftliche Antwort gab. Ulrich lächelte. Sie mußte einigemal heftig mit dem Kopf gegen die Wand gegangen sein.
»Es können einem aber auch zuerst die Meinungen gefallen, das spielt sogar anfangs oft eine Rolle: die bekannte wunderbare Übereinstimmung; später kann man es allerdings nicht mehr verstehn« sagte er vermittelnd und fragte: »Aber die Werke? Kommt es der Liebe auf die Werke an?«
»Nur soweit sie die Gesinnung beweisen. Oder der Einbildung eine Art Denkmalhaltung geben!«
»Aber wir haben doch soeben gefunden, daß es auf die Gesinnung nicht sehr ankommt?!« erinnerte Ulrich neckend.
»Es kommt überhaupt auf nichts an!« rief Agathe aus. »Nicht auf das, was er ist, nicht auf das, was er meint, nicht auf das, was er will, und nicht auf das, was er tut! Manchmal verachtet man doch einen Menschen und liebt ihn trotzdem. Und manchmal liebt man einen Menschen und hat das heimliche Gefühl, daß dieser Mensch mit Bart oder Busen, den man vermeintlich schon lange kennt und schätzt und der unaufhörlich von sich redet, eigentlich nur zu Besuch bei der Liebe ist. Man könnte seine Gesinnung und seine Verdienste weglassen, man könnte sein Schicksal ändern, man könnte ihn mit einem andern Bart und anderen Beinen ausstatten: man könnte beinahe ihn selber weglassen und liebte ihn dennoch! – Soweit man ihn eben überhaupt liebt« fügte sie abschwächend hinzu.
Ihre Stimme hatte einen tiefen Klang, mit einer unruhigen Helligkeit in ihrer Tiefe wie von einem Feuer. Nun setzte sie sich schuldbewußt nieder, weil sie in ungewolltem Eifer von ihrem Stuhl aufgesprungen war.
Ulrich faßte das Ergebnis ausgleichend zusammen: »Beide Widersprüche sind immer vorhanden und bilden ein Viergespann: Man liebt einen Menschen, weil man ihn kennt und weil man ihn nicht kennt; und man kennt ihn, weil man ihn liebt, und kennt ihn nicht, weil man ihn liebt. Und manchmal steigert sich das so, daß es fühlbar wird. Das sind dann die bekannten Augenblicke, wo Venus durch Apoll und Apoll durch Venus auf einen leeren Haubenstock blicken und sich höchlich darüber verwundern, daß sie vorher dort etwas ande res gesehen haben. Ist weiterhin die Liebe stärker als das Erstaunen, so kommt es zu einem Kampf zwischen diesen beiden, und manchmal geht daraus die Liebe – wenngleich verzweifelt, erschöpft und unheilbar verwundet – als Siegerin hervor. Ist sie aber nicht so stark, so kommt es zu einem Kampf zwischen den Personen; zu Beleidigungen, die es wieder gutmachen sollen, daß man der Einfältige gewesen sei, zu fürchterlichen Einbrüchen der Wirklichkeit, zu Entehrungen bis ins letzte –« Er hatte diese Unwetter der Liebe oft genug mitgemacht, um sie gemächlich beschreiben zu können.
Agathe unterbrach ihn. »Ich finde aber, daß diese ehelichen und unehelichen Ehrenaffären gewöhnlich doch sehr überschätzt werden!« wandte sie ein.
»Die ganze Liebe wird überschätzt! Der Wahnsinnige, der in seiner Sinnestäuschung ein Messer zückt und damit einen Unschuldigen durchbohrt, der gerade an der Stelle seiner Halluzination steht –: in der Liebe ist er der Normale!« sagte Ulrich und lachte.
Auch Agathe sah ihn lächelnd an.
Ulrich wurde ernst. »Es ist ja sonderbar genug, denken zu müssen, daß wirklich keine zwei Menschen von selbst übereinstimmen, ohne daß ihre Meinungen und Überzeugungen mehr oder weniger gewaltsam beeinflußt werden« bemerkte er nachdenklich, und das Gespräch nahm dadurch für eine Weile eine etwas andere Art an.
Die Geschwister saßen in Ulrichs Zimmer zu beiden Seiten des langen, dunkel glänzenden, aus schwerem Holz verfertigten Arbeitstisches, dessen Mitte jetzt leer war, weil Ulrich anscheinend nichts arbeitete. Sie hatten jedes faul einen Arm aufgestützt und blickten auf ein kleines Pferdchen aus Papiermasse, das zwischen ihnen in dem leeren Mittelfeld stand.
»Sogar im Denken, wo alles doch logisch und sachlich zusammenhängt,« fuhr Ulrich fort »anerkennt man die überlegene Überzeugung eines anderen gewöhnlich bloß dann vorbehaltlos, wenn man sich ihm auch auf irgendeine andere Weise unterwirft, sei es als einem Vorbild und Führer, sei es als einem Freund oder einem Lehrer. Ohne ein solches Gefühl, das nicht zur Sache gehört, macht man sich fremde Meinung stets nur mit dem stillschweigenden Einspruch zu eigen, daß sie bei einem selbst noch besser aufgehoben sei als bei ihrem Urheber; wenn man nicht gar die Absicht hat, diesem Kerl überhaupt erst zu zeigen, welche ungeahnte Bedeutung seinen Gedanken zukommt! Und gar in der Kunst wissen wir meisten Leute wohl, daß es uns unmöglich wäre, was wir lesen, sehen und hören, selbst zustande zu bringen; aber wir haben doch das gönnerhafte Bewußtsein, wenn wir bloß überhaupt könnten, so könnten wir es gleich auch besser! Und vielleicht muß es so sein und liegt in der tätigen Natur des Geistes, der sich ja nicht füllen läßt wie ein leerer Topf,« schloß Ulrich »sondern sich alles wirkend aneignet und wahrhaft an-eignen muß.«
Er hätte aber gerne noch etwas gesagt, das ihm anschließend einfiel, und es ließ ihn nicht ruhen, so daß er, ehe Agathe erwidern hätte können, schon seinen Zweifel aussprach. »Wir sollten uns aber auch fragen,« schlug er vor »welches Leben entstünde, wenn sich alles das nicht so ungünstig verhielte. Liegt denn nicht – als Gegenspiel zu der äußeren Roheit, womit unsere Gesinnung zuletzt behandelt sein will – in dem anderen Grenzfall, in dem des widerstandslosen Aufnehmens fremder Gesinnung, in der vollen Hingabe an die Gefühle eines andern, ja schon in dem reinen Einverständnis mit einem zweiten Verstand, ein Glück, das krankhaft zart ist, ja beinahe ein widergeistiges Glück? Und wie ließe sich dieses Licht herstellen ohne den Schatten?« Dieser Gedanke wäre es ihm wert gewesen, das Gespräch verweilen zu lassen; aber obwohl er auch Agathe fürwahr nicht fremd war, lagen ihr im Augenblick kleinere Sorgen näher. Sie sah ihren Bruder eine Weile stumm an, bekämpfte, was sie anwandelte, und entschloß sich dann doch zu der gekränkten, so gleichmütig wie möglich vorgebrachten Frage, ob er also zu der gereiften Überzeugung gelangt wäre, daß niemals »auch nur zwei Menschen« eines Sinnes sein könnten, und auch Liebende unter gar keinen Umständen.
Ulrich war schon nahe daran, durch eine Bewegung auszudrücken, daß dies weder wirklich zu nehmen noch der Rede wert sei, als ihm der verstellte Eifer seiner Schwester auffiel; er mußte ein Lächeln über diese verdächtige Wißbegierde verbergen, verlor aber darüber seine ernste eigene und geriet wieder in die unterbrochene, bachartig flüchtende Heiterkeit der anfänglichen Scherzrede zurück. »Du hast doch selbst damit begonnen, die Liebe gering zu machen!« gab er zur Antwort.
»Lassen wir es dabei!« verordnete Agathe großmütig. »Lassen wir es dabei, daß man gerade in der Liebe nicht übereinstimmt. Aber im gewöhnlichen Leben, das gewiß nichts weniger als liebevoll ist, haben doch alle möglichen Menschen, das wirst du zugeben, gleiche Überzeugungen, und das spielt dort eine große Rolle!«
»Sie glauben bloß, sie zu haben!« fiel nun Ulrich wieder ein.
»Sie stimmen überein!«
»Sie werden übereingestimmt! Die Menschen sind wie ein Feuer, das sofort auseinanderzüngelt, wenn nicht ein Stein darauf liegt!«
»Aber es gibt doch zum Beispiel allgemein herrschende Meinungen?« fragte Agathe in der Absicht, mit ihrem Bruder Schritt zu halten.
»Und da sagst du es selbst!« entgegnete Ulrich. »Herrschende! Da es nötig ist, daß wir übereinstimmen, sind natürlich unzählige Einrichtungen vorhanden, die es äußerlich besorgen und innerlich vortäuschen. Sie gehen nicht immer fein zu Werke, um uns Menschen eines Sinnes zu machen. Suggestion, Gewalt, Einschüchterung, Gedankenlosigkeit, Feigheit und ähnliches spielt keine ganz kleine Rolle dabei. Das Wirken dieser Einrichtungen ist meistens mit etwas Niedrigem und Entsittlichendem versetzt. Aber laß ihre Einflüsse auch nur einen Augenblick aussetzen und überlasse ihr Geschäft der Vernunft, so wirst du ganz wenig später sehen, daß die Menschheit zu schnattern und in Zorn zu geraten beginnt, wie Irre durcheinandergeraten, wenn die Aufsicht nachläßt!«
Agathe erinnerte sich der Spaziergänge, wo bei schönem Wetter alles mit allem vorbehaltlos einverstanden war und die Menschen, wenn sie auch wahrscheinlich bloß glaubten, einander zu lieben, doch zumindest voll Aufmerksamkeit füreinander waren und voll einer beinahe feierlichen Freundlichkeit und Neugierde. Es lag nahe zu erwähnen, daß Liebe eben doch das einzige auf der Welt sei, was eines Sinnes mache, und in allen ihren Spielarten freiwillig von beiden Seiten.
»Aber Liebe ist doch gerade eine von den Übereinstimmungsmaschinen. Sie hat die segensreiche Wirkung, daß sie blind macht!« hielt Ulrich dem entgegen. »Liebe macht blind: Die Hälfte aller Rätsel der Nächstenliebe, die wir uns aufgegeben haben, liegt schon in diesem einen Satz beschlossen!«
»Es ließe sich höchstens noch hinzufügen: Liebe macht auch sehen, was nicht da ist« behauptete Agathe und schloß nachdenklich: »Eigentlich liegt dann in diesen zwei Sätzen alles, was man in der Welt braucht, um trotz ihr glücklich zu sein!«
In unmittelbarer Anknüpfung war aber bloß das kleine Pferdchen aus Papiermasse, das zwischen ihnen ganz allein in der Mitte des Tisches stand, schuld an ihrem Gespräch. Es war kaum eine Spanne hoch; sein Hals war niedlich geschwungen; das Braun seines Fells war ebenso zart und satt wie der Magen eines fünfzehnjährigen Mädchens, das beinahe, und doch noch nicht, zu viel Torte gegessen hat; und seine Mähne und sein Schweif, seine Hufe und seine Zügel waren von einem und demselben tiefsten Schwarz. Es war ein Hofequipagenpferd, aber wie in der Sage oft zwei Götter zu einem verwachsen sind, war es in der Form eines Pferdes auch eine Schachtel mit Zuckerwerk. Dieses Pferdchen hatte Ulrich in der Auslage eines vorstädtischen Zuckerbäckers entdeckt und sogleich erworben, denn er kannte es aus seiner Kindheit und hatte es damals so heftig geliebt, daß er sich kaum erinnern konnte, es je besessen zu haben. Zum Glück erhalten sich solche Kaufmanns-Dichtungen manchesmal einige Menschenalter lang und wandern bloß mit der Zeit von den Mittelpunkten des Geschäftslebens in die Auslagen der anspruchsloseren Stadtviertel. Diesen Fund hatte Ulrich dann ehrfürchtig aufgestellt und schon vorher seiner Schwester die Bedeutung der Gattung erklärt. Das Zuckerpferd war ein naher Verwandter jener magischen Zirkustiere, der Löwen, Tiger, Pferde und Hunde, die zur gleichen, der Kinderzeit Ulrichs auf den Anschlägen von Wanderzirkussen gelebt hatten und aus ihrem zum Greifen nahen, aber ebenen Dasein so wenig von dem darin wühlenden Blick ins voll ausgewachsene Leben vorgerufen werden konnten, wie das Pferdchen nicht durch die Glasscheibe sprang. Agathe hatte das bald verstanden, denn auf diese Weise gehörte das Konditorpferdchen in die große Familie der Kinderliebhabereien, die hinter ihren Wünschen her sind wie hinter dem zuckenden Flug eines Schmetterlings, bis sie dann allerdings ihr Ziel erreichen und bloß ein entwestes Ding vorfinden. Und die Geschwister hatten, auf Liebeswegen der Kindheit zurückirrend, das Pferd sogar aufgemacht und mit den gemischten Gefühlen, die dem Öffnen einer Gruft entsprechen, darin eine Sorte runder flacher, mit Zuckerkörnern bestreuter Zeltchen vorgefunden, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen zu haben glaubten und mit vorsichtigem Entdeckermut kosteten.
Dieses kleine seelisch-magnetische Ding, das vor ihr stand, hatte Agathe nachdenklich-gedankenlos während der Pause betrachtet, die nach den letzten mit Ulrich gewechselten Bemerkungen entstanden war. Schließlich landete Agathe am anderen Zeitufer der Stille, ohne zu wissen, wie lange die Unterbrechung gedauert habe, und nahm darum das Gespräch wieder so auf, wie es stehen geblieben war, indem sie mit so unvermittelter Lebhaftigkeit fragte, als wäre etwas vergessen worden: »Aber es muß doch nicht jede Liebe blind machen?!«
Und auch Ulrich war sofort wieder dienstfertig bereit, sich dem enteilten Wortwechsel nachzustürzen, als wäre er nicht sicher, wie lange er sich abseits umhergetrieben habe: »Laß uns nachsehen!« schlug er vor und spielte das nächstbeste Beispiel aus: »Mutterliebe?«
»Eine Affenliebe, sagt man« gab Agathe zur Antwort.
»Liebt jedenfalls blind. Liebt im voraus. Läßt sich durch nichts stören« stellte Ulrich fest und fuhr sogleich fort: »Und ihr Gegenstück, die Kindesliebe?«
»Ist das überhaupt eine Liebe?« fragte Agathe.
»Es ist sehr viel Selbstsucht, Schutztrieb und ähnliches in ihr« meinte Ulrich, fügte aber hinzu, daß sie auch, zumindest auf gewissen Altersstufen, eine wirkliche Leidenschaft sein könne, und fragte dann als nächstes nach der Freundesliebe.
Wieder einigten sie sich, daß nur die Jugend die Zeit für leidenschaftliche Freundschaften sei.
»Ehrliebe?« fragte Ulrich.
Agathe zuckte die Achseln.
»Tugendliebe?«
Sie wiederholte ihre Bewegung. Doch besann sie sich und sagte: »Vielleicht bei Heiligen oder Märtyrern mag sie eine Liebe sein.«
»Aber dann ist sie offenbar auch eine Leidenschaft der Weltüberwindung oder ähnliches,« warf Ulrich ein »eine oppositionelle Leidenschaft und jedenfalls etwas, worin sich vieles verwickelt hat.«
»Aber auch in der Ehrliebe mag sich vieles verwickeln!« trug Agathe nach.
»Machtliebe?« fuhr Ulrich fort, ihren Einwand nur durch ein Kopfnicken bestätigend.
»Das ist wohl ein Selbstwiderspruch.«
»Vielleicht« pflichtete Ulrich bei. »Man sollte glauben, daß Gewalt und Liebe einander ausschlössen.«
»Aber sie tun es doch nicht?« rief Agathe nun aus, die sich inzwischen anders besonnen hatte. »Sieh: Bezwungen werden! Gar für Frauen ist Geliebt und Gezwungenwerden überhaupt kein Widerspruch!«
An die Möglichkeit solcher Erfahrungen in der Vergangenheit seiner Schwester erinnert zu werden, nahm Ulrich ungleich auf: einmal verlangte es ihn nach wissender Vorstellung, ein andermal nach der uranfänglichen Unwissenheit der Götter. Dieses Mal überlegte er mit finsterem Gesicht, was er erwidern solle, und sagte schließlich unfreiwillig zögernd und ausführlich: »Die Wortverknüpfung ist in dem Fall ja zweideutig. Alle Macht ist niedrig vor der Liebe, und wenn sie diese erniedrigt, so –«
»Wir wollen uns nicht aufhalten lassen,« unterbrach ihn Agathe und stellte eine neue Frage: »Wahrheitsliebe?«
»Das mußt du doch gut wissen!« fügte sie, da er noch immer zögerte, mit scherzendem Vorwurf hinzu, denn seine lang dauernden Bemühungen um Richtigkeit versetzten sie doch manchmal in Ungeduld.
Aber das Gespräch war bereits gehemmt und ging langsam in die Breite. »Auch da sind die richtigen Begriffe nicht leicht zu trennen« entschied Ulrich. »Man kann die Wahrheit auf vielerlei Art lieben: entweder so wie die Ehre oder als Macht oder als Tugend, und auch wie reines Quellwasser und Atemluft, oder auch wie –«
»Ist denn das Liebe?« unterbrach ihn wieder Agathe. »So kann man auch Spinat lieben!«
»Und warum nicht?! Auch die Vorliebe ist eine Liebe. Es gibt da viele Übergänge« entgegnete Ulrich. »Und zumal Wahrheitsliebe ist eines der widerspruchvollsten Worte. Ist der Begriff Wahrheit darin stärker, so wird die Liebe umso kleiner, und schließlich kann man das ehrliche oder gar das nützliche Bedürfnis nach Wahrheit kaum noch eine Liebe nennen; wird aber der Begriff der Liebe darin stark und zu dem, was du einzig und allein Liebe nennen möchtest, so hört eigentlich die Wahrheit auf –«
»Wahrheit entsteht leider bei kaltem Blut« bemerkte Agathe anzüglich.
»Wahrheit von der Liebe zu verlangen, ist ebenso verkehrt, wie Gerechtigkeit vom Zorn zu fordern« stimmte Ulrich zu. »Gefühl ist ihr abträglich.«
»Oh, vielleicht ist das nur Männergeschwätz?!« versicherte ihm Agathe.
»Es ist so: Die Liebe verträgt Wahrheit, aber die Wahrheit verträgt keine Liebe« bestätigte Ulrich. »Die löst die Wahrheit auf.«
»Aber wenn sie die Wahrheit auflöst, dann hat sie eben keine Wahrheit?« fragte Agathe mit dem Ernst des unwissenden Kindes, das die Geschichte, die es sich zum zwanzigstenmal erzählen lassen will, genau kennt.
»Eine neue Wahrheit hebt an« erzählte Ulrich. »Sobald einem Menschen die Liebe nicht als irgendein Erlebnis begegnet, sondern als das Leben selbst, oder mindestens als eine Art des Lebens, kennt er einen Schwarm von Wahrheiten. Wer ohne Lie be urteilt, nennt das Ansichten, persönliche Auffassungen, Subjektivität, Willkür; und bei ihm ist es auch nur das. Aber der Liebende weiß von sich, daß er nicht unempfindlich gegen die Wahrheit ist, sondern überempfindlich. Er befindet sich in einer Art Enthusiasmus des Denkens, wo sich die Worte bis zum Grund öffnen. Er versteht dann in jeder Hinsicht mehr, als nötig ist. Er kann sich vor einem unerschöpflichen Überfluß kaum retten. Und er fühlt, daß jedes genaue Verstehenwollen das nur verscheuchen könnte. Ich will nun nicht behaupten, daß dies wirklich eine andere Wahrheit ist – denn Wahrheit ist nun einmal bloß die eine –, aber es ist ein Hundert Möglichkeiten, die wichtiger als Wahrheit sind; es ist, um es schärfer auszudrücken, etwas, wodurch alle Wahrheit die ihr beigelegte Wichtigkeit verliert. Man darf vielleicht sagen: die Wahrheit ist das eindeutige Ergebnis bei einem Verhalten zum Leben, das wir keineswegs eindeutig als das wahre Verhalten empfinden!« fuhr Ulrich fort, erfreut, weil ihm diese Beschreibung zum erstenmal genauer zu glücken schien, und zog nun den Schluß: »Wahrscheinlich bedeutet das Umschwärmtsein von Wahrheit also nichts anderes, als daß ein Liebender zugänglich ist für alles, was geliebt, und also gewollt, gedacht und in Worten niedergelegt worden ist; für alle Widersprüche, die ja doch die von fühlenden Wesen sind; für alles Gemeine sogar, wenn sich ein Wort gefunden hat, das es mütterlich aufhob. Die Entscheidungszeichen der Wahrheit und Moral sind für ihn verdrängt worden durch die sanfte Macht überall erwachenden Lebens; sie bleiben vorhanden, aber Fruchtbarkeit und Fülle haben sie überwachsen. Wer liebt, dem sind Wahrheit und Täuschung gleich geringfügig, und doch erscheint ihm das nicht als Willkür: Nun ist das wohl bloß ein verändertes persönliches Verhalten, aber ich möchte sagen, zuletzt hängt es doch davon ab, daß unter der siegreich gebliebenen Wirklichkeit unzählige Möglichkeiten liegen, die auch hätten wirklich werden können. Der Liebende erweckt sie. Alles scheint ihm plötzlich anders zu sein, als man glaubt. Er wird aus einem Bürger dieser Welt ein Geschöpf unzähliger Welten –!«
»Und das ist doch eine andere Wirklichkeit!« rief Agathe aus.
»Nein!« sagte Ulrich zögernd. »Ich weiß es wenigstens nicht. Es ist bloß der uralte Gegensatz zwischen Erkenntnis und Liebe, dessen Vorhandensein immer behauptet worden ist.«
Agathe lächelte ihm verwirrt-ermunternd zu.
»Nein!« wiederholte Ulrich. »Das Rechte ist das noch immer nicht!«
Das Lächeln verschwand. »Also müssen wir unser Geschäft noch einmal aufnehmen, sonst kommen wir auch da nicht zu Ende« schlug Agathe drollig bekümmert vor, und mit einem Seufzer begann sie von neuem: »Was ist Liebe zum Geld?«
»Du hast gesagt, so etwas sei überhaupt keine Liebe« fiel auch Ulrich wieder ein.
»Aber du hast gesagt, es gibt Übergänge« setzte Agathe dagegen.
»Schönheitsliebe?« fragte Ulrich, darüber hinweggehend.
»Man sagt doch, Liebe mache auch einen häßlichen Menschen schön« erwiderte Agathe, einer plötzlichen Eingebung folgend. »Liebt man nun etwas, weil es schön ist, oder wird es schön, weil es geliebt wird?«
Ulrich erwiderte: »Vielleicht ist Schönheit wirklich etwas anderes als Geliebtwordensein. Was einmal geliebt worden ist, dessen Schön-sein-Können ist hervorgekehrt worden. Und wahrscheinlich entsteht Schönheit auf keine andere Weise als die: daß etwas einem Menschen gefällt, der auch die Kraft besitzt, anderen eine Wiederholungsanweisung zu geben.« Er fügte aber anzüglich hinzu: »Trotzdem sind Männer, die, wie Freund Lindner, der inneren Schönheit nachstellen, bloß komisch!«
»Feindesliebe?« fragte Agathe lachend.
»Schwierig!« erwiderte Ulrich. »Vielleicht ein Überrest des magisch-religiösen Menschenfressens.«
»Dafür ist Lebensliebe einfach« meinte Agathe. »Damit ist doch überhaupt keinerlei Vorstellung verbunden, das ist einfach ein blinder Trieb.«
»Jagdleidenschaft?«
»Vaterlandsliebe? Heimatliebe? Nekrophilie? Naturliebe? Pferdchenliebe? Vergötterung? Backfischliebe? Haßliebe?« schüttete Agathe in einem hervor, hob die Arme gerundet und ließ sie mit einer mutlosen Gebärde in den Schoß sinken.
Ulrich antwortete mit einem Achselzucken und einem Lächeln. »Liebe verwirklicht sich auf viele Arten und in den verschiedensten Beziehungen. Aber was liegt dem gemeinsam zu Grunde? Was ist in allen diesen Lieben das Fluidum und was bloß seine Kristallisation? Was ist zumal dieses ›Liebe!‹, das auch allein auftreten und dann die ganze Welt erfüllen kann?« fragte er und zeigte wenig Hoffnung auf Antwort. »Selbst wenn jemand ernsthafter die verschiedenen Formen vergleichen wollte,« fuhr er fort »so fände er voraussichtlich bloß ebenso viele Gefühle vor wie äußere Zustände und Verhalten. Unter allen Umständen kann man lieben; aber nur, weil man auch verabscheuen oder gleichgültig bleiben kann: dadurch hebt sich das Gemeinsame undeutlich als etwas gerade noch Liebesartiges heraus.«
»Aber heißt denn das nicht bloß, daß die volle Liebe nicht der Erfahrung entspricht?!« unterbrach ihn Agathe. »Und wer bezweifelt das? Es ist doch gerade das Entscheidende! Wenn es sie gibt, so wird sie von ganz anderer Art sein als alles, womit sie sich vermengt, um aufzutreten!«
Nun unterbrach Ulrich: »Was bewiese denn das? Diese Liebe wäre als Gefühl und als Handlung ohne Grenzen, es entspräche ihr also kein Verhalten.«
Agathe horchte gespannt auf. Sie wartete auf ein letztes Wort. »Und was tut man, wenn es kein Verhalten gibt?« fragte sie.
Ulrich verstand ihre kunstlose Frage. Aber er zeigte sich auf eine längere Dauer dieser Erkundungsfahrten gefaßt; er zuckte bloß entsagend die Achseln und gab einen Scherz zur Antwort: »Zu lieben scheint beiweitem nicht so einfach zu sein, wie die Natur glauben macht, weil sie jedem Stümper das Werkzeug dazu anvertraut hat!«

49.
General Stumm läßt eine Bombe fallen.
Weltfriedenskongreß

Ein Soldat darf sich durch nichts abschrecken lassen. Und so gelang es General Stumm von Bordwehr als einzigem Menschen zu Ulrich und Agathe vorzudringen; vielleicht war er aber auch der einzige, dem sie es nicht ganz unmöglich gemacht hatten, da denn auch Weltflüchtlinge vorsehen können, daß ihnen alle vierzehn Tage die Post nachkommt. Und als er sie jetzt durch seinen Eintritt in der Fortsetzung ihres Gespräches störte, rief er befriedigt aus: »Leicht ist es nicht gewesen, alle Hindernisse des Vorfelds zu überwinden und in die Hauptstellung einzudringen!«, küßte Agathe ritterlich die Hand und wandte sich besonders an sie mit den Worten: »Ich werde ein berühmter Mann sein, bloß weil ich Sie gesehen habe! Alle Welt fragt, welches Ereignis die Unzertrennlichen verschlungen habe, verlangt nach Ihnen, und ich bin gewissermaßen der Beauftragte der Gesellschaft, ja des Vaterlands, die Ursache Ihres Verschwindens zu entdecken! Ich bitte, mich damit zu entschuldigen, falls ich zudringlich erscheinen sollte!«
Agathe hieß ihn willkommen, wie es sich gehört; aber weder sie noch ihr Bruder vermochten sogleich, ihre Geistesabwesenheit vor ihrem Besucher zu verbergen, der als die verkörperte Schwäche und Unvollständigkeit ihrer Träume vor ihnen stand; und als General Stumm wieder von Agathe zurückgetreten war, setzte eine merkwürdige Stille ein. Agathe stand an der einen Langseite des Tisches, Ulrich an der anderen, und der General, wie ein von plötzlicher Windstille befallenes Segelschiff, ungefähr in der Mitte des Wegs zwischen ihnen beiden. Ulrich war im Begriff, seinem Besucher entgegen zu gehn, kam aber nicht von der Stelle. Stumm bemerkte jetzt, daß er wirklich gestört habe, und überlegte, wie er die Lage retten könnte. Auf allen drei Gesichtern lag der verzerrte Ansatz eines freundlichen Lächelns. Diese steife Stille dauerte kaum den Teil eines Augenblicks; doch gerade da fiel Stumms Blick auf das kleine Pferdchen aus Papiermasse, das vereinsamt wie ein Monument zwischen ihnen allen in der Mitte des leeren Tisches stand.
Die Hacken zusammenziehend, wies er mit der flachen Hand feierlich darauf und rief erleichtert aus: »Aber was ist denn das?! Ich gewahre in diesem Hause den großen Tiergötzen, das heilige Tier, das angebetete Idol der Reiterei?!«
Bei dieser Bemerkung Stumms löste sich auch Ulrichs Befangenheit, und nun auf ihn zueilend, sich aber doch auch an seine Schwester wendend, versicherte er lebhaft: »Es ist zwar ein Wagenpferd, aber im übrigen hast du es wunderbar erraten! Wir sprechen nämlich wirklich gerade von Idolen und ihrer Entstehung. Und nun sage einmal: Was liebt man, welchen Teil, welche Umformung und Verklärung liebt man, wenn man seinen Nächsten liebt, ohne ihn zu kennen? Inwiefern ist die Liebe also abhängig von der Welt und Wirklichkeit, und inwiefern verhält es sich umgekehrt?«
Stumm von Bordwehr hatte seinen Blick fragend auf Agathe gerichtet.
»Ulrich spricht von diesem kleinen Ding hier« versicherte sie etwas betreten und wies auf das Konditorpferdchen. »Er hat früher einmal eine Leidenschaft dafür gehabt.«
»Das ist aber hoffentlich schon recht lange her« äußerte sich Stumm verwundert. »Denn wenn ich nicht irre, ist es doch eine Bonbonniere!?«
»Das ist keine Bonbonniere!« beschwor Ulrich, der von der lästerlichen Lust gepackt wurde, sich mit ihm darüber zu unterhalten. »Freund Stumm! Wenn du dich in ein Sattelzeug verliebst, das dir zu teuer ist, oder in eine Uniform oder in ein Paar Reitstiefel, die du in einer Auslage siehst: was liebst du da?«
»Du redest schamlos! So etwas liebe ich nicht!« verwahrte sich der General.
»Leugne nicht!« versetzte Ulrich. »Es gibt Leute, die Tag und Nacht von einem Kleiderstoff oder einem Reisekoffer träumen können, den sie in einer Auslage gesehen haben; und ein wenig davon hat jeder schon kennengelernt; und auch dir ist es zumindest mit deiner ersten Leutnantsuniform so ergangen! Und da wirst du wohl zugeben, daß dieser Stoff oder Koffer unbrauchbar sein kann und daß man auch gar nicht in der Lage zu sein braucht, ihn wirklich begehren zu können: also ist keine Erfahrung leichter zu machen als die, daß man etwas liebt, ehe man es kennt und ohne es zu kennen. Darf ich dich übrigens erinnern, daß du Diotima gleich auf den ersten Blick geliebt hast?!«
Diesmal blickte der General pfiffig auf. Agathe hatte ihm mittlerweile Platz angeboten und hatte ihn auch mit einer Zigarre versorgt, weil ihr Bruder seiner Pflicht vergaß; er war von blauen Wölkchen umsäumt und sagte unschuldig: »Sie ist seither ein Lehrbuch der Liebe geworden, und Lehrbücher habe ich schon auf der Schule nicht so recht geliebt. Aber ich bewundere und achte diese Frau noch immer« fügte er mit einer würdigen Gelassenheit hinzu, die neu an ihm war.
Ulrich beachtete sie leider nicht gleich. »Alles das sind Idole« fuhr er fort, seine an Stumm gerichteten Fragen zu entwickeln. »Und nun siehst du deren Entstehung. Die in unsere Natur gelegten Triebe brauchen nur ein Mindestmaß an äußerer Begründung und Rechtfertigung; sie sind ungeheure Maschinen, die sich durch einen kleinen Schalter in Bewegung setzen lassen. Sie statten dafür den Gegenstand, dem sie gelten, aber auch nur so weit mit Vorstellungen aus, die einer Prüfung standhalten könnten, als es etwa dem Flackern von Licht und Schatten im Schein einer Notbeleuchtung entspricht –«
»Halt!« bat Stumm aus der Dampfwolke. »Was ist ›Gegenstand‹? Sprichst du jetzt wieder von den Stiefeln und dem Koffer?«
»Ich spreche von der Leidenschaft. Von der Sehnsucht nach Diotima gerade so wie von der nach der verbotenen Zigarette. Ich möchte dir deutlich machen, daß jedes affektive Verhältnis zuerst durch vorläufige Wahrnehmungen und Vorstellungen angebahnt wird, die der Wirklichkeit angehören; daß es sogleich aber auch selbst Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorruft, die es in seiner Weise ausstattet. Kurz, der Affekt rückt sich den Gegenstand zurecht, wie er ihn braucht, ja erschafft ihn, so daß er schließlich einem Gegenstand gilt, der, auf solche Art zustandegekommen, nicht mehr zu erkennen wäre. Aber er ist ja auch nicht für die Erkenntnis bestimmt, sondern eben für eine Leidenschaft! Dieser aus Leidenschaft entstehende und in ihr schwebende Gegenstand,« schloß Ulrich nun, zum Anfang zurückkehrend »ist natürlich etwas anderes als der Gegenstand, an den sie sich äußerlich heftet und nach dem sie greifen kann, und das gilt also auch von der Liebe. Ich liebe ›dich‹, ist eine Verwechslung; denn ›dich‹, diese Person, von der die Leidenschaft hervorgerufen wird und die man mit Armen greifen kann, glaubt man zu lieben, und die von der Leidenschaft hervorgerufene Person, dieses wildreligiöse Gebilde, liebt man wirklich, aber sie ist eine andere.«
»Wenn man dich hört,« unterbrach Agathe ihren Bruder mit einem Vorwurf, der ihre innere Teilnahme verriet »so sollte man meinen, daß man die wirkliche Person nicht wirklich liebt und eine unwirkliche wirklich –!«
»Genau das habe ich sagen wollen, und ähnliches habe ich schon von dir gehört.«
»Aber in Wirklichkeit sind die beiden schließlich doch eins!«
»Das ist gerade die Hauptverwicklung, daß die der Liebe vorschwebende Person in jeder äußeren Beziehung von der wirklichen Person vertreten werden muß, ja mit ihr eins ist. Dadurch kommt es zu allen den Verwechslungen, die dem einfachen Geschäft der Liebe etwas so anregend Gespenstisches verleihen!«
»Vielleicht wird aber auch die wirkliche Person erst in der Liebe ganz wirklich? Vielleicht ist sie vorher nicht vollständig?!«
»Aber der Stiefel oder Reisekoffer, von dem man träumt, ist in Wirklichkeit doch kein anderer als der, den man auch kaufen könnte!«
»Vielleicht entsteht auch der Reisekoffer erst zu Ende, wenn man ihn liebt!«
»Mit einem Wort, man kommt zu der Frage, was wirklich sei. Die alte Frage der Liebe!« rief Ulrich ungeduldig und doch befriedigt aus.
»Ach, lassen wir den Reisekoffer!« Es war zum Erstaunen der beiden die Stimme des Generals, die ihr Scheingefecht unterbrach. Stumm hatte behaglich ein Bein über das andere gezwängt, was ihm, wenn es einmal gelungen war, große Sicherheit verlieh. »Bleiben wir bei der Person« fuhr er fort und lobte Ulrich: »Du hast bis jetzt manches wieder hervorragend schön gesagt! Die Menschen glauben ja immer, daß nichts einfacher ist, als einander zu lieben, und dann muß man ihnen jeden Tag vorhalten: ›Verehrteste, das ist nicht so einfach wie bei der Äpfelfrau!‹« Höflich wandte er sich zur Erklärung dieses mehr militärischen als zivilen Ausdrucks an Agathe: »Die Äpfelfrau, Gnädigste, zitiert man bei uns, wenn einer sich etwas leichter vorstellt, als es ist. In der Höheren Mathematik, zum Beispiel, wenn beim abgekürzten Dividieren einer gleich so stark abkürzt, daß er, mir nichts, dir nichts, bei einem falschen Resultat ist! Dann hält man ihm die Äpfelfrau vor, und das wird dann halt auch sonst angewendet, wo ein gewöhnlicher Mensch bloß sagen möchte: das ist nicht so einfach!« Nun wandte er sich wieder an Ulrich und fuhr fort: »Deine Wissenschaft von den zwei Personen interessiert mich deshalb so sehr, weil auch ich den Leuten allemal sage, daß man den Menschen nur in zwei Teilen lieben kann: in der Theorie, oder wie du sagst, als vorschwebende Person, soll man ihn meinetwegen lieben; aber in der Praxis muß man streng, und schließlich auch hart, mit ihm verfahren! So ist es zwischen Mann und Frau, und so ist es überhaupt im Leben! Die Pazifisten zum Beispiel, mit ihrer Liebe ohne Schuhsohlen, ahnen davon nicht das mindeste, und ein Leutnant versteht zehnmal mehr von der Liebe als diese Dilettanten!«
Stumm von Bordwehr machte durch seinen Ernst, durch die Abgewogenheit seiner Rede, nicht zuletzt sogar durch die Kühnheit, mit der er, trotz Agathes Gegenwart, die Frau zum Gehorchen verurteilt hatte, den Eindruck eines Mannes, mit dem sich Wichtiges ereignet hat und der sich nicht ohne Erfolg bemüht hat, es zu bemeistern. Aber Ulrich hatte das noch immer nicht erfaßt und schlug vor: »Entscheide also du, welcher Person eine Liebe in Wahrheit gilt und welche Person bloß der Figurant ist!«
»Das ist mir zu hoch« versicherte Stumm ruhig, zog Atem aus der Zigarre und fügte gelassen hinzu: »Ich habe mich gefreut, wieder zu hören, wie schön du sprichst; aber im ganzen sprichst du doch so, daß man sich fragen möchte, ob es denn wirklich deine einzige Beschäftigung ist. Ich muß gestehn, daß ich erwartet habe, dich nach deinem Verschwinden bei, weiß Gott, wichtigeren Geschäften anzutreffen!«
»Stumm, das ist wichtig!« rief Ulrich aus. »Denn die Weltgeschichte ist mindestens zur Hälfte eine Liebesgeschichte! Natürlich mußt du alle Arten der Liebe zusammennehmen!«
Der General nickte widerstrebend. »Das mag schon so sein.« Er verschanzte sich hinter das Geschäft, eine neue Zigarre zu beschneiden und anzuzünden, und knurrte: »Aber dann ist die andere Hälfte eine Geschichte des Zorns. Und man soll den Zorn nicht geringschätzen! Ich bin seit einiger Zeit ein Spezialist der Liebe und weiß das!«
Jetzt verstand Ulrich endlich, daß sein Freund sich verändert habe, und bat ihn neugierig, zu erzählen, was ihm widerfahren sei.
Stumm von Bordwehr sah ihn eine Weile an, ohne zu antworten, dann sah er Agathe an, und endlich erwiderte er, so daß nicht recht zu unterscheiden war, ob es gereizt oder genußvoll verzögert geschehe: »Oh, es wird dir vielleicht kaum der Rede wert erscheinen im Vergleich mit deinen Beschäftigungen. Bloß das eine ist geschehen: Die Parallelaktion hat ein Ziel gefunden!«
Diese Nachricht von etwas, dem so viel Anteilnahme geschenkt worden war, wenn auch keine echte, hätte selbst einen unaufgelockerten Zustand der Abgeschlossenheit durchschlagen müssen, und als Stumm seine Wirkung sah, war er mit dem Geschick versöhnt und fand seine alte, arglose Mitteilungsfreude für längere Zeit wieder. »Wenn du es vorziehst, kann ich ebenso gut auch sagen: Die Parallelaktion hat ein Ende gefunden!« bot er entgegenkommend an.
Ganz nebenbei war das geschehen: »Wir haben uns alle schon so daran gewöhnt gehabt, daß nichts geschieht, aber immer etwas geschehen soll« erzählte Stumm. »Und da hat auf einmal jemand anstatt eines neuen Vorschlags die Nachricht gebracht, daß heuer im Herbst ein Welt-Friedens-Kongreß tagen wird, und noch dazu hier bei uns!«
»Das ist sonderbar!« meinte Ulrich.
»Wieso sonderbar? Wir haben doch nicht das geringste davon gewußt!«
»Das meine ich ja gerade.«
»Also da hast du ja auch nicht ganz unrecht« pflichtete ihm Stumm von Bordwehr bei. »Es wird jetzt sogar behauptet, daß es eine vom Ausland lancierte Nachricht gewesen sein soll. Der Leinsdorf und Tuzzi haben geradezu vermutet, daß es sich um eine russische Intrigue gegen unsere vaterländische Aktion handeln könnte, wenn nicht am Ende gar um eine reichsdeutsche. Denn du mußt bedenken, daß wir doch erst in vier Jahren fertig zu sein brauchen, so daß es ganz gut möglich wäre, daß man uns in etwas hineinhetzen will, das wir gar nicht beabsichtigen. Die Versionen gehen darüber auseinander; aber die Wahrheit hat sich nicht mehr feststellen lassen, obwohl wir natürlich sofort überall hingeschrieben haben, um etwas Näheres zu erfahren. Merkwürdigerweise hat man auch schon überall von diesem pazifistischen Kongreß gewußt – ich versichere dir: in der ganzen Welt! Und bei Privaten gerade so wie in Redaktionen und Staatskanzleien! – doch hat man angenommen, oder es ist eben ausgesprengt worden, daß er von uns ausgeht und zu unserer großen Weltaktion gehört, und ist bloß verwundert gewesen, weil von uns auf keinerlei Anfragen und Rückfragen eine vernünftige Antwort gekommen ist. Vielleicht hat sich jemand einen Jux mit uns gemacht: der Tuzzi hat uns ein paar von diesen Einladungen zum Friedenskongreß unauffällig verschaffen können: die Unterschriften waren zwar recht naiv nachgemacht, aber das Briefpapier und der Stil sind wirklich wie echt gewesen! Natürlich haben wir uns dann auch an die Polizei gewandt, und die hat rasch herausgefunden, daß die ganze Ausführung auf einen Ursprung hierzulande zurückweist, und dabei ist auch herausgekommen, daß es wirklich solche Leute hier gibt, die einen Weltfriedenskongreß im Herbst einberufen möchten – weil da nämlich eine Frau, die einen pazifistischen Roman geschrieben hat, ich weiß nicht wie viel Jahre alt wird oder, falls sie schon gestorben sein sollte, alt geworden wäre: Aber diese Leute haben mit der Ausstreuung, die uns betroffen hat, wie sich bald herausgestellt hat, nachweisbar nicht das geringste zu tun; und auf diese Weise ist der Ursprung also im Dunkel geblieben« meinte Stumm verzichtend, aber mit der Befriedigung, die jede gut zu Ende gebrachte Erzählung gewährt. Die anstrengende Darlegung der Schwierigkeiten hatte sein Gesicht mit Schatten überzogen, doch jetzt brach die Sonne seines Lächelns durch diese Ratlosigkeit hindurch, und mit einem so unbefangenen wie treuherzigen Zug von Verachtung fügte er noch hinzu: »Das Merkwürdigste ist ja, daß alle Welt einverstanden gewesen ist mit so einem Kongreß oder daß wenigstens keiner hat nein sagen wollen! Und jetzt frage ich dich: was bleibt einem da übrig; besonders wenn man schon vorausgesagt hat, daß man etwas unternehmen wird, was der ganzen Welt ein Vorbild sein soll, und immer die Parole der Tat ausgegeben hat?! Wir haben einfach vierzehn Tage wie die Wilden arbeiten müssen, damit das wenigstens hinterdrein so ausschaut, wie es sozusagen unter anderen Umständen im vorhinein ausgeschaut hätte. Und so haben wir uns der organisatorischen Überlegenheit der Preußen – vorausgesetzt, daß es überhaupt die Preußen gewesen sind! – eben gewachsen gezeigt. Wir nennen es jetzt eine Vorfeier. Den politischen Teil behält dabei die Regierung im Auge, und wir von der Aktion bearbeiten mehr das Festliche und Kulturmenschliche, weil das für ein Ministerium einfach zu belastend ist –«
»Aber eine sonderbare Geschichte bleibt es immerhin!« versicherte jetzt Ulrich ernst, obwohl er über diesen Ausgang lachen mußte.
»Halt ein historischer Zufall« sagte der General zufrieden. »Solche Mystifikationen sind schon oft von Wichtigkeit gewesen.«
»Und Diotima?« erkundigte sich Ulrich vorsichtig.
»Ja, die hat freilich Amor und Psyche schleunigst beiseite stellen müssen und entwirft jetzt zusammen mit einem Maler den Trachtenfestzug. ›Die Stämme Österreichs und Ungarns huldigen dem inneren und äußeren Frieden‹ wird er heißen« berichtete Stumm und wandte sich nun flehend an Agathe, als er bemerkte, daß auch sie die Lippen zum Lächeln verzog. »Ich beschwöre Sie, Gnädigste, wenden Sie nichts dagegen ein und gestatten Sie auch ihm keinen Einwand!« bat er. »Denn der Trachtenfestzug und wahrscheinlich eine Militärparade sind das einzige, was bis jetzt von den Feierlichkeiten feststeht. Es werden die Tiroler Standschützen über die Ringstraße marschieren, denn die geben mit ihren grünen Hosenträgern, den Hahnenfedern und den langen Bärten immer ein malerisches Bild ab; und dann sollen auch noch die Biere und Weine der Monarchie den Bieren und Weinen der übrigen Welt huldigen. Aber schon da besteht zum Beispiel noch keine Einigung darüber, ob nur die österreichisch-ungarischen Biere und Weine denen der übrigen Welt huldigen sollen, damit der liebenswerte österreichische Charakter umso gastlicher hervorkommt, als man auf eine Gegenhuldigung verzichtet; oder ob auch die ausländischen Biere und Weine mitmarschieren dürfen, damit sie den unsrigen huldigen, und ob sie dafür Zoll zahlen müssen oder nicht. Jedenfalls ist das eine sicher, daß es bei uns einen Festzug ohne Menschen, die in altdeutschen Kostümen auf Faßwagen und Bierpferden sitzen, nicht geben kann und noch nie gegeben hat; und ich kann mir bloß nicht vorstellen, wie das im Mittelalter selbst gewesen ist, als die altdeutschen Kostüme noch nicht alt gewesen sind, und nicht einmal älter ausgeschaut haben als heutzutage ein Smoking!?«
Nachdem diese Frage zur Genüge gewürdigt worden war, stellte Ulrich aber eine bedenklichere. »Ich möchte wissen, was unsere nichtdeutschen Nationen zu dem Ganzen sagen werden!«
»Das ist einfach: sie werden mitmarschieren!« versicherte Stumm vergnügt. »Denn wenn sie es nicht tun, so kommandieren wir ein böhmisches Dragonerregiment in den Festzug und machen Hussitenkrieger aus ihm, und ein Ulanenregiment ziehen wir als die polnischen Türkenbefreier Wiens an.«
»Und was sagt Leinsdorf zu diesen Plänen?« fragte Ulrich zögernd.
Stumm stellte das übergelegte Bein neben das andere und wurde ernst. »Der ist allerdings nicht gerade entzückt« gab er zu und erzählte, daß Graf Leinsdorf niemals das Wort »Festzug« in Gebrauch nehme, sondern auf das halsstarrigste daran festhalte, »die Demonstration« zu sagen. »Wahrscheinlich liegen ihm noch die Demonstrationen im Sinn, die er erlebt hat«, meinte Ulrich, und Stumm pflichtete ihm bei: »Er hat schon des öfteren zu mir gesagt,« berichtete er »wer das Volk auf die Straße führt, lädt damit eine große Verantwortung auf sich, Herr General! Genau so, als ob ich etwas dafür oder dagegen tun könnte! Dazu müßtest du aber freilich auch wissen, daß wir seit einiger Zeit ziemlich oft beisammen sind, er und ich –«
Stumm setzte aus, als wolle er Zeit für eine Frage lassen, als aber weder Agathe noch Ulrich diese stellten, fuhr er vorsichtig fort: »Es ist Seiner Erlaucht nämlich noch eine Demonstration widerfahren. Auf einer Reise, in B …, ist er in jüngster Zeit sowohl von den Tschechen als auch von den Deutschen beinahe verprügelt worden.«
»Aber warum denn?« rief Agathe teilnehmend aus, und auch Ulrich zeigte seine Neugierde.
»Weil er als Friedensstifter bekannt ist!« verkündete Stumm. »Die Friedens- und Menschenliebe ist nämlich in Wirklichkeit nicht so einfach –«
»Wie bei der Äpfelfrau!« fiel Agathe lachend ein.
»Eigentlich habe ich sagen wollen, wie bei einer Bonbonniere« verbesserte sie Stumm und fügte diesem bedächtigen Tadel für Ulrich noch die Anerkennung für Leinsdorf hinzu: »Trotzdem wird ein Mann wie er, wenn es einmal beschlossen ist, das Amt, das ihm zufällt, voll und ganz ausfüllen!«
»Welches Amt denn?« fragte nun Ulrich.
»Jedes!« versicherte der General. »Er wird auf der Festtribüne neben dem Kaiser sitzen, natürlich nur in dem Fall, daß sich Seine Majestät auf eine Festtribüne setzt; und außerdem entwirft er die Huldigungsadresse unserer Völker, die er dem Allerhöchsten Herrn überreichen wird. Wenn das aber vorläufig selbst alles sein sollte, so bin ich überzeugt, daß es das nicht bleiben wird; denn wenn er keine andern Sorgen hat, so macht er sich sofort welche: eine so tatkräftige Natur ist er! Jetzt möchte er übrigens dich sprechen« ließ Stumm versuchsweise einfließen.
Ulrich schien es zu überhören, war aber aufmerksam geworden. »Leinsdorf ›fällt‹ doch kein Amt zu« fragte er mißtrauisch. »Seit er lebt, ist er immer der Knopf auf der Fahnenstange gewesen!«
»Ja –« meinte General Stumm mit Vorbehalt. »Ich will eigentlich auch nichts gesagt haben; er bleibt natürlich immer ein hoher Herr. Aber schau, da hat mich, zum Beispiel, der Tuzzi unlängst beiseite genommen und hat vertraulich zu mir gesagt:
›Herr General! Wenn mich in einer finsteren Gasse ein Mann anstreift, so trete ich zur Seite; wenn er mich aber in der gleichen Lage freundlich fragt, wieviel Uhr es ist, dann greife ich nicht nur nach der Uhr, sondern taste auch nach meiner Pistole!‹ Was sagst du dazu?«
»Was sollte ich dazu sagen? Ich verstehe den Zusammenhang nicht!«
»Das ist eben jetzt die Vorsicht der Regierung« erklärte Stumm. »Sie denkt bei einem Weltfriedenskongreß an alle Möglichkeiten, während der Leinsdorf doch immer seine eigenen Ideen hat.«
Ulrich begriff plötzlich. »Also mit einem Wort: Leinsdorf soll jetzt von der Spitze verdrängt werden, weil man Angst vor ihm hat?!«
Darauf erwiderte der General nicht unmittelbar. »Er läßt durch mich bitten, daß du die guten Beziehungen zu deiner Kusine Tuzzi wieder aufnehmen sollst, damit man erfährt, was vorgeht: Ich sage es gerade heraus, er hat es natürlich zurückhaltender ausgedrückt« berichtete Stumm. Und nach kurzem Zaudern fügte er entschuldigend hinzu: »Sie sagen ihm halt nicht alles! Aber schließlich ist das eben die Gewohnheit der Ministerien: wir sagen uns doch untereinander auch nicht alles!«
»In welchen Beziehungen ist denn mein Bruder eigentlich zu unserer Kusine gestanden?« fragte jetzt Agathe.
Ahnungslos versicherte Stumm, in der freundlichen Täuschung befangen, daß er gefällig scherze: »Er ist eine geheime Liebe von ihr!« und fügte nun gleich auch ermunternd für Ulrich hinzu: »Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber sie bedauert es sicher! Sie sagt, du bist ein so unentbehrlich schlechter Patriot, daß du allen Feinden des Vaterlands großartig gefallen müßtest, die sich schließlich bei uns ja wohlfühlen sollen. Das ist doch eigentlich nett von ihr? Nur den ersten Schritt kann sie natürlich nicht tun, nachdem du dich so eigensinnig zurückgezogen hast!«
Der Abschied wurde von da an etwas einsilbig, und es bedrückte Stumm sehr, nachdem er im Zenith gestanden, glanzlos untergehen zu sollen.
So erfuhren Ulrich und Agathe schließlich etwas, das ihre Züge wieder erheiterte und auch das Antlitz des Generals freundlich rötete. »Den Feuermaul sind wir los!« berichtete er, zufrieden damit, daß es ihm noch rechtzeitig eingefallen sei, und er fügte voll Verachtung für die Menschenliebe des Dichters hinzu: »Das hat jetzt ohnehin keinen Sinn mehr!« Auch der »ekelerregende« Beschluß aus der letzten Sitzung, daß man niemand zwingen dürfe, für fremde Ideen zu sterben, wogegen es jeder für seine eigenen tun solle, auch dieser von Grund aus friedenstiftende Beschluß war, wie sich nun zeigte, gemeinsam mit allem, was der Vergangenheit angehörte, gefallen und auf des Generals Einspruch nicht einmal mehr zu Protokoll genommen worden.
»Eine Zeitschrift, die ihn abgedruckt hat, haben wir unterdrückt; solches übertriebene Gerede glaubt jetzt ja doch kein Mensch mehr!« ergänzte Stumm diese Mitteilung, was angesichts der Vorbereitungen zu einem pazifistischen Kongreß nicht ganz klar anmutete. Agathe nahm denn auch die jungen Leute ein wenig in Schutz, und selbst Ulrich erinnerte schließlich seinen Freund daran, daß Feuermaul doch nicht an dem Zwischenfall schuld gewesen sei. Da machte Stumm aber keine Schwierigkeiten und gab zu, daß Feuermaul, den er im Haus seiner Schutzherrin kennengelernt habe, ein reizender Mensch sei. »So voll Anteilnahme für alles! Und wirklich geradezu aus freien Stücken gut!« rief er anerkennend aus.
»Aber dann wäre er doch durchaus eine schätzenswerte Bereicherung für diesen Kongreß!« warf Ulrich abermals ein.
Aber Stumm, der sich inzwischen ernstlich zum Gehen angeschickt hatte, schüttelte lebhaft den Kopf. »Nein! Ich kann es nicht so kurz ausdrücken, worauf es ankommt« sagte er entschlossen. »Aber der Kongreß soll nicht übertrieben sein!«

50.
Agathe findet Ulrichs Tagebuch

Dieweil Ulrich dem Fortgehenden selbst das Geleite gab, führte Agathe, dem inneren Tadel zum Trotz, etwas aus, das sie sich blitzartig vorgenommen hatte. In einer Lade des Arbeitstisches waren ihr schon vor der Unterbrechung durch Stumm lose liegende Papiere aufgefallen, und dann ein zweites Mal in seiner Gegenwart; und zwar beidemal durch eine unterdrückte Bewegung ihres Bruders, die den Eindruck hervorgerufen hatte, er wolle sich im Gespräch auf diese Papiere berufen, könne sich aber nicht dazu entschließen, ja verwehre es sich mit Vorsatz. Ihre Vertrautheit mit ihm hatte sie das mehr erahnen als begründet erraten lassen; und auf die gleiche Weise verstand sie auch, daß sich das Verhohlene auf sie und ihn beziehen müsse. Darum öffnete sie die Lade, nachdem er kaum das Zimmer verlassen hatte, und tat dies, mochte es berechtigt sein oder nicht, in einem Gefühl, das rasche Entscheidungen fordert und moralische Bedenken nicht zuläßt. Aber die vielfach durchstrichenen, lose zusammenhängenden und nicht immer leicht zu entziffernden Aufzeichnungen, die ihr in die Hand fielen, zwangen ihrer leidenschaftlichen Neugierde alsbald ein langsames Zeitmaß auf.
»Ist Liebe ein Gefühl? Diese Frage mag im ersten Augenblick unsinnig wirken, so gewiß scheint es zu sein, daß die ganze Natur der Liebe ein Fühlen sei; umso mehr überrascht die richtige Antwort: denn das Gefühl ist wahrhaftig das wenigste an der Liebe! Bloß als solches betrachtet, ist sie – kaum so heftig und mächtig und jedenfalls weniger deutlich ausgeprägt als ein Zahnschmerz.«
Der zweite, ebenso wunderliche Vermerk lautete: »Ein Mann vermag seinen Hund und seine Frau zu lieben. Ein Kind kann einen Hund zärtlicher lieben als ein Mann seine Frau. Jemand liebt seinen Beruf, ein anderer die Politik. Am meisten lieben wir wohl allgemeine Zustände; ich meine – wenn wir sie nicht gerade hassen – jenes undurchschaubare Zusammenwirken von ihnen, das ich ›das Stallgefühl‹ nennen mag: wir sind erfreut in unserem Leben zu Hause wie ein Pferd in seinem Stall!
Aber was bedeutet es, alles dieses, das so verschieden ist, mit dem gleichen Wort ›lieben‹ zu verbinden?! Da hat sich in meinem Kopf, neben Zweifel und Spott, ein uralter Gedanke niedergelassen: Alles in der Welt ist Liebe! Liebe ist das sanfte, göttliche, von Asche verdeckte, aber unauslöschliche Wesen der Welt! Ich wüßte nicht zu sagen, was ich unter ›Wesen‹ verstehe; aber wenn ich mich ohne Sorge dem ganzen Gedanken überlasse, empfinde ich ihn mit einer merkwürdig natürlichen Gewißheit. Wenigstens für Augenblicke.«
Agathe errötete, denn die nächsten Eintragungen begannen mit ihrem Namen. »Agathe hat mir einmal Bibelstellen gezeigt; ich erinnere mich noch ungefähr an den Wortlaut und habe mir vorgenommen, ihn aufzuschreiben: ›Alles, was in der Liebe geschieht, geschieht in Gott. Denn Gott ist Liebe.‹ Und eine zweite sagte: ›Die Liebe ist von Gott, und wer Gott liebt, der ist von Gott geboren.‹ Diese beiden Stellen stehen offensichtlich miteinander in Widerspruch: das eine Mal kommt die Liebe von Gott, das andre Mal ist sie Gott selbst!
Die Versuche, das Verhältnis der ›Liebe‹ zur Welt auszudrücken, scheinen also selbst den Erleuchteten nicht wenig Schwierigkeiten zu machen; wie sollte da nicht erst der unbelehrte Verstand versagen! Daß ich sie das Wesen der Welt genannt habe, ist nichts als Ausrede gewesen: es läßt all die Wahl offen, daß ich sage, diese Feder und dieser Tintennapf, mit denen ich schreibe, beständen in Wahrheit aus Liebe oder sie täten es in Wirklichkeit. Denn wie in Wirklichkeit? Bestünden sie dann aus Liebe, oder wären sie deren Folge, ausgestaltende Erscheinung oder Andeutung? Sind sie selbst, schon sie selbst, Liebe, oder ist das erst ihre Gesamtheit? Sollen sie von Natur Liebe sein, oder ist von der Wirklichkeit einer Übernatur die Rede? Und wie verhält es sich mit dem: in Wahrheit? Ist das eine Wahrheit für den geschärfteren Verstand oder eine für den begnadeten Unverstand? Ist es die Wahrheit des Denkens oder eine unvollständige symbolische Beziehung, die erst in der um Gott versammelten Universalität der Geistesgeschehnisse ihre Bedeutung voll enthüllen wird? Was davon habe ich gesagt? Ungefähr nichts und alles!«
»Ebensogut hätte ich von der Liebe auch sagen können, daß sie göttliche Vernunft, der neuplatonische Logos sei. Ebensogut anderes: Liebe ist der Schoß der Welt; der sanfte Schoß des sich selbst nicht begreifenden Geschehens. Und abermals verschieden: O Meer der Liebe, von dem nur der Ertrinkende, nicht der Darüberfahrende weiß! Alle diese hinweisenden Rufe fristen ihre Bedeutung bloß davon, daß einer so wenig Wort hält wie der andere.
Am ehrlichsten ist das Gefühl: wie winzig ist die Erde im Himmelsraum, und wie ist der Mensch, nichtiger als das kleinste Kind, auf Liebe angewiesen! Aber das ist nichts als der nackte Schrei nach ihr, und keine Spur von Antwort!«
»Doch darf ich vielleicht in dieser Weise sprechen, ohne meine Worte ins Leere überzutreiben: Es gibt einen Zustand der Welt, dessen Anblick uns verstellt ist, den aber die Dinge manches Mal da oder dort freigeben, wenn wir uns selbst in einem auf besondere Art erregten Zustand befinden. Und nur in ihm erblicken wir, daß die Dinge ›aus Liebe‹ sind. Und nur in ihm erfassen wir auch, was es bedeutet. Und nur er ist dann wirklich, und wir wären dann wahr.
Das wäre eine Beschreibung, von der ich nichts zurücknehmen müßte. Aber ich habe freilich auch nichts, es zu ihr zuzufügen!«
Agathe staunte. Ulrich hielt sich in diesen heimlichen Aufzeichnungen viel weniger als sonst zurück. Und obwohl sie verstand, daß er sich das auch vor sich selbst nur mit dem Vorbehalt des Heimlichen gestatte, meinte sie ihn doch dabei so vor sich zu sehen, daß er unschlüssig und gerührt die Arme gegen etwas öffne.
Die Aufzeichnungen fuhren nun fort: »Auch das ist ein Einfall, auf den beinahe die Vernunft selbst verfallen könnte, allerdings nur eine etwas aus ihrer ruhenden Lage geratene Vernunft: sich den Alliebenden als den Ewigen Künstler vorzustellen. Er liebt die Schöpfung, solange er sie schafft, von den fertigen Teilen wendet sich seine Liebe aber ab. Denn der Künstler muß auch das Hassenswerteste lieben, um es bilden zu können, aber was er bereits geschaffen hat, mag es auch gut sein, erkaltet ihm; es wird so liebeverlassen, daß er sich darin selbst kaum noch versteht, und die Augenblicke sind selten und unberechenbar, wo seine Liebe wiederkehrt und sich an dem weidet, was sie getan hat. Und so wäre denn auch zu denken: Was über uns waltet, liebt, was es schafft; aber dem fertigen Teil der Schöpfung entzieht und nähert sich seine Liebe in langem Abfließen und kurzem Wiederanschwellen. Diese Vorstellung paßt sich der Tatsache an, daß Seelen und Dinge der Welt wie Tote sind, die manchmal für Sekunden auferweckt werden.«
Dann kamen flüchtig einige andere Eintragungen, die nur aussahen, als wären sie zum Versuch gemacht.
»Ein Löwe vor dem Morgenhimmel! Ein Nashorn im Mondlicht! Du hast die Wahl zwischen Liebesfeuer und Gewehrfeuer. Also sind zumindest zwei Grundzustände anzunehmen: Liebe und Gewalt. Und es ist ohne Zweifel die Gewalt, was die Welt im Gange hält und vor dem Einschlafen bewahrt, nicht die Liebe!
Hier ließe sich freilich auch die Annahme einflechten, daß die Welt sündig geworden sei. Vorher Liebe und Paradies. Das hieße: die fertige Welt Sünde! Die mögliche: Liebe!«
»Andere verdächtige Frage: Die Philosophen stellen sich Gott als Philosophen vor, als den reinen Geist; sollte es dann den Offizieren naheliegen, sich ihn als Offizier vorzustellen? Aber ich, Mathematiker, stelle mir das Allwesen als Liebe vor?! Wie bin ich eigentlich dahin gekommen?
Und wie sollten wir denn auch gleich an einem der intimsten Erlebnisse des Ewigen Künstlers teilhaben!«
Das Blatt brach ab. Aber danach bedeckte sich Agathes Gesicht von neuem mit Röte, als sie, ohne die Augen zu heben, das nächste nahm und weiterlas:
»Wir hatten in letzter Zeit oft ein merkwürdiges Erlebnis, Agathe und ich! Wenn wir unsere Ausgänge in die Stadt unternahmen. In dem besonders schönen Wetter sieht die Welt sehr fröhlich und zusammengehörig aus, so daß man gar nicht dessen acht hat, wie verschieden sie überall nach Alter und Wesen zusammengesetzt ist. Alles steht und läuft mit größter Natürlichkeit. Und doch liegt etwas, das merkwürdig in die Öde geht, etwas wie ein verfehlter Liebesantrag, oder eine ähnliche Bloßstellung, in einem solchen scheinbar unwiderleglichen Gegenwartszustand, sobald man nicht bedingungslos an ihm teilnimmt.
Wir befinden uns unterwegs durch die veilchenblauen Gassen der Stadt, die oben, wo sie sich dem Licht öffnen, wie Feuer brennen. Oder wir treten aus dem plastischen Bau auf einen von der Sonne frei übergossenen Platz hinaus; dann stehen seine Häuser zwar zurückgenommen und gleichsam an die Wand gestellt da, aber nicht weniger ausdrücklich, und so, als hätte sie jemand mit den feinen Linien eines Grabstichels, die alles überdeutlich machen, in eine farbige Helligkeit geritzt. Und wir wissen in einem solchen Augenblick nicht, ob uns alle diese von sich selbst erfüllte Schönheit aufs tiefste erregt oder überhaupt nichts angeht. Beides ist der Fall. Sie steht auf einer messerscharfen Schneide zwischen Lust und Trauer.
Aber hat der Anblick der Schönheit nicht überhaupt diese Wirkung, daß er die Trauer des gewöhnlichen Lebens aufhellt und seine Lustigkeit verdunkelt? Es scheint, daß die Schönheit einer Welt angehört, in deren Tiefe es weder Trauer noch Lustigkeit gibt. Vielleicht gibt es in dieser Welt sogar die Schönheit selbst nicht, sondern irgendeinen fast unbeschreiblichen, heiteren Ernst, und ihr Name entsteht erst durch die Brechung seines namenlosen Glanzes in der gewöhnlichen Atmosphäre. Diese Welt suchen wir beide, Agathe und ich, ohne uns noch zu entscheiden; wir bewegen uns an ihren Grenzen entlang und kosten die tiefe Ausstrahlung mit Vorsicht dort, wo sie noch mit den kräftigen Lichtern des Alltags vermengt und kaum zu unterscheiden ist!«
Es machte den Eindruck, daß Ulrich durch seinen Einfall, von einem Ewigen Künstler zu sprechen, darauf gebracht worden war, die Frage nach der Schönheit in seine Betrachtung einzubeziehn, zumal da sie auch für ihren Teil die zwischen den Geschwistern entstandene Überempfindlichkeit ausdrückte. Zugleich hatte er aber die Denkart gewechselt. Er ging in dieser neuen Folge seiner Aufzeichnungen nicht mehr von der im Fluchtpunkt seiner Erlebnisse herrschenden Gedankendämmerung aus, sondern vom Vordergrund, der klarer war, aber an einigen Stellen, die er sich anmerkte, eigentlich überklar, und nun wieder für den Hintergrund beinahe durchlässig.
So fuhr Ulrich denn fort. »Ich habe zu Agathe gesagt: ›Wahrscheinlich ist Schönheit nichts anderes als Geliebtwordensein.‹ Denn etwas lieben und es verschönen ist ein und dasselbe. Und seine Liebe zu verbreiten und andere ihre Schönheit finden zu machen ist auch ein und dasselbe. Darum kann alles schön werden, und alles Schöne wieder häßlich werden; und es wird beide Male nicht minder von uns abhängen, als uns von außen bezwingen, weil die Liebe keine Kausalität hat und keine Rechtsfolge kennt. Wieviel ich davon gesagt habe, dessen bin ich nicht sicher, aber es ist damit auch dieser andere Eindruck erklärt, den wir auf unseren Ausgängen so leicht empfangen: Wir schauen uns die Menschen an und wollen an der Freude, die sie im Gesicht tragen, teilhaben, ja wir fühlen uns fast gezwungen, an ihr teilzunehmen; aber es geht davon doch auch ein Unbehagen und beinahe eine unheimliche Abstoßung aus. Auch von den Häusern, Kleidern und allem, was sie für sich geschaffen haben, geht das aus. Als ich mir die Erklärung überlegte, bin ich auf einen weiteren Gedankenkreis gebracht worden und durch ihn wieder zu meinen ersten, scheinbar so phantastischen Notizen zurück.
Eine Stadt wie die unsere, schön und alt, mit ihrem bauherrlichen Gepränge, das im Lauf der Zeiten aus wechselndem Geschmack hervorgegangen ist, bedeutet ein einziges großes Zeugnis der Fähigkeit zu lieben und der Unfähigkeit, es dauernd zu tun. Die stolze Folge ihrer Bauten stellt nicht nur eine große Geschichte dar, sondern auch einen dauernden Wechsel in der Richtung der Gesinnung. Sie ist, auf diese Weise betrachtet, eine zur Steinkette gewordene Wankelmütigkeit, die sich alle Vierteljahrhunderte auf eine andere Weise vermessen hat, für ewige Zeiten recht zu behalten. Ihre stumme Beredsamkeit ist die toter Lippen, und je zauberhafter sie verführt, umso heftiger muß das im tiefsten Augenblick des Gefallens und der Enteignung blinde Abwehr und Schreck hervorrufen.
›Es ist lächerlich und verführerisch‹ hat mir Agathe darauf erwidert. ›Dann müssen also die Schwalbenschwanzröcke dieser Bummler oder die sonderbaren Kappen, die von den Offizieren wie Töpfe auf dem Kopf getragen werden, schön sein, denn sie werden von ihren Besitzern mit großer Entschiedenheit geliebt und zur Liebe ausgestellt und erfreuen sich der Gunst der Frauen!‹ – Wir haben auch ein Spiel daraus gemacht. In einer Art lustiger Übelgelauntheit haben wir es ausgekostet und haben uns eine Weile auf Schritt und Tritt lebenswidersetzlich gefragt: Was will zum Beispiel jenes Rot dort auf dem Kleid, daß es so rot ist? Oder was tut dieses Blau und Gelb und Weiß auf den Kragen der Uniformen eigentlich? Und warum sind, in Gottes Namen gefragt, die Sonnenschirme der Damen rund, und nicht rechteckig? Wir haben uns gefragt, was der griechische Giebel des Parlaments mit seinen gespreizten Schenkeln wolle? ›Spagat machen‹, wie es nur eine Tänzerin und ein Reißzirkel zustandebringen, oder klassische Schönheit verbreiten? Wenn man sich dergestalt in einen Vorzustand zurückversetzt, wo man ungerührt bleibt von den Empfindungen, und den Dingen nicht auf die Gefühle eingeht, die sie selbstgefällig erwarten, so zerstört man Treu und Glauben des Daseins. Es ist ähnlich, wie wenn du jemand, ohne seinen Appetit zu teilen, zusiehst, wie er stumm ißt: Du gewahrst plötzlich nur Schlingbewegungen, die keineswegs beneidenswert erscheinen.
Ich nenne das: sich der Meinung des Lebens Verschließen. – Um es näher auszuführen, beginne ich wohl damit, daß wir ohne Zweifel im Leben das Feste so inständig suchen wie ein Landtier, das ins Wasser gefallen ist. Wir überschätzen darum sowohl die Bedeutung des Wissens, des Rechts und der Vernunft als auch die Notwendigkeit des Zwangs und der Gewalt. Vielleicht sollte ich nicht gerade überschätzen sagen; aber jedenfalls beruhen weitaus die meisten Äußerungen unseres Lebens auf geistiger Unsicherheit. Glaube, Vermutung, Annahme, Ahnung, Wunsch, Zweifel, Neigung, Forderung, Vorurteil, Überredung, Beispielnahme, persönliche Ansichten und andere Zustände der Halbgewißheit herrschen unter ihnen vor. Und weil das Meinen auf dieser Skala ungefähr in der Mitte zwischen Begründung und Willkür liegt, nehme ich seinen Namen für das Ganze. Ist das, was wir in Worten ausdrücken, wenn sie auch noch so großartig sind, meistens nur eine Meinung, so ist es das, was wir ohne Worte ausdrücken, immer.
Ich sage also: Unsere Wirklichkeit ist, soweit sie von uns abhängt, zum größern Teil nur eine Meinungsäußerung, obwohl wir ihr wunder was für eine Gewichtigkeit andichten. Wir mögen unserem Leben im Stein der Häuser einen bestimmten Ausdruck geben, es geschieht immer um einer Meinung willen. Wir mögen töten oder uns opfern, so handeln wir doch nur auf Grund einer Vermutung. Ich möchte sogar beinahe sagen, daß alle unsere Leidenschaften nur Vermutungen sind; wir irren uns sehr oft in ihnen; wir können ihnen bloß aus Sehnsucht nach Entschiedenheit verfallen. Auch daß wir etwas aus ›freiem‹ Willen tun, setzt eigentlich voraus, daß es bloß auf Veranlassung einer Meinung geschieht. Seit einiger Zeit sind Agathe und ich empfindlich für ein gewisses Geistertreiben im Wirklichen. Jede Einzelheit des Ausdrucks unserer Umgebung ›spricht uns an‹. Sie meint etwas. Sie zeigt, daß sie in einer keineswegs flüchtigen Absicht entstanden ist. Sie ist zwar nur eine Meinung, aber sie tritt wie eine Überzeugung auf. Sie ist bloß ein Einfall, tut aber, als wäre sie unerschütterlicher Wille. Zeiten und Jahrhunderte stehen mit aufgestemmten Beinen da, aber eine Stimme flüstert hinter ihnen: Unsinn! Noch nie hat die Stunde geschlagen, ist die Zeit gekommen!
Es scheint Eigensinn zu sein, aber es läßt mich erst verstehen, was ich sehe, wenn ich dazu anmerke: Dieser Gegensatz zwischen der Selbstinbrunst, die allem von uns Geschaffenen in seiner Pracht die Brust vorwölbt, und dem heimlichen Zug des Verlassen- und Aufgegebenwerdens, der gleichfalls mit der ersten Minute beginnt, stimmt ganz und gar damit überein, daß ich alles bloß eine Meinung nenne. Wir erkennen uns dadurch in einer eigentümlichen Lage. Denn jede Meinung zeigt die gleiche doppelte Eigentümlichkeit: sie macht, so lange sie neu ist, unduldsam gegen jede, die ihr im Wege steht (wenn rote Sonnenschirme an der Zeit sind, sind blaue ›unmöglich‹ – etwas Ähnliches gilt aber auch von unseren Überzeugungen); doch ist es die zweite Eigentümlichkeit jeder Meinung, daß sie trotzdem ganz von selbst und ebenso sicher mit der Zeit preisgegeben wird, wenn sie nicht mehr neu ist. Ich habe einmal gesagt, die Wirklichkeit schaffe sich selbst ab. Es ließe sich nun auch so ausdrücken: Wenn der Mensch hauptsächlich nur Meinungen kundtut, so tut er sich niemals ganz und dauernd kund; wenn er sich aber niemals vollständig ausdrücken kann, so wird er es auf die verschiedenste Weise versuchen, und damit hat er dann eine Geschichte. Nur aus einer Schwäche hat er sie also, scheint mir; obwohl die Historiker begreiflicherweise die Fähigkeit, Geschichte zu machen, für eine besondere Auszeichnung halten!«
Ulrich schien hier etwas abgekommen zu sein, fuhr aber in dieser Richtung weiter fort: »Und dies ist anscheinend der Grund, warum ich das heute vormerken muß: Geschichte wird, Geschehen wird, sogar Kunst wird – aus einem Mangel an Glück. Ein solcher liegt aber nicht an den Umständen, also daß sie uns das Glück nicht erreichen ließen, sondern an unserem Gefühl. Unser Gefühl duldet kein anderes neben sich und dauert selbst nicht aus. Dadurch erhält alles, was mit ihm verbunden ist, das Ansehen, für die Ewigkeit zu gelten, und alle haben wir trotzdem die Bestrebung, die Schöpfungen unseres Gefühls zu verlassen und unsere in ihnen ausgedrückte Meinung zu ändern. Denn ein Gefühl verändert sich in dem Augenblick, wo es dauert; es hat keine Dauer und Identität; es muß neu vollzogen werden. Gefühle sind nicht nur veränderlich und unbeständig – wofür sie wohl gelten –, sondern sie würden das erst recht in dem Augenblick, wo sie es nicht wären. Sie werden unecht, wenn sie dauern. Sie müssen immer von neuem entstehen, wenn sie anhalten sollen, und auch dabei werden sie andere. Ein Zorn, der fünf Tage anhielte, wäre kein Zorn mehr, sondern eine Geistesstörung; er verwandelt sich entweder in Verzeihen oder in Rachebereitschaft, und etwas Ähnliches vollzieht sich mit allen Gefühlen.
Unser Gefühl sucht an dem, was es gestaltet, seinen Halt und findet ihn immer für eine Weile. Aber Agathe und ich fühlen an unserer Umgebung die eingeschlossene Unheimlichkeit, das Auseinanderstreben des beisammen Befindlichen, den Widerruf im Ruf, die Wanderschaft der vermeintlich festen Wände; wir sehen und hören das plötzlich. Es erscheint uns als Abenteuer und verdächtige Gesellschaft, ›in eine Zeit‹ geraten zu sein. Wir befinden uns im Zauberwald. Und obwohl wir ›unser‹ Gefühl, dieses andersartige, noch gar nicht übersehen, ja kaum kennen, leiden wir Angst um dieses Gefühl und möchten es festhalten. Wie aber hält man ein Gefühl fest? Wie könnte man auf der höchsten Stufe der Glückseligkeit verweilen, falls sich überhaupt zu ihr gelangen läßt? Im Grunde beschäftigt uns nur diese Frage. Wir ahnen ein Gefühl, das der Hinfälligkeit der übrigen entrückt ist. Es steht wie ein wunderbarer regloser Schatten im Fließenden vor uns. Aber müßte es nicht die Welt auf ihrem Wege anhalten, um bestehen zu können? Ich komme zu dem Schluß, daß es kein Gefühl sein kann in dem gleichen Sinn wie die übrigen.«
Und plötzlich schloß Ulrich: »So komme ich auch auf die Frage zurück: Ist Liebe ein Gefühl? Ich glaube nein. Liebe ist eine Ekstase. Und Gott selbst müßte sich, um die Welt dauernd lieben zu können, und mit der Liebe des Gott-Künstlers auch das schon Geschehene zu umfassen, dauernd in Ekstase befinden. Nur als ein solcher wäre er zu denken –« Hier hatte er diese Aufzeichnungen abgebrochen.

51.
Große Veränderungen

Ulrich hatte dem General das Geleite selbst gegeben, in der Absicht, auch das zu erfahren, was dieser vielleicht nur unter vier Augen sagen möchte. Die Treppe mit ihm hinabsteigend, trachtete er ihm zunächst eine harmlose Erklärung für sein Abrücken von Diotima und den anderen zu geben, damit die Wahrheit beiseite bleibe. Aber Stumm fragte unbefriedigt: »Bist du beleidigt worden?«
»Nicht im mindesten.«
»Dann hast du das Recht nicht dazu!« entgegnete der andere fest.
Doch die Veränderungen in der Parallelaktion, von denen er in seiner Weltabgeschiedenheit nichts geahnt hatte, wirkten nun belebend auf Ulrich ein, als wäre in einem heißen Saal plötzlich ein Fenster aufgestoßen worden, und er fuhr fort: »Trotzdem möchte ich erfahren, was wirklich vor sich geht. Nachdem du es für gut befunden hast, mir die Augen halb zu öffnen, wirst du es gütigst auch noch zur Gänze tun!«
Stumm blieb stehen, stützte den Säbel gegen den Stein der Treppe und schlug den Blick zu dem Gesicht seines Freundes auf; eine große Gebärde, die umso länger dauerte, als dieser eine Stufe höher stand: »Nichts lieber als das« sagte er. »Zu diesem Zweck bin ich ja gekommen!«
»Wer arbeitet gegen Leinsdorf?« begann Ulrich ihn ruhig zu verhören. »Tuzzi mit Diotima? Oder das Kriegsministerium mit dir und Arnheim –?«
»Lieber Freund, du irrst durch Abgründe!« unterbrach ihn Stumm. »Und an der einfachen Wahrheit gehst du blind vorbei, wie es anscheinend alle geistigen Menschen tun! Vor allem bitte ich dich also überzeugt zu sein, daß ich dir den Wunsch des Leinsdorf, daß du wieder zu ihm und Diotima kommen sollst, nur aus selbstlosester Gefälligkeit ausgerichtet habe –«
»Offiziersehrenwort?«
Der General wurde guter Laune. »Wenn du mich an die spartanische Ehre meines Berufs erinnerst, beschwörst du die Gefahr, daß ich dich erst recht anlüge; denn es könnte mich ja ein höherer Auftrag dazu verpflichten. Ich gebe dir also lieber mein Privatehrenwort« sagte er würdig und fuhr erläuternd fort: »Ich beabsichtige dir sogar anzuvertraun, daß ich mich in letzter Zeit zuweilen gezwungen sehe, über solche Schwierigkeiten nachzudenken; ich lüge jetzt nämlich oft mit einem Behagen, wie sich ein Schwein im Unrat wälzt.« Er wandte sich plötzlich seinem höher stehenden Freund voll zu, und schloß die Frage an: »Woher kommt es, daß das Lügen so angenehm ist, vorausgesetzt, daß man eine Entschuldigung dafür hat? Bloß die Wahrheit zu sagen, erscheint einem geradezu unfruchtbar und gedankenlos daneben! Wenn ich das von dir erfahren könnte, wäre es direkt einer der Gründe, warum ich dich aufgesucht habe.«
»Dann teile mir ehrlich mit, was vor sich geht« verlangte Ulrich unnachgiebig.
»Ganz ehrlich, und auch überaus einfach: ich weiß es nicht!« beteuerte Stumm.
»Aber du hast doch einen Auftrag!?« forschte Ulrich.
Der General gab zur Antwort: »Ich bin trotz deines wirklich unfreundschaftlichen Verschwindens über die Leiche meiner Selbstachtung weggestiegen, um ihn dir anzuvertraun. Aber er ist ein Teilauftrag. Ein Auftragerl. Ich bin jetzt ein Rädchen. Ein Fädchen. Eine Amorette, in deren Köcher man nur noch einen einzigen Pfeil gelassen hat …!« Ulrich betrachtete die rundliche Figur mit den goldenen Knöpfen. Stumm war entschieden selbständiger geworden; er wartete auch die Entgegnung Ulrichs nicht ab, sondern setzte sich, dem Ausgang zu, in Bewegung, wobei sein Säbel auf jeder Stufe klirrte. Und als sich unten die Halle um die beiden wölbte, deren adelige Anlage ihm sonst jedesmal Ehrerbietung vor dem Hausherrn eingeflößt hatte, sprach er über die Schulter zurück zu diesem: »Du hast offenbar immer noch nicht ganz erfaßt, daß die Parallelaktion jetzt nicht mehr ein Privat und Familienunternehmen ist, sondern ein Staatsvorgang von internationaler Größenordnung!«
»Also leitet sie jetzt der Außenminister?« gab Ulrich zurück.
»Wahrscheinlich.«
»Und somit Tuzzi?«
»Vermutlich; ich weiß es aber nicht« fügte Stumm rasch hinzu. »Und er tut natürlich auch so, als ob er von nichts wüßte! Du kennst ihn doch: diese Diplomaten stellen sich ja selbst dann unwissend, wenn sie es wirklich sind!« –
Sie durchschritten den Eingang, und der Wagen fuhr vor. – Plötzlich wandte sich Stumm, vertraulich, und komisch flehend, an Ulrich: »Gerade darum sollst du doch wieder ins Haus gehn, damit man quasi eine Vertrauensperson dort hat!«
Ulrich lächelte zu dieser Anzettelung und legte ihm den Arm um die Schulter; er fühlte sich an Diotima erinnert. »Was macht sie?« fragte er. »Erkennt sie jetzt in Tuzzi den Mann?«
»Was sie macht?« entgegnete der General verdrossen. »Einen gereizten Eindruck macht sie!« Und er fügte gutmütig hinzu: »Für den Blick des Kenners vielleicht sogar eher einen rührenden. Das Unterrichtsministerium läßt ihr doch kaum noch andere Aufgaben über, als zu entscheiden, ob in dem Festzug die vaterländische Gruppe ›Wiener Schnitzel‹ mitmarschieren soll oder auch eine Gruppe ›Rostbratl mit Nockerln‹ –«
Ulrich unterbrach ihn mißtrauisch. »Nun sagst du Unterrichtsministerium? Und gerade hast du erzählt, daß auf die Aktion das Außenministerium Beschlag gelegt hat!«
»Aber schau, vielleicht sind die Schnitzel sogar Sache des Ministeriums des Innern. Oder des Handelsministeriums. Wer weiß denn das im voraus!« belehrte ihn Stumm. »Der Weltfriedenskongreß als Ganzes gehört aber jedenfalls zum Ministerium des Äußern, soweit er nicht minder zu den zwei Ministerrats-Präsidien gehört.«
Wieder unterbrach ihn Ulrich: »Und das Kriegsministerium kommt in deinen Gedanken überhaupt nicht vor?«
»Aber sei doch nicht so argwöhnisch!« bat Stumm gelassen. »Natürlich nimmt an einem Weltfriedenskongreß auch das Kriegsministerium auf das lebhafteste Anteil; ich möchte sagen, nicht weniger als die Polizeidirektion von einem internationalen Anarchistenkongreß angezogen würde. Aber du weißt doch, wie diese Zivilministerien sind: nicht das kleinste Platzerl möchten sie unsereinem gönnen!«
»Und –?« fragte Ulrich; denn er verdächtigte noch immer Stumms Unschuld.
»Gar kein ›und‹!« versicherte dieser. »Du überstürzt das! Wenn eine gefährliche Sache mehrere Ministerien betrifft, so will sie entweder eins dem anderen zuschieben, oder es will sie eins dem anderen wegnehmen: in beiden Fällen ist das Ergebnis dieser Bemühungen, daß eine Interministerielle Kommission eingesetzt wird. Du brauchst dich doch bloß zu erinnern, wieviele Ausschüsse und Unterausschüsse die Parallelaktion anfangs hat gründen müssen, als Diotima noch im vollen Besitz ihrer Energie gewesen ist; und ich kann dir dann versichern, daß unser seliges Konzil ein Stilleben gewesen ist im Vergleich mit dem, was heute gearbeitet wird!« – Der Wagen wartete, der Kutscher saß in Strammstellung auf dem Bock, aber Stumm blickte durch das offene Gefährt unentschlossen in den hellgrün aufgeschlagenen Garten. »Kannst du mir vielleicht ein wenig bekanntes Wort mit ›Inter‹ sagen?« bat er und zählte mit nachhelfendem Kopfnicken auf: »Interessant, interministeriell, international, interkurrent, intermediär, Interpellation, interdiziert, intern und einiges andere kenne ich; das kannst du nämlich bei uns am Buffet des Generalstabstrakts jetzt häufiger hören als das Wort Würstel. Aber wenn ich mit einem ganz neuen Wort ankäme, könnte ich darum Aufsehen machen!«
Ulrich lenkte des Generals Gedanken wieder auf Diotima zurück. Es leuchtete ihm ein, daß die oberste Führung beim Ministerium des Äußern sei, woraus mit Wahrscheinlichkeit folgte, daß sich die Zügel in Tuzzis Hand befanden: wie konnte dann aber ein anderes Ministerium der Frau des Mächtigen Kränkungen bereiten? Stumm zuckte bei dieser Frage trüb die Achseln. »Du hast dir halt immer noch nicht genug eingeprägt, daß die Parallelaktion ein Staatsvorgang ist!« gab er zur Antwort. Und fügte aus freien Stücken hinzu: »Der Tuzzi ist schlauer, als wir gedacht haben. Er selbst hätte ihr so etwas niemals zumuten können; aber die interminsterielle Technik hat ihm gestattet, seine Frau einem anderen Ministerium auszuliefern!«
Ulrich lachte leise auf. Er konnte sich bei dieser in etwas sonderbare Worte gekleideten Nachricht lebhaft die beiden Menschen vorstellen: Die großartige Diotima – die Lichtanlage, wie sie von Agathe genannt wurde – und den kleineren, mageren Sektionschef, für den er eine schier unerklärliche Sympathie besaß, obgleich er sich von ihm geringgeschätzt wußte. Es war die Angst vor den Mondnächten der Seele, die ihn zu dem vernünftigen Gefühl dieses Mannes hinzog, das so männlich trocken wie eine leere Zigarrenschachtel war. Und doch hatten diesen Diplomaten die Leiden der Seele, als sie über ihn hereinbrachen, dahin gebracht, daß er in allem und jedem nur noch pazifistische Machenschaften sah; denn Pazifismus, das war für Tuzzi die faßlichste Vorstellung von Seelenhaftigkeit! Ulrich entsann sich, daß er schließlich Arnheims offenbar gewordene Bemühungen um die Ölfelder, ja sogar die um seine eigene schöne Gattin, bloß für ein Degagement gehalten hatte, dazu bestimmt, die Aufmerksamkeit von einem geheimen Vorhaben pazifistischer Natur abzulenken: so sehr hatten Tuzzi die Geschehnisse in seinem Hause verwirrt! Er mußte unerhört gelitten haben, und es war zu verstehen: die geistige Leidenschaft, der er sich unerwartet gegenüber sah, verletzte ja nicht bloß seinen Ehrbegriff, wie es ein körperlicher Ehebruch getan hätte, sondern traf unmittelbar das Begriffsbildungsvermögen selbst mit Geringschätzung, das bei älteren Männern der wahre Ruhesitz der Manneswürde ist.
Und vergnügt setzte Ulrich seine Gedanken laut fort: »Offenbar hat Tuzzi in dem Augenblick, wo die Vaterländische Aktion seiner Frau zum Ziel einer öffentlichen Fopperei geworden ist, gleich den verlorenen vollen Besitz der behördlichen Geisteskräfte wieder erlangt, die einem hohen Beamten zukommen. Er muß spätestens da wieder erkannt haben, daß im Schoß der Weltgeschichte mehr geschieht, als im Schoß einer Frau Platz hätte, und euer wie ein geheimnisvolles Findelkind aufgetauchter Weltfriedenskongreß wird ihn mit einem Donnerschlag geweckt haben!« Mit rauhem Behagen malte sich Ulrich den geisternden Dämmerzustand aus, der vorangegangen sein mußte, und dann dieses Erwachen, das vielleicht gar nicht einmal mit einem Gefühl des Erwachens verbunden gewesen sein mußte; denn in dem Augenblick, wo die in Schleiern wandelnden Seelen Arnheims und Diotimas wirkliche Folgen hatten, befand sich auch Tuzzi, von jedem Spuk befreit, wieder in jenem Bereich der Notwendigkeiten, worin er sich zeit seines Lebens fast immer befunden hatte. »Er bringt die Weltrettungs- und Vaterlandshebungsgesellschaft seiner Frau jetzt um? Sie ist ihm immer ein Dorn im Fleische gewesen!« rief Ulrich lebhaft befriedigt aus und wandte sich fragend an den Gefährten.
Stumm stand noch immer rund und nachdenklich im Torbogen. »Soviel ich weiß, hat er seiner Frau erklärt, daß sie sich und seiner Stellung schulde, erst recht unter den geänderten Verhältnissen die Parallelaktion zu einem ehrenvollen Ende zu führen. Sie wird eine Auszeichnung erhalten. Aber sie muß sich dem Schutz und den Einsichten des Ministeriums anvertraun, das er dafür bestimmt hat« berichtete er gewissenhaft.
»Und mit euch, ich meine mit dem Kriegsministerium und mit Arnheim, hat er Frieden geschlossen?«
»Es scheint so. Er soll bei der Regierung wegen des Friedenskongresses die rasche Modernisierung unserer Artillerie unterstützen und sich mit dem Kriegsminister über die politischen Folgen verständigt haben. Man sagt, daß er im Parlament die nötigen Gesetze mit Hilfe der deutschen Parteien durchdrücken will und darum innerpolitisch jetzt zum deutschen Kurs rät. Das hat mir Diotima selbst erzählt.«
»Warte einen Augenblick!« unterbrach ihn Ulrich. »Deutscher Kurs? Ich habe alles vergessen!«
»Ganz einfach! Er hat immer gesagt, daß alles Deutsche für uns ein Unglück sei; und jetzt sagt er das Gegenteil.«
Ulrich wandte ein, daß sich Sektionschef Tuzzi niemals so eindeutig ausdrücke.
»Aber gegen seine Frau tut er es« versetzte Stumm. »Und zwischen ihr und mir besteht eine Art Schicksalsverbundenheit.«
»Ja, wie steht es denn zwischen ihr und Arnheim?« fragte Ulrich, der in diesem Augenblick mehr an Diotima teilnahm als an den Regierungssorgen. »Er braucht sie doch jetzt nicht mehr; und ich nehme an, daß seine Seele darunter leidet!«
Stumm schüttelte den Kopf. »Das ist scheinbar auch nicht so einfach!« erklärte er seufzend.
Er hatte bisher gewissenhaft, jedoch teilnahmlos Antwort erteilt, und vielleicht gerade deshalb verhältnismäßig klug. Schon seit der Erwähnung Diotimas und Arnheims sah er aber aus, als wolle er etwas anderes zum besten geben, das ihn wichtiger dünke als Tuzzis Rückkehr zu sich selbst. »Man möchte ja schon lange glauben,« begann er nun »daß Arnheim genug von ihr hat. Aber das sind große Seelen! Du magst wohl auch etwas von solchen verstehn, aber die sind es! Da läßt sich nicht sagen: war etwas zwischen ihnen, oder war nichts zwischen ihnen. Sie sprechen noch heute so wie früher; bloß hat man das Gefühl: jetzt ist bestimmt nichts zwischen ihnen: Sie reden eben sozusagen immer letzte Worte!«
Ulrich erinnerte sich dessen, was ihm die Liebespraktikerin Bonadea von der Theoretikerin Diotima erzählt hatte, und hielt Stumm dessen eigenen, kühleren Ausspruch vor, daß Diotima ein Lehrbuch der Liebe sei. Der General lächelte gedankenvoll dazu. »Wir beurteilen das vielleicht nicht allseitig genug« holte er umsichtig aus. »Ich will vorausschicken, daß ich vor ihr noch nie eine Frau so habe reden hören; und es legt sich mir wie ein Eisbeutel überall hin, wenn sie damit anfangt. Sie tut es übrigens schon wieder seltener; aber wenn es ihr einfällt, spricht sie auch heute noch zum Beispiel von diesem Weltfriedenskongreß als von einem ›panerotischen Humanerlebnis‹, und dann fühle ich mich kurzerhand von ihrer Gescheitheit entmannt. Aber« – und er hob die Bedeutung seiner Worte jetzt durch eine kleine Pause – »es muß doch ein Bedürfnis, ein sogenannter Zug der Zeit, darin liegen, denn selbst im Kriegsministerium fangen sie jetzt so zu reden an. Seit dieser Kongreß aufgetaucht ist, könntest du GeneralstabsStabsoffiziere von Friedensliebe und Menschenliebe sprechen hören wie vom Maschinengewehr Muster 7 oder vom Sanitätspackwagen Muster 82! Es ist einfach ekelhaft!«
»Darum hast du dich also vorhin einen enttäuschten Fachmann der Liebe genannt?« warf Ulrich ein.
»Ja, lieber Freund. Du mußt schon entschuldigen: ich habe es nicht ausgehalten, als ich auch dich so einseitig habe reden hören! Aber dienstlich ziehe ich aus alledem ja großen Vorteil!«
»Und hast du gar keinen Eifer mehr für die Parallelaktion, für die Ehrung der großen Ideen und ähnliches?« forschte Ulrich neugierig.
»Selbst eine so erfahrene Frau wie deine Kusine hat schon genug von der Kultur« gab der General zur Antwort. »Ich meine die Kultur um ihrer selbst willen. Überdies schützt dich auch die größte Idee nicht vor einer Ohrfeige!«
»Aber sie kann bewirken, daß die nächste Ohrfeige der andere kriegt.«
»Das ist richtig« räumte Stumm ein. »Aber nur, wenn du dich des Geistes bedienst, nicht wenn du ihm selbstlos dienst!« Dann blickte er neugierig zu Ulrich auf, um die Wirkung seiner nächsten Worte mitzugenießen, und fügte, in sicherer Erwartung des Erfolgs die Stimme senkend, hinzu: »Aber auch wenn ich das möchte, kann ich doch nicht mehr: man hat mich ja kaltgestellt!«
»Alle Achtung!« rief Ulrich aus, in unwillkürlicher Anerkennung der militärbehördlichen Einsicht. Aber dann folgte er einem anderen Einfall und sagte rasch: »Das hat dir der Tuzzi eingerührt!«
»Aber gar keine Spur!« versicherte Stumm selbstgewiß.
Dieses Gespräch hatte bis dahin immer noch in der Nähe des Tores stattgefunden, und außer den beiden Männern war noch ein dritter daran beteiligt, indem er auf das Ende wartete und so reglos vor sich blickte, daß die Welt für ihn zwischen zwei Paaren Pferdeohren aufhörte. Nur seine in weißen Zwirnhandschuhen steckenden Fäuste, durch die die Zügel liefen, bewegten sich verstohlen, in unregelmäßigen, besänftigenden Rhythmen, weil die Pferde, der soldatischen Disziplin nicht ganz so zugänglich wie der Mensch, des Wartens immer überdrüssiger wurden und ungeduldig am Geschirr ruckten. Diesem Mann befahl der General nun endlich, den Wagen an die Ausfahrt zu bringen und dort die Pferde zu bewegen, bis er einstiege; Ulrich aber lud er jetzt ein, den Weg durch den Garten zu Fuß zurückzulegen, damit er ihm die Geschehnisse der Reihe nach anvertrauen könne, ohne daß es jemand zu hören vermöchte.
Aber Ulrich meinte das, worauf es ankäme, lebhaft vor sich zu sehen, und ließ ihn anfangs nicht zu Wort kommen. »Ob Tuzzi dich aus dem Spiel geschlagen hat oder nicht, ist auch gleichgültig,« führte er aus »denn du bist in diesem Fall, was du mir verzeihen wirst, nur eine Nebenfigur. Das Wesentliche ist, daß er fast mit dem Augenblick, wo er durch den Kongreß bedenklich geworden ist und mit einer schweren Belastungsprobe zu rechnen begonnen hat, sowohl den staatspolitischen Zustand als auch seinen persönlichen aufs schnellste vereinfacht hat. Er ist vorgegangen wie ein Kapitän bei Ankündigung eines schweren Sturms, der sich nicht von der noch träumenden See beeinflussen läßt. Was ihm bis dahin zuwider gewesen war, Arnheim, eure Militärpolitik, der deutsche Kurs, damit hat er sich jetzt verbündet; und er hätte sich dann auch mit den Bestrebungen seiner Frau verbündet, wenn es in Ansehung der Umstände nicht nützlicher gewesen wäre, diese zu zerstören. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Liegt es daran, daß das Leben leicht wird, wenn man sich nicht um Gefühle kümmert, sondern sich bloß an sein Ziel hält; oder ist es ein mörderischer Genuß, mit den Gefühlen zu rechnen, statt unter ihnen zu leiden? Mir ist dabei, als fühlte ich dem Teufel nach, wie er in die Himmelsspeise des Lebens eine Faust voll Salz getan hat!«
Der General war Feuer und Flamme. »Das habe ich dir doch schon im Anfang gesagt!« rief er aus. »Ich habe zwar nur von Lügen gesprochen, aber die echte hinterhältige Gesinnung ist in jeder ihrer Formen eine unheimlich anregende Sache! Sogar der Leinsdorf, zum Beispiel, hat jetzt wieder eine Vorliebe für die Realpolitik gefaßt und sagt: Realpolitik ist das Gegenteil von dem, was man tun möchte!«
Ulrich fuhr fort: »Das Entscheidende ist, daß es Tuzzi früher verwirrt hat, was zwischen Diotima und Arnheim geredet worden ist; jetzt aber kann es ihn nur freuen, weil die Redseligkeit von Menschen, die ihre Gefühle nicht zu verschließen vermögen, einem Dritten immer allerhand Anhaltspunkte gibt. Er braucht es jetzt nicht mehr mit dem inneren Ohr anzuhören, was ihm niemals gelingen wollte, sondern nur noch mit dem äußeren; und das macht doch ungefähr den Unterschied aus, ob man eine ekelerregende Schlange schluckt oder erschlägt!«
»Wie?« fragte Stumm.
»Schluckt oder erschlägt!«
»Nein! Das mit den Ohren!?«
»Ich habe sagen wollen: er hat sich zu seinem Glück von der Inseite des Gefühls an die Außenseite zurückbegeben. Aber das wäre dir vielleicht unverständlich geblieben, es ist bloß so eine Idee von mir.«
»Nein, du hast es sehr gut gesagt!« versicherte Stumm. »Aber warum verwenden wir eigentlich andere als Beispiel? Diotima und Arnheim sind große Seelen, und das wird schon deshalb nie ordentlich klappen!«
Sie schlenderten einen Gartenpfad entlang und waren noch nicht weit gekommen; der General blieb stehn: »Auch was mir passiert ist, ist nicht bloß eine Kommißgeschichte!« teilte er seinem bewunderten Freunde mit.
Ulrich sah ein, daß er ihn nicht zu Wort habe kommen lassen, und entschuldigte sich. »Du bist also nicht über Tuzzi zu Fall gekommen?« fragte er höflich.
»Ein General stolpert vielleicht über einen ZivilMinister, aber nicht über einen Zivil-Sektionschef« berichtigte Stumm stolz und sachlich. »Ich glaube, ich bin über eine Idee gestolpert!« Und so begann er seine Geschichte zu erzählen.

52.
Agathe stößt zu ihrem Mißvergnügen auf einen geschichtlichen Abriß der Gefühlspsychologie

Währenddem war Agathe an eine neue Folge von Blättern geraten, worin die Aufzeichnungen ihres Bruders auf ganz andere Art weitergingen. Es schien, daß er es jetzt mit einemmal darauf abgesehen hätte, zu ermitteln, was ein Gefühl sei, und zwar dem Begriff nach und auf trockene Art. Er mußte sich auch allerhand ins Gedächtnis zurückgerufen oder es eigens zu seinem Zweck gelesen haben, denn die Papiere waren mit Vermerken bedeckt, die sich teils auf die Geschichte, teils auf die Zergliederung des Gefühlsbegriffes bezogen, und alles zusammen bildete eine Sammlung von Bruchstücken, deren innere Verbindung nicht gleich zu erkennen war.
Einen Hinweis auf das, was ihn dazu bewogen haben mochte, fand Agathe zuerst daran, daß vor Beginn an den Rand das Wort »Sache des Gefühls!« geschrieben stand; denn sie entsann sich nun des Gesprächs, das sie und ihr Bruder darüber in der Wohnung ihrer Kusine geführt hatten, mit seinen tiefen, den Grund der Seelen entblößenden Schwankungen. Und wollte man erfahren, was Sache des Gefühls sei, so mußte man sich wohl oder übel auch fragen, was Gefühl sei, das sah sie ein.
Das diente ihr als Wegweiser, denn die Aufzeichnungen begannen damit, daß alles, was unter Menschen geschehe, seinen Ursprung entweder in Gefühlen oder in der Entbehrung von Gefühlen habe; unerachtet dessen wäre aber eine Antwort auf die Frage, was ein Gefühl sei, aus der ganzen unabsehbaren Literatur, die sich damit beschäftigt habe, nicht mit Sicherheit zu gewinnen, denn selbst die Leistungen aus letzter Zeit, die Ulrich für Fortschritte hielt, bedürften keines ganz geringen Maßes von freiwilligem Zutrauen. Soviel Agathe sehen konnte, hatte er die Psychoanalyse dabei außer Betracht gelassen, und sie wunderte sich anfangs darüber, denn wie alle literarisch angeregten Menschen hatte sie mehr von ihr sprechen hören als von der übrigen Psychologie; aber Ulrich sagte, er ließe sie nicht deshalb beiseite, weil er die Verdienste dieser bedeutenden Theorie nicht anerkenne, die voll neuer Begriffe wäre und als erste vieles zu erfassen gelehrt habe, was durch alle vorangegangene Zeit gesetzlose Privaterfahrung gewesen sei, sondern es hänge damit zusammen, daß gerade bei dem, was er vorhabe, ihre Eigenart nicht so zur Geltung komme, wie es ihres immer sehr anspruchsvollen Selbstbewußtseins würdig wäre. Als sein Vorhaben aber bezeichnete er es, zunächst die vorhandenen Hauptantworten auf die Frage, was Gefühl sei, miteinander zu vergleichen, und fuhr fort, daß sich im ganzen wohl nur drei unterscheiden ließen, von denen übrigens keine so klar ausgebildet worden sei, daß sie die anderen ganz unmöglich gemacht hätte.

*

Dann schlossen sich die folgenden Aufzeichnungen an, die das ausführen sollten: »Die älteste, aber noch heute recht regsame Vorstellungsbildung geht von der Überzeugung aus, dass zwischen dem Zustand des Fühlens, seinen Ursachen und seinen Wirkungen deutlich getrennt werden könne; denn sie versteht unter Gefühl eine Gattung innerer Erlebnisse, die sich von den anderen Gattungen – und zwar sind dies nach ihr das Empfinden, Denken und Wollen – bis in den Grund unterscheide. Diese Auffassung ist volkstümlich und seit alters überliefert, und es liegt ihr nahe, das Gefühl als einen Zustand anzusehen; zwar muß das nicht sein, aber es geschieht gewöhnlich unter dem ungewissen Eindruck der Wahrnehmung, daß wir in jedem Augenblick des Gefühls, und inmitten seiner beweglichen Veränderung, nicht nur unterscheiden können, daß wir fühlen, sondern es auch als etwas scheinbar Ruhendes erleben, daß wir im Zustand eines Gefühls beharren.
Die neuere Vorstellungsbildung geht dagegen von der Beobachtung aus, daß das Fühlen aufs Innigste mit dem Handeln und dem Ausdruck verbunden ist; und es folgt daraus, daß sie sowohl dazu neigt, das Gefühl als einen Vorgang zu betrachten, als auch, daß sie ihren Blick nicht auf das Fühlen allein richtet, sondern es mitsamt seinen Äußerungen und seinen Ursprüngen als ein Ganzes ansieht. Sie ist zuerst in der Psychologie und Biologie entstanden, und ihr Bestreben ist ursprünglich auf eine körperliche Erklärung der seelischen Vorgänge gerichtet gewesen, oder schärfer betont, auf das körperliche Ganze, dem auch seelische Erscheinungen unterlaufen. Man kann, was sich daraus ergeben hat, als zweite Hauptantwort auf die Frage nach der Natur des Gefühls zusammenfassen.
Eine Richtung der Wißbegierde auf das Ganze statt auf das Element und auf die Wirklichkeit statt auf einen vorgefaßten Begriff unterscheidet aber auch die neueren psychologischen Untersuchungen, die sich mit dem Gefühl beschäftigen, von den älteren, nur sind ihre Absichten und leitenden Gedanken natürlich ihrer eigenen Wissenschaft entnommen. Dadurch ergeben sie eine dritte Antwort auf die Frage, was Gefühl sei, die sich sowohl auf den anderen aufbaut als auch selbständig ist. Diese dritte Antwort gehört aber allermaßen nicht mehr in einen Rückblick, weil mit ihr schon der Einblick in die Vorstellungsbildung beginnt, die gegenwärtig im Gange ist oder möglich erscheint.
Ich will hinzufügen, denn ich habe vorhin auch die Frage erwähnt, ob das Gefühl ein Zustand oder ein Vorgang sei, daß in Wahrheit diese Frage in der angedeuteten Entwicklung so gut wie keine Rolle spielt, es sei denn die einer allen Auffassungen gemeinsamen und vielleicht nicht ganz gegenstandslosen Schwäche. Stelle ich mir ein Gefühl, wie es nach älterer Art nahezuliegen scheint, als etwas Beständiges vor, das nach außen und innen wirkt, und auch von beiden Seiten Rückwirkung empfängt, so habe ich offenbar nicht bloß ein Gefühl vor mir, sondern eine unbestimmte Anzahl wechselnder Gefühle. Die Sprache stellt zwar für diese Unterarten eines Gefühls selten eine Mehrzahl zur Verfügung, sie kennt keine Neide, Zörner oder Trotze, für sie sind das die Abwandlungen eines Gefühls in verschiedenen Spielarten oder in verschiedenen Zuständen seiner Entwicklung; aber ohne Frage deutet auch eine Folge von Zuständen ebenso gut wie eine Folge von Gefühlen auf einen Vorgang hin. Glaubt man hingegen, wie es dem entspräche und auch der heutigen Auffassung näher zu liegen scheint, einen Vorgang vor sich zu haben, so ist wieder der Zweifel, was dann ›eigentlich‹ Gefühl sei und wo etwas aufhöre, zu ihm selbst, und anfange, zu seinen Ursachen, Folgen oder dem begleitenden Gefolge zu gehören, nicht auf geradem Wege zu lösen. Ich werde an einer späteren Stelle darauf zurückkommen, denn ein solcher Zwiespalt der Antwort pflegt einen Fehler der Fragestellung anzuzeigen; und es wird sich, wie ich meine, herausstellen, daß die Frage, ob Zustand oder Vorgang, eigentlich eine Scheinfrage ist, hinter der sich eine andere verbirgt. Dieser Möglichkeit zuliebe, über die ich nicht entscheiden kann, mag sie hervorgehoben bleiben.«

*

»Ich fahre nun fort, der ursprünglichen Gefühlslehre zu folgen, die vier Haupthandlungen oder Grundzustände der Seele unterscheidet. Sie reicht auf die Antike zurück und wird vermutlich ein in Würden verbliebenes Seitenstück zu deren Meinung sein, daß die Welt der Körper aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde bestehe: Trotzdem wird noch heute oft von vier besonderen, nicht aufeinander zurückführbaren Klassen von Bewußtseinselementen gesprochen, und in der Klasse Gefühl nehmen dann gewöhnlich die beiden Gefühle ›Lust‹ und ›Unlust‹ eine Vorzugsstellung ein; denn sie gelten entweder als die einzigen oder gelten wenigstens als die einzigen mit nichts andrem vermengten Gefühle. In Wahrheit sind sie vielleicht überhaupt keine Gefühle, sondern nur eine Färbung und Tönung an diesen, in der sich der ursprüngliche Unterschied zwischen Anziehung und Flucht und wohl auch der Gegensatz zwischen Gelingen und Versagen und andere Gegensätze der ursprünglich so symmetrischen Führung des Lebens erhalten haben. Das gelingende Leben ist lustvoll: lange vor Nietzsche und unserer Zeit hat es schon Aristoteles gesagt. Und noch Kant hat gesagt: ›Vergnügen ist das Gefühl der Beförderung, Schmerz das eines Hindernis des Lebens.‹ Und Spinoza hat Lust den ›Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit‹ genannt. Sie ist immer in diesem etwas übertriebenen Ruf einer letzten Erklärung gestanden, die Lust (und nicht zuletzt bei denen, die sie der Täuschung verdächtigten!).
Aber wahrlich zur Heiterkeit kann sich das bei nicht ganz großen, und doch verdächtig leidenschaftlichen Denkern steigern. Ich setze eine schöne Stelle aus einem zeitgenössischen Lehrbuch hieher, von der ich kein Wort vergessen möchte: ›Was erscheint verschiedenartiger als zum Beispiel die Freude über eine elegant gelöste mathematische Aufgabe und die über ein gutes Mittagessen! Und doch sind diese beiden Freuden als reines Gefühl ein und dasselbe, nämlich Lust!‹ Auch eine Stelle aus einer Gerichtsentscheidung, die wahrhaftig erst vor wenigen Tagen gefällt worden ist, setze ich dazu: ›Das Schmerzensgeld hat dem Zwecke zu dienen, dem Beschädigten die Möglichkeit zu geben, sich seinen gewohnten Verhältnissen entsprechende Lustgefühle zu verschaffen, die die durch die Verletzung und ihre Folgen ausgelösten Unlustgefühle aufwiegen. Auf den gegenständlichen Fall angewendet, ergibt sich also schon aus der beschränkten Auswahl der dem Lebensalter von zwei ein viertel Jahren entsprechenden Lustgefühle und der leichten Beschaffbarkeit der Mittel hiezu, daß das begehrte Schmerzensgeld zu hoch sei.‹ Die durchdringende Klarheit, die sich in diesen beiden Beispielen äußert, gestattet die ehrfürchtige Bemerkung, daß sich Lust und Unlust noch lange als das I und A der Gefühlslehre erhalten werden.«

*

»Blicke ich mich weiter um, so sehe ich, daß diese Lust und Unlust sorgfältig abwägende Lehre unter ›Mischgefühlen‹ die ›Verbindung des Elements der Lust und Unlust mit den anderen Elementen des Bewußtseins‹ versteht und damit Trauer, Gelassenheit, Ärger und anderes meint, worauf Laien solchen Wert legen, daß sie gern mehr davon erführen als bloß einen Namen. ›Allgemeine Gemütszustände‹ wie Lebhaftigkeit oder Niedergeschlagenheit, ›darin Mischgefühle von gleicher Art vorwiegen‹, heißt sie ›Einheit einer Gefühlslage‹. ›Affekt‹ nennt sie eine Gefühlslage, die sich ›heftig und plötzlich‹ einstellt, und eine überdies ›chronische‹ nennt sie ›Leidenschaft‹. Sollten Theorien eine Moral haben, so wäre also die Moral dieser Lehre ungefähr mit den Worten auszusprechen: Mache anfangs klei ne Schritte, so kannst du später große Sprünge machen!«

*

»Aber in Unterscheidungen wie diesen: ob es bloß eine Lust und Unlust gebe oder vielleicht doch mehrere Lüste und Unlüste; ob es neben Lust und Unlust nicht auch noch andere Grundgegensätze gebe, und zum Beispiel Lösung und Spannung ein solcher sei (das hat den stattlichen Titel: singularistische und pluralistische Theorie); ob sich ein Gefühl verändern könne oder ob es, wenn es sich verändere, schon ein anderes Gefühl werde; ob ein Gefühl, soll es aus einer Folge von Gefühlen bestehn, sich zu diesen im Verhältnis des Artzu seinen Gattungsbegriffen oder des Bewirkten zu seinen Ursachen befinde; ob die Zustände, die ein Gefühl durchläuft, angenommen, es selbst sei ein Zustand, Zustände eines Zustands seien oder verschiedene Zustände und damit also verschiedene Gefühle; ob ein Gefühl durch die von ihm hervorgerufenen Handlungen und Gedanken seine eigene Veränderung bewirken könne oder ob in dieser Rede vom ›Wirken‹ eines Gefühls etwas so Uneigentliches und wenig wirklich Gemeintes liege, als werde gesagt, das Auswalzen eines Bleches ›bewirke‹ dessen Verdünnung oder eine Ausbreitung der Wolken die Verschleierung des Himmels: in solchen Unterscheidungen hat die traditionelle Psychologie vieles geleistet, was nicht unterschätzt werden sollte. Freilich ließe sich dann auch fragen, ob die Liebe eine ›Substanz‹ oder eine ›Qualität‹ sei und was es in Ansehung ihrer mit der ›Haecceität‹ und ›Quiddität‹ auf sich habe; aber ist man je sicher, das nicht doch einmal noch fragen zu müssen?«

*

»Alle solchen Fragen enthalten einen höchst nützlichen Ordnungssinn, obwohl er in Ansehung der unbefangenen Natur des Gefühls ein wenig lächerlich wirkt und uns in Ansehung dessen, wie die Gefühle unser Handeln bestimmen, wenig zu helfen vermag. Dieser logisch-grammatikalische, wie eine Apotheke mit hunderten Lädchen und Aufschriften ausgestattete Ordnungssinn ist ein Rest der mittelalterlichen, aristotelisch-scholastischen Naturbetrachtung, deren großartige Logik nicht sowohl an den Erfahrungen, die man mit ihr gemacht hat, zuschanden geworden ist als vielmehr an denen, die man ohne sie gemacht hat. Es ist vornehmlich die Entfaltung der Naturwissenschaften daran schuld gewesen und die ihres neuen Verstandes, der die Frage, was logisch sein müsse, hinter die Frage zurückgesetzt hat, was wirklich sei; doch nicht weniger auch das Unglück, daß die Natur anscheinend bloß auf einen solchen Mangel an Philosophie gewartet hatte, um sich entdecken zu lassen, und mit einer Bereitschaft geantwortet hat, die beiweitem noch nicht zu Ende ist. Trotzdem ist es, so lange diese Entwicklung das neue philosophische Weltenei noch nicht hervorgebracht hat, auch heute noch nützlich, ihr gelegentlich von den Schalen des alten zu fressen zu geben, wie man es Hennen tut, die legen werden. Und das gilt besonders von der Psychologie des Gefühls. Denn sie ist in ihrer geschlossenen logischen Einkleidung schließlich vollkommen unfruchtbar gewesen, aber von den Gefühlspsychologien, die darauf gefolgt sind, ist nur zu sehr das Gegenteil wahr; denn sie sind in Ansehung dieses Verhältnisses zwischen logischem Gewand und Fruchtbarkeit, zumindest in den schönen Jahren der Jugend, nahezu Sansculottinnen gewesen!«

*

»Was habe ich mir aus diesen Anfängen zu allgemeinerem Nutz und Frommen ins Gedächtnis zu rufen? Vor allem das: Diese neuere Psychologie hat mit dem hilfsbereiten Mitleid begonnen, das die medizinische Fakultät immer für die philosophische übrig hat, und sie hat mit der älteren Gefühlspsychologie aufgeräumt, indem sie überhaupt aufgehört hat, von Gefühlen, und angefangen hat, naturwissenschaftlich von ›Trieben‹, ›Triebhandlungen‹ und ›Affekten‹ zu sprechen. (Nicht als ob die Rede vom Menschen als einem von seinen Trieben und Affekten beherrschten Wesen neu gewesen wäre, aber neue Medizin ist sie dadurch geworden, daß er fortan nur als das betrachtet werden sollte.)
Der Vorzug bestand in der Aussicht, das höher beseelte menschliche Verhalten auf das allgemeine belebte zurückzuführen, das sich auf den naturgewaltigen Nötigungen des Hungers, des Geschlechts, der Verfolgtheit und anderer Grundzustände des Lebens aufbaut, denen die Seele angepaßt ist. Dadurch bestimmte Geschehensabläufe heißen ›Triebhandlungen‹, entstehen ohne Absicht und Überlegung, sobald sich ein Reiz der ihnen entsprechenden Reizgruppe geltend macht, und werden von allen Tieren der gleichen Art, oft auch von Tier und Mensch, ähnlich ausgeführt. Die persönlichen, aber nahezu unveränderlich erblichen Anlagen dazu heißen ›Triebe‹; und mit der Bezeichnung ›Affekt‹ wird in diesem Zusammenhang gewöhnlich eine etwas ungewisse Meinung verknüpft, nach der er das Erlebnis oder die erlebte Seite der Triebhandlung und der ins Handeln gesetzten Triebe sein soll. Betont oder leise wird dabei meist auch vorausgesetzt, daß alle menschlichen Handlungen Triebhandlungen seien, oder Verbindungen zwischen solchen, und alle unsere Gefühle Affekte oder Teile oder Zusammensetzungen von Affekten. Ich habe heute mehrere Lehrbücher der medizinischen Psychologie durchblättert, um mein Gedächtnis aufzufrischen, aber in ihrer aller Sachverzeichnissen ist das Wort Gefühl auch nicht ein einziges Mal vorgekommen, und es ist wahrhaftig keine geringe Eigenheit einer Gefühlspsychologie, wenn in ihr keine Gefühle vorkommen!«

*

»So sehr überwiegt noch jetzt in manchen Krei sen eine mehr oder minder betonte Absicht, die zu nichts führende geistige Betrachtung der Seele durch naturwissenschaftliche Begriffe zu ersetzen, die aufs äußerste handgreiflich sein sollen. Und wie man es anfangs am liebsten gesehen hätte, daß die Gefühle nichts als Empfindungen in den Eingeweiden und Gelenken wären, und in der Folge Behauptungen entstanden sind wie die, daß die Furcht aus beschleunigter Herztätigkeit und flachem Atem bestünde, oder daß das Denken ein inneres Sprechen, also eigentlich eine Kehlkopfreizung wäre, steht heute die geläuterte Absicht in Ansehen und Ehren, das gesamte innere Leben auf Reflexbögen und ähnliches zurückzuführen, und gilt beispielsweise einer großen und erfolgreichen Schule als die einzige erlaubte Aufgabe der Seelenerklärung. Mag also auch die breite, womöglich eisern-automatische, Verankerung im Naturreich das wissenschaftliche Ziel sein, so mischt sich doch ebenfalls ein eigentümlicher Überschwang hinein, der sich ungefähr durch den Satz ausdrücken ließe: was niedrig steht, steht fest. Das ist einmal, bei der Überwindung der theologischen Naturphilosophie, ein Überschwang der Verneinung gewesen, eine ›Spekulation à la baisse in menschlichen Werten‹. Der Mensch hat sich lieber als einen Faden im Gewebe des Weltstoffes sehen wollen denn als einen auf diesem Teppich Stehenden; und es läßt sich gut verstehen, daß auch die Seelenlehre, als sie, nachzüglerisch lärmend, in ihre materialistischen Flegeljahre eintrat, ein luziferisches, herabsetzendes Verlangen nach Seelenlosigkeit abbekommen hat. Das ist ihr später von allen frommen Feinden naturwissenschaftlichen Denkens gotteshausmeisterlich übelgenommen worden, aber seinem heimlichsten Wesen nach ist es doch nichts gewesen als eine gutartig düstere Romantik, eine gekränkte Kinderliebe zu Gott, und darum auch zu seinem Ebenbild, die in dessen Mißhandlung unbewußt noch heute nachwirkt.«

*

»Doch es ist immer gefährlich, wenn eine Ideenquelle in Vergessenheit gerät, ohne daß es bemerkt wird, und so hat sich manches, was bloß davon seine unbefangene Gewißheit empfangen hatte, in der medizinischen Psychologie ebenso unbefangen auch weiter erhalten, woraus stellenweise ein vernachlässigter Zustand entstanden ist, an dem gerade die grundlegenden Begriffe, und denn nicht zuletzt die Begriffe Trieb, Affekt und Triebhandlung, teilhaben. Schon die Frage, was ein Trieb sei und welche oder wieviel Triebe es gebe, wird nicht nur ganz ungleich beantwortet, sondern es geschieht auch ohne alles Zagen. Ich habe eine Darstellung vor mir gehabt, worin die ›Triebgruppen‹ der Nahrungsaufnahme, der Sexualität und des Schutzes vor Gefahr unterschieden worden sind; eine andere, die ich mit ihr verglich, hat einen Lebenstrieb, einen Geltungstrieb und fünf andere angeführt; die Psychoanalyse, die nebenbei wohl auch als eine Triebpsychologie bezeichnet werden darf, schien lange Zeit nur einen einzigen Trieb zu kennen; und so geht es weiter. Auch das Verhältnis zwischen Triebhandlung und Affekt ist mit ebenso großen Verschiedenheiten bestimmt worden: Wohl heißt es gewöhnlich in Übereinstimmung, daß der Affekt das ›Erlebnis‹ der Triebhandlung sei; aber ob dabei die ganze Triebhandlung als Affekt erlebt werde, also auch das äußere Verhalten, oder ob nur das innere Geschehen, oder ob Teile von ihm, oder Teile des äußeren und inneren Vorgangs in einer besonderen Vereinigung, davon wird bald das eine, bald das andere behauptet und manchmal beides nebeneinander. Nicht einmal, was ich zuvor aus dem Gedächtnis ohne Einwand niedergeschrieben habe, daß eine Triebhandlung ›ohne Absicht und Überlegung‹ geschehe, stimmt in allen Stücken.«

*

»Ist es dann verwunderlich, wenn hinter den physiologischen Erklärungen unseres Gehabens sehr oft zu guter Letzt doch wieder nichts anderes zum Vorschein kommt als die vertraute Vorstellung, daß wir es von Kettenreflexen und Sekreten und Geheimnissen des Körpers bloß darum steuern ließen, weil wir die Lust suchten und die Unlust mieden? Und nicht nur in der Seelenkunde, auch in der allgemeinen Lebenslehre, ja in der Volkswirtschaftslehre, kurz überall, wo man ein Verhalten begründen möchte, spielen Lust und Unlust noch immer diese Rolle, also zwei so dürftige Gefühle, daß sich etwas Einfacheres kaum noch denken läßt. Der weitaus vielfältigere Gedanke der Triebbefriedigung wäre wohl imstande, das Bild bunter zu gestalten, aber die alte Gewohnheit ist so stark, daß man mitunter sogar lesen kann, die Triebe strebten nach Befriedigung, weil diese Erfüllung eben Lust sei, was ungefähr ebensoviel ist, wie den Auspuff für den treibenden Teil an einem Motor zu halten!«

*

So war Ulrich am Ende denn auch auf die Frage der Einfachheit zu sprechen gekommen, obgleich es wohl eine Abschweifung war.
»Woran liegt der Reiz, die besondere Versuchung für den Geist, daß er glaubt, die Welt der Gefühle auf Lust und Unlust oder auf die einfachsten physiologischen Vorgänge zurückführen zu müssen? Warum billigt er einem psychologischen Etwas umso mehr Erklärungswert zu, je einfacher es ist? Warum einem physiologisch-chemischen noch mehr als einem psychologischen, und schließlich der Zurückführung auf die Bewegung physikalischer Atome den allermeisten? Es geschieht selten aus Vernunftgründen, eher halbbewußt, aber auf irgendeine Weise ist dieses Vorurteil gewöhnlich wirksam. Worauf beruht also dieser Glaube, daß das Geheimnis der Natur einfach sein müsse?
Zuerst ist da zweierlei zu unterscheiden. Die Zerlegung des Zusammengesetzten in das Einfache und Kleine ist im Alltag eine durch nützliche Erfahrung gerechtfertigte Gewohnheit; dieser lehrt uns tanzen, indem er uns die Schritte beibringt, und er lehrt uns, daß man ein Ding besser versteht, nachdem man es zerlegt und wieder zusammengeschraubt hat. Die Wissenschaft bedient sich dagegen der Vereinfachung eigentlich nur als einer Zwischenstufe; auch was als Ausnahme erscheint, ordnet sich dem unter. Denn am Ende führt sie nicht das Zusammengesetzte auf das Einfache zurück, sondern das Besondere des einzelnen Falls auf die allgemein gültigen Gesetze, die ihr Ziel sind, und die sind nicht sowohl einfach als vielmehr allgemein und zusammenfassend. Sie vereinfachen die Mannigfaltigkeit des Geschehens erst durch ihre Anwendung, also in zweiter Hand.
Und so heben sich überall im Leben zwei Einfachheiten von einander ab: was es zum voraus ist, und was es erst nachher wird, sind in verschiedener Bedeutung einfach. Was es zum voraus ist, mag es was immer sein, ist meistens einfach aus Mangel an Inhalt und Form, und darum gemeinhin auch einfältig, oder es ist noch nicht durchschaut. Was aber erst einfach wird, mag es ein Gedanke oder ein Handgriff oder gar der Wille sein, hat Teil und hat in sich von der Gewalt der Wahrheit und des Könnens, die das verwirrt Vielfältige bezwingt. Diese beiden Einfachheiten werden gewöhnlich miteinander verwechselt: es geschieht in der frommen Rede von der Einfalt und Unschuld der Natur; es geschieht in dem Glauben, daß eine einfache Sittlichkeit unter allen Umständen dem Ewigen näher stehe als eine verwickelte; es geschieht auch in der Verwechslung des rohen Willens mit dem starken.«

*

Als Agathe so weit gelesen hatte, glaubte sie, auf dem Kies des Gartens Ulrichs zurückkehrende Schritte zu hören, und schob alle Blätter eilig wieder in die Lade zurück. Als sie sich aber davon überzeugt hatte, daß ihr Gehör sie getäuscht habe, und gewiß geworden war, daß ihr Bruder noch im Garten verweile, zog sie die Blätter wieder hervor und las noch ein Stück des Folgenden weiter.

53.
Die Referate D und L

Als General Stumm von Bordwehr im Garten darzulegen begonnen hatte, warum er glaube, über eine Idee gestolpert zu sein, zeigte sich alsbald, daß er mit der Freude erzähle, die ein Stoff bereitet, der gut durchdacht ist. Den Anfang habe es gemacht, berichtete er, daß er wegen des unbesonnenen Beschlusses, der den Kriegsminister gezwungen hätte, Diotimas Haus fluchtartig zu verlassen, die erwartete Nase bekommen habe. »Ich habe ja alles vorausgesagt!« beteuerte Stumm selbstbewußt und fügte bescheidener hinzu: »Nur das nicht, was danach gekommen ist.« Es war nämlich trotz aller Gegenmaßnahmen etwas von dem leidigen Zwischenfall in die Zeitungen durchgesickert und bei den Ausschreitungen wieder zum Vorschein gekommen, deren Opfer dann Graf Leinsdorf wurde. Graf Leinsdorf aber war, wie es Stumm schon in Agathes Gegenwart angedeutet hatte und jetzt ausführte, auf der Rückreise von seinen böhmischen Gütern in einer Stadt, wo er den Eilzug erreichen wollte, mit dem Wagen zwischen die zwei Fronten eines politischen Zusammenstoßes geraten, und Stumm beschrieb nun das Weitere folgendermaßen: »Sie haben ihre Unruhen natürlich wegen etwas ganz anderem veranstaltet gehabt; wegen irgend einer Verordnung der Regierung über den Gebrauch der Landessprachen in den Ämtern oder wegen einer andern von diesen Sachen, über die man sich schon so oft geärgert hat, daß man kaum noch kann. Und so sind auch bloß auf der einen Seite der Straßen die deutschsprachigen Stadtbewohner gestanden und haben zu den andern hinübergeschrien: ›Pfui!‹, und auf der andern Seite sind die anderssprachigen gestanden und haben zu den Deutschen hinübergeschrien: ›Schande!‹; und es wäre weiter auch nichts geschehn. Aber der Leinsdorf ist als Friedensstifter bekannt; er will, daß die in der Monarchie vereinigten Volksstämme ein Staatsvolk bilden, und das sagt er auch immer. Und du weißt doch auch, wenn ich hier so sagen darf, wo es niemand hört, daß zwei Hunde einander oft unentschlossen anknurren, daß sie aber in dem Augenblick, wo man sie beruhigen will, aufeinander losfahren. Wie der Leinsdorf erkannt worden ist, hat das also den Gefühlen einen ungeheuren Aufschwung gegeben; und sie haben zuerst im Sprechchor auf zwei Sprachen angefangen zu fragen: ›Was ist mit der Enquete zur Feststellung der Wünsche der beteiligten Kreise der Bevölkerung, Herr Graf?‹ und dann haben sie geschrien: ›Nach außen heuchelst du Frieden, und im eigenen Haus bist du ein Mörder!‹ Erinnerst du dich an die Geschichte, die man ihm nachsagt, daß einmal, vor hundert Jahren, als er noch jünger gewesen ist, eine Kokotte in der Nacht gestorben sein soll, wo sie bei ihm war? Auf das haben sie nämlich damit auch anspielen wollen, sagt man jetzt. Und das alles ist bloß wegen diesem dummen Beschluß geschehn, daß man sich für seine eigenen Ideen töten lassen soll, aber ja nicht für fremde; wegen einem Beschluß also, den es gar nicht gibt, weil ich seine Protokollierung verhindert hab! Aber anscheinend hat er sich herumgesprochen, und weil wir ihn nicht zugelassen haben, verdächtigt man jetzt uns alle, daß wir Volksmörder sein wollen! So etwas ist vollkommen unvernünftig, aber es ist schließlich logisch!«
Ulrich fiel diese Unterscheidung auf.
Der General zuckte die Achseln. »Die geht auf den Kriegsminister selbst zurück. Nämlich schon wie er mich nach dem Krakeel bei Tuzzis hat zu sich rufen lassen, hat er zu mir gesagt; ›Lieber Stumm, du hättest es nicht so weit kommen lassen dürfen!‹ Ich habe ihm aber darauf, was mir nur einfiel, vom Zeitgeist erwidert und davon, daß der Zeitgeist eine Äußerung und anderseits auch wieder einen Halt braucht: mit einem Wort, ich habe ihm zu beweisen getrachtet, wie wichtig es ist, eine Zeitidee zu suchen und sich für sie zu begeistern, selbst wenn es vorderhand noch zwei Ideen sind, die einander widersprechen und sich gegenseitig in Wut treiben, so daß man unmöglich in jedem Augenblick wissen kann, was daraus entstehen wird. Doch er hat mir erwidert: ›Lieber Stumm, du bist ein Philosoph! Ein General aber muß wissen! Wenn du eine Brigade in ein Rencontre-Gefecht führst, vertraut dir der Feind auch nicht an, was er vorhat und wie stark er ist!‹ Und danach hat er mir ein für allemal die größte Zurückhaltung anbefohlen.« – Stumm unterbrach seine Erzählung nur, um einen neuen Vorrat an Atem zu schöpfen, und fuhr fort: »Darum habe ich mich, wie dann auch noch die Geschichte mit dem Leinsdorf dazugekommen ist, gleich selbst beim Minister melden lassen; denn ich habe vorhergesehn, daß man wieder der Parallelaktion schuld geben wird, und habe dem die Spitze abbrechen wollen. ›Exzellenz!‹ habe ich begonnen. ›Es ist unvernünftig gewesen, was das Volk dort getan hat, aber das hätte man wissen können, denn es ist immer so. Ich rechne darum in einem solchen Fall nicht mit der Vernunft, sondern mit Leidenschaften, Einbildungen, Schlagworten und ähnlichem. Aber abgesehen davon, hätte auch das nichts genutzt, denn Seine Erlaucht ist ein eigensinniger und schwer zu beeinflussender alter Herr –.‹ So ungefähr habe ich also gesprochen, und der Kriegsminister hat mich auch die ganze Zeit still angehört und hat genickt. Aber entweder hat er selbst vergessen gehabt, was er mir das Mal zuvor vorgehalten hat, oder er ist scheinbar sehr grantig gewesen, denn plötzlich hat er erwidert: ›Du bist eben doch ein Philosoph, Stumm! Mich interessiert weder Seine Erlaucht noch das Volk; aber du sagst bald Vernunft, bald Logik, so als ob das ein und dasselbe wäre, und ich muß dich aufmerksam machen, daß es nicht ein und dasselbe ist! Vernunft kann ein Zivilist haben, und braucht sie auch nicht zu haben. Aber das, womit man der Vernunft begegnen muß, und was ich darum von meinen Generalen verlangen muß, ist Logik. Das gewöhnliche Volk hat keine Logik, aber es muß sie über sich spüren!‹ Und damit ist die Unterredung beendet gewesen« schloß Stumm von Bordwehr.
»Ich verstehe das zwar nicht im mindesten, aber es kommt mir vor, daß dein Zweithöchster Kriegsherr im ganzen nicht ungnädig mit dir umgeht« bemerkte Ulrich.
Sie wandelten die Gartenwege auf und ab, und Stumm machte jetzt einige Schritte, ohne zu erwidern, blieb dann aber so heftig stehn, daß der Kies unter seinen Sohlen knirschte. »Das verstehst du nicht?!« rief er aus und fügte hinzu: »Zuerst habe ich es auch nicht verstanden. Aber nach und nach ist mir die ganze Tragweite aufgegangen, warum Seine Exzellenz, der Herr Kriegsminister recht hat! Und warum hat er recht?« fragte er unversöhnlich. »Weil der Kriegsminister immer recht hat! Ich kann, wenn es bei Diotima einen Skandal gibt, nicht vor ihm weggehen, und ich kann auch nicht in die Zukunft von Böhmen blicken; es ist unvernünftig, das von mir zu verlangen! Und ich darf auch nicht, wie in dem Falle Leinsdorf, für etwas in Ungnade fallen, womit ich so wenig zu tun habe wie mit der Geburt meiner seligen Großmutter! Aber trotzdem hat der Kriegsminister, der mir das alles zumutet, recht, weil der Vorgesetzte immer recht hat: das ist nämlich eine Banalität, und auch keine! Verstehst du es jetzt?«
»Nein« sagte Ulrich.
»Aber schau,« beschwor ihn Stumm »du willst mir bloß Schwierigkeiten machen, weil du dich unabhängig fühlst oder weil du ein Rechtsgefühl hast oder aus solchen Gründen, und gibst nicht zu, daß es sich hier um etwas Ernsteres handelt! Aber wirklich erinnerst du dich ganz gut; denn beim Militär hat man doch auch dir seinerzeit bei jeder Gelegenheit gesagt: ein Offizier muß logisch denken können! Logik ist ja geradezu das, was in unseren Augen das Militär vom Zivil unterscheidet. Aber meint man damit Vernunft? Nein. Vernunft hat der Feldrabbiner oder der Feldkurat oder der Herr vom Kriegswissenschaftlichen Archiv. Aber Logik ist nicht Vernunft. Logik heißt: handle unter allen Umständen ehrenvoll, aber konsequent, rücksichtslos und ohne Gefühl; und laß dich durch nichts irre machen! Denn die Welt wird nicht von der Vernunft regiert, sondern muß mit eiserner Logik beherrscht werden, wenn auch auf ihr, seit sie besteht, geredet wird! – Das ist es also, was mir der Kriegsminister zu verstehen gegeben hat; und du wirst einräumen, daß es in mir nicht auf den unfruchtbarsten Boden gefallen ist, denn es ist ja nichts als die alte, bewährte Offiziersmentalität. Ich habe seither wieder etwas mehr davon in mir; und du wirst es auch nicht leugen können: Wir müssen schlagfertig sein, bevor wir alle anfangen, vom Ewigen Frieden zu sprechen; wir müssen zuerst unsere Versäumnisse und Schwächen gutmachen, damit wir dann bei der allgemeinen Verbrüderung nicht im Nachteil sind. Und nicht schlagfertig! Er ist überhaupt nie fertig! Der Zivilgeist ist ein bedeutsames Hin und Her, ein Empor und Hinab, und du hast ihn einmal den tausendjährigen Glaubenskrieg genannt: aber davon können wir uns nicht ruinieren lassen! Es muß also jemand da sein, der, wie man beim Militär sagt, Initiative hat und die Führung übernimmt, und dazu ist der Vorgesetzte berufen: Das sehe ich jetzt selbst ein; und ich bin nicht ganz sicher, ob ich früher, in meiner Teilnahme für alle geistigen Bestrebungen, nicht doch manchmal zu weit hingerissen worden bin.«
Ulrich fragte: »Und was wäre geschehn, wenn du das nicht eingesehen hättest? Hätte man dir den Zylinder geschickt?«
»Nein, das nicht« berichtigte Stumm. »Natürlich vorausgesetzt, daß ich es nicht auch am militärischen Gefühl für die Kräfteverhältnisse fehlen lasse. Aber eine Landwehrbrigade in Wladischmirschowitz oder in Knobljoluka hätten sie mir verliehen, statt daß ich wie bisher am Kreuzungspunkt soldatischer Macht und ziviler Erleuchtung sitze und der uns allen gemeinsamen Kultur vielleicht doch noch etwas nützen kann!«
Sie hatten nun die Wege zwischen dem Haus und der Ausfahrt, in deren Nähe der Wagen wartete, schon einigemal zurückgelegt, und auch diesmal bog der General wieder ab, ehe sie ans Gitter gelangten. »Du mißtraust mir« beklagte er sich: »du hast mich nicht ein einzigesmal gefragt, was gar erst geschehen ist, wie auf einmal der Friedenskongreß da war!«
»Also, was ist geschehen? Der Kriegsminister hat dich wieder rufen lassen, und was hat er gesagt –?«
»Nein! Nichts hat er gesagt! Ich habe acht Tage darauf gewartet: aber nichts mehr hat er gesagt!« berichtigte der andere. Und nach einem Augenblick des Verstummens konnte er es nicht mehr bei sich behalten und verkündete: »Aber das Referat ›D‹ haben sie mir da abgenommen!«
»Was ist das Referat ›D‹?« fragte Ulrich, obwohl es ihm ahnte.
»Referat ›Diotima‹ natürlich« gab Stumm mit schmerzlichem Vergnügen zur Antwort. »In einem Ministerium wird doch für jede größere Frage ein Referat eingerichtet, und so hat das auch geschehen müssen, wie Diotima ihre Hauskongresse zur Ermittlung einer patriotischen Idee begonnen hat und durch die lebhafte Anteilnahme des Arnheim unsere Aufmerksamkeit erregt worden ist. Dieses Referat ist mir zugeteilt worden, wie du wohl bemerkt haben wirst, und da bin ich eben auch gefragt worden, wie man es benennen soll; denn schließlich kann man so etwas doch nicht einfach einreihen wie ein Medikamentendepot oder einen Intendanzkurs, und der Name Tuzzi hat aus interministeriellen Rücksichten nicht genannt werden dürfen. Mir selbst ist aber auch nichts Bezeichnendes eingefallen, und darum habe ich, damit ich nicht zuviel und nicht zuwenig sage, schließlich vorgeschlagen, es Referat ›D‹ zu nennen: ›D‹, das ist für mich Diotima gewesen, aber das hat niemand gewußt, und für die andern hat es doch ganz hervorragend echt geklungen, wie der Name eines Dienstbuches, wenn nicht gar wie ein nur dem Generalstab zugängliches Geheimnis. Das ist eine meiner besten Ideen gewesen!« schloß Stumm und fügte seufzend bei: »Damals habe ich eben noch Ideen haben dürfen!«
Er schien sich aber nicht genug ermuntert zu fühlen, und als Ulrich – dessen weltrückfällige Laune beinahe schon verbraucht war, zumindest ihren Mundvorrat an Gesprächigkeit fast aufgezehrt hatte – jetzt nach einem anerkennenden Lächeln in Schweigen verfiel, beklagte sich Stumm von neuem. »Du traust mir nicht. Du hältst mich nach dem, was ich gesagt hab, für einen Militaristen. Aber, auf Ehrenwort, ich wehre mich dagegen, einer zu sein, und will nicht ohneweiters fahren lassen, woran ich so lange geglaubt habe! Diese großartigen Ideen machen den Soldaten doch erst zum Menschen: Ich sage dir, Freund, wenn ich daran denke, komme ich mir wie ein Witwer vor, dem seine bessere Hälfte in den Tod vorangegangen ist!« Er ereiferte sich noch einmal: »Die Republik der Geister ist natürlich gerade so unordentlich wie eine jede Republik; aber wie glücklich macht allein schon die große Idee, daß keiner die Weisheit allein gepachtet hat und daß es eine Menge Ideen gibt, die man – vielleicht gerade wegen der mangelnden Ordnung, die unter ihnen herrscht! – überhaupt noch nicht gefunden hat! Für das Militär bin ich damit ein Neuerer gewesen! Sie haben zwar im Generalstab mich und mein Referat ›D‹ wegen meiner wechselvollen Anregungen den ›Mobilen Beleuchtungszug‹ geheißen, aber auch sie haben von der Fülle, die ich ausgestreut habe, ganz gern genossen!«
»Und das ist alles aus?«
»Es wäre nicht unbedingt aus; aber ich selbst habe mein Vertrauen in den Geist teilweise eingebüßt!« grollte Stumm, Trost fordernd.
»Da tust du recht daran« bemerkte Ulrich trocken.
»Das sagst jetzt auch du?!«
»Ich habe es immer gesagt. Ich habe dich seit je gewarnt, früher als der Minister. Geist eignet sich nur in beschränktem Maße zum Regieren.«
Stumm wollte die Belehrung zurückweisen, darum versicherte er: »Das ist immer auch meine Meinung gewesen!«
Ulrich fuhr fort: »Der Geist ist ins Leben verflochten wie in ein Rad, das er treibt und von dem er gerädert wird.«
Stumm ließ ihn aber nicht weiter kommen. »Wenn du vermuten solltest, daß für mich solche äußere Umstände bestimmend gewesen sind,« unterbrach er ihn «so würdest du mich aber erniedrigen! Es handelt sich auch um eine geistige Läuterung! Das Referat ›D‹ ist mir außerdem in allen Ehren abgenommen worden. Der Minister hat mich rufen lassen, um mir selbst mitzuteilen, daß es notwendig ist, weil der Chef des Generalstabs eine persönliche Berichterstattung über den Weltfriedenskongreß verlangt; und darum haben sie gleich das Ganze aus dem Militärbildungswesen herausgenommen und der Nachrichtenabteilung des Evidenzbüros angegliedert –«
»Der Spionage-Abteilung?!« warf Ulrich ein, nun von neuem belebt.
»Wem denn sonst!? Wer nicht weiß, was er selbst will, muß wenigstens wissen, was die anderen wollen! Und, ich bitte dich, was soll der Generalstab auf einem Weltfriedenskongreß wollen? Ihn behindern, das wäre barbarisch, und ihn pazifistisch fördern, das wäre unmilitärisch! Also beobachten sie ihn. Wer hat gesagt: ›Bereitschaft ist alles‹? Na, egal, jedenfalls ist es jemand gewesen, der vom Militär etwas verstanden hat –« Stumm hatte seinen Kummer vergessen. Er drehte sich auf den Beinen hin und her und versuchte, mit der Scheide des Säbels eine Blume zu köpfen. »Ich fürchte ja bloß, daß es ihnen zu schwer sein wird und daß sie mich noch kniefällig zurückholen werden, damit ich mein Referat wieder selbst übernehme!« plauderte er. »Schließlich wissen wir doch, du und ich, mit unserer fast schon einjährigen Erfahrung, wie sich so ein Ideenkongreß in Beweise und Gegenbeweise zerspaltet! Glaubst du überhaupt daran, daß – also jetzt abgesehen von den besonderen Schwierigkeiten des Regierens! – eine Ordnung sozusagen nur vom Geiste ausgehen kann?«
Er hatte jetzt auch seine Beschäftigung mit den Blumen eingestellt und sah mit gefalteter Stirn, die Säbelscheide in der Hand haltend, seinem Freunde eindringlich ins Gesicht.
Dieser lächelte ihn an und schwieg.
Stumm ließ den Säbel fallen, weil er die Fingerspitzen beider in weißen Handschuhen steckenden Hände zu einer delikaten Begriffsbestimmung brauchte: »Du mußt mich richtig verstehn, wenn ich zwischen Geist und Logik unterscheide. Logik ist Ordnung. Und Ordnung muß sein! Das ist der Grundsatz des Offiziers, und ihm beuge ich mich! Auf Grund welcher Ideen aber Ordnung gemacht wird, das ist egal; das ist Geist – oder wie es der Kriegsminister etwas altmodisch ausgedrückt hat, Vernunft – und das ist nicht Sache des Offiziers. Aber der Offizier mißtraut der Fähigkeit des Zivils, daß es von selbst vernünftig wird, auf Grund welcher Ideen es das auch immer versucht. Denn ganz gleich, welchen Geist es wann immer gegeben hat, immer ist am Ende ein Krieg daraus entstanden!«
So erläuterte Stumm seine neuen Einsichten und Zweifel, und Ulrich faßte das unwillkürlich in eine Anspielung auf einen bekannten Ausspruch zusammen, indem er fragte: »Du möchtest also eigentlich sagen, daß der Krieg ein Element der von Gott eingesetzten Weltordnung ist?«
»Da redest du aber schon zu geistig!« pflichtete Stumm wohl bei, doch mit Vorbehalt. »Ich frage mich bloß schlicht, ob der Geist nicht einfach entbehrlich ist. Denn wenn ich den Menschen mit Sporen und Zaum behandeln soll wie ein Stück Vieh, dann muß ich auch ein Stück Vieh in mir tragen, weil ein wirklich guter Reiter dem Roß nähersteht als beispielsweise der Rechtsphilosophie! Die Preußen nennen das den Schweinehund, den jeder in sich trägt, und bezwingen ihn mit einem spartanischen Geist. Als österreichischer General möchte ich aber lieber sagen: Je besser, schöner und geordneter ein Staat ist, desto weniger braucht man darin den Geist, und in einem vollkommenen Staat braucht man ihn überhaupt nicht! Das halte ich für ein sehr schwieriges Paradoxon! Übrigens von wem ist das, was du gesagt hast? Ist das von jemandem?«
»Das ist von Moltke. Er hat gesagt, daß sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut, Entsagung, Pflichttreue, Opferwilligkeit, erst im Krieg entwickeln und daß die Welt ohne den Krieg in dumpfem Materialismus versumpfen müßte.«
»Schau!« rief Stumm aus. »Auch interessant! Da hat er schon etwas gesagt, was ich mir ebenfalls manchmal denke!«
»Aber Moltke sagt in einem anderen Brief an den gleichen Menschen, fast in demselben Atem tut er es also, daß selbst ein siegreicher Krieg ein nationales Unglück ist« gab Ulrich zu bedenken.
»Siehst du, da hat ihn der Geist gezwickt!« versetzte Stumm überzeugt. »Ich habe nämlich nie eine Zeile von ihm gelesen, er ist mir immer viel zu militärisch vorgekommen. Und du kannst mir wirklich glauben, daß ich immer ein Antimilitarist gewesen bin. Ich habe mein Leben lang gedacht: Kein Mensch glaubt heutzutage mehr an einen Krieg, man macht sich damit nur lächerlich. Und – ich möchte nicht, daß du glaubst, ich habe mich geändert, weil ich jetzt anders bin!« Er hatte den Wagen herbeigewinkt und den Fuß schon aufs Trittbrett gesetzt, zögerte aber und sah Ulrich nötigend an. »Ich bin mir selbst treu geblieben!« fuhr er fort. »Aber wenn ich den zivilen Geist früher mit den Gefühlen eines jungen Mädchens geliebt habe, liebe ich ihn jetzt, wenn ich so sagen darf, mehr wie eine reife Frau: Er ist kein Ideal, er läßt sich nicht einmal dahin bringen, daß er mit sich selbst eines Sinnes wird. Darum habe ich dir – nicht erst heute, sondern schon lange – gesagt, daß man mit den Menschen sowohl in Güte wie auch mit starker Hand verfahren muß, man muß sie also lieben und kujonieren, damit es zu etwas Rechtem kommt. Und das ist schließlich nichts als die überparteiliche militärische Gesinnung, die den Soldaten auszeichnen soll. Ich beanspruche kein persönliches Verdienst daran, aber ich will dir zeigen, daß sie schon früher aus mir gesprochen hat!«
»Jetzt wirst du noch wiederholen, daß der Bruderkrieg vom Jahre Sechsundsechzig daraus entstanden ist, daß sich alle Deutschen als Brüder erklärt haben« meinte Ulrich lächelnd.
»Ja, natürlich!« bestätigte Stumm. »Und jetzt erklären sich noch dazu alle Menschen als Brüder! Da muß ich mich doch fragen, was daraus entstehen wird! Es kommt ja so unerwartet, was wirklich kommt. Da haben wir fast ein Jahr lang nachgedacht, und dann ist es auch ganz anders gekommen. Und so ist es anscheinend mein Verhängnis, daß mich der Geist, indem ich ihn aufmerksam durchforschte, wieder zum Militär zurückführt. Trotzdem, wenn du alles überlegst, was ich gesagt habe, so wirst du finden: Ich identifiziere mich also mit nichts; aber ich finde an allem etwas Wahres: das wäre ungefähr der Extrakt von dem, was wir gesprochen haben!«
Stumm wollte nach einem Blick auf die Uhr das Zeichen zur Abfahrt geben, denn sein Vergnügen, sich ausgesprochen zu haben, war so lebhaft, daß er alles übrige vergessen hatte. Aber Ulrich legte jetzt freundschaftlich Hand an ihn und sagte: »Du hast mir noch nicht mitgeteilt, was dein neues ›Auftragerl‹ ist.«
Stumm weigerte sich: »Heute reicht die Zeit nicht mehr. Ich muß fort.«
Aber Ulrich hatte ihn an einem der goldenen Knöpfe gefaßt, die auf seinem Bauch glänzten, und hielt so lange fest, bis sich Stumm ergab. Er angelte nach Ulrichs Kopf und zog das Ohr an seinen Mund. »Also unter strengster Diskretion,« flüsterte er: »Leinsdorf!«
»Ich nehme an, daß er beseitigt werden soll, du politischer Meuchelmörder!« flüsterte Ulrich wieder, aber so unbefangen, daß Stumm verletzt auf den Kutscher deutete. Sie richteten sich auf, und Ulrich trat vom Wagenschlag zurück. Sie zogen es jetzt vor, laut zu sprechen und bloß den Namen zu vermeiden. »Laß mich selbst nachdenken und versuchen,« bat Ulrich »ob ich noch irgend etwas von eurer Welt weiß: ›Er‹ hat den letzten Kultusminister gestürzt, und seit der neuen ihm widerfahrenen Beleidigung muß man darauf gefaßt sein, daß ›Er‹ es dem jetzigen auch so macht. Das wäre aber augenblicklich eine unangenehme Störung, und dem muß man vorbaun. Und aus irgendeinem Grund hält ›Er‹ halt immer an seinen Überzeugungen fest: daß die Deutschen die Gefahr für den Staat sind, daß gerade der Baron Wisnieczky, den sie nicht leiden können, der geeignete Mann ist, bei ihnen Propaganda zu machen, daß die Regierung nicht hätte ihren Kurs wechseln sollen, und so weiter –«
Stumm hätte Ulrich unterbrechen können, aber er hörte freiwillig zu, und jetzt mischte er sich sogar selbst ein. »Schließlich ist unter ihm in der Aktion doch auch die ›Parole der Tat‹ entstanden, und während alle andern bloß sagen: das ist ein neuer Geist, sagt ›Er‹ jedem, der es ungern hört: es muß etwas geschehn!«
»Und stürzen kann man ihn nicht, er ist eine Privatperson. Und die Parallelaktion hat man ihm ohnehin sozusagen schon unter dem Sattel weggeschossen« meinte Ulrich.
»Also ist jetzt die Gefahr entstanden, daß er etwas Neues anfangt!« ergänzte es der General.
»Aber was kannst denn du dagegen tun?!« fragte Ulrich neugierig.
»Gott! Ich hab’ halt die Aufgabe bekommen, ihn ein bissel abzulenken und zu beschäftigen, und wenn du willst, auch ein bissel zu beaufsichtigen –«
»Also: ein Referat ›L‹? Du trügerisches Himmelblau!«
»Unter uns kannst du es ja so nennen, aber einen dienstlichen Namen hat es natürlich nicht. Ich habe einfach den Auftrag, mich dem Leinsdorf« – diesmal wollte Stumm den Namen doch auch mitgenießen, flüsterte ihn aber wieder – »an den Hals zu setzen wie eine Zecke: das sind die eigenen huldvollen Worte Seiner Exzellenz!«
»Aber er muß dir doch auch ein Ziel gegeben haben, das du erreichen sollst?«
Der General lachte. »Reden! Ich soll mit ihm reden. Auf alles eingehn, was er sich denkt, und so viel darüber reden, daß er sich womöglich auf diese Weise verausgabt und nichts Unvorhergesehenes tut. ›Saug ihn aus‹ hat Seine Exzellenz gesagt und hat das einen sehr ehrenvollen Vertrauensbeweis und Auftrag genannt. Und wenn du mich noch fragen solltest, ob das alles ist, so kann ich dir nur erwidern: es ist sehr viel! Diese alte Erlaucht ist ungeheuer gebildet und eigentlich ein hervorragend interessanter Mensch!« Er hatte dem Kutscher das Zeichen zum Losfahren gegeben und rief zurück: »Alles andere das nächste Mal! Ich rechne auf dich!«
Und erst als der Wagen davonrollte, kam Ulrich der Einfall, daß Stumm vielleicht auch die Absicht haben könnte, ihn selbst unschädlich zu machen, den man früher verdächtigt hatte, daß er den Geist des Grafen Leinsdorf einmal noch zu einem ganz ungewöhnlichen Einfall verleiten könnte.

54.
Naive Beschreibung, wie sich ein Gefühl bildet

Von den folgenden Blättern hatte Agathe noch einen großen Teil gelesen.
Sie enthielten zunächst noch nicht die versprochene Darlegung der Entwicklung, die der Begriff des Gefühls gegenwärtig mitmacht; denn ehe sich Ulrich von diesen Auffassungen Rechenschaft gab, aus denen er den meisten Gewinn zu ziehen hoffte, hatte er sich, nach seinen eigenen Worten, »das Entstehen und Wachstum eines Gefühls so naiv und mit grobem Finger buchstabierend vorzustellen« getrachtet »wie es einem geistig nicht ungeübten Laien erscheinen mag.«
Und diese Aufzeichnung fuhr folgendermaßen fort: »Man pflegt das Gefühl als etwas anzusehen, das Ursachen und Folgen hat, und ich will mich darauf beschränken, daß die Ursache ein äußerer Reiz sei. Natürlich gehören aber zu diesem Reiz auch geeignete Umstände, das heißt sowohl passende äußere Umstände als auch innere, eine innere Bereitschaft, und erst diese Dreiheit entscheidet darüber, ob und wie er beantwortet wird. Denn ob sich ein Gefühl überraschend oder verzögert einstellt, wie es sich ausbreitet und abläuft, welche Ideen es mit sich bringt, und überhaupt welches Gefühl es ist, hängt gewöhnlich nicht minder von dem Vorzustand des Fühlenden und der Umwelt als vom Reiz ab. Von dem persönlichen Zustand des Fühlenden, also von Temperament, Charakter, Alter, Erziehung, von den Anlagen, Grundsätzen, vorangegangenen Erlebnissen und vorhandenen Spannungen, gilt das wohl als selbstverständlich, obwohl diese Bedingungen keine genaue Grenze haben und sich in das Wesen der Person und ihres Schicksals verlieren. Aber auch die äußere Umgebung, ja schon ein Wissen von ihr oder bloß ihre stillschweigende Voraussetzung können ein Gefühl unterdrücken oder begünstigen, und das gesellige Leben bietet unzählige Beispiele dafür dar, denn in jeder Lage gibt es Gefühle, die sich schicken oder nicht schicken, auch wechselt es mit den Landstrichen und der Zeit, welche Gefühlsgruppen im öffentlichen und im Eigenleben vorherrschen, oder doch begünstigt werden, und welche unterdrückt werden, ja sogar schlechthin gefühlvolle und gefühlarme Zeiten haben einander schon abgelöst.
Zu alledem kommt dann noch hinzu, daß äußere und innere Umstände, ja auch diese und der Reiz, wie sich leicht ermessen läßt, nicht unabhängig von einander sind. Denn der innere Zustand ist dem äußeren und seinen Gefühlreizen angepaßt gewesen, war also auch von ihnen abhängig, und der äußere muß auf irgendeine Weise aufgenommen worden sein, so daß seine Erscheinung von dem inneren Zustand abhing, ehe eine Störung dieses Gleichgewichts ein neues Gefühl hervorruft und dieses einen neuen Ausgleich entweder anbahnt oder selbst schon darstellt. Ebenso wirkt aber auch der ›Reiz‹ gewöhnlich nicht unmittelbar, sondern erst kraft seiner Aufnahme, und das Innere wieder vollzieht diese Aufnahme erst auf Grund von Wahrnehmungen, mit denen Anfänge der Erregung doch wohl schon verbunden sein müssen.
Davon abgesehen, hängt der Reiz, der ein Gefühl zu erregen vermag, mit diesem aber auch schon insofern zusammen, als das, was beispielsweise einen Hungernden erregt, einem Beleidigten gleichgültig ist, und umgekehrt.«

*

»Ähnliche Verwicklungen ergeben sich, wenn das Weitere ›der Reihe nach‹ beschrieben werden soll. So ist schon die Frage, wann ein Gefühl ›da‹ sei, nicht zu beantworten, obwohl nach der zugrundeliegenden Auffassung, wonach es bewirkt werden und dann selbst wirken solle, doch angenommen werden müßte, daß es einen solchen Zeitpunkt gebe. In Wahrheit schlägt aber der erregende Reiz nicht in einen bestehenden Zustand ein wie die Kugel in die mechanische Scheibe, die nun ein Spielwerk von Folgen in Gang setzt, sondern dauert weiter und ruft einen Nachschub an inneren Kräften hervor, die sowohl in seinem Sinn wirken als auch seine Wirkung abändern. Und ebensowenig gibt sich das Gefühl, einmal vorhanden, sofort an seine Wirkungen aus, noch bleibt es sich auch nur einen Augenblick selbst gleich und ruht gleichsam in der Mitte zwischen den Vorgängen, die es aufnimmt und entsendet, sondern ist mit einer dauernden Veränderung von allem verbunden, wozu es außen und innen Beziehung hat, und empfängt auch von beiden Seiten eine Rückwirkung. Es ist den Gefühlen die lebhafte, oft leidenschaftliche Bestrebung zu eigen, die Reize abzuändern, denen sie ihre Entstehung verdanken, und sie zu beseitigen oder zu begünstigen; und die Hauptlebensrichtungen sind die nach außen und von außen. Darum trägt der Zorn schon den Gegenangriff in sich, das Verlangen die Annäherung, die Furcht und den Übergang in Flucht, in Erstarren oder zwischen beiden in den Schrei. Aber auch durch die Rückwirkung dieses tätigen Verhaltens empfängt ein Gefühl nicht wenig von seiner Eigentümlichkeit und von seinem Inhalt; und der bekannte Ausspruch eines amerikanischen Psychologen: ›Wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern sind traurig, weil wir weinen‹ mag übertrieben sein, doch ist es sicher, daß man nicht bloß so handelt, wie man fühlt, sondern bald auch so fühlen lernt, wie man, aus welchen Gründen immer, handelt. Ein bekanntes Beispiel dieses Hin- und Rückweges ist das Spiel von Hunden, die im Scherz zu balgen beginnen und in einem blutigen Zweikampf enden; aber auch an Kindern und einfachen Menschen läßt sich ähnliches beobachten. Und ist schließlich nicht die ganze schöne Theatralik des Lebens ein großes solches Beispiel, mit ihren halb gewichtigen, halb gewichtslosen Gebärden der Ehre und Ehrung, der Drohung, Artigkeit, Gemessenheit und alles anderen, Gebärden des Etwas-darstellen-Wollens und der Darstellung, die das Urteil beiseitesetzen und unmittelbar das Gefühl beeinflussen. Sogar der ›Drill‹ gehört dazu und beruht auf der Wirkung, daß ein lang aufgezwungenes Verhalten am Ende die Gefühle erzeugt, von denen es ausgehen sollte.«

*

»Wichtiger als die Rückwirkung des Tuns ist es freilich in diesen und anderen Beispielen, daß ein Erlebnis die Bedeutung wechselt, wenn sein Verlauf aus dem Bereich der ihm zu Anfang eigentümlichen lenkenden Kräfte in den Bereich anderer seelischer Anschlüße gerät. Denn Ähnliches wie auf der Außenseite vollzieht sich auch auf der inneren. Das Gefühl drängt nach innen; es ›erfaßt den ganzen Menschen‹, wie die Umgangssprache nicht unzutreffend sagt; es verdrängt, was sich nicht zu ihm schickt, und begünstigt, wovon es sich nähren kann. In einem Lehrbuch der Psychiatrie habe ich dafür die sonderbaren Namen ›Schaltkraft‹ und ›Schaltarbeit‹ gelesen. Dabei wird durch das Gefühl aber auch das Innere angeregt, daß es sich ihm zuwende. Die innere Bereitschaft, die nicht schon mit dem ersten Augenblick verausgabt ist, drängt ihm nach und nach zu; und vollends wird das Gefühl, sobald es größere in Gedanken, Erinnerungen, Grundsätzen oder anderem aufgespeicherte Kräfte ergreift, auch von ihnen ergriffen, und sie verändern es so, daß sich nun wieder schwer entscheiden läßt, ob man von einem Ergreifen oder einem Ergriffenwerden reden sollte. Hat ein Gefühl durch solche Vorgänge aber seinen Höhepunkt erreicht, so muß es durch die gleichen wohl auch wieder geschwächt und verdünnt werden. Denn Gefühle und Erlebnisse werden dann seinen Bereich durchkreuzen, die sich ihm nicht mehr völlig unterwerfen und es am Ende sogar verdrängen. Ja eigentlich beginnt dieses gegenläufige Geschehen der Befriedigung und Abnützung schon mit der Entstehung des Gefühls; denn daß es um sich greift, bedeutet nicht nur eine Vergrößerung seiner Macht, sondern zugleich auch eine Entspannung der Bedürfnisse, denen es entspringt oder deren es sich bedient.
Auch im Verhältnis zur Handlung ist das zu beachten; denn das Gefühl steigert sich nicht nur im Tun, sondern entspannt sich auch darin; und seine Sättigung geht, wenn es nicht durch ein anderes Gefühl gestört wird, bis zum Überdruß fort, das heißt so lange, bis eben doch ein neues Gefühl da ist.«

*

»Etwas ist besonders zu erwähnen. Solange sich ein Gefühl das Innere unterwirft, kommt es auch in Berührung mit Tätigkeiten, die am Erleben und Verstehen der äußeren Welt mitwirken; und so wird es auch die Welt, wie wir sie verstehen, teilweise nach seinem eigenen Muster und Sinn zu schablonisieren vermögen, um durch den rückwirkenden Anblick in sich selbst bestärkt zu werden. Die Beispiele sind bekannt: Ein heftiges Fühlen macht blind gegen das, was Unbefangene wahrnehmen, und macht gewahren, was andere nicht sehn. Der Traurige sieht Schwarz und straft mit Nichtachtung, was es aufhellen könnte; dem Heiteren leuchtet die Welt, und er ist nicht imstande, etwas wahrzunehmen, wovon das gestört werden könnte; dem Liebenden begegnen die bösesten Wesen mit Vertrauen; und der Argwöhnische findet nicht nur sein Mißtrauen allerorten bestätigt, sondern die Bestätigungen suchen ihn geradezu heim. Auf diese Art schafft sich jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke und Dauer erlangt, eine ausgewählte und anzügliche, seine eigene Welt, was keine kleine Rolle in den menschlichen Verhältnissen spielt! Dahin gehört auch unser berüchtigter Wankelmut und unser wechselndes Gutdünken.«

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Hier hatte Ulrich einen Strich gezogen und war auf kurze Zeit zu der Frage zurückgekehrt, ob ein Gefühl ein Zustand oder ein Vorgang sei, deren Eigentümlichkeit als Scheinfrage jetzt deutlich hervortrat. Zusammenfassend und weiterführend, knüpfte sich an die gegebene Beschreibung folgendes an: »Von der gewohnten Vorstellung ausgehend, das Gefühl sei ein Zustand, der von einer Ursache kommt und Folgen bewirkt, bin ich in der Ausführung zu einer Beschreibung geführt worden, die zweifellos einen Vorgang darstellt, wenn das Ergebnis über längere Strecken betrachtet wird. Gehe ich aber dann von dem Gesamteindruck eines Vorgangs aus und will diese Vorstellung festhalten, so sehe ich ebenso deutlich, daß zwischen benachbarten Stücken allenthalben das Nacheinander fehlt, das Eins-hinter-dem-anderen, das doch zu einem Vorgang gehört, ja sogar jede Andeutung eines Ablaufs in bestimmter Richtung. Im Gegenteil, es deutet sich zwischen den einzelnen Schritten eine wechselseitige Abhängigkeit und Voraussetzung an, ja sogar das Bild von Wirkungen, die ihren Ursachen voranzugehen scheinen. Auch Zeitverhältnisse kommen nirgends in der Beschreibung vor, und alles das weist aus verschiedenen Gründen nun wieder auf einen Zustand hin.
Ich kann also streng genommen vom Gefühl bloß sagen, daß es sowohl ein Zustand als auch ein Vorgang zu sein scheint, ebenso wie es weder ein Zustand noch ein Vorgang zu sein scheint; und eines von beiden will so berechtigt erscheinen wie das andere.
Selbst das hängt aber, wie sich leicht zeigen läßt, mindestens ebenso sehr von der Art der Beschreibung ab als von dem, was beschrieben wird. Denn es ist keine besondere Eigentümlichkeit des Seelischen, geschweige denn eine des Gefühls, sondern kommt auch auf anderen Gebieten der Naturbeschreibung vor, beispielsweise allenthalben, wo von einem System und seinen Gliedern oder von einem Ganzen und seinen Teilen die Rede ist, daß in Ansehung des einen als Zustand erscheinen kann, was in Ansehung des anderen als Vorgang gilt. Ja schon die Andauer eines Vorgangs ist für uns mit dem Begriff eines Zustands verbunden. Ich könnte wohl nicht sagen, daß die Logik dieser doppelten Vorstellungsbildung klar sei, aber wahrscheinlich hängt sie damit zusammen, daß die Unterscheidung zwischen Zuständen und Vorgängen mehr der sprachlichen Denkweise angehört als dem wissenschaftlichen Tatsachenbild, das sie vielleicht neu ausbilden, vielleicht aber auch hinter anderem verschwinden lassen wird.«

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»Die deutsche Sprache sagt: Zorn ist in mir, und sagt: Ich bin in Zorn. Sie sagt: Ich bin zornig, ich fühle mich zornig, ich fühle Zorn. Sie sagt: Ich bin verliebt, und: Ich habe mich verliebt. Die Namen, die sie den Gefühlen gegeben hat, weisen sprachgeschichtlich wohl oft darauf zurück, daß sie vom Eindruck der Handlungen und durch das gefährliche oder in die Augen springende Verhalten zu ihnen bewogen worden ist; trotzdem spricht sie vom Gefühl bald als von einem Zustand, der verschiedene Vorgänge umschließt, bald als von einem Vorgang, der aus einer Reihe von Zuständen besteht; auch bezieht sie, wie die Beispiele zeigen, ohne weiters und bald so, bald anders die Vorstellungsbilder der Person und des Außen und Innen in ihre Ausdrucksweise ein; und im ganzen verfährt sie so launisch und unberechenbar, als hätte sie von Anfang an die deutsche Gefühlsverwirrung begründen wollen.
Diese Verschiedenartigkeit des sprachlichen Bildes unserer Gefühle, das aus eindringlichen, aber unvollkommenen Erfahrungen entstanden ist, spiegelt sich noch heute in der Ideenbildung der Wissenschaft wieder; namentlich dann, wenn diese mehr der Breite als der Tiefe nach genommen wird. Es gibt Lehren der Psychologie, in denen das Ich als das Gewißeste und in jeder Seelenregung, vornehmlich aber im Gefühl Erfahrbare auftritt, wie es auch Lehren gibt, die es völlig weglassen und nur die Beziehungen zwischen den Äußerungen für erfahrbar ansehen und so beschreiben, als wären es Erscheinungen in einem Kraftfeld, dessen Ursprung außer Betracht bleibt. Es gibt also Ichpsychologien und Psychologien ohne Ich. Aber auch die anderen Unterschiede sind gelegentlich ausgestaltet worden, und so erscheint das Gefühl einmal als ein Vorgang, den die Beziehung eines Ich zur Außenwelt durchläuft, ein andermal als ein besonderer Fall und Zustand der Bezogenheit und so weiter, Unterscheidungen, die sich eben bei einer mehr begrifflichen Richtung der Wißbegierde, solange die Wahrheit nicht deutlich ist, leicht davorstellen. Vieles bleibt hier noch der Meinung überlassen, auch wenn man sich sorgfältig bemüht, die Tatsachen von ihr zu unterscheiden. Es scheint uns klar zu sein, daß sich ein Gefühl nicht irgendwo in der Welt, sondern im Innern eines lebenden Wesens bildet, und daß ›Ich‹ es bin, der fühlt oder in der Erregung sich selbst fühlt. Es geht deutlich etwas in mir vor, wenn ich fühle, und ich verändere auch meinen Zustand; und obwohl das Gefühl eine lebhaftere Beziehung zur Außenwelt herstellt als eine Sinnesempfindung, scheint es mir ›innerlicher‹ zu sein als sie. Das ist die eine Gruppe der Eindrücke. Anderseits ist mit dem Gefühl aber auch eine Stellungnahme der ganzen Person verbunden, und das ist die andere Gruppe. Ich weiß vom Gefühl, im Unterschied von der Sinnesempfindung, daß es mehr als diese ›mich ganz‹ angeht. Auch geschieht es mir auf dem Weg über die Person, daß ein Gefühl außen etwas bewirkt, sei es dadurch, daß diese handelt, sei es dadurch, daß sie die Welt anders zu sehen beginnt. Ja es ließe sich nicht einmal behaupten, daß ein Gefühl eine Veränderung im Innern einer Person sei, ohne hinzuzufügen, daß deren Beziehung zur Außenwelt dabei Veränderungen erfährt.«

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»Vollzieht sich also das Werden und Sein eines Gefühls ›in‹ uns oder an uns und mit uns? So komme ich wieder auf meine eigene Beschreibung zurück. Und wenn ich ihrer Unbefangenheit Glauben schenken darf, so bekräftigen die von ihr vorsichtig durchleuchteten Verhältnisse noch einmal das gleiche: Mein Gefühl bildet sich in mir und außer mir; es verändert sich von innen und von außen; es verändert mich von innen und von außen; es verändert die Welt unmittelbar von innen und tut es mittelbar, das heißt durch mein Verhalten, von außen; und es ist also, mag das auch unserem Vorurteil widersprechen, innen und außen zugleich, oder zumindest mit beidem so verschlungen, daß die Frage, was an einem Gefühl innen und was außen sei und was davon Ich und was Welt sei, fast allen Sinn einbüßt.
Das muß also doch wohl den Grundtatbestand abgeben und kann es auch ohneweiters tun, denn in maßvolleren Worten ausgedrückt, besagt es bloß, daß in jedem Fühlen etwas von einer doppelten Richtung erlebt wird, was ihm die Natur einer Durchgangserscheinung verleiht: nach innen, oder auf die Person zurück, und nach außen, oder zu dem Gegenstand hin, von dem es beschäftigt wird. Was hingegen Innen und Außen ist, und erst recht, was es bedeutet, zum Ich oder zur Welt zu gehören, das also, was am Ende dieser beiden Richtungen steht und darum ihre Erscheinung erst ganz verstehen ließe: das wird natürlich nicht schon im ersten Erleben klar erfaßt und ist von Ursprung nicht deutlicher als alles andere, was man erlebt, und weiß nicht wie, und ein wirklicher Begriff davon bildet sich erst durch fortdauernde Erfahrung und Erforschung aus.
Darum wird eine Psychologie, die Wert darauf legt, eine wirkliche Erfahrungswissenschaft zu sein, auch nicht anders als sie mit den Begriffen des Zustands und Vorgangs verfährt, diese Begriffe behandeln, und die nah verwandten Gedanken der Person, der Seele und des Ich, aber auch schon die vollen Vorstellungen des Innen und Außen werden ihr als etwas erscheinen, das zu erklären ist, und nicht als etwas, mit dessen Hilfe man ohneweiters anderes erklärt.«

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»Merkwürdig gut stimmt damit auch eine Alltagswahrheit der Psychologie überein, denn wir setzen gewöhnlich, ohne viel zu überlegen, voraus, daß einer, der sich so zeigt, wie es einem bestimmten Gefühl entspricht, auch wirklich so fühle. Es geschieht also nicht selten, vielleicht sogar sehr oft, daß ein äußeres Verhalten mitsamt den Gefühlen, die es einschließt, unmittelbar und ungeteilt und mit großer Sicherheit erfaßt wird.
Wir erleben, ob die Gesinnung eines Wesens, das sich uns nähert, freundlich oder gefährlich sei, zuerst unmittelbar am Ganzen, und die Überlegung, ob es auch richtig sei, kommt bestenfalls nachher. Es nähert sich uns im ersten Eindruck auch nicht etwas, das sich vielleicht als fürchterlich erweisen könnte, sondern die Fürchterlichkeit selbst kommt uns nahe, möge es sich immerhin einen Augenblick später schon als Täuschung herausstellen. Und gelingt es uns, den unmittelbaren Eindruck wieder herzustellen, so läßt sich diese scheinbare Umkehrung einer vernünftigen Reihenfolge auch an Erlebnissen wahrnehmen wie dem, daß etwas schön und entzückend oder beschämend und ekelerregend sei.
Das hat sich sogar in einem doppelten Sprachgebrauch erhalten, der gang und gäbe ist; denn wir sagen sowohl, daß wir etwas für schrecklich, lieblich und anderes hielten, und betonen damit, daß die Gefühle von der Person abhängen, als wir auch sagen, daß etwas schrecklich, lieblich und anderes sei, und von dem Schrecklichen und dem Lieblichen sprechen, womit wir betonen, daß der Ursprung unserer Gefühle wie eine Eigenschaft in den Dingen und Geschehnissen wurzle. Diese Zweiseitigkeit, ja amphibische Zweideutigkeit der Gefühle unterstützt den Gedanken, daß sie nicht nur im Innern, sondern auch in der äußeren Welt zu beobachten sind.«

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Mit diesen letzten Bemerkungen war Ulrich aber schon bei der dritten Antwort auf die Frage, wie der Begriff des Gefühls zu bestimmen sei, angelangt, oder zurückhaltender gesagt, bei der heute vorherrschenden Auffassung dieser Frage.

55.
Fühlen und Verhalten.
Die Unsicherheit des Gefühls

»Die Schule der theoretischen Psychologie, die gegenwärtig am erfolgreichsten ist, behandelt das Gefühl und die Gefühlshandlung als eine unlösliche Gemeinschaft. Was wir handelnd fühlen, ist für sie die eine, und wie wir fühlend handeln, die ande re Seite ein und desselben Vorgangs. Sie untersucht beide gemeinsam. Für Lehren, die dieser Gruppe angehören, ist das Gefühl – mit Worten ausgedrückt, die sie selbst gern gebrauchen – ein inneres und äußeres Verhalten, Geschehen und Handeln; und weil sich diese Zusammenfassung von Gefühl und Verhalten sehr gut bewährt hat, ist die Frage, wie sie schließlich wieder zu trennen und von einander zu unterscheiden seien, vorläufig fast nebensächlich geworden: Darum gibt es statt einer Antwort darauf ein ganzes Bündel, und dieses ist etwas unordentlich.«

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»Manchmal heißt es, das Gefühl sei schlechthin ein und dasselbe wie die äußeren und inneren Geschehnisse, gewöhnlich aber bloß, diese seien ihm gleichzuhalten. Manchmal wird es in einem etwas undeutlichen Sinne als ›der Gesamtvorgang‹, manchmal bloß als das innere Handeln, Verhalten, Ablaufen und Geschehen angesprochen. Manchmal scheint es auch, daß nebeneinander zwei Begriffe des Gefühls in Gebrauch stehen; wobei dieses im weiteren Sinn das ›Ganze‹, im engeren Sinn aber ein Teilerlebnis wäre, das auf eine nicht recht einleuchtende Art dem Ganzen seinen Namen, ja seine Natur aufprägt. Und manchmal scheint man der Vermutung zu folgen, daß ein und dasselbe, was sich der Beobachtung als mannigfaltiger Vorgang darstelle, im Erlebnis zum Gefühl werde, also daß Gefühl dann das Erlebnis, das Ergebnis und sozusagen der Bewußtseinsertrag des Vorgangs wäre.
Der Ursprung dieser Widersprüche ist wohl immer der gleiche. Denn jede solche Beschreibung eines Gefühls weist Teile auf, und sogar beiweitem in der Überzahl, die offenkundig keine Gefühle sind, weil sie eben kund gleicher Offenheit Empfindung, Auffassung, Gedanke, Wille oder ein äußerer Vorgang sind, als das jederzeit erlebt werden können und auch gerade so, wie sie sind, in dem Gesamterlebnis mitsprechen. Ebenso deutlich gibt es in oder über alledem aber auch etwas, das an und für sich, im einfachsten und unverwechselbarsten Sinn Gefühl zu sein scheint, und eben nichts anderes; weder ein Handeln, noch ein Denken, noch irgend etwas anderes.
Darum lassen sich auch alle diese Erklärungen in zwei Gruppen zusammenfassen: Entweder bezeichnen sie das Gefühl als eine ›Seite‹, einen ›Teil‹, ein ›Moment‹ des Gesamtablaufs, oder sie bezeichnen es als dessen ›Bewußtwerden‹, sein ›inneres Ergebnis‹ und ähnliches: Ausdrücke, denen deutlich genug die Verlegenheit um bessere anzumerken ist!«

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»Der eigenartigste Gedanke dieser Lehren ist nun der, daß sie das Verhältnis des Gefühls zu alledem, was es nicht ist, und wovon es doch erfüllt wird, zunächst unbestimmt lassen, dafür aber sehr wahrscheinlich gemacht haben, daß diese Verbindung auf jeden Fall, und wie immer man sie sich im übrigen denken möge, so beschaffen sei, daß sie keine unzusammenhängenden Änderungen zuläßt und daß sich alles gleichsam in einem Atem ändert.
Man denkt es sich nach dem Beispiel der Melodie. In dieser haben die Töne ihre Selbständigkeit und lassen sich einzeln erkennen, und auch ihre Nachbarschaft, ihr Beisammen, Nacheinander, und was sich sonst hören läßt, ist kein bloßer Begriff, sondern bis an den Rand voll sinnlicher Darbietung; aber obwohl sich alles das also trotz seiner Verbundenheit einzeln hören läßt, läßt es sich auch verbunden hören, denn gerade das ist die Melodie, und wird sie gehört, so ist nicht neben den Tönen, Tonabständen und Zeiten etwas Neues da, sondern mit ihnen. Die Melodie kommt nicht als eine Beigabe hinzu, sondern als eine zweite Art zu erscheinen, eine besondere Existenzform, unter der sich die Form der Einzelexistenz gerade noch ausnehmen läßt; und auch das gilt vom Gefühl im Verhältnis zu den Gedanken, Bewegungen, Empfindungen, Absichten und stummen Kräften, die sich in ihm vereinen. Auch so empfindlich, wie es eine Melodie gegen jede Veränderung an ihren ›Teilen‹ ist, so daß sie gleich eine andere Gestalt annimmt oder ganz zerstört wird, so empfindlich kann ein Gefühl gegen eine Handlung oder einen hineinsprechenden Einfall sein.
In welchem Verhältnis das Gefühl zum ›äußeren und inneren Verhalten‹ also immer stehe, zeigt das, wie jeder Veränderung in diesem eine bestimmte Veränderung in ihm entsprechen könne, und umgekehrt, als wären sie Kehrseiten.«

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»(Es gibt viele genaue Schul- und Versuchsbeispiele, von denen die große Tragweite dieses theoretischen Gedankens bestätigt wird, und andere, noch aus der Wissenschaft fallende, die er unsicher erhellt, sei es mit Schein oder Wahrheit. Eines von diesen möchte ich festhalten: Die Inbrunst mancher Bildnisse – und es gibt Bildnisse, nicht nur Bilder, auch von Dingen – beruht nicht zuletzt darauf, daß sich in ihnen das einzelne Dasein in sich hinein öffnet und gegen die übrige Welt abschließt. Denn die selbständigen Gebilde des Lebens, mögen sie sich auch verhältnismäßig geschlossen darstellen, haben doch immer mit dem zerstreuenden Kreis einer wechselnden Umgebung Gemeinschaft. Als ich also Agathe auf den Arm nahm und wir uns beide aus dem Rahmen des Lebens genommen und in einem anderen vereinigt fühlten, war vielleicht etwas Ähnliches mit unserem Gefühl geschehen. Ich kannte das ihre nicht, und sie nicht das meine, aber sie waren nur für einander da, und hingen geöffnet aneinander, während alle andere Abhängigkeit verschwand; und darum sagten wir, wir wären aus der Welt gewesen, und in uns, und haben für dieses bewegte Ein- und Innehalten, diese wahre Einkehr und dieses Einswerden aus fremden Teilen den sonderbaren Vergleich mit einem Bild gebraucht.)«

*

»Der eigentümliche Gedanke, von dem ich zu reden habe, lehrt also, daß die Veränderungen und Modulationen des Gefühls und die des äußeren und inneren Verhaltens einander Punkt für Punkt entsprechen können, ohne daß das Gefühl dem Verhalten oder einem Teil von ihm gleichgesetzt oder etwas anderes von ihm behauptet werden müßte, als daß es Eigenschaften besitze, die auch anderswo schon Bürgerrecht in der Natur haben. Dieses Ergebnis hat den Vorzug, daß es den natürlichen Unterschied zwischen einem Gefühl und einem Geschehen nicht antastet, und doch so überbrückt, daß er seine Bedeutung verliert. Es beweist auf das allgemeinste, wie sich zwei Geschehensbereiche, die einander völlig unähnlich bleiben können, doch ineinander abzubilden vermögen.
Die Frage, wie denn ein Gefühl aus anderen seelischen, ja sogar aus körperlichen Vorgängen ›bestehen‹ solle, erhält dadurch offenbar eine ganz neue und überaus beachtenswerte Wendung; aber es ist auf diese Weise nur erklärt, wie einer jeden Veränderung des Verhaltens eine Änderung des Gefühls entspricht, und umgekehrt, und nicht, wie es wirklich zu solchen Veränderungen kommt, die während der ganzen Dauer des Gefühls stattfinden. Denn wäre, wonach es nun aussieht, das Gefühl bloß das Echo der Gefühlshandlung und diese das Spiegelbild jenes, so ließe sich schwer verstehen, daß sie sich wechselweise verändern.
Hier hebt sonach der zweite Hauptgedanke an, der sich der neu angebahnten Wissenschaft vom Gefühl entnehmen läßt; ich will ihn den der Ausgestaltung und Verfestigung nennen.«

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»Dieser Gedanke baut sich aus mehreren Vorstellungen und Überlegungen auf. Da ich ihn mir deutlich machen möchte, greife ich zuerst darauf zurück, daß wir sagen, ein Gefühl bewirke ein Verhalten und das Verhalten wirke auf das Gefühl zurück; denn dieser groben Beobachtung läßt sich leicht die bessere entgegensetzen, daß zwischen den beiden eher ein Verhältnis der gegenseitigen Verstärkung und Resonanz besteht, ein schwellendes Ineinanderfassen, wobei freilich beide Teile auch gemeinsam verändert werden. Das Gefühl wird in die Sprache der Handlung übersetzt, und die Handlung in die Sprache des Gefühls, wodurch, wie bei jeder Übersetzung, einiges neu hinzukommt und einiges verlorengeht.
Unter den einfachsten Verhältnissen spricht davon schon der bekannte Ausdruck, daß ein Schreck in die Glieder fahre; denn es darf ebenso gut gesagt werden, daß auch die Glieder in den Schreck führen: ein Unterschied wie der zwischen ›starrem Schreck‹ und ›schlotternder Angst‹ beruht ganz auf diesem zweiten. Und was damit von der einfachsten Ausdrucksbewegung behauptet wird, gilt auch von der umfangreichen Gefühlshandlung: Also nicht erst als Folge der Handlung, die von ihm hervorgerufen wird, verändert sich ein Gefühl, sondern tut das schon in ihr, von der es auf eigenartige Weise aufgenommen, wiederholt und verändert wird, wodurch sie sich gegenseitig ausgestalten und verfestigen. Auch Gedanken, Wünsche und Antriebe aller Art gehen auf diese Weise in ein Gefühl ein und dieses in sie.
Ein solches Verhältnis setzt aber natürlich auch eine Verschiedenheit des Ineinandergreifenden voraus; denn dieses soll sich staffelartig in der Führung ablösen, so daß bald das Fühlen, bald das Handeln, bald ein Beschluß, Zweifel oder Gedanke überwiegen, die Führung übernehmen und einen Beitrag erstatten, der alle Teile in einer gemeinsamen Richtung vorwärtsbringt. So liegt es in der Vorstellung einer gegenseitigen Ausgestaltung und Verfestigung, die erst dadurch vollständig wird.
Auf der Gegenseite muß zugleich die zuvor geschilderte Einheit die Fähigkeit haben, Veränderungen aufzunehmen, und dabei doch auch in ihrer Eigenart als ein mehr oder minder bestimmtes fühlendes Verhalten beharren zu können; sie muß aber auch die Fähigkeit auszuschließen haben, denn sie nimmt Einflüsse von innen und außen auf oder wehrt sie ab. Bisher kenne ich von ihr nur das Gesetz ihres fertigen Zustands. Es muß darum auch die Herkunft dieser Einflüsse angegeben werden können und schließlich erklärt werden, dank welcher Vorsehung oder Vorrichtung es dazu kommt, daß sie im Sinne einer gemeinsamen Entwicklung in das Vorhandene eingehen.
Nun kann aller Voraussicht nach der Einheit allein, dem Gebilde als solchem, der bloßen Gestalt des Geschehens ein eigenes Beharrungs- und Wiederherstellungsvermögen, eine Festigkeit und ein Festigkeitsgrad, also schließlich auch eine eigene ›Energie‹ nicht zugeschrieben werden; auch ist es wenig wahrscheinlich, daß es mitwirkende andere, darauf besonders gerichtete Kräfte des Inneren gebe. Dagegen ist es wahrscheinlich, daß diesen nicht mehr als eine Nebenrolle zufiele; denn hauptsächlich beherrschen wohl dieselben mannigfach auf dem Sprung stehenden Verhältnisse des Innern und dieselben dauernden Anlagen, Neigungen, Grundsätze, Absichten und Bedürfnisse, die unsere Handlungen hervorrufen, auch unsere Gefühle und Gedanken. Sie sind deren Kraftspeicher, und es ist anzunehmen, daß die von ihnen ausgehenden Kräfte irgendwie die Ausgestaltung und Verfestigung des Gefühls bewirken.«

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»Wie das geschieht, will ich mir an einem Vorurteil klarmachen, das nicht verbreitet ist, denn es läßt sich oft die Meinung hören, daß zwischen einem Gefühl, dem Gegenstand, dem es gilt, und dem verbindenden Handeln eine ›innere Verwandtschaft‹ bestehe. Man meint, es wäre dann leichter verständlich, daß sie ein einheitliches Ganzes bilden, daß sie einander ablösen und dergleichen mehr. Der Kern ist der, daß sich ein bestimmter Trieb oder ein bestimmtes Gefühl, zum Beispiel Nahrungstrieb und Hunger, nicht auf beliebige Gegenstände und Handlungen richten, sondern natürlich vorab auf solche, die Befriedigung verheißen. Einem Hungernden ist nicht mit einer Sonate geholfen, sondern mit Nahrung, das heißt mit etwas, das einer mehr oder minder bestimmten Gruppe von Dingen und Geschehnissen angehört; und so entsteht der Anschein, daß diese Gruppe und dieser Erregungszustand ein für allemal verbunden seien, und es ist ja auch etwas Wahres daran. Diese Wahrheit ist aber nicht geheimnisvoller, als daß wir zur Suppe den Löffel, und nicht die Gabel benutzen.
Wir tun es, weil er uns als geeignet erscheint; und nichts anderes als dieses gewöhnliche Als-geeignetErscheinen ist das, was die Aufgabe erfüllt, zwischen einem Gefühl, seinem Gegenstand, den dazugehörenden Handlungen, Gedanken, Entschlüssen und jenen tieferen Antrieben zu vermitteln, die sich meistens der Beobachtung entziehn. Wenn wir in einer Absicht oder in einem Wunsch oder zu einem Zweck handeln, beispielsweise jemand zu nützen oder zu schaden, so erscheint es uns natürlich, daß unser Tun durch die Forderung bestimmt wird, daß es sich eigne, im übrigen aber ganz verschieden ausfallen kann. Das gleiche gilt von jedem Gefühl. Auch ein Gefühl verlangt nach allem, was geeignet erscheint, es zu befriedigen, wobei dieses Kennzeichen bald strenger, bald loser verwandt wird; und gerade diese lockere Verbindung ist der natürliche Weg zur Ausgestaltung und Verfestigung.
Denn selbst den Trieben widerfährt es gelegentlich, daß sie fehlgehn; und wo immer sich ein Gefühl auslebt, kommt es vor, daß eine Handlung bloß versucht wird, eine Absicht oder ein Gedanke einfließen, die sich späterhin als ungeeignet erweisen und wieder fallen gelassen werden, und daß das Gefühl in den Bereich einer Kraftquelle gerät, oder diese in den seinen, von der es sich wieder loslöst. Nicht alles wird also im Verlauf des Geschehens ausgebildet und verfestigt, manches wird auch wieder aufgegeben. Mit andern Worten, es gibt auch eine Ausgestaltung ohne Verfestigung, und diese bildet einen unentbehrlichen Teil der sich verfestigenden Ausgestaltung; denn indem von der Einheit des fühlenden Verhaltens alles aufgenommen werden kann, was geeignet erscheint, den lenkenden Kräften zu dienen, aber davon nur behalten wird, was wirklich geeignet ist, kommen von selbst in das Fühlen, Handeln und Denken der gemeinsame Zug, die Ablösung und das Beharren, die es verstehen lassen, daß sie sich gegenseitig zunehmend verfestigen und ausgestalten.«

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»Der schwache Punkt dieser Erklärung liegt dort, wo die genau beschriebene Einheit, die am Ende entsteht, mit dem ungenau begrenzten, sich ins Unbekannte verlierenden Bereich der Antriebe verbunden werden soll, der am Ursprung liegt. Dieser Bereich ist kaum etwas anderes als das, was von den Inbegriffen Person und Ich nach dem Maße ihrer Beteiligung umfaßt wird, und wir wissen wenig darüber. Bedenkt man aber, daß im Augenblick eines Gefühls auch das Innerste umgeschmolzen werden kann, so wird man es nicht undenkbar finden, daß sich in einem solchen Augenblick auch die gestaltete Einheit des Geschehens bis dorthin erstreckt. Bedenkt man hingegen, wieviel vorangehen muß, einen solchen Erfolg vorzubereiten, daß ein Mensch Grundsätze und Gewohnheiten aufgibt, so wird man wieder von jeder auf die Augenblickswirkung zugespitzten Vorstellung ablassen. Und gäbe man sich schließlich auf die Weise zufrieden, daß für das Quellengebiet des Gefühls andere Gesetze und Zusammenhänge gelten sollen als für den Austritt, wo es als inneres und äußeres Geschehen wahrnehmbar wird, so stieße man wieder auf den Mangel, daß jede Vorstellung davon noch fehlt, nach welchem Gesetz sich der Übergang von den bewirkenden Kräften zum bewirkten Gebilde vollziehen könnte. Vielleicht läßt sich die Annahme einer lockeren, allgemeinen, den ganzen Verlauf umfassenden Einheit damit vereinen, daß aus ihr am Ende eine bestimmte und feste hervortritt: aber diese Frage reicht über die Psychologie hinaus, und sie reicht auch gegenwärtig noch über unser Können hinaus.«

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»Dieser Bescheid, daß sich im Werdegang eines Gefühls wohl von der Quelle bis zur Mündung eine Einheit andeute, nicht aber gesagt werden könne, wann und wie sie die geschlossene Form annehme, die dem vollkommen ausgebildeten fühlenden Verhalten zu eigen sein soll (und zu deren Darlegung ich die Fügung einer Melodie als Beispiel benutzt habe): dieser recht abschlägige Bescheid gestattet merkwürdigerweise, einen Gedanken anzuknüpfen, durch den die bis jetzt verzögerte Antwort auf die Frage, wie der Begriff des Gefühls in der neueren Forschung aussieht, zu einem eigenartigen Abschluß kommt. Es ist das Zugeständnis, daß das wirkliche Geschehen überhaupt nicht ganz, und auch nicht in seiner Endgestalt, dem gedanklichen Bild entspreche, das man sich von ihm gemacht habe, was sich in einer Art doppelter Verneinung nützlich erweist. Man sagt sich: Es ist wirklich vielleicht nie die reine Einheit da, die nach der Theorie das Gesetz des fertigen Gefühls darstellt; ja es mag sie gar nicht geben können, weil sie so vollkommen in sich abgezirkelt wäre, daß sie keinerlei Einflüsse mehr aufnehmen könnte; aber, so sagt man sich nun – es ist ja auch nie ein vollkommen abgezirkeltes Gefühl da! Mit anderen Worten: Gefühle kommen nie rein, sondern stets bloß in annähernder Verwirklichung zustande. Und nochmals mit anderen Worten: Der Vorgang der Ausgestaltung und Verfestigung kommt niemals zu Ende.«

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»Nun ist das aber nichts anderes, als allenthalben jetzt das psychologische Denken kennzeichnet. Man sieht in den seelischen Grundbegriffen ohnehin bloß gedankliche Vorlagen, nach denen sich das innere Geschehen ordnen läßt, erwartet aber nicht mehr, daß es sich wirklich aus Elementen solcher Art aufbaue wie ein Vierfarbendruck. In Wahrheit sind nach dieser Anschauung die reinen Beschaffenheiten des Gefühls, der Vorstellung, der Empfindung und des Willens in der inneren Welt so wenig anzutreffen wie etwa in der äußeren ein Stromfaden oder ein schwerer Punkt, und es gibt bloß ein verflochtenes Ganzes, das bald zu wollen und bald zu denken scheint, weil diese oder jene Beschaffenheit in ihm überwiegt.
Es bezeichnen die Namen der einzelnen Gefühle also bloß Typen, denen die wirklichen Erlebnisse nahekommen, ohne daß sie aber mit ihnen ganz übereinfielen; und damit tritt, mag alles das auch ein wenig grob gesprochen sein, an die Stelle des Axioms der älteren Psychologie, wonach das Gefühl, als eines der elementaren Erlebnisse, eine unverwechselbare Beschaffenheit hätte, oder auf eine Weise erlebt würde, die es von den anderen Erlebnissen ein für allemal unterschiede, ein Leitsatz ungefähr folgenden Inhalts: Es gibt keine Erlebnisse, die von Anfang an ein bestimmtes Gefühl sind, ja nicht einmal Gefühl schlechthin; sondern es gibt bloß Erlebnisse, die dazu berufen sind, zum Gefühl und zu einem bestimmten Gefühl zu werden.
Auch die Vorstellung der Ausgestaltung und Verfestigung erhält dadurch die Bedeutung, daß sich in diesem Vorgang das Gefühl und Verhalten nicht nur ausbilde, verfestige und, soweit es ihm gegeben ist, bestimme, sondern daß es in ihm überhaupt erst entstehe: also daß zu Anfang niemals genau dieses oder jenes bestimmte Gefühl – etwa in schwachem Zustand – mitsamt seiner Handlungsweise vorhanden ist, sondern bloß etwas, das dazu bestimmt und geeignet ist, ein solches Gefühl und Handeln zu werden, was sich aber niemals rein vollendet.«

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»Natürlich ist dieses Etwas aber auch nicht völlig beliebig; soll es doch etwas sein, das zum voraus und seiner Anlage nach dazu bestimmt oder geeignet ist, ein Gefühl, und dazu ein bestimmtes Gefühl, zu werden. Denn Zorn ist schließlich nicht Müdigkeit, und wahrscheinlich auch anfänglich nicht; noch weniger und ebensowenig sind Sättigung und Hunger auch nur im Ansatz zu verwechseln. Es wird also wohl zu Beginn etwas Unfertiges, ein Ansatz, ein Kern, etwas Gefühlartiges und diesem Gefühl Zugeartetes schon vorhanden sein. Ich möchte sagen, ein Fühlen, aber noch kein Gefühl; doch ist es besser, ich führe ein Beispiel aus, und ich will dazu das verhältnismäßig einfache des von außen treffenden körperlichen Schmerzes wählen:
Er kann eine örtlich begrenzte Empfindung sein, die an einer Stelle bohrt oder brennt und unangenehm, aber fremd ist. Diese Empfindung kann aber auch aufflammen und die ganze Person mit Pein überschütten. Auch ist anfangs oft nur ein leerer Fleck an ihrer Stelle, aus dem erst im nächsten Augenblick Empfindung oder Gefühl aufquillt; denn nicht nur Kindern widerfährt es, daß sie anfangs oft nicht wissen, ob etwas schmerzt. Man hat früher angenommen, daß in diesen Fällen ein Gefühl zu der Empfindung hinzukommt; heute zieht man aber die Annahme vor, daß sich ein Erlebniskern, der ursprünglich noch ebensowenig eine Empfindung wie ein Gefühl sei, sowohl zu der einen wie auch zum andern entwickeln könne.
Zu diesem ursprünglichen Erlebnisbestand gehört auch schon der Beginn einer Reflexoder Triebhandlung, eines Zurückzuckens, Zusammenfahrens, Abwehrens oder eines unwillkürlichen Gegenangriffes; und weil das mehr oder minder eine Beteiligung der ganzen Person mit sich bringt, wird damit auch ein innerer Fluchtoder Abwehrzustand verbunden sein, also eine Gefühlsfärbung von der Art der Angst oder des Angriffs. Noch stärker geht sie natürlich von den alarmierten Trieben aus; denn diese sind ja nicht nur Anlagen zu einem zweckmäßigen Handeln, sondern verbreiten bei ihrer Erweckung auch unbestimmte Gemütszustände, die wir als ›Stimmung‹ der Ängstlichkeit, Gereiztheit, in anderen Fällen der Verliebtheit, Empfänglichkeit und so weiter bezeichnen. Selbst das Nichtgeschehen und Nichtstunkönnen hat eine solche Gefühlsfarbe; meistens sind die Triebe aber mit einer mehr oder weniger bestimmten Willensbildung verbunden, und dann findet alsbald auch eine bewußte Erkundung der Lage statt, die an sich selbst ein Sichstellen und also angreifend gefärbt ist. Sie kann auch auf Kühle und Ruhe hinwirken; oder es ist der Schmerz sehr heftig, dann unterbleibt sie und man geht seiner Quelle plötzlich aus dem Wege: Schon dieses Beispiel spielt also, und schon in den ersten Augenblicken, zwischen Empfindung, Gefühl, selbsttätiger Erwiderung, Wille, Flucht, Abwehr, Angriff, Schmerz, Zorn, Neugierde und kühler Sammlung hin und her und zeigt dadurch, daß nicht sowohl ein ursprünglicher Gefühlszustand da ist, als vielmehr wechselnde Ansätze zu deren mehreren einander ablösen oder ergänzen.
Das gibt der Behauptung, es sei wohl ein Fühlen da, aber noch kein Gefühl, den Sinn, daß immer die Anlage zu einem Gefühl da sei, sich aber nicht zu erfüllen brauche, und daß immer ein Ansatz da sei, der aber hinterdrein auch als Ansatz zu einem anderen Gefühl gedient haben kann.«

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»Die eigentümliche Weise, auf die das Gefühl dabei sowohl von Anfang an vorhanden als auch nicht vorhanden ist, läßt sich aber durch den Vergleich ausdrücken, daß man sich sein Wachsen und Werden nach dem Bild eines Waldes vorstellen müs se, und nicht nach dem eines Baumes. Eine Birke beispielsweise bleibt vom Keimen bis zum Absterben sie selbst; ein Birkenwald kann dagegen als gemischter beginnen und wird ein Birkenwald, sobald diese Bäume – zufolge von Ursachen, die recht verschieden sein können – in ihm überwiegen und die Abweichungen vom reinen Gepräge des Birkenschlags nicht mehr ins Gewicht fallen.
So verhält es sich auch mit dem Gefühl und, was immer mitverstanden werden kann, mit der Gefühlshandlung. Sie haben immer eine Eigenart, aber diese ändert sich mit allem, was in sie hineinspielt, bis sie mit wachsender Bestimmtheit die Merkmale eines bekannten Gefühls annimmt und seinen Namen ›verdient‹, was immer eine Spur von freier Würdigung an sich behält. Gefühl und Gefühlshandlung können sich aber von diesem Typus auch wieder entfernen und sich einem anderen annähern, was nichts Ungewöhnliches ist, weil doch ein Gefühl schwanken kann und überhaupt verschiedene Verfassungen durchmacht. Der Unterschied von der gewöhnlichen Auffassung liegt darin, daß nach dieser das Gefühl als ein bestimmtes Erlebnis gilt, das wir nicht immer mit Bestimmtheit erkennen; die neuer begründete schreibt dagegen die Unbestimmtheit dem Gefühl zu und sucht sie aus seinem Wesen zu verstehen und bündig abzugrenzen.«

**

In einem Anhang folgten nun noch einzelne Beispiele, die eigentlich Randbemerkungen hätten sein sollen, an der ihnen zugedachten Stelle aber unterdrückt worden waren, damit sie die Darlegung nicht unterbrächen. Und so gehörten diese aus dem Zusammenhang geratenen Nachzügler nun auch nicht mehr zu einer bestimmten Stelle, obwohl sie zum Ganzen gehörten und Einfälle zu dessen möglicher Anwendung festhielten:

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»Was in die Beziehung ›Etwas lieben‹ so ungeheure Unterschiede trägt wie den zwischen Gottesliebe und Liebe zum Fischen, ist nicht die Liebe, sondern das ›Etwas‹. Das Gefühl selbst – das Hangen, Bangen, Begehren, Sehren, Zehren: mit einem Wort, das Lieben – läßt einen Unterschied nicht erkennen.«

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»Seinen Spazierstock oder die Ehre zu lieben, ist aber gewiß nicht nur darum tausend und eins, weil diese beiden einander nicht gleichen, sondern auch, weil der Gebrauch, den wir von ihnen machen, die Umstände, unter denen sie wichtig werden, kurz, die ganze Erfahrungsgruppe verschieden ist. Es ist die Unverwechselbarkeit einer Erfahrungsgruppe, woraus wir die Sicherheit gewinnen, unser Gefühl zu kennen. Darum kennen wir es in Wahrheit erst, nachdem es in die Welt gewirkt und sich an ihr ausgestaltet hat; wir wissen nicht, was wir fühlen, ehe nicht unser Handeln darüber entschieden hat.«

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»Und wo wir sagen, unser Gefühl sei geteilt, dort sollten wir eher sagen, es sei noch nicht fertig oder wir seien noch nicht festgelegt.«

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»Und wo es als Widerspruch oder paradoxe Vermischung erscheint, liegt oft etwas anderes vor. Wir sagen, der Tapfere achte des Schmerzes nicht; in Wahrheit schäumt aber das bittere Salz des Schmerzes in der Tapferkeit auf. Und im Märtyrer hebt es sich flammend zum Himmel. Im Feigen dagegen gewinnt der Schmerz durch die ihn erwartende Angst unerträgliche Verdichtung. Noch deutlicher als diese Beispiele ist das des Abscheus, zu dem, mit Gewalt angetan, gerade die Empfindungen werden, die freiwillig empfangen, höchste Wollust sind.
Natürlich sind da verschiedene Quellen, und es entstehen auch Mischungen; vornehmlich entstehen aber verschiedene Richtungen der Ausbildung des vorherrschenden Gefühls.«

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»Weil sie beständiger Fluß sind, lassen sich Gefühle nicht anhalten; sie lassen sich also auch nicht ›unter die Lupe‹ nehmen; das heißt, je genauer wir sie beobachten, desto weniger wissen wir, was wir fühlen. Die Aufmerksamkeit ist schon eine Veränderung des Gefühls. Wären sie aber eine ›Mischung‹, müßte diese eigentlich im Augenblick des Anhaltens am deutlichsten sein, auch wenn sich die Aufmerksamkeit einmischt.«

*

»Weil die äußere Handlung keine selbständige Bedeutung für die Seele hat, lassen sich Gefühle nicht nach ihr allein unterscheiden. Unzähligemal wissen wir nicht, was wir fühlen, obgleich wir lebhaft und entschieden handeln. Auf dieser Undeutlichkeit beruht sodann die ungeheure Zweideutigkeit dessen, was ein argwöhnisch oder eifersüchtig beobachteter Mensch tut.«

*

»Die Undeutlichkeit des Gefühls beweist aber nicht etwa seine Schwäche, denn gerade im höchsten Fühlen vergehen die Gefühle. Schon in den hohen Graden sind sie äußerst labil; siehe zum Beispiel den ›Mut der Verzweiflung‹ oder das Umschlagen von Glück in Schmerz. Auch bewirken sie da widerspruchsvolle Handlungen, wie Lähmung statt Flucht oder vom eigenen Zorn ›Erwürgtwerden‹. Bei ganz heftigen Erregungen verlieren sie aber sozusagen ihre Farbe, so daß bloß eine tote Empfindung der sie begleitenden körperlichen Erscheinungen übrig bleibt, des Schauders der Haut, des Rasens des Bluts, der Ferne der Sinne. Und vollends in den höchsten Graden tritt geradezu eine Blendung ein, so daß sich sagen ließe, daß die Einrichtung des Gefühls, und damit die ganze Welt unseres Gefühls, nur für mittlere Grade gilt.«

*

»In diesen durchschnittlichen Graden erkennen und benennen wir ein Gefühl natürlich nicht anders als andere Erscheinungen, die im Fluß sind, um das nochmals zu sagen. Die Unterscheidung zwischen Haß und Zorn festzulegen, ist so leicht und so schwer wie die zwischen Mord und Totschlag oder einem Becken und einer Schüssel zu bestimmen. Es waltet nicht Namenswillkür, aber jede Seite und Biegung kann dem Vergleich und der Begriffsbildung dienen. Und so hängen auf diese Weise wohl auch die hundertundein Arten der Liebe zusammen, über die Agathe und ich nicht ganz ohne Kummer gescherzt haben. Die Frage, wie es kommt, daß so ganz Verschiedenes mit dem einen Wort Liebe bezeichnet wird, hat die gleiche Antwort wie die Frage, warum wir unbedenklich von Eß-, Mist-, Ast-, Gewehr-, Weg- und anderen Gabeln reden! Allen diesen Gabeleindrücken liegt ein gemeinsames ›Gabeligsein‹ zugrunde; aber es steckt nicht als gemeinsamer Kern in ihnen, sondern fast ließe sich sagen, es sei nicht mehr als ein zu jedem von ihnen möglicher Vergleich. Denn sie brauchen nicht einmal untereinander alle ähnlich zu sein, es genügt schon, wenn eins das andere gibt, wenn man von einem zum anderen kommt, wenn nur Nachbarglieder einander ähnlich sind; entferntere sind es dann durch ihre Vermittlung. Ja, auch das, was die Ähnlichkeit ausmacht, das die Nachbarn Verbindende, kann in einer solchen Kette wechseln; und so kommt man ereifert von einem Ende des Wegs zum andern und weiß kaum noch selbst, auf welche Weise man ihn zurückgelegt hat.«

*

»Wollten wir aber, wozu wir neigen, die zwischen allen Lieben bestehende Ähnlichkeit für ihre Ähnlichkeit mit einer Art von ›Urliebe‹ ansehen, die gleichsam ohne Arme und Beine in ihrer aller Mitte säße, so wäre es anscheinend der gleiche Fehler wie der Glaube an eine ›Urgabel‹. Und doch kennen wir das lebendige Zeugnis dafür, daß es solches Gefühl wirklich gibt. Bloß der Grad dieses ›Wirklich‹ läßt sich schwer bestimmen. Es ist ein anderes als das der wirklichen Welt. Ein Gefühl, das nicht Gefühl für etwas ist, ein Gefühl ohne Begehren, ohne Bevorzugung, ohne Bewegung, ohne Kenntnis, ohne Grenzen; ein Gefühl, zu dem kein bestimmtes Verhalten und Handeln gehört, jedenfalls kein ganz wirkliches Verhalten: so wahrhaftig dieses Gefühl nicht von Armen und Beinen bedient wird, so wahrhaftig ist es uns immer wieder entgegengetreten und ist uns lebendiger als das Leben erschienen! Liebe ist schon ein zu besonderer Name dafür, wenngleich es mit einer Liebe, für die Zärtlichkeit oder Geneigtheit noch zu handgreifliche Ausdrücke sind, wohl die allernächste Verwandtschaft hat. Es verwirklicht sich auf vielerlei Art und in vielen Beziehungen, aber es läßt sich niemals ganz von dieser Verwirklichung ablösen, die es verunreinigt. So ist es uns erschienen und verschwunden, eine Ahnung, die immer gleich blieb. Scheinbar haben die nüchternen Überlegungen, womit ich diese Blätter gefüllt habe, wenig damit zu tun, und doch bin ich fast sicher, daß sie mich an den richtigen Übergang geführt haben!«

56.
Der Tugut singt

Professor August Lindner sang ein Lied. Er wartete auf Agathe.

Ach, des Knaben Augen sind
Mir so schön und klar erschienen,
Und ein Etwas strahlt aus ihnen,
Das mein ganzes Herz gewinnt.

Blickt er doch mit diesen süßen
Augen nach den meinen hin!
Säh er dann sein Bild darin,
Würd er wohl mich liebend grüßen.

Und so geb ich ganz mich hin,
Seinen Augen nur zu dienen,
Denn ein Etwas strahlt aus ihnen,
Das mein ganzes Herz gewinnt.

Es war ursprünglich ein spanisches Lied. In Lindners Wohnung stand ein kleines Klavier aus Frau Professor Lindners Zeiten, das zuweilen der Aufgabe diente, die Bildung und Erziehung des Sohnes Peter abzurunden, weshalb dieser schon einige Saiten daraus entfernt hatte. Lindner selbst benutzte es niemals, es sei denn, daß er hie und da ein paar weihevolle Akkorde darauf anschlug; und obgleich er schon lange vor dem Tongerät auf und ab gegangen war, hatte er sich zu seinem ungewöhnlichen Versuch erst hinreißen lassen, nachdem er sich vorsichtig davon überzeugt hatte, daß sowohl seine Wirtschafterin als auch Peter aus dem Hause wären. Seine Stimme hatte ihm sehr wohlgefallen, sie war ein hoher, zum Gefühlsausdruck offenbar recht geeigneter Bariton; und nun hatte Lindner das Klavier nicht geschlossen, sondern stand, den Arm darauf gestützt, das Spielbein über das Standbein gekreuzt, überlegend daneben. Agathe, die ihn schon einige Mal besucht hatte, hatte über eine Stunde Verspätung. Die Leere des Hauses, die einesteils davon, andernteils von seinen Anordnungen herrührte, kam ihm als schuldhafte Vorbereitung zu Bewußtsein.
Er hatte eine Seele gefunden, die von verwirrendem Reichtum war, die er zu retten bemüht war und die den Eindruck hervorrief, sich ihm anzuvertrauen; und welchen Mann entzückte es nicht, ein kaum noch erwartetes weibliches Geschöpf zu finden, das er nach seinem Sinn erziehen könnte! Aber tiefe Töne des Mißbehagens mischten sich darein. Lindner hielt Pünktlichkeit für eine Gewissensforderung und stellte sie nicht niedriger als Vertragstreue und Ehrlichkeit; auch erschienen ihm Menschen ohne eine feste Zeiteinteilung krankhaft zerfahren, und zwangen sie vollends ihre ernsteren Mitmenschen dazu, Teile ihrer Zeit mit ihnen zu verlieren, so erachtete er sie ärger als Straßenräuber. Er nahm es dann als seine Pflicht in Anspruch, solchen Naturen höflich, aber unerbittlich Achtung davor beizubringen, daß seine Zeit nicht ihm, sondern seiner Tätigkeit gehöre; und weil Notlügen das eigene Gemüt schädigen, die Menschen aber ungleich sind, manche einflußreich und manche nicht, hatte er vielfältige Charakterübungen daraus gewonnen, so daß ihm davon nun eine Menge der kräftigsten und geschmeidigsten Merksprüche einfiel und die sanfteste Erregung durch das Lied störte.
Immerhin hatte er seit seiner Studienzeit kein religiöses Lied mehr gesungen und genoß es mit bedachtsamem Schreck. »Welche südliche Naivität und welchen Liebreiz« dachte er »strahlen diese so weltlichen Verse aus! Wie entzückend und zart ist ihre Beziehung zu dem Knaben Jesu!« Er versuchte, ihre Unbefangenheit in seinem Inneren nachzuahmen, und kam zu dem Ergebnis: »Wüßte ich es nicht besser, so vermöchte ich jetzt zu glauben, in mir das keusche Hoffen eines Mädchens zu seinem Knaben hin zu vernehmen!« Man sollte also wohl sagen können, daß eine Frau, die solche Huldigungen heraufbeschwöre, an das Edelste im Manne rühre, selbst ein edles Wesen sein muß. Aber da lächelte Lindner unzufrieden und entschloß sich, den Deckel des Klaviers zu schließen. Sodann machte er mit den Armen eine seiner Bewegungen, die die Harmonie der Persönlichkeit fördern, und hielt wieder inne. Ein unangenehmer Gedanke war ihm dazwischen gekommen. »Sie hat kein Gefühl!« seufzte er hinter zusammengebissenen Zähnen. »Sie würde lachen!«
Er hatte in diesem Augenblick etwas in seinem Gesicht, das seine selige Mutter an den Knaben erinnert haben würde, dem sie jeden Morgen vor dem Schulweg eine schöne große Schleife unter das Kinn band; man hätte dieses Etwas den völligen Mangel an männlicher Roheit nennen können. Dieser Mangel macht einen Knaben unter Knaben unmöglich. Auf der röhrenbeinig hohen, kraftlos großen Erscheinung saß das Haupt wie auf eine Lanze gespießt über der brüllenden Arena der Schulkameraden, die seine von Mutterhand geschaffene Masche verhöhnte; und in Angstträumen sah sich Professor Lindner jetzt noch manchmal so dastehn und für das Gute, Schöne und Wahre leiden. Aber gerade darum gab er auch niemals zu, daß die Roheit eine dem Manne unentbehrliche Eigenschaft sei, dem Kies vergleichbar, der in den Mörtel gemischt werden muß, um ihm Festigkeit zu leihen; und zumal seit er der Mann geworden, der zu sein er sich schmeichelte, sah er in jenem frühen Mangel bloß eine Bestätigung dafür, daß er geboren worden sei, die Welt, wenn auch in bescheidenem Maße, zu verbessern. Nun ist man ja wohl die Erklärung, daß die großen Redner aus den Zungenfehlern erstehn und die Helden aus der Schwäche, mit anderen Worten die Erklärung, daß unsere Natur immer erst eine Grube gräbt, wenn sie will, daß wir darüber einen Berg errichten, heute allgemein gewohnt; und weil die Halbwissenden und Halbwilden, von denen der Gang des Lebens vornehmlich bestimmt wird, schon bald jeden Stotterer als einen Demosthenes ausrufen, gilt es umso leichter als ein Zeichen für den guten geistigen Geschmack, daß man nur ja als die Hauptsache an einem Demosthenes das ursprüngliche Stottern erkenne. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, die Taten des Herakles darauf zurückzuführen, daß er ein schwächliches Kind gewesen wäre, die höchsten Leistungen im Schnellauf und Springen auf einen Plattfuß, und den Mut auf die Ängstlichkeit, und so muß wohl doch zugegeben werden, daß zu einer besonderen Begabung auch noch etwas anderes gehört als ihr Fehlen!
Durchaus nicht war Professor Lindner also zu dem Bekenntnis verhalten, daß die Neckerei en und Prügel, die er als Knabe gefürchtet hatte, eine Ursache seiner geistigen Entwicklung gewesen sein könnten. Trotzdem leistete ihm die Einrichtung seiner Grundsätze und Gefühle aber heute den Dienst, daß jeder aus dem Gedränge der Welt kommende Eindruck davon in einen geistigen Triumph verwandelt wurde; und sogar seine Gewohnheit, kriegerische und sportliche Ausdrücke in seine Rede einzuflechten, sowie seine Neigung, allem, was er tat und sagte, das Gepräge eines unbeugsamen und strengen Willens zu geben, hatte sich in dem Maße zu entwickeln begonnen, als er, heranreifend, und nun auch unter gereifteren Gefährten lebend, unmittelbaren körperlichen Angriffen entrückt war. Er war sogar auf der Universität einer der Studentenverbindungen beigetreten, die Wams, Mütze, Stiefel, Band und Waffe ebenso malerisch trugen wie die Raufbolde, die von ihnen verach tet wurden, davon aber nur friedliche Anwendung machten, weil ihre Weltanschauung den Zweikampf verbot. Dabei hatte sich seine Lust an der Tapferkeit, von der man keinen blutigen Gebrauch machen muß, endgültig ausgebildet; zugleich legte es aber auch ein Zeugnis davon ab, wie man eine edle Gesinnung mit überschäumendem Lebensdrang verbinden kann oder, freilich mit anderen Worten, daß Gott am bequemsten in den Menschen fährt, wenn er es dem Teufel nachmacht, der vor ihm dagewesen ist!
Sobald Lindner also, wie es leider öfters geschehen mußte, seinem untersetzteren Sohne Peter vorhielt, daß auch die Nachgiebigkeit gegen den Gedanken der Kraft den Menschen verweichliche, oder daß die Kraft der Demut und der Mut zu verzichten höher stehen als Körperkraft und -mut, sprach er nicht als Laie in Mutfragen, sondern genoß die Aufregungen eines Magiers, dem es gelingt, Dämonen in den Dienst des Guten zu zwingen. Denn obwohl es auf der Höhe seines Wohlergehens eigentlich nichts gab, was ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte, war ihm doch eine beinahe an Angst streifende Abneigung – ähnlich wie eine geheilte Wunde ein Hinken zurückläßt – gegen Witze und Gelächter eigentümlich, selbst wenn er bloß deren blanke Möglichkeit argwöhnte. »Die Kitzel des Witzes und des Humors«, pflegte er seinen Sohn darüber zu belehren, »entspringen dem satten Lebensbehagen, der Bosheit und der müßigen Phantasie, und sie verleiten den Menschen gar leicht dazu, etwas zu sagen, das durch sein besseres Selbst verurteilt wird! Dagegen ist die Übung, seine ›witzigen‹ Einfälle und Vorstellungen zu verschweigen, eine schöne Kraftprobe und stählende Willensprüfung, und sie fällt umso segensreicher für den ganzen Menschen aus, je mehr man das errungene Schweigen dazu benutzt, seinen Witz näher zu betrachten: Da sehen wir gewöhnlich erst,« schloß diese stehende Ermahnung »wieviel Wünsche auf eigene Überhebung und Verkleinerung des anderen, wieviel Gefallsucht und wieviel Leichtfertigkeit hinter den meisten Witzen stecken, wieviel Verfeinerung des Mitgefühls in uns und anderen durch sie erstickt wird, ja wieviel erschreckende Roheit und Spottsucht im Gelächter der Zuhörer, um das wir gebuhlt haben, zutage tritt!«
Peter mußte darum seine jugendliche Neigung zur Spottsucht und zum Witzemachen sorgfältig vor seinem Vater verbergen; aber er besaß sie, und Professor Lindner fühlte oft den Atem des bösen Geistes in seiner Umgebung, ohne das giftige Gespenst stellen zu können. Es konnte so weit führen, daß der Vater den Sohn mit bändigendem Blick in Furcht hielt, insgeheim sich aber selbst vor ihm fürchtete, und erinnerte dann an etwas Unbestimmbares, das schon zwischen dem Ehepaare Lindner bestanden hatte, als die rundliche Frau Professor noch auf Erden war. Herr in seinem Hause zu sein, dessen Geist zu bestimmen und die Familie als einen friedlichen Garten um sich zu wissen, in den er seine Grundsätze gepflanzt hatte, gehörte für ihn zu den unerläßlichen Voraussetzungen der Zufriedenheit; Frau Lindner aber, die er kurz nach dem Abschluß seiner Studien geheiratet hatte, während deren er »Zimmerherr« bei ihrer Mutter gewesen war, hatte leider bald danach aufgehört, seine Grundsätze zu teilen, hingegen sie eine Art, ihm ungern zu widersprechen, annahm, die ihn mehr reizte als Widerspruch. Es blieb ihm unvergeßlich, manchmal einen Blick aus dem Augenwinkel aufgefangen zu haben, während ihr Mund gehorsam schwieg; und jedesmal hatte er sich danach in einer Lage vorgefunden, gegen die vielleicht etwas einzuwenden gewesen wäre; zum Beispiel in einem zu kurzen Nachthemd, darüber predigend, daß ihre Würde der Frau jedes Gefallen an den lockeren und rauhen Gesellen verbieten sollte, die mit ihrer Trunkenheit und ihren Schrammen damals noch das studentische Leben beherrschten und darum auch als Mieter nicht so ungern gesehen waren, wie man fordern dürfte.
Überhaupt ist die heimliche Spottsucht der Frau ein Kapitel, das eng mit ihrem Unverständnis für die wichtigsten männlichen Angelegenheiten zusammenhängt; und in dem Augenblick, wo Lindner sich daran erinnerte, gaben die geistigen Vorgänge, die sich bis dahin ohne deutliche Gestalt in ihm gewälzt hatten, den Gedanken an Agathe frei. Wie mochte sie sein, wenn man innig mit ihr zusammen lebte? »Sie ist ohne Zweifel nicht das, was man beruhigt einen guten Menschen nennen möchte. Sie macht ja nicht einmal ein Hehl daraus!« sagte er sich, und einer ihrer Aussprüche, der ihm dabei einfiel, die lachende Behauptung, daß die guten Menschen heute an der Verderbnis des Lebens nicht weniger Schuld trügen als die schlechten, sträubte ihm die Haare. Aber er glaubte solchen »fürchterlichen Ansichten«, wenn sie ihn auch jedesmal von neuem erregten, im ganzen doch schon »die Giftzähne ausgebrochen« zu haben. Er hatte sich von solchen Worten, die ihn kränkten, ein für allemal davon die Erklärung gemacht: »Sie kennt die Wirklichkeit nicht!« Er hielt Agathe für ein edles Wesen, aber für eine »Evatochter« voll böser Unruhe. Das rechte Verhalten, so gewiß es dem Gläubigen ist, ihr schien es der denkungewisseste Gegenstand, die Lösung der äußersten und schwierigsten Aufgabe des Lebens zu sein! Sie schien sich eine traumhaft verworrene Vorstellung von Güte und Recht zu machen, eine ordnugsfeindliche, die nicht mehr Zusammenhang besaß als eine zufällige Zusammenstellung von Gedichten. »Sie ist wirklichkeitsfremd!« wiederholte er. »Kennte sie beispielsweise die Liebe, wie möchte sie so zynische Äußerungen darüber machen, daß sie unmöglich sei und dergleichen!« Es mußte ihr also die wahre Liebe gezeigt werden.
Aber da bereitete Agathe nun wieder neue Schwierigkeiten. Wollte er es sich nur ungescheut und mutig eingestehen: sie war verletzend! Sie riß allzugerne von seinem Piedestal, was man sorgsam hochstellte; und tadelte man sie, so hielt sich ihre Kritik vor nichts zurück, und sie zeigte offen, daß sie verletzen wolle. Es gibt solche Naturen, die wider sich selbst wüten und nach der Hand schlagen, die ihnen Hilfe bringt; aber ein fester Mann wird sein Verhalten nie vom Verhalten anderer abhängen lassen, und in diesem Augenblick hatte Lindner das Bild eines ruhigen Mannes mit langem Bart vor sich, der sich über eine ängstlich abwehrende Kranke beugt und eine Wunde ganz tief an ihrem Herzen sieht. Der Augenblick war fern von Logik, und so war damit nicht gesagt, daß er selbst dieser Mann sei; aber Lindner richtete sich auf, und das tat er wirklich, griff nach seinem Bart, der inzwischen sehr an Fülle verloren hatte, und eine nervöse Röte überflog sein Antlitz. Es war ihm erinnerlich geworden, daß Agathe die verwerfliche Gewohnheit besaß, ihn mehr, als es je ein anderer Mensch zuwege gebracht hätte, in den Glauben zu versetzen, sie vermöchte seine erhabensten und seine geheimsten Gefühle zu teilen, ja sie warte in ihrer bedrängten eigenen Lage sogar auf eine besondere Anstrengung von deren Seite, um ihn dann, wenn er die Schätze seines Inneren preisgab, höhnisch zu beleidigen. Sie beflügelte ihn! Lindner gestand es sich ein und hätte auch nicht anders können, denn in seiner Brust war ein fremdes, unruhiges Gefühl, das man lieblos, was ihm freilich fern lag, mit einem Korb voll Hühner hätte vergleichen können. Aber dann konnte sie auch mit einem Mal auf äußerst unbestimmbare Art lachen oder etwas weltlich Liebloses andeuten, das ihn ins Herz schnitt, als hätte sie alles nur darauf angelegt gehabt, ihn zu täuschen! Und hatte sie ihn denn nicht auch heute, noch ehe sie da war, schon in eine solche Lage gebracht, fragte sich Lindner, mit diesem Klavier, eine Hausmagd, an der sich der Herr vergangen hat!
Er konnte es nicht wissen, was Agathe bewog, ihr Spiel mit ihm zu treiben, und sie selbst hätte sich mit niemand darüber aussprechen können, durchaus nicht einmal mit Ulrich. Sie verhielt sich launenhaft; aber sofern das heißt, mit wechselndem Gefühl, geschah es doch auch mit Absicht und bedeutete ein Rütteln und Lockern des Gefühls, wie ein Mensch seine Glieder dehnt, auf denen eine süße Schwere lastet. So hatte die wunderliche Anziehung, die sie mehrmals heimlich zu Lindner führte, von Anfang an eine Widersetzlichkeit gegen Ulrich, oder doch gegen die völlige Abhängigkeit von ihm, enthalten; der fremde Mann wendete ihre Gedanken ein wenig ab und erinnerte sie an die Vielfältigkeit der Welt und der Männer. Aber es geschah nur, um sie ihre Abhängigkeit von ihrem Bruder desto wärmer fühlen zu lassen, und war überdies das gleiche wie Ulrichs Heimlichkeit mit den Aufzeichnungen, die er vor ihr verschloß, ja schon wie schlechthin sein Entschluß, neben dem Gefühl, und über dieses, auch den Verstand urteilen zu lassen. Doch während er damit genug zu tun hatte, bedurfte ihre Ungeduld und ihre für ein Abenteuer, von dem sich noch nicht sagen ließ, welchen Weg es nehmen werde, bereitgehaltene Spannung des Auslasses, und in dem Maße, als Ulrich sie begeisterte oder entmutigte, machte Lindner, dem sie sich überlegen fühlte, sie wieder geduldig oder übermütig. Sie gewann Herrschaft über sich selbst, indem sie den Einfluß mißbrauchte, den sie auf ihn ausübte, und hatte das nötig.
Dabei spielte aber doch auch noch etwas anderes mit. Denn zu dieser Zeit war zwischen ihr und Ulrich weder von ihrer Scheidung und Hagauers Briefen noch von dem leichtsinnig oder eigentlich abersinnig, in einem ausgesprungenen Augenblick veränderten Testament die Rede, das eine Gutmachung forderte, entweder eine bürgerliche oder eine wunderbare. Agathe wurde manchmal von dem bedrückt, was sie getan hatte, und sie wußte auch, daß Ulrich in der Unordnung, die man in einem tieferen Lebenskreis zurückläßt, keine gute Vorbedeutung für die Ordnung sah, die man in einer höheren Bedeutung anstrebt; er hatte es ihr offen gesagt, und wenn sie sich auch nicht mehr an alle Einzelheiten des Gesprächs erinnerte, das sich an die Verdächtigungen angeschlossen hatte, die neuerdings von Hagauer gegen sie erhoben wurden, so fand sie sich doch in einen Wartezustand zwischen Wohl und Übel verbannt. Etwas hob zwar alle ihre Eigenschaften nach oben zur wunderbaren Rechtfertigung, aber sie durfte noch nicht daran glauben, und so war es auch ihr beleidigtes widerspenstiges Rechtsgefühl, was sich im Streit mit Lindner einen Ausweg schuf. Sie war ihm sehr dankbar dafür, daß er ihr alle schlechten Eigenschaften anzudichten schien, die auch Hagauer an ihr entdeckt hatte, und daß er sie, ohne es zu wollen, schon durch den Anblick beruhigte, den er dabei darbot.
Lindner, der also nie in der Beurteilung Agathens mit sich ins reine kam, hatte jetzt begonnen, unruhig in seinem Zimmer auf und ab zu wandern, und unterzog die Besuche, die sie ihm machte, einer strengen Prüfung im einzelnen. Es schien ihr bei ihm zu gefallen, sie fragte nach vielen Einzelheiten seines Hauses und seines Lebens, nach seinen Erziehungsgrundsätzen und nach seinen Büchern. Er irrte sich bestimmt nicht, wenn er annahm, daß man mit solcher Teilnahme nur nach einem Leben fragt, das zu teilen man sich angezogen fühlt; freilich, wie sie sich dabei ausdrückte, mußte man als ihre Eigenart einstweilen hinnehmen! So entsann er sich, daß sie ihm einmal von einer Frau erzählt hatte – sträflicherweise einer gewesenen Geliebten ihres Bruders! –, die jedesmal einen Kopf »wie eine Kokosnuß« bekäme, »mit den Haaren nach innen«, wenn sie sich in einen Mann verschaute; und daran hatte sie die Bemerkung geknüpft, daß es ihr so mit seiner Wohnung erginge. Es sei alles so einheitlich, daß man ordentlich »Angst um sich selbst« bekomme! Aber diese Angst schien ihr Vergnügen zu bereiten, und Lindner glaubte in diesem widerspruchsvollen Zug die geängstigte Hingabebereitschaft der weiblichen Psyche zu erkennen, umsomehr als sie ihm andeutete, ähnliche Eindrücke seien ihr auch aus der ersten Zeit ihrer Ehe im Gedächtnis.
Nun ist es wohl nur natürlich, daß einem Mann wie Lindner Heiratsgedanken eher kommen als sündige. Und so hatte er inner- und außerhalb der für Lebensfragen vorgesehenen Zeit schon manchmal verstohlen dem Gedanken stattgegeben, daß es vielleicht gut wäre, dem Kinde Peter wieder eine Mutter zu geben; und es geschah auch jetzt, daß er, statt Agathes Verhalten weiter zu zergliedern, bei einer Erscheinung anhielt, die ihn geheimnisvoll ansprach. Denn in tiefer Vorwegnahme seines Schicksals redete Agathe seit Beginn ihrer Bekanntschaft von nichts so leidenschaftlich wie von ihrer Scheidung. Er konnte diese Sünde unmöglich gutheißen, konnte aber auch nicht verhindern, daß ihm ihre Vorzüge mit jedem Tag mehr einleuchteten; und unerachtet seiner sonstigen Anschauungen vom Wesen des Tragischen neigte er dazu, dieses Los tragisch zu finden, das ihn zwang, bittere Abneigung gegen das zu äußern, was er selbst fast schon wünschte. Nun geschah es aber noch dazu, daß Agathe dieses Widerstreben am meisten ausnützte, um in ihrer verletzenden Art anzudeuten, sie glaube der Wahrheit seiner Überzeugung nicht. Er mochte die Moral vorkehren, die Kirche davorstellen, alle die Sätze aussprechen, die ihm ein Leben lang so geläufig waren, sie lächelte bei ihrer Antwort, und dieses Lächeln erinnerte ihn an das Frau Lindners in den späteren Jahren der Ehe, hatte aber davor die beunruhigende Kraft des Neuen und Geheimnisvollen voraus. »Es ist das Lächeln der Mona Lisa!« rief Lindner innerlich aus. »Spöttisch in frommem Gesicht!« und er war von die ser bedeutenden vermeintlichen Entdeckung so bestürzt und geschmeichelt, daß er im Augenblick gegen die Anmaßung, ihn nach der Sicherheit seiner Gottesgewißheit auszufragen, die sich diesem Lächeln anzuschließen pflegte, weniger Abweisung aufbrachte als sonst. Diese Ungläubige wollte nicht die ausgesendete Belehrung, sie wollte die Hand in die Quelle stecken; und vielleicht war ihm gerade das auferlegt, wirklich einmal wieder den Stein darüber zu öffnen, um ihr ein wenig Einblick zu gewähren, wer wollte ihn davor bewahren, daß es nicht so sei, so unangenehm, ja beängstigend dieser Gedanke auch für ihn selbst war! Und plötzlich trat Lindner, obwohl er sich allein in dem Zimmer befand, fest auf den Boden und sagte laut: »Sie sollen nicht denken, daß ich Sie nicht verstehe! Ach, glauben Sie nicht, daß die Unterwerfung, die Sie an mir bemerken, aus einem von Beginn an unterworfenen Wesen kommt!«
Die Geschichte, wie Lindner der geworden, der er war, war freilich beiweitem alltäglicher, als er glaubte. Sie begann damit, daß er auch ein anderer hätte werden können; denn er erinnerte sich noch genau an die Vorliebe, die er als Knabe für die Geometrie besessen hatte, deren schöne, klug angelegte Beweise sich am Ende mit einem leisen Schnappen um die Wahrheit schlossen und ihm ein Vergnügen bereiteten, als hätte er einen Riesen in einer Mausefalle gefangen. Es sprach nichts dafür, daß er besonders religiös angelegt gewesen wäre; und er war auch heute noch der Anschauung, daß man einen Glauben »erwerben» müsse, und nicht als Wiegengeschenk empfangen. Was ihn im Religionsunterricht damals zum vorzüglichen Schüler machte, war die gleiche Freude am Wissen und Besserwissen, die er auch den anderen Unterrichtsgegenständen entgegenbrachte. Allerdings hatte sein Inneres doch wohl die Ausdrucksweise der religiösen Überlieferung schon angenommen, und es wehrte sich bloß sein früh entwickelter Bürgersinn noch dagegen, was in der einzigen ungewöhnlichen Stunde, die sein Leben enthielt, einmal unerwartet zum Ausdruck kam. Es geschah zur Zeit der Vorbereitung auf die Reifeprüfung; er hatte schon durch Wochen übermäßig gearbeitet und saß abends lernend in seiner Stube, als sich auf einmal eine unbegreifliche Veränderung mit ihm vollzog. Sein Körper schien gegen die Welt zu so leicht zu werden wie zarte Papierasche, und eine unsägliche Freude erfüllte ihn, als wäre im dunklen Gewölbe der Brust eine Kerze entzündet worden und sendete ihren sanften Glanz bis in alle Glieder; und ehe er sich noch ob solcher Einbildung zur Rede stellen konnte, umlagerte dieses Licht auch sein Haupt mit einem strahlenden Zustand. Er war sehr erschrocken davor; aber sein Kopf sandte trotzdem Licht aus. Eine wundervolle geistige Klarheit überflutete nun alle seine Sinne, und die Welt spiegelte sich so weithin gesehen darin, wie es kein natürliches Auge erfassen kann. Er blickte auf und sah nichts als sein halberleuchtetes Zimmer; das war also keine Vision, aber der Aufschwung hielt an, mochte es auch in Widerspruch dazu stehn. Er tröstete sich damit, daß er anscheinend irgendwie nur »als geistiger Mensch« das erlebe, während »der körperliche« doch nüchtern und deutlich auf seinem Stuhl säße und ganz den gewohnten Raum einnähme; und so verharrte er eine Weile und hatte sich schon halb mit seinem bedenklichen Zustand abgefunden, da man sich auch an das Ungewöhnliche rasch gewöhnt, solange nur Hoffnung besteht, es werde sich schon noch als eine Geburt, und sei es auch eine Ausgeburt, der Ordnung herausstellen. Aber da geschah etwas Neues, denn er hörte mit einemmal eine Stimme, die gemäßigt, als hätte sie schon länger gesprochen, aber ganz deutlich zu ihm die Worte sagte: »Lindner, wo suchst du mich? Sis tu tuus et ego ero tuus«, was sich etwa so übersetzen ließe: werde du nur Lindner, und ich werde bei dir sein! Es war aber nicht sowohl der Inhalt dieser Rede, der den ehrgeizigen Studenten bestürzte, denn er mochte ihn wenigstens zum Teil schon gelesen oder gehört und danach vergessen haben, als vielmehr das sinnliche Erklingen; denn dieses kam so unabhängig und überraschend von außen und war von einer solchen sofort überzeugenden Fülle und Festigkeit und hatte einen so anderen Klang als den trockenen des zähen Fleißes, auf den die späte Stunde abgestimmt war, daß davon jeder Versuch, die Erscheinung auf eine Übermüdung und Überreizung des Inneren zurückzuführen, zum voraus entwurzelt wurde. Daß dieser Ausweg so nahe lag, und doch versperrt war, steigerte natürlich die Verwirrung; und als auch noch hinzukam, daß sich mit der Verwirrung der Zustand in Lindners Kopf und Herzen immer herrlicher erhob und bald durch den ganzen Körper zu fließen begann, war das zuviel. Er packte seinen Kopf, schüttelte ihn zwischen den Fäusten, sprang von seinem Stuhl auf, stieß drei »Nein!« hervor und sagte beinahe schreiend das erstbeste Gebet her, das ihm einfiel, worauf endlich der Zauber verschwand, und der tödlich erschrockene zukünftige Lehramtskandidat ins Bett flüchtete.
Bald danach legte er die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab und bezog die Universität. Er fühlte nicht die innere Berufung zum geistlichen Stand in sich – die er übrigens, törichten Fragen Agathens zu antworten, während seines ganzen Lebens niemals empfand – und war zu jener Zeit nicht einmal ganz und ohne Anfechtung gläubig, denn auch ihn suchten die Zweifel heim, die keinem werdenden Verstand erspart bleiben. Aber der tödliche Schreck über die religiösen Kräfte, die er in sich berge, ging ihm sein Leben lang nicht mehr verloren. Je länger es her war, desto weniger glaubte er natürlich, daß wirklich Gott zu ihm gesprochen habe, und begann darum die Phantasie als eine zügellose Macht zu fürchten, die leicht zu geistiger Umnachtung führen kann. Auch sein Pessimismus, dem der Mensch überhaupt als bedrohtes Wesen erschien, gewann an Tiefe, und so war sein Beschluß, Pädagoge zu werden, einesteils wohl der Beginn einer sozusagen posthumen Erziehung der Schulkameraden, die ihn gequält hatten, andernteils aber auch der einer Erziehung des bösen Geistes oder irregulären Gottes, der möglicherweise noch in der Höhle seiner Brust hauste. Aber war es ihm somit unklar, bis zu welchem Grade er gläubig sei, so wurde ihm doch rasch klar, daß er ein Gegner der Ungläubigen sei, und er erlernte es, mit Überzeugung zu denken, daß er überzeugt sei und daß man überzeugt zu sein habe. Er lernte an der Universität auch umso eher die Schwächen des der Freiheit überlassenen Geistes erkennen, als ihm nur in bescheidenem Maße bekannt war, wie sehr den schöpferischen Kräften die Bedingung der Freiheit angeboren ist.
Es ist schwer, von diesen Schwächen das Maßgebliche in wenigen Worten zu sagen. Man könnte es zum Beispiel darin sehen, daß die großen Gedankengebäude der selbständigen philosophischen Welterklärung, deren letzte zwischen den Mitten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts errichtet worden sind, von den Veränderungen des Lebens, vornehmlich aber von den Ergebnissen des Denkens und der Erfahrung selbst, unterhöhlt worden sind; ohne daß die Fülle der neuen, von den Wissenschaften fast mit jedem Tag ans Licht gebrachten Erkenntnisse zu einer neuen, festen, wenn auch abwartenden, menschlichen Gesinnung geführt hätte, ja auch ohne daß sich der Wille dazu ernst und öffentlich genug regte, so daß der Reichtum der Kenntnisse fast ebenso bedrückend wie beglückend geworden ist. Man kann aber auch ganz allgemein davon ausgehen, daß sich ein außerordentliches Gedeihen von Besitz und Bildung bis zu einem schleichenden Notstand gesteigert hatte, der nicht gar lange nach diesem Tag, da Lindner, zu seiner Erholung von dem anstrengenderen Teile seiner Lebenserinnerungen, über die Irrtümer der Welt nachdachte, von dem ersten Vernichtungsschlag unterbrochen werden sollte. Denn angenommen, daß jemand 1871, dem Jahre der Geburt Deutschlands, auf die Welt gekommen sei, so hätte er schon mit einigen dreißig Jahren gewahren können, daß sich während seines Daseins die Länge der Eisenbahnen in Europa verdreifacht und auf der ganzen Erde mehr als viermal vergrößert habe, der Postverkehr sich auf das dreifache ausgedehnt, die Telegrafenlinien es gar auf das siebenfache getan hätten; und auch vieles andere hatte sich in demselben Sinne entwickelt. Der Wirkungsgrad der Kraftmaschinen war von 50 auf 90 v. H. gesteigert worden; die Petroleumlampe war in dieser Zeit der Reihe nach durch Gasbeleuchtung, Auerlicht und Elektrizität, die immer neue Beleuchtungsarten hervorbringt, ersetzt worden; das Pferdegespann, das jahrtausendelang seinen Platz gehalten hatte, durch den Kraftwagen; und die Flugmaschinen waren nicht nur in die Welt getreten, sondern auch schon aus den Kinderschuhen. Auch die durchschnittliche Lebensdauer hatte sich, dank der Fortschritte der Medizin und Hygiene, auffallend gehoben, und die Beziehungen zwischen den Völkern wurden seit der letzten kriegerischen Auseinandersetzung zusehends milder und vertrauensvoller. Der Mensch, der das miterlebte, konnte wohl glauben, daß es nun endlich zu dem lange erwarteten dauernden Fortschritt der Menschheit gekommen sei, und wer möchte das nicht als angemessen erachten einer Zeit, in der er selbst auf der Welt ist!
Aber es scheint, daß dieser bürgerliche und seelische Wohlstand auf ganz bestimmten und keinesfalls unvergänglichen Voraussetzungen geruht hat, und man erklärt uns heute, daß es damals noch ungeheure Anbauflächen und andere natürliche Reichtümer in der Welt gegeben habe, die gerade erst in Besitz genommen worden seien; daß es wehrlose farbige Völker gegeben habe, die noch nicht beraubt waren (den Vorwurf, es zu tun, glich man durch den Gedanken aus, daß man ihnen dafür die Zivilisation schenke); und daß auch Millionen weißer Menschen vorhanden gewesen seien, die wehrlos die Kosten des industriellen und kaufmännischen Fortschritts bezahlen mußten (aber man stärkte sein Gewissen durch die feste und nicht einmal völlig unbegründete Zuversicht, daß es nach fünfzig oder hundert Jahren weiteren Fortschritts auch den Enterbten besser gehen werde als vor der Enterbung). Jedenfalls war das Füllhorn, aus dem das leibliche und geistige Gedeihen kam, so groß und unübersehbar, daß es unsichtbar wirkte und nur der Eindruck des Wachstums in allen Leistungen übrig blieb; und es ist heute schier unmöglich, noch einmal begreiflich zu machen, wie natürlich es damals war, an die Dauer dieses Fortschritts zu glauben und Gedeihen und Geist für etwas zu halten, das, wie Gras, überall fortkommt, wo es nicht geradezu absichtlich ausgerottet wird.
Gegen diese Vertrauensseligkeit, diesen Gedeihniswahn, diesen verhängnisvoll frohsinnigen Freisinn besaß der blasse, unüppige und von seinem Wachstum körperlich sogar geplagte Student Lindner eine natürliche Abneigung, und es war ihm ein natürliches Ahnungsvermögen für alle Fehler und eine wache Aufnahmebereitschaft für jedes Lebenszeugnis zu eigen, das dagegen aussagte. Wohl war sein Fach nicht Volkswirtschaft, und er lernte diese Tatsachen erst später richtig würdigen; umso hellsichtiger war er aber für die andere Seite der Entwicklung und die sich dort vollziehende Fäulnis einer Gesinnung, die im Anfang den freien Handel im Namen eines freien Geistes an die Spitze der menschlichen Tätigkeiten gesetzt und dann den freien Geist dem freien Handel überlassen hat, und Lindner witterte den geistigen Zusammenbruch, der ja auch nicht ausgeblieben ist. Dieser Glaube an das Verhängnis, inmitten einer sich ihre Fortschritte behagen lassenden Welt, war die kräftigste von allen seinen Eigenschaften; aber er hätte dabei wahrscheinlich auch ein Sozialist werden können oder einer der einsamen und fatalistischen Menschen, die sich höchst ungern auf Politik einlassen, wenn sie auch voll Erbitterung wider das Ganze sind, und die den Fortbestand des Geistes sichern, indem sie in ihrem engeren Kreis auf das Rechte halten und für ihre Person das Bedeutende tun und die Kulturheilkunde den Kurpfuschern überlassen. Wenn sich Lindner also heute fragte, wie er dennoch geworden sei, der er sei, so durfte er sich die beruhigende Antwort geben, daß es genau so geschehen sei, wie man ansonsten in einen Beruf hineinkommt. Er hatte schon in der letzten Klasse des Gymnasiums einem Zirkel angehört, dessen Arbeitsplan es war, kühle, bedächtige Kritik sowohl an dem halbamtlich an der Schule bewunderten »antiken Heidentum« als auch an dem außerhalb der Schule umgehenden »modernen Geist« zu üben; in der Fortsetzung war er, abgestoßen von dem freien studentischen Treiben der Universität, einer Verbindung beigetreten, in deren Kreis, wie der Bart das Milchgesicht, bereits die Einflüsse des politischen Kampfes die harmlosen Jünglingsgespräche verdrängten; und als er so in die höheren Semester gekommen war, hatte sich an ihm schon gebieterisch die für jede Art der Gesinnung gültige Denkwürdigkeit geltend gemacht, daß die beste Stütze des Glaubens der Unglaube ist, da er, an anderen bemerkt und bekämpft, dem Gläubigen immer Gelegenheit gibt, sich eifrig zu fühlen.
Von der Stunde an, da sich Lindner entschlossen gesagt hatte, daß auch Religion vornehmlich eine Einrichtung für Menschen sei, und nicht für Heilige, hatte sich Friede über ihn gebreitet. Zwischen den Wünschen, Kind oder Diener Gottes zu sein, war für ihn die Wahl gefallen. In dem ungeheuren Palast, darin er dienen wollte, gab es zwar einen innersten Raum, wo die Wunder aufbewahrt wurden und ruhten, und jeder dachte bei Gelegenheit daran, aber in diesem Heiligtum hielt sich keiner seiner Diener dauernd auf, sondern sie lebten alle nur davor, ja es wurde ängstlich vor der Zudringlichkeit Unberufener geschützt, mit der man nicht gerade die besten Erfahrungen gemacht hat. Das sagte Lindner ungemein zu. Er schied zwischen Überhebung und Erhebung. Der Vorzimmerbetrieb, in seinen würdigen Formen und voll seiner hundertfach abgestuften Tätigkeiten und Angestellten, erfüllte ihn mit Bewunderung und Ehrgeiz; und die Außenarbeit, der er sich nun selbst unterzog, die Einflußnahme auf das moralische, politische und erzieherische Vereinswesen und die Durchdringung der Wissenschaft mit religiösen Grundsätzen, enthielt Aufgaben, für die er nicht ein, sondern tausend Leben hätte verbrauchen können, schenkte ihm dafür aber auch jene dauernde Bewegung bei innerer Unveränderlichkeit, die das Glück der seligen Geister ist: wenigstens meinte er das, in zufriedenen Stunden, vielleicht verwechselte er es aber mit dem Glück der politischen Geister. Und so trat er von da an in Vereine ein, schrieb Broschüren, hielt Vorträge, besuchte Versammlungen, knüpfte Beziehungen an, und ehe er die Universität verlassen hatte, war aus dem Rekruten der gläubigen Bewegung ein junger Mann geworden, der in der Offiziersliste evident gehalten wurde und einflußreiche Gönner besaß.
Eine Persönlichkeit mit so breiter Grundlage und so geläuterter Höhe hatte es also wahrhaftig nicht nötig, sich von der vorlauten Kritik einer jungen Frau einschüchtern zu lassen, und als Lindner zur Gegenwart zurückkehrte, zog er die Uhr und stellte fest, daß Agathe noch immer nicht da sei, obwohl es fast schon an der Zeit war, daß Peter zurückkehren konnte. Trotzdem schlug er noch einmal das Klavier auf, und wenn er sich auch nicht der Unberechenbarkeit des Gesanges auslieferte, so ließ er doch sein Auge wiederholend über die Worte des Lieds wandern und begleitete sie mit leisem Flüstern. Dabei wurde er zum erstenmal gewahr, daß er sie falsch betone, viel zu gefühlvoll, und nicht im Einklang mit der bei allem Liebreiz strengen Musik. Er sah einen Jesusknaben vor sich, der »irgendwie von Murillo« war, das heißt, auf eine sehr unbestimmte Art außer den schwarzen Kirschenaugen auch die malerischen Lumpen der älteren Bettlerknaben dieses Meisters besaß, so daß er mit dem Gottessohn und Erlöser gerade nur das rührend Vermenschlichte gemein hatte, dieses aber offenbar recht übertrieben und eigentlich geschmacklos. Es machte auf ihn einen unangenehmen Eindruck und flocht nun wieder Agathe in seine Gedanken ein, denn er entsann sich, sie hätte einmal ausgerufen, es wäre wirklich nichts so merkwürdig, wie daß der Geschmack, der die gotischen Dome und Passionen hervorgebracht habe, durch einen Geschmack abgelöst worden sei, dem heute Papierblumen, Perlenstickereien, gezackte Deckchen und eine süßliche Sprache gefielen, so daß der Glaube geschmacklos geworden wäre und die Gabe, das Unerfaßliche duften und schmecken zu machen, fast nur noch unter ungläubigen oder zweifelhaften Menschen bewahrt würde! Lindner sagte sich, daß Agathe »eine ästhetische Natur« sei, und das bedeutete etwas, das an den Ernst der Volkswirtschaft und der Moral nicht heranreicht, in einzelnen Fällen aber sehr anregend sein kann, und zu ihnen gehörte auch dieser. Denn Lindner hatte die Erfindung der Papierblumen bisher schön und sinnig gefunden, entschied sich aber plötzlich, einen Strauß von ihnen, der auf dem Tische stand, dort zu entfernen, und versteckte ihn einstweilen hinter seinem Rücken.
Es war beinahe unwillkürlich geschehn, und er war ein wenig bestürzt ob dieser Handlung; stand aber dabei unter dem Eindruck, er wüßte über die von Agathe beobachtete »Merkwürdigkeit«, bei der sie es hatte bewenden lassen, wohl eine Erklärung abzugeben, die sie nicht von ihm erwartete. Ein Apostelwort fiel ihm ein: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle!« Und mit gerunzelter Stirn zu Boden blickend, bedachte er, daß nun schon seit vielen Jahren alles, was er tue, in Beziehung zur ewigen Liebe stehe. Er gehörte einer wunderbaren Liebesgemeinschaft an – und gerade das unterschied ihn von einem gewöhnlichen Intellektuellen –, worin nichts geschah, dem sich nicht, und mochte es auch noch so irdisch bedingt und getan sein, eine allegorische Beziehung zum Ewigen hätte geben lassen, ja dem diese Beziehung nicht als tiefste Bedeutung eingewohnt hätte, mochte das Bewußtsein davon auch nicht immer blank geputzt sein. Es besteht aber ein mächtiger Unterschied zwischen der Liebe, die man als Überzeugung besitzt, und der Liebe, die einen besitzt; ein Unterschied an Frische, mochte er sagen, wenn auch gewiß der zwischen geläutertem Wissen und trüber Turbulenz gleichfalls zu Recht bestand. Lindner zweifelte nicht daran, daß die geläuterte Überzeugung höher zu stellen sei; aber je älter sie ist, umsomehr läutert sie sich, das heißt, sie befreit sich von den Unregelmäßigkeiten des Gefühls, das sie erzeugt hat; und allmählich bleibt von diesen Leidenschaften nicht einmal mehr die Überzeugung übrig, sondern nur noch die Bereitschaft, sich jederzeit, wenn man sie braucht, ihrer erinnern und bedienen zu können. Und das mag erklären, warum die Werke des Gefühls abdorren, wenn sie nicht aus unmittelbarer Liebeserfahrung noch einmal erfrischt werden.
Mit solchen beinahe ketzerischen Erwägungen war Lindner beschäftigt, als plötzlich die Glocke schrillte.
Er zuckte mit den Achseln, schloß das Klavier wieder zu und entschuldigte sich bei sich selbst mit den Worten: »Das Leben braucht nicht nur Beter, sondern auch Arbeiter!«

57.
Die Wirklichkeit und die Ekstase

Agathe hatte die Aufzeichnungen ihres Bruders nicht zu Ende gelesen, als sie zum zweitenmal seine Schritte auf dem kiesbestreuten Weg unter den Fenstern vernahm, und diesmal so wirklich, daß es jede Täuschung ausschloß. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit, die sich darbieten werde, wieder in sein Versteck einzudringen, ohne daß er es wisse; denn so fremd ihrem Wesen diese Art zu überlegen auch war, wollte sie doch sie kennenlernen und verstehen. Auch war ein wenig Rache dabei, und sie wollte Heimliches mit Heimlichem vergelten; darum mochte sie nicht überrascht werden. So ordnete sie hastig die Blätter, legte sie zurück und verwischte jede Spur, die ihre Mitwisserschaft hätte verraten können. Ein Blick nach der Uhr sagte ihr außerdem, daß sie längst das Haus hätte verlassen sollen und anderswo wahrscheinlich schon gereizt erwartet würde, wovon nun freilich wieder Ulrich nichts wissen durfte. Dieses doppelte Maß, das sie anwandte, machte sie plötzlich lächeln. Sie wußte, daß ihr eigener Mangel an Offenheit der Treue nicht wirklich Abbruch tat; und daß er überdies viel schlimmer war als der Ulrichs, diese natürliche Genugtuung ließ sie merklich versöhnt von ihrer Entdeckung scheiden.
Als ihr Bruder wieder sein Arbeitszimmer betrat, fand er sie darin nicht mehr vor, wunderte sich aber auch nicht darüber. Er hatte endlich zurückgefunden, nachdem ihm die Personen und Verhältnisse, von denen die Rede gewesen war, so lebhaft den Kopf erfüllt hatten, daß er nach Stumms Abfahrt noch eine Weile im Garten umhergewandert war. Ein rasch getrunkenes Glas Wein kann nach langer Entbehrung eine ähnliche, bloß angeheiterte Lebendigkeit bewirken, hinter deren buntem Szenenwechsel man finster und unberührt verharrt; und so war es ihm denn auch nicht einmal in den Sinn gekommen, daß die Personen, an deren Schicksal er scheinbar wieder so lebhaft Anteil nahm, nicht gar weit von ihm wohnten und alsbald zu erreichen gewesen wären. Die wirkliche Beziehung zu ihnen war gelähmt geblieben wie ein durchschnittener Muskel.
Immerhin machten einige Erinnerungen davon eine Ausnahme und hatten Gedanken erweckt, zu denen es Brücken des Gefühls auch jetzt noch gab, obwohl bloß sehr brüchige. So bereitete ihm das, was er als »Rückkehr des Sektionschefs Tuzzi von der Inseite des Gefühls zu dessen äußerer Behandlung« bezeichnet hatte, das tiefere Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß seine Aufzeichnungen einer Unterscheidung dieser beiden Seiten des Gefühls zustrebten. Er sah aber auch Diotima in ihrer Schönheit vor sich, die anders als die Agathes war; und es schmeichelte ihm, daß sie seiner noch gedachte, obgleich er ihr auch die Züchtigung durch ihren Gatten wieder von Herzen gönnte, in den Minuten, wo dieses Herz sozusagen wieder im Fleische wandelte. Er entsann sich nun von allen mit ihr geführten Gesprächen gerade des einen, worin sie es als nicht unmöglich hingestellt hatte, daß in der Liebe okkulte Kräfte entstünden; es war ihre Liebe zu dem reichen Mann, der auch Seele haben wollte, die ihr das eingab, und so dachte er nun auch an Arnheim. Ulrich war ihm noch die Antwort auf das gefühlvolle Angebot schuldig, das ihm Einfluß auf das wirkende Leben verschaffen sollte, und fragte sich deshalb, was wohl aus dem ebenso großmütigen und nicht minder unbestimmten Heiratsantrag geworden sein möge, der einst Diotima berauscht hatte. Wahrscheinlich das gleiche; Arnheim würde sein Wort halten, wenn man ihn daran erinnerte, hatte aber nichts dagegen, daß man es vergaß. Die höhnische Spannung, die bei der Erinnerung an Diotimas Höchstzeit in seinem Gesicht hervorgetreten war, milderte sich wieder. Es wäre eigentlich ganz anständig von ihr, daß sie Arnheim nicht festhielte, dachte er. Eine vernünftig sprechende Stimme in ihrem übervölkerten Inneren. Sie hätte zuweilen nüchterne Anwandlungen, wo sie sich von allem Höheren verlassen fühle, und wäre dann ganz nett. Irgendeine kleine Zuneigung inmitten aller Abneigung hatte Ulrich immer für sie gefühlt und wollte nun nicht ausschließen, daß sie endlich selbst bemerkt habe, welch lächerliches Paar sie mit Arnheim abgab: sie bereit, das Opfer des Ehebruchs zu bringen, Arnheim das Opfer der Heirat, so daß sie wieder nicht zusammenkamen und sich schließlich etwas Himmlisch-Unerreichbares einredeten, um sich des Erreichbaren zu überheben. Als ihm aber Bonadeas Erzählung von der Liebesschule Diotimas einfiel, sagte er sich am Ende, sie wäre doch eine unbehagliche Person und nichts schlösse aus, daß sie ihre gesamte Liebeskraft einmal auch noch auf ihn werfen könnte.
So ungefähr hatte Ulrich seine Gedanken nach dem Gespräch mit Stumm weiterlaufen lassen, und es war ihm vorgekommen, so müßten wohlbeschaffene Menschen denken, wenn sie sich auf herkömmliche Art miteinander beschäftigten; ihm selbst aber war es ganz ungewohnt geworden.
Und als er das Haus betreten hatte, war alles das ins Nichts verschwunden. Er zögerte einen Augenblick, wieder vor seinem Schreibtisch stehend, und ließ seine Aufzeichnungen durch die Finger gleiten. Er überlegte. In seinen Papieren schlossen sich an die begriffliche Darlegung des Gefühls gleich einige Bemerkungen über ekstatische Zustände an, und er fand diesen Platz richtig. Ein Verhalten, das ganz unter der Herrschaft eines einzelnen Gefühls stand, wie er es gelegentlich erwähnt hatte, war doch wohl schon ein ekstatisches. Dem Zorn oder der Angst Verfallensein ist eine Ekstase. Die Welt vor den Augen eines einzelnen, der nur Rot oder nur Bedrohung sieht, hält freilich nicht lange vor, man spricht darum auch nicht von einer Welt, sondern nur von Eingebungen und Täuschungen; wenn aber Massen ihr erliegen, entstehen Halluzinationen von furchtbarer Kraft und Ausdehnung.
Eine andere Ekstase, die er auch schon angedeutet hatte, war die der höchsten Gefühlsgrade. Werden diese erreicht, so ist das Handeln nicht mehr einseitig, sondern wird im Gegenteil unsicher, ja oft widersinnig; die Welt verliert in einer Art kalter Glut ihre Farben; und das Ich geht verloren bis auf die leere Hülle. Dieses Hören-und-Sehen-Vergehn ist ja wohl eine verarmende Ekstase – übrigens ist jeder verzückte Seelenzustand ärmer an Mannigfaltigkeit als der gewöhnliche – und wichtig wird es nur durch seine Verbindung mit der orgiastischen Ekstase, der rasenden Verzückung, oder mit dem Zustand unerträglicher körperlicher Anstrengungen, verbissener Willensäußerungen, schwerer Qualen, zu denen allen es den letzten Teil bilden kann. Ulrich hatte der Kürze wegen die überquellende und die versiegende Form des Sichverlierens in diesen Beispielen zusammengeworfen, und das nicht ohne Recht; denn wenn der Unterschied von anderem Gesichtspunkt auch ganz bedeutend war, so wuchs er doch in Hinblick auf die letzten Äußerungen fast zu. Der orgiastisch Entzückte springt in sein Verderben wie in ein Licht, und Zerreißen oder Zerrissenwerden sind ihm lodernde Liebesgeschehnisse und Freiheitstaten, ähnlich wie sich, bei aller Verschiedenheit, der tief Ermüdete und der tief Verbitterte in sein Unheil fallen läßt und in diesem letzten Geschehnis die Erlösung, also auch etwas empfängt, das von Freiheit und Liebe versüßt wird. So verschmelzen Tun und Erleiden in den höchsten Graden, wo sie noch erlebt werden.
Diese Ekstasen der Alleinherrschaft und der Krisis eines Gefühls sind aber natürlich mehr oder minder bloß Gedankenbilder, und die wirklichen Ekstasen – mögen es die mystischen, die kriegerischen, die von Liebesoder anderen enthusiastischen Gemeinschaften sein – haben immer eine Gruppe untereinander verwandter Gefühle zur Voraussetzung und entstehen aus einem Ideenkreis, der diese wiederspiegelt. In wenig fester, sich gelegentlich verhärtender und gelegentlich wieder auflösender Form sind solche unwirkliche, im Sinn von besonderen Ideen- und Gefühlsgruppen gestaltete Weltbilder (als Weltanschauung, als persönlicher Pips) im Alltag so häufig, daß die meisten von ihnen gar nicht als Ekstasen angesehen werden, obwohl sie deren Vorzustand ungefähr auf die gleiche Art sind, wie ein feuersicheres Zündholz in seiner Schachtel den Vorzustand eines brennenden Zündholzes bedeutet.
An letzter Stelle hatte Ulrich dann noch vorgemerkt, daß ein seinem Wesen nach ekstatisches Weltbild auch dann entsteht, wenn das Gefühl und die ihm dienenden Ideen schlechthin der Nüchternheit und der Überlegung vorangestellt werden; es ist das schwärmerische, das gefühlvolle Weltbild, das enthusiastische Leben, das es zuzeiten in der Literatur, und wahrscheinlich in größeren oder kleineren Lebensgemeinschaften teilweise auch wirklich, gegeben hat. Nun fehlte in dieser Aufzählung freilich gerade das, was Ulrich am wichtigsten war, die Anführung des einen und einzigen Seelen- und Weltzustands, den er für eine Ekstase hielt, die der Wirklichkeit ebenbürtig sein könnte; aber seine Gedanken drängten jetzt vom Gegenstand ab, denn wenn er sich über die Würdigung dieser verführerischesten Ausnahme schlüssig werden wollte, war es unbedingt nötig – und wurde ihm auch dadurch nahegelegt, daß er in unsicherem Wechsel bald von einer Welt, bald bloß von einem Weltbild der Ekstase gesprochen hatte – zuvor die Beziehung kennen zu lernen, die zwischen unserem Gefühl und der wirklichen, das ist der Welt besteht, der wir, im Gegensatz zu den Illusionen der Ekstase, diese Geltung zusprechen.
Die Maße, mit denen wir diese Welt ermessen, sind aber die der Erkenntnis, und die Bedingungen, unter denen das geschieht, sind gleichfalls die ihren. Das Erkennen aber hat – mag auch die feinere und feinste Darlegung seiner Grenzen und Rechte dem Verstand recht große Schwierigkeiten in den Weg stellen – gerade im Verhältnis zum Gefühl eine leicht zu gewahrende und bezeichnende Eigentümlichkeit, nämlich die, daß wir, um zu erkennen, unsere Gefühle möglichst beiseite lassen müssen. Wir schalten sie aus, um »objektiv« zu sein, oder versetzen uns in einen Zustand, worin sich die verbleibenden Gefühle gegenseitig unwirksam machen, oder überlassen uns einer Gruppe kühler Gefühle, die, mit Vorsicht behandelt, dem Erkennen selbst förderlich sind. Was wir in diesem nüchternen Zustand erkennen, ziehen wir zum Vergleich heran, wenn wir in anderen Fällen von »Täuschungen« durch das Gefühl sprechen; und somit ist ein Nullzustand, ein Neutralisationszustand, kurz ein bestimmter Gefühlszustand, die stillschweigende Voraussetzung der Erfahrungen und Denkvorgänge, mit deren Hilfe wir das, was uns andere Gefühlszustände vorspiegeln, bloß für subjektiv halten. Eine jahrtausendelange Erfahrung hat bestätigt, daß wir noch am ehesten befähigt sind, der Wirklichkeit dauernd zu genügen, wenn wir uns immer wieder in diesen Zustand versetzen, und daß seiner auch bedarf, wer beileibe nicht bloß erkennen, sondern handeln will. Vermag doch nicht einmal ein Faustkämpfer der Objektivität zu entbehren, die in seinem Fall »ruhig Blut bewahren« heißt, und darf zwischen den Seilen so wenig zornig werden, wie er mutlos werden darf, wenn er nicht den kürzeren ziehen will! Auch unser fühlendes Verhalten hängt also, wenn es der Wirklichkeit angepaßt ist, nicht nur von den Gefühlen ab, die uns gerade bewegen, oder von ihren triebhaften Untergründen, sondern zugleich von dem dauernden und wiederkehrenden Gefühlszustand, der das Verstehen der Wirklichkeit gewährleistet und gewöhnlich so wenig sichtbar wird wie die Luft, in der wir atmen.
Diese persönliche Entdeckung eines gewöhnlich weniger berücksichtigten Zusammenhangs hatte Ulrich zu weiterem Nachdenken über das Verhältnis des Gefühls zur Wirklichkeit verführt. Man muß hier zwischen den Sinneswahrnehmungen und den Gefühlen einen Unterschied machen. Auch jene »täuschen«, und bekanntlich ist weder das sinnliche Bild der Welt, das sie uns darstellen, die Wirklichkeit selbst, noch ist das gedankliche Bild, das wir aus ihm erschließen, unabhängig von der menschlichen Geistesart, wenngleich es unabhängig von der persönlichen ist. Aber obwohl keinerlei greifbare Ähnlichkeit zwischen der Wirklichkeit und selbst dem genauesten Vorstellungsbild besteht, das wir von ihr besitzen, ja eher ein unausfüllbarer Abgrund an Unähnlichkeit, und obwohl wir das Original nie zu Gesicht bekommen, vermögen wir doch auf eine verwickelte Weise zu entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen dieses Bild richtig sei. Anders bei den Gefühlen; denn diese geben, um in der gleichen Ausdrucksweise zu bleiben, auch schon das Bild falsch, und doch erfüllen sie damit ebensogut die Aufgabe, uns in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu halten, bloß tun sie es auf eine andere Weise. Vielleicht hatte diese Forderung, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu bleiben, eine besondere Anziehungskraft auf Ulrich, aber sie bedeutet gleichwohl schlechthin auch das Merkmal alles dessen, was sich im Leben behauptet; und darum leitet sich von ihr eine vorzügliche abkürzende Formel und Probe dessen her, ob das Bild, das uns Wahrnehmung und Verstand von etwas geben, richtig und wahr sei, wenngleich diese Formel nicht alles erschöpft: wir verlangen, daß die Folgen aus dem geistigen Bild, das wir uns von der Wirklichkeit gemacht haben, mit dem gedanklichen Bild der Folgen übereinstimmen, die in Wirklichkeit eintreten, und nur dann halten wir ein Verstandesbild für richtig. Im Gegensatz dazu ließe sich von den Gefühlen sagen, daß sie die Aufgabe übernommen haben, uns dauernd in Irrtümern zu erhalten, die einander dauernd aufheben.
Und doch ist das nur die Folge einer Arbeitsteilung, bei der sich das von den Sinneswerkzeugen bediente Empfinden und die von ihm recht beeinflußten Denkvorgänge entwickelt, und kurz gesagt, zu Erkenntnisquellen entwickelt haben, während dem Bereich der Gefühle die Rolle des mehr oder minder blinden Antreibers übriggeblieben ist; denn in der Urzeit waren sowohl unsere Gefühle als auch unsere Sinnesempfindungen in der gleichen Wurzel vereinigt, nämlich in einem das ganze Geschöpf beteiligenden Verhalten, wenn es ein Reiz getroffen hatte; die später hinzugekommene Arbeitsteilung läßt sich noch heute zutreffend mit den Worten ausdrücken, daß die Gefühle das ohne Erkenntnis tun, was wir mit Erkenntnis täten, wenn wir ohne einen anderen Antrieb als Erkenntnis überhaupt etwas täten! Könnte man lediglich ein Bild des fühlenden Verhaltens entwerfen, so müßte es dieses sein: wir nehmen von den Gefühlen an, daß sie das richtige Bild der Welt verfärben und verzerren und es falsch darstellen. Sowohl die Wissenschaft als auch das alltägliche Verhalten zählen das Gefühl zu den »Subjektivitäten«; sie setzen voraus, daß es bloß »die Welt, die wir sehen«, verändere, denn sie rechnen damit, daß sich ein Gefühl nach einiger Zeit verflüchtigt und daß die von ihm am Anblick der Welt bewirkten Veränderungen vergehen, sodaß »die Wirklichkeit« sich über kurz oder lang wieder »durchsetzt«.
Ulrich war nicht im mindesten gesonnen, die Erkenntnis für einen Irrtum oder die Welt für eine Täuschung zu halten, doch schien es ihm zulässig zu sein, daß man nicht nur von einem veränderten Weltbild, sondern auch von einer anderen Welt spreche, wenn statt des Fühlens, das der Anpassung an die Wirklichkeit dient, ein anderes vorherrscht. Diese Welt wäre »unwirklich« in dem Sinne, daß ihr fast jede Sachlichkeit fehlte; es gäbe in ihr keine der Natur angepaßten Vorstellungen, Berechnungen, Entscheidungen und Handlungen, und es könnten Zerwürfnisse unter Menschen vielleicht längere Zeit ausbleiben, wären aber, einmal vorhanden, kaum zu heilen. Aber schließlich wäre das nur dem Grade nach anders als in unserer Welt, und über die Möglichkeit entscheidet nur die Frage, ob eine unter solchen Bedingungen stehende Menschheit noch lebensfähig bliebe und eine gewisse Stetigkeit im Kommen und Gehn der Zugriffe der Außenwelt und in ihrem eigenen Verhalten erzielen könnte. Und es läßt sich vieles aus der Wirklichkeit entfernt oder durch anderes ersetzt denken, ohne daß in der so entstehenden Welt nicht noch Menschen leben könnten. Es ist vieles der Wirklichkeit fähig und weltfähig, was in einer bestimmten Wirklichkeit und Welt nicht vorkommt.
Nachdem Ulrich das geschrieben hatte, war er nicht gerade zufrieden damit, denn er mochte nicht haben, daß es so aussehe, als wären alle diese möglichen Wirklichkeiten gleichberechtigt. Er stand auf und durchwanderte sein Zimmer. Es fehlte noch etwas von der Art einer Unterscheidung zwischen »Wirklichkeit« und »voller Wirklichkeit« oder der Unterscheidung zwischen »Wirklichkeit für jemand« und »wirklicher Wirklichkeit« oder, mit anderen Worten, es fehlte eine Ausführung der Rangunterschiede des Anspruches auf Wirklichkeits- und Weltgeltung und eine Begründung dessen, daß wir für das, was uns unter allen Umständen als wirklich und wahr gilt, einen von ausführbaren Bedingungen abhängigen Vorrang vor dem beanspruchen, was nur unter besonderen Umständen gilt. Denn einerseits findet sich ja auch ein Tier trefflich in der Wirklichkeit zurecht, und weil es das gewiß nicht in völliger seelischer Finsternis tut, muß selbst in ihm etwas sein, das den menschlichen Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit entspricht, ohne daß es mit ihnen auch nur die geringste Ähnlichkeit deshalb haben müßte; und anderseits besitzen ja auch wir nicht die wahre Wirklichkeit, sondern können bloß in einem unendlichen Vorgang unsere Vorstellungen von ihr verbessern, während wir im Drang des Lebens sogar Vorstellungen von recht verschiedener Tiefe nebeneinander benutzen, wie es Ulrich selbst im Verlauf dieser Stunde am Beispiel eines Tisches und einer schönen Frau vorgefunden hatte. Nachdem er sich das aber ungefähr so überlegt hatte, war Ulrich auch aus seiner Unruhe wieder ledig und beschloß, daß es genug sei; denn was immer da noch gesagt werden konnte, war nicht ihm vorbehalten und auch nicht dieser Stunde. Er überzeugte sich bloß noch einmal davon, daß in seiner Abfassung voraussichtlich nichts gegen eine genauere Ausführung verstieße, und schrieb ehrenhalber einige Worte auf, die in die Richtung des Fehlenden wiesen.
Und als das geschehen war, unterbrach er seine Tätigkeit vollends, sah aus dem Fenster in den Garten, der da im Spätnachmittagslicht lag, und ging sogar für eine Weile hinab, um seinen Kopf der Luft auszusetzen. Er zagte fast davor, daß er jetzt entweder zuviel oder zuwenig behaupten könnte; denn was seiner wartete, damit er es niederschreibe, dünkte ihn wichtiger als alles andere.

58.
Ulrich und die zwei Welten des Gefühls

»Womit beginne ich am günstigsten?« fragte sich Ulrich hin und her wandernd im Garten, während ihn bald die Sonne an Gesicht und Händen brannte, bald der Schatten kühlende Blätter darauf legte. »Soll ich gleich damit anfangen, daß jedes Gefühl auf zweierlei Weise in der Welt ist und den Ursprung von zwei Welten in sich trägt, die so verschieden sind wie Tag und Nacht? Oder tue ich besser daran, daß ich an die Bedeutung anknüpfe, die das ernüchterte Gefühl für unser Weltbild hat, und dann auf umgekehrtem Wege zu dem Einfluß komme, den unser aus Handeln und Wissen geborenes Weltbild auf das Bild ausübt, das wir uns von unseren Gefühlen machen? Oder soll ich sagen, daß es schon Ekstasen gewesen sind, was ich andeutend als Welten beschrieben habe, in denen sich die Gefühle nicht gegenseitig aufheben?« Aber während er sich noch diese Fragen stellte, entschied es sich schon, daß er mit allem gleichzeitig begann; denn der Gedanke, um den ihm so bangte, daß er das Schreiben unterbrochen hatte, war so beziehungsreich wie eine alte Freundschaft, und es ließ sich gar nicht mehr sagen, wie oder wann er entstanden sei. Während seiner ordnenden Beschäftigung war Ulrich diesem Gedanken immer näher gerückt – und er hatte sie auch nur seinetwegen aufgenommen gehabt –, aber nun, wo er ans Ende gekommen war, mußte sich hinter zerteilten Nebeln Klarheit oder Leere zeigen. Es war kein angenehmer Augenblick, als er die ersten Worte fand, bei denen es verbleiben sollte: »Es stecken in jedem Gefühl zwei grundverschiedene Entfaltungsmöglichkeiten, die gewöhnlich zu einer verschmelzen; sie können aber auch einzeln zur Geltung kommen, und vornehmlich geschieht das in der Ekstase!«
Er nahm sich vor, sie fürs erste die äußere und die innere Entfaltung zu nennen, und sie von der harmlosesten Seite zu betrachten; es standen ihm eine Menge Beispiele dafür zur Verfügung: Gefallen, Liebe, Zorn, Mißtrauen, Großmut, Ekel, Neid, Verzagtheit, Angst, Begehren…, und er ordnete sie in Gedanken zu einer Reihe. Dann bildete er eine zweite Reihe: Wohlgesinntheit, Zärtlichkeit, Gereiztheit, Argwohn, Gehobenheit, Ängstlichkeit, Sehnsucht, der nur die Glieder fehlten, für die er keinen Namen fand, und verglich die beiden Reihen. Die eine enthielt bestimmte Gefühle, wie sie zumal durch ein bestimmtes Zusammentreffen in uns erregt werden, die andere enthielt unbestimmte Gefühle, die am stärksten sind, wenn man nicht weiß, was sie erregt hat; und doch waren es beidemal die gleichen Gefühle, hier in einem allgemeinen, dort in einem besonderen Zustand. »Ich werde also sagen, daß an jedem Gefühl eine Entwicklung zur Bestimmtheit und eine zur Unbestimmtheit zu unterscheiden ist« dachte Ulrich. »Besser ist es aber, wenn ich zuvor gleich alle Unterschiede aufzeichne, die damit verbunden sind.«
Er hätte die meisten von ihnen im Schlaf aufsagen können, aber sie werden jedem geläufig erscheinen, wenn er für die »unbestimmten Gefühle«, aus denen Ulrich die zweite Reihe gebildet hatte, das Wort Stimmungen gebraucht, obwohl es Ulrich nicht ohne Absicht mied. Denn unterscheidet man zwischen Gefühl und Stimmung, so ist leicht zu bemerken, daß das »bestimmte Gefühl« allemal einem Etwas gilt, einer Lebenslage entspringt, ein Ziel hat und sich in einem mehr oder minder eindeutigen Verhalten ausdrückt, wogegen eine Stimmung von alledem ungefähr das Gegenteil zeigt: sie ist umfassend, ziellos, ausgebreitet, untätig, enthält bei aller Deutlichkeit etwas Unbestimmtes und ist bereit, sich auf jeden Gegenstand zu ergießen, ohne daß etwas geschieht und ohne daß sie sich dabei ändert. So entspricht dem bestimmten Gefühl ein bestimmtes Verhalten zu etwas und dem unbestimmten ein allgemeines, ein Verhalten zu allem, und das eine zieht uns ins Geschehen, während uns das andere bloß hinter einem farbigen Fenster daran teilnehmen läßt.
Bei diesem Unterschied, wie sich bestimmte und unbestimmte Gefühle zur Welt verhalten, verweilte Ulrich jetzt einen Augenblick. Er sagte sich: »Ich werde dies anfügen: Wenn sich ein Gefühl zur Bestimmtheit entwickelt, spitzt es sich gewissermaßen zu, es verengt seine Bestimmung und endet schließlich außen und innen wie in einer Sackgasse; es führt zu einer Handlung oder zu einem Beschluß, und wenn es darin auch nicht aufhört zu sein, so geht es doch später so verändert weiter wie Wasser hinter der Mühle. Entwickelt es sich hingegen zur Unbestimmtheit, so hat es anscheinend gar keine Tatkraft. Aber während das bestimmt entwickelte Gefühl an ein Wesen mit greifenden Armen erinnert, verändert das unbestimmte die Welt auf die gleiche wunschlose und selbstlose Weise, wie der Himmel seine Farben, und es verändern sich in ihm die Dinge und Geschehnisse wie die Wolken am Himmel; das Verhalten des unbestimmten Gefühls zur Welt hat etwas Magisches an sich und – Gott helfe mir! – im Vergleich mit dem bestimmten etwas Weibliches!« So sagte sich Ulrich, und dann fiel ihm etwas ein, das weit verführte: denn natürlich ist es vornehmlich die Entwicklung zum bestimmten Gefühl, was die Unbeständigkeit und Hinfälligkeit des seelischen Lebens nach sich zieht. Daß man niemals den Augenblick des Fühlens festhalten kann, daß die Gefühle rascher verwelken als Blumen oder daß sie sich in Papierblumen verwandeln, wenn sie erhalten bleiben wollen, daß das Glück und der Wille, die Kunst und Gesinnung vorbeigehn, alles dieses hängt von der Bestimmtheit des Gefühls ab, die ihm auch eine Bestimmung unterschiebt und es in den Gang des Lebens zwingt, von dem es aufgelöst oder verändert wird. Dagegen ist das in seiner Unbestimmtheit und Unbegrenztheit verharrende Gefühl verhältnismäßig unveränderlich. Ein Vergleich fiel ihm ein: »Das eine stirbt wie ein Einzelwesen, das andere dauert an wie eine Art oder Gattung.« Vielleicht wiederholt sich dabei in der Einrichtung des Gefühls sogar wirklich, wenn auch sehr mittelbar, eine allgemeine Lebenseinrichtung, er vermochte es nicht abzuschätzen, hielt sich aber auch nicht damit auf, denn in der Hauptsache meinte er nun so deutlich wie noch nie zuvor zu sehen.
Er wäre jetzt bereit gewesen, auf sein Zimmer zurück zu eilen, verweilte aber doch noch ein wenig, denn er wollte zuvor den ganzen Plan im Kopf überschlagen, ehe er ihn schriftlich ausführe. »Ich habe von zwei Entwicklungsmöglichkeiten und Zuständen ein und desselben Gefühls gesprochen,« überlegte er »aber dann muß natürlich auch schon am Ursprung des Gefühls etwas sein, womit das anheben kann. Und wirklich zeigen ja auch die Triebe, die unsere Seele mit einem Leben speisen, das fast noch wie Tierblut ist, schon diese zweiteilige Anlage. Ein Trieb treibt zum Handeln, und das ist anscheinend seine Hauptaufgabe; aber er stimmt auch die Seele. Hat er noch kein Ziel gefunden, so ist sogar das unbestimmte Sich-weiten und -dehnen an ihm sehr deutlich, ja, es werden sich viele Leute finden, die gerade darin das Anzeichen eines erwachenden Triebes sehen; zum Beispiel des Geschlechtstriebs, aber natürlich gibt es auch eine Sehnsucht des Hungers und anderer Triebe. So ist im Trieb also das Bestimmte und das Unbestimmte. Ich werde hinzufügen,« dachte Ulrich »daß die leiblichen Organe, die daran beteiligt sind, daß die Außenwelt einen Affekt in uns weckt, diesen bei anderer Gelegenheit auch selbst hervorbringen können, wenn sie von innen gereizt werden; mehr braucht es gar nicht, um bis zur Ekstase zu gelangen!«
Dann besann er sich darauf, daß nach den Ergebnissen der Forschung und erst recht nach der Auslegung, die er ihnen in seinen Aufzeichnungen gab, auch anzunehmen sei, daß der Ansatz zu einem Gefühl immer auch zu einem anderen Gefühl dienen könne und daß kein solches in dem Vorgang seiner Ausgestaltung und Verfestigung jemals zu einem ganz bestimmten Ende komme. War das aber richtig, so erreichte nicht nur kein Gefühl seine volle Bestimmtheit, sondern höchst wahrscheinlich auch keines eine vollkommene Unbestimmtheit, und es gab weder ein ganz bestimmtes noch ein ganz unbestimmtes Gefühl. Und wirklich geschieht es auch fast immer, daß sich die beiden Möglichkeiten des Gefühls zu einer gemeinsamen Wirklichkeit verbinden, worin die Eigenart des einen oder des anderen bloß vorherrscht. Es gibt keine »Stimmung«, die nicht auch bestimmte Gefühle enthielte, die sich in ihr bilden und wieder auflösen; und es gibt kein bestimmtes Gefühl, das nicht wenigstens dort, wo sich von ihm sagen läßt, daß es »ausstrahle«, »erfasse«, »aus sich selbst wirke«, sich »ausdehne« oder »unmittelbar«, ohne eine äußere Bewegung, auf die Welt einwirke, die Eigenart des unbestimmten durchblicken ließe. Wohl aber gibt es Gefühle, die mit großer Annäherung dem einen oder dem anderen entsprechen.
Natürlich haftet an den Worten »bestimmt« und »unbestimmt« der Nachteil, daß auch ein bestimmtes Gefühl immer ungenügend bestimmt bleibt, und in diesem Sinne unbestimmt ist, aber das war wohl von der wesentlichen Unbestimmtheit leicht zu unterscheiden. »Es wird also nur noch auszumachen sein, warum die Eigenart des unbestimmten Gefühls, und die ganze Entwicklung zu ihr, für weniger wirklich gilt als ihr Gegenteil« dachte Ulrich. »In der Natur liegt beides. Also mag die verschiedene Bewertung wohl damit zusammenhängen, daß uns die äußere Entfaltung des Gefühls wichtiger ist als die innere oder daß uns die Richtung zur Bestimmtheit wichtiger ist als die zur Unbestimmtheit. Und unser Leben müßte wahrhaftig anders sein, als es ist, wenn dem nicht so wäre! Es ist eine nicht zu übersehende Eigentümlickeit der europäischen Kultur, daß in ihr alle naslang die ›Welt des Innern‹ für das Schönste und Tiefste erklärt wird, was das Leben birgt, desungeachtet diese innere Welt aber doch bloß als ein Anbau der äußeren behandelt wird. Und es ist geradezu das Bilanzgeheimnis dieser Kultur, wie das gemacht wird, wenn es auch ein öffentliches Geheimnis ist: Man stellt die äußere Welt und die ›Persönlichkeit‹ einander gegenüber; man nimmt an, daß die äußere Welt in einer Person innere Vorgänge erregt, die sie befähigen müssen, zweckentsprechend zu erwidern; und indem man in Gedanken diese Bahn herstellt, die von einer Veränderung der Welt durch die Veränderung einer Person wieder auf eine Veränderung der Welt führt, gewinnt man die eigentümliche Zweideutigkeit, die es uns gestattet, die Welt des Inneren als den eigentlichen menschlichen Hoheitsbereich zu ehren, und doch von ihr vorauszusetzen, daß alles, was in ihr vorgeht, zuletzt die Aufgabe habe, wieder in eine ordentliche Wirkung nach außen zu münden.«
Es fuhr Ulrich durch den Kopf, daß es lohnend sein müßte, das Verhalten der Zivilisation zur Religion und zur Kunst in diesem Sinne zu betrachten; aber es war ihm wichtiger, die Richtung, die seine Gedanken eingeschlagen hatten, beizubehalten. An die Stelle von »Welt des Innern« ließ sich auch einfach »Gefühl« setzen, denn vornehmlich hat dieses die zweideutige Stellung, daß es recht eigentlich das Innere ist, und doch zumeist wie ein Schatten des Äußeren behandelt wird; und besonders haftet das natürlich an allem, was Ulrich als die innere und unbestimmte Entfaltung des Gefühls unterscheiden zu können glaubte. Es zeigt sich schon darin, daß die Ausdrücke, in denen wir das innere Walten beschreiben, fast alle dem äußeren entnommen sind; denn offenbar übertragen wir die tätige Art des äußeren Geschehens selbst dann schon auf das anders geartete innere, wenn wir dieses als eine Tätigkeit darstellen, mag es ein Ausstrahlen oder ein Schalten, ein Ergreifen oder ähnliches sein: denn diese Bilder, der Außenwelt entnommen, sind für die Innenwelt nur darum bezeichnend und geläufig geworden, weil wir dort besserer ermangeln. Sogar die wissenschaftlichen Lehren, die das Gefühl als ein Ineinander oder als ein auf gleichem Fuße stehendes Nebeneinander von äußeren und inneren Handlungen beschrieben, machen – eben dadurch, daß sie durchwegs von einem Handeln sprechen und die Handelnsfernheit des rein Innerlichen übergehen – ein Zugeständnis an diese Gewohnheit. Und schon aus diesen Gründen ist es schier unvermeidlich, daß uns die innere Gefühlsentfaltung gewöhnlich bloß als ein Anbau der äußeren erscheint, ja als deren Wiederholung und Trübung, die sich von ihr durch weniger scharfe Formen und verwischtere Zusammenhänge unterscheidet und so eben den ein wenig vernachlässigten Eindruck eines Nebengeschehens hervorruft.
Nun steht da aber natürlich nicht bloß eine Ausdrucksweise auf dem Spiel oder ein gedanklicher Vorrang, sondern es ist das, was wir »in Wirklichkeit« fühlen, selbst hundertfältig von der Wirklichkeit abhängig, und also auch von der bestimmten und äußeren Entfaltung des Gefühls, der sich die innere und unbestimmte unterordnet, ja, von der sie gleichsam aufgesogen wird. »Auf die Einzelheiten soll es nicht ankommen,« nahm sich Ulrich vor »aber es ließe sich wohl auch an jeder von ihnen zeigen, daß nicht nur der Begriff, den wir uns von unseren Gefühlen machen, die Aufgabe hat, deren ›subjektives‹ Teil dienlich den Vorstellungen einzugliedern, die wir von der Wirklichkeit haben, sondern daß auch im Fühlen selbst die beiden Anlagen zu einem Gesamtvorgang verschmolzen sind, der auf sehr ungleiche Weise die Entfaltung nach außen und die nach innen verbindet. Mit einfachen Worten: wir sind handelnde Wesen; wir bedürfen der Sicherheit des Denkens für unser Handeln; wir bedürfen also auch eines der Neutralisation fähigen Gefühls – und unser Fühlen hat seine besondere Gestalt dadurch angenommen, daß wir es in das Bild der Wirklichkeit einordnen, und nicht das Umgekehrte, das Ekstatische tun. Eben deshalb muß in uns aber auch die Möglichkeit liegen, unser Fühlen umzukehren und unsere Welt anders zu erleben!«
Er war jetzt ungeduldig zu schreiben, und fühlte sich sicher, daß diese Gedanken auch einer ausführlicheren Prüfung standhalten müßten. Auf seinem Zimmer angelangt, machte er Licht, weil die Wände schon im Schatten lagen. Von Agathe war nichts zu hören. Einen Augenblick zauderte er, ehe er begann.
Es hemmte ihn, daß er sich entsann, in der abkürzenden Ungeduld des Planens und Entwerfens die Begriffe »Innen« und »Außen«, und wohl auch die Begriffe »Person« und »Welt«, zuletzt so gebraucht zu haben, als ob die Unterscheidung zwischen den beiden Wirksamkeiten des Gefühls mit diesen Vorstellungen übereinfiele. Dem war natürlich nicht so. Die eigenartige Unterscheidung zwischen der Anlage und Ausgestaltungsmöglichkeit zum bestimmten oder unbestimmten Gefühl, die von Ulrich gemacht wurde, durchschneidet, wenn man sie gelten läßt, die anderen Unterschiede. Sowohl nach außen und in die Welt als auch nach innen und in die Person entfaltet sich das Gefühl auf die eine und andere Art. Er sann über ein rechtes Wort dafür nach, denn die Worte »bestimmt« und »unbestimmt« gefielen ihm nicht sehr, obwohl sie bezeichnend waren. »Der ursprüngliche Erfahrungsunterschied liegt am nacktesten und doch auch am ausdrucksvollsten darin, daß es sowohl eine Äußerung des Gefühls als auch eine Innerlichkeit nach außen und innen gibt!« überlegte er und war im Augenblick zufrieden, ehe er auch diese Worte ebenso ungenügend fand wie alle anderen, von denen er noch ein Dutzend ausprobte. An seiner Überzeugung änderte das aber nichts mehr, es erschien ihm nur noch als eine Mühe bei der ihm bevorstehenden Ausführung, davon hervorgerufen, daß die Sprache nicht für diese Seite des Daseins geschaffen ist. »Wenn ich alles noch einmal prüfe und richtig finde, solle es mir nichts ausmachen, am Ende bloß immer von unserem gewöhnlichen Gefühl und unserem ›anderen‹ zu reden!« beschloß er.
Er holte lächelnd ein Buch von der Wand, worin sich ein Lesezeichen befand, und setzte vor seine eigenen Worte die folgenden fremden: »Wenn auch der Himmel, ebenso wie die Welt, einer Folge wechselnder Ereignisse unterworfen ist, so fehlt doch den Engeln jeder Begriff und jede Vorstellung von Raum und Zeit. Obwohl sich auch bei ihnen alle Vorgänge nacheinander abspielen, in völliger Übereinstimmung mit der Welt, wissen sie nicht, was Zeit bedeutet, weil im Himmel weder Jahre noch Tage, sondern Zustandsänderungen herrschen. Wo Jahre und Tage sind, herrschen Zeiten, wo Zustandsänderungen sind, Zustände. Da die Engel keine Vorstellung von der Zeit haben, wie die Menschen, so fehlt ihnen auch die Bestimmung der Zeit; sie kennen nicht einmal ihre Einteilung in Jahre, Monate, Wochen, Stunden, in morgen, gestern und heute. Hören sie einen Menschen davon reden – und Gott hat ständig den Menschen Engel zugesellt –, dann verstehen sie darunter Zustände und Zustandsbestimmungen. Der Mensch denkt aus der Zeit, der Engel aus dem Zustand; so wird die natürliche Vorstellung der Menschen bei den Engeln zu einer geistigen. Alle Bewegungsvorgänge in der geistigen Welt geschehen durch innere Zustandsänderungen. Als ich darob in Besorgnis geriet, wurde ich in die Sphäre des Himmels zum Bewußtsein der Engel erhoben und von Gott durch die Reiche des Himmels geführt und zu den Gestirnen des Weltalls geleitet, und zwar im Geiste, während mein Körper an derselben Stelle blieb. Alle Engel bewegen sich so von Ort zu Ort, deshalb gibt es für sie keine Abstände, folglich auch kei ne Entfernungen, sondern nur Zustände und Zustandsänderungen. Jede Annäherung ist eine Ähnlichkeit innerer Zustände, jede Entfernung eine Verschiedenheit; Räume im Himmel sind nichts als äußere Zustände, die den inneren entsprechen. Jeder wird in der geistigen Welt dem anderen sichtbar erscheinen, sobald er ein dringendes Verlangen nach dessen Gegenwart hat, denn dann versetzt er sich in seinen Zustand; umgekehrt wird er sich bei vorhandener Abneigung von ihm entfernen. Ebenso kommt jemand, der in seiner Gemeinschaft, in Hallen oder Gärten, seinen Aufenthalt wechselt, schneller dorthin, wenn er sich danach sehnt, und langsamer, wenn seine Sehnsucht geringer ist; das habe ich oft staunend gesehen. Und da die Engel sich keinen Begriff von der Zeit machen können, so haben sie auch eine andere Vorstellung von der Ewigkeit als die irdischen Menschen; sie verstehen darunter einen unendlichen Zustand, nicht eine unendliche Zeit.«
Ulrich hatte das einige Tage zuvor durch Zufall beim Blättern in einer Auswahlausgabe von Swedenborg aufgefunden, die er besaß, aber noch nie recht gelesen hatte; und hatte es ein wenig zusammengedrängt und so viel davon abgeschrieben, weil es ihm sehr angenehm war, diesen alten Metaphysikus und gelehrten Ingenieur – von dem übrigens Goethe, ja sogar Kant keinen geringen Eindruck empfangen hatte – so sicher vom Himmel und den Engeln reden zu hören, als wären es Stockholm und seine Bewohner. Es paßte so gut zu seiner eigenen Beschäftigung, daß sich die verbleibende, und ja auch nicht geringe, Verschiedenheit unheimlich deutlich davon abhob. Es machte ihm große Lust, an ihr festzuhalten und die in ihrer verfrühten Selbstgewißheit zwar trockenunträumerisch, doch aber schrullig wirkenden Behauptungen eines Geistersehers aus den vorsichtiger gefaßten Begriffen eines späteren Jahrhunderts auf neue Art hervorzuzaubern.
Und so schrieb er nieder, was er gedacht hatte.