MoE 4 | Zweites Buch | Fortsetzung der Druckfahnen-Kapitel 59-64

59.
Nachtgespräch

Er hatte im Zimmer ein Licht nach dem anderen angezündet, als sollten in dem erregenden Überfluß der Strahlen die Worte leichter fallen, und hatte lange Zeit eifrig geschrieben. Aber nachdem das Wichtigste geschehen war, bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß Agathe noch nicht zurückgekehrt sei, und wurde immer störender. Ulrich wußte nicht, daß sie bei Lindner war, und überhaupt nichts von diesen Besuchen; aber da dieses Geheimnis und sein Tagebuch das einzige war, was sie vor einander verbargen, konnte er mutmaßen und fast auch verstehen, was sie tat. Er nahm es nicht ernster als nötig und war eher erstaunt darüber als eifersüchtig; auch schrieb er sich und seiner eigenen Unentschlossenheit die Schuld zu, wofern sie eigene Wege ging, die er nicht billigen mochte. Trotzdem hemmte es ihn immer mehr und verminderte die zwischen den Gedanken webende Glaubensbereitschaft, daß er in dieser Stunde der Sammlung nicht einmal wisse, wo sie sei und warum sie sich verspäte. Er beschloß, sich zu unterbrechen und auch auszugehen, um sich dem entnervenden Einfluß des Wartens zu entziehn, wollte die Arbeit aber bald wieder aufnehmen. Als er das Haus verließ, fiel ihm ein, daß es ihn nicht nur am kräftigsten ablenken könnte, wenn er ein Theater aufsuchte, sondern sogar anregen müßte; und so tat er das, obwohl er nicht dafür angekleidet war. Er wählte einen unauffälligen Platz und empfand im Anfang recht stark das Vergnügen, mitten in eine Vorstellung einzutreten, die schon lebhaft im Gang ist. Es rechtfertigte, daß er gekommen war, denn dieses lebhafte Wiederspiegeln hundertfältig bekannter Gefühle, von dem das Theater unter dem Vorwand zu leben pflegt, daß es ihm einen Sinn gebe, erinnerte Ulrich an den Wert der zu Hause zurückgelassenen Aufgabe und erneute den Wunsch, den Weg zu beenden, der, von den Ursprüngen der Gefühle ausgehend, schließlich zu ihrem Sinn führen müßte. Als er wieder sein Bewußtsein den Vorgängen auf der Bühne erschloß, fiel ihm ein, daß die meisten der Schauspieler, die sich dort oben so schön wie bedeutungslos mit der Nachbildung von Leidenschaften beschäftigten, den Titel von Hofräten oder Professoren führten, denn Ulrich befand sich im Hoftheater, was dem Ganzen auch noch eine Steigerung zur Staatskomik gab. So verließ er zwar noch vor dem Ende des Stückes das Schauspielhaus, kehrte aber gleichwohl in erfrischter Laune heim.
Wieder setzte er sein Zimmer ganz unter Licht, und es bereitete ihm Vergnügen, in der durchlässigen Nachtstille seinem eigenen Schreiben zuzuhören. Diesmal hatten ihm allerhand flüchtige, ja kaum mit Bewußtsein aufgenommene Anzeichen beim Betreten des Hauses gesagt, daß Agathe wieder zurückgekehrt sei; aber als er sich nachträglich darauf besann und alles lautlos war, fürchtete er sich nachzusehen. So wurde es spät in der Nacht. Er war noch einmal im Garten gewesen, der völlig im Dunkel lag, so ungastlich, ja tödlich feindlich wie eine schwarze Wassertiefe; er hatte sich trotzdem bis zu einer Bank durchgetastet und ziemlich lange ausgeharrt. Es war schwer, auch unter diesen Umständen daran zu glauben, daß es wichtig sei, was er schreibe. Aber als er wieder im Licht saß, machte er sich daran, es zu Ende zu schreiben, soweit sein Plan diesmal reichte. Es fehlte nicht mehr viel, doch hatte er kaum damit begonnen, als ihn ein leises Geräusch unterbrach. Denn Agathe, die schon in seinem Zimmer gewesen war, als er sich noch im Theater befand, und diesen heimlichen Besuch während seines Aufenthalts im Garten wiederholt hatte, war bei seiner Rückkehr hinausgeschlüpft, hatte hinter der Türe eine kleine Weile gezögert und drückte jetzt leise deren Klinke nieder.
»Ich habe es gelesen!« eröffnete sie ihrem Bruder wie ein Schachspieler, der nach kurzer Überlegung den ersten Zug tut.
»Das hättest du, wie mir scheint, nicht tun dürfen!« erwiderte Ulrich auf die gleiche Weise.
Agathe lachte auf. »Es ist untreu von dir gewesen, daß du das vor mir verborgen hast!« behauptete sie kühn.
Ulrich hörte ihrer Stimme zu und betrachtete ihre Schönheit. »Diese Überlegungen lassen mich mehr von mir verstehen, als es zuvor viele Jahre zuwege gebracht haben« sagte er sehr ruhig.
»Und mich gehen sie nichts an?«
»Doch, auch dich geht es an!«
»Und warum tust du es dann heimlich? Warum hast du mir nie davon erzählt?«
»Warum besuchst du heimlich den Tränenmann Lindner?«
»Auch, um mich besser zu verstehen. Übrigens weint er Zornestränen.«
»Warst du auch heute bei ihm?«
»Ja.« Agathe sah ihren Bruder fest an und gewahrte den Unwillen in seinen Augen.
Er trachtete sich zu bemeistern und erwiderte so knapp wie möglich: »Es gefällt mir nicht von dir.«
»Ich gefalle mir auch nicht dabei« sagte Agathe und fuhr nach einer kleinen Pause fort: »Aber was du schreibst, gefällt mir. Der Anfang und das Ende, und auch was dazwischen ist. Ich habe nicht alles verstanden, aber ich habe alles gelesen. Ich glaube, daß du mir manches erklären könntest, und manches will ich dir schon aus Angst, mich anzustrengen, ohne Erklärung glauben.«
Wieder lachte sie, und es schallte leise. Sie schien über nichts zu lachen, und nur aus Freude; und wiewohl Ulrich gegen das Lachen von Menschen, wenn es von etwas erregt wird, recht empfindlich sein konnte, denn dann kam es ihm manchmal als ein ebenso gewöhnlicher Vorgang vor wie das Niesen, lockte es ihn gleich einer unmöglichen Aufgabe, diesen angenehmen Klang hinreichend zu beschreiben. Gab man ein wenig poetische Gewöhnlichkeit in Kauf, dann war der Eindruck mit dem einer tief gestimmten Silberschelle zu vergleichen: ein dunkler Grundton ging in einem überfließenden weichen Blinken unter; aber während Ulrich diesen heiteren Tönen, die sich in dem stillen Zimmer verbreiteten, zuhörte, meinten seine Augen darin auch alle Lampen um so viel stiller brennen zu sehen. Gerade die einfachsten sinnlichen Eindrücke, von denen die Welt bevölkert wird, bereiten mitunter der Beschreibung Überraschungen, als kämen sie aus einer anderen Welt.
Unter dem Einfluß dieser Schwäche regte sich Ulrich plötzlich ein Geständnis auf der Zunge, an das er selbst, wer weiß wie lange, nicht gedacht hatte. »Ich habe einmal mit unserem großen Vetter Tuzzi eine Art Teufelswette abgeschlossen, daß ich niemals schreiben werde, von der ich dir, wie ich glaube, noch nie erzählt habe« begann er zu beichten. »Er hat mich nämlich im Verdacht, daß ich Bücher schreiben werde, und wie mir scheint, erachtet er Bücher, die nicht seine Politik loben, für schädlich und solche, die es tun, für überflüssig, abgesehen von der Geschichts- und Memoirenliteratur, die ein Diplomat zu benutzen pflegt. Ich aber habe ihm zugeschworen, daß ich mich töten werde, ehe ich der Versuchung unterliege, ein Buch zu schreiben; und ich habe es aufrichtig gemeint. Denn das, was ich schreiben könnte, wäre nichts als der Beweis, daß man auf eine bestimmte andere Weise zu leben vermag; daß ich aber ein Buch darüber schriebe, wäre zumindest der Gegenbeweis, daß ich nicht so zu leben vermag. Ich habe nicht erwartet, daß es anders kommen wird.«
Seine Schwester hatte ihm reglos zugehört, ohne daß sich auch nur in ihrem Gesicht ein Muskel bewegte. »Wir können uns gemeinsam töten, wenn das ein Buch wird!« sagte sie jetzt. »Aber es scheint mir, daß dazu weniger Grund da ist als früher!«
Ulrich sah ihr unwillkürlich in die Augen.
»Eher doch zum Gegenteil« fuhr sie fort.
»Das kann man noch nicht sagen« wandte Ulrich ruhig ein.
Agathe fand etwas an den stützenden Polstern zu ihrer Seite zu richten, was ihr Gesicht von ihm abwandte. »Sei mir nicht bös,« erwiderte sie in dieser Stellung »aber wenn ich auch bewundere, was du schreibst, so verstehe ich doch nicht, warum du schreibst. Ja, manchmal ist es mir unheimlich komisch erschienen. Du zergliederst sorgfältig nach Natur und Sittengesetzen die Möglichkeit, deine Hand auszustrecken. Warum streckst du sie nicht einfach aus?«
»Es ist verderblich, sie einfach auszustrecken. Hab ich dir einmal ›die Geschichte der Frau Major‹ erzählt?«
Agathe bejahte stumm.
»Es darf nicht enden wie die!«
Agathe hatte ihre kleine Falte zwischen den Brauen. »Die Frau Major ist eine gewöhnliche Person gewesen« erklärte sie gelassen.
»Das ist richtig. Aber ob man eine Welt entdeckt oder eine Don-Quijote-Reise macht, hängt leider nicht von dem Wert der Person ab, der zu Ehren man die Fahrt antritt.«
»Wer weiß!« erwiderte Agathe. Einen Augenblick später gab sie ungeduldig ihre bestimmte Stellung auf und setzte sich in gewöhnlicher Art nahe vor ihren Bruder, als gelte es, etwas zu prüfen. Sie sah ihn an und schwieg. »Nun?« fragte Ulrich aufmunternd und erwartete einen Angriff, der ihm bevorstand.
»Wird durch das« – sie wies auf den Schreibtisch und die daraufliegenden Papiere – »nicht mit einem Mal alles beantwortet, was wir uns so oft und in so großer Unsicherheit gefragt haben?«
»Ich glaube es beinahe.«
»Ich habe die Empfindung, daß darin beschlossen ist, worüber wir so lange hin und her gesprochen haben. Aber warum bist du nicht früher daraufgekommen? Ich bin sogar so unbescheiden zu behaupten, daß du uns beide recht lange im Dunkeln gelassen hast.«
»Wir befinden uns ja noch darin. Du darfst diese Gedanken nicht überschätzen. Und es ist mir schwer gefallen, mich zu ihnen zu entschließen. Im Traum glaubt man manchmal entzückend zu denken, und setzt man im Erwachen fort, ist es lächerlich.«
»So? Aber, wenn ich dich recht verstanden habe, bist du doch sicher, daß es zu jedem Gefühl zwei Welten gibt und daß es von uns abhängt, in welcher wir leben wollen –!«
»Zwei Weltbilder! Aber nur eine Wirklichkeit! In ihr kann man allerdings vielleicht auf die eine wie auf die andere Art leben. Und dann hat man scheinbar auch die eine oder die andere Wirklichkeit vor sich.«
»Scheinbar, aber vollständig? Scheinbar und ohne eine Lücke? Und wenn alles auf diese andere Art lebte, wäre es dann nicht das Tausendjährige Reich?«
Ulrich bejahte zurückhaltend die Möglichkeit dieses Schlusses. »Die Ahnung dieser Welt wäre also denn auch das, was den Glauben an ein Paradies hervorgerufen hat? Lach mich nicht aus, aber ich habe daraus geschlossen, daß man auf diese Weise ins Paradies kommen müßte, so man bloß nach dem andern Teil seiner Gefühle lebt, wie du es nennst. Richtig gesagt, das Paradies müßte dann auf Erden kommen« verbesserte es Ulrich.
»Ich lache ja durchaus nicht. Ich muß bloß hinzufügen: Sofern man es kann!«
»Du hast sie manchmal die konkave, die versenkte Welt genannt?« vergewisserte sich Agathe. »Du hast von einer konkaven und einer konvexen, einer umfangenden und einer umfangenen Möglichkeit des Empfindens gesprochen. Von Göttern und Göttinnen. Von zwei Entwicklungsästen des Lebens. Von Mondnächten und Tag. Von zwei unzertrennlichen Zwillingen!«

61.
Atemzüge eines Sommertags

An demselben Vormittag sagte Agathe zu ihrem Bruder, launisch von Widersprüchen bewegt, die eine Hinterlassenschaft der vergangenen Nacht waren: »Und warum sollte gerade für den Liebenden ›eine Welt‹ erstehen? Man lebt doch auch in Zorn und in Feindschaft oder in Stolz und Kälte, ohne daß man mehr darin sähe als eine persönliche Angelegenheit!«
»Ich zöge vor zu sagen, man lebe ›für‹ solche Gefühle« berichtigte Ulrich freundlich und schläfrig.
»Sie erhalten sich vornehmlich dadurch, daß sie uns zu tun geben.«
»Gewöhnlich ist es ja auch in der Liebe nicht anders!« fuhr Agathe fort. Es war ihr zumute, als schaukle sie auf einem hohen Ast, der unter ihr jeden Augenblick abzubrechen drohe.
»Und trotzdem schwört sich jeder Anfänger zu, daß sie ›ewig‹ dauern solle; auch wenn er zum zwanzigsten Mal anfängt!« warf Ulrich ein.
Vielleicht gerade weil sie unbeständig ist! Übrigens schwört man sich auch ewige Feindschaft zu –.«
»In diesem Fall, weil das Gefühl sehr heftig ist!«
»Unsere Antworten stimmen bewundernswert mit sich selbst überein« erwiderte Agathe spöttisch und widersetzlich.
Und Ulrich wiederholte, ohne besonderen Ei fer hineinzulegen: »Hauptsächlich hängt die Dauer eines Gefühls eben doch nicht von ihm selbst ab, sondern von der Dauer, die ihm die allgemeinen Einrichtungen und Einbildungen ansinnen.«
Diese Unterbrechungen und Fortsetzungen des Gesprächs schienen sich in die flachen, trägen Atemzüge des Sommertags zu schmiegen. Die Geschwister lagen, ein wenig übernächtig und übermüdet, auf Gartenstühlen im Sonnenschein. Nach einer Weile hub Agathe von neuem an, zurückhaltend und allmählich fester werdend:
»Es gibt doch einen Glauben an Gott, der sich nicht nach dem Lauf der Welt richtet. Beten, gute Werke, nach seinen Gesetzen leben; das alles wird mehr oder minder bloß an ihn herangetragen. In ihm selbst liegen keine bestimmten Beziehungen zu anderen Menschen. Er sagt uns nicht, was zu tun sei. Er mag eine Einbildung sein, entwertet aber alle anderen Einbildungen. Und ist doch ein Gefühl, das lebenslang standhält. Nein, unterbrich mich nicht!« bat sie. »Nimm auch nicht an, daß ich von mir spreche! Es ist schlechthin ein aufsteigender Schein, der um so voller wird, je leerer um uns die Welt ist. Und was schickt ihn aus?«
Ulrich hatte jetzt mit Aufmerksamkeit zugehört, aber seine Antwort verzögerte sich. Er hätte vieles erwidern und der Frage vielleicht auch ein rasches und weniger rühmliches Ende bereiten können; schließlich ging er aber ohne Einwand auf sie ein und sprach bedachtsam: »Sieh, man sagt, an Gott zu glauben und ihn zu lieben, sei ein und dasselbe. Man meint auch, wer ihn erkenne, müsse ihn lieben. Und so nebenbei meint man, Glauben sei eine Vorstufe von Erkennen. In alledem ist viel Irrtum. Aber wahr ist es, daß sowohl zum Glauben als auch zum Lieben eine besondere Art des Denkens gehört, und zwar eigentlich ein Denken ohne Erkennen: die Kontemplation. Das unterscheidet sie von den anderen Gefühlen. Auch Glaube und Liebe sind bloß Gemütszustände, aber die Kontemplation schafft für sie das Bild einer ganzen Welt!«
»Was ist Kontemplation?«
»Das kann ich dir nicht in Kürze erklären. Oder doch, und sogar mit einem Wort: Das Ahnen. Man könnte es auch das Sinnen nennen. Das ahnende und sinnende Denken also. Mit anderen Worten: so wie wir denken, wenn wir am glücklichsten sind. Die anderen Gefühle haben dergleichen nicht zur Seite. Und wenn gesagt wird, daß der Glaube und die Liebe Berge versetzen können, so heißt das eben, daß sie imstande sind, den Geist auszuwechseln.«
»Warum denken wir nicht immer so!«
Ulrich zuckte die Achseln. »Wir tun es ja doch auch in diesem Augenblick nicht!«
Agathe verstummte. Aber nach einer kurzen Pause wiederholte sie von neuem: »Also ist Kontemplation eigentlich, was du die ›innere Art‹ des Denkens nennst?«
»Du hast es erfaßt!« lobte Ulrich.
»Kein Anlaß mich zu loben!« wehrte sie lächelnd ab. »Ich glaube, du hast es gestern selbst gesagt. Aber damit ich sicher gehe: Kontemplation ist also auch das Denken, das sich nicht von unseren ›wirklichen‹ Gefühlen leiten läßt, sondern von unseren ›anderen‹?«
»Wenn du es so nennen willst, ja.«
»Und in einer Welt von besonderen Menschen könnte so gedacht werden? Du hast gestern das Wort ›Ekstatische Sozietät‹ dafür gebraucht! Erinnerst du dich?«
»Ja.«
»Gut!«
»Warum lachst du nun wieder?« fragte Ulrich.
»Weil Mephistopheles sagt: ›Durch zweier Zeugen Mund wird allerwegs die Wahrheit kund!‹ Also genügen doch schon zwei dafür!«
»Wahrscheinlich irrt er« widersprach Ulrich gelassen. »Zu seiner Zeit war noch nicht das Délire à deux, der Wahnsinn zu zweien, erkannt –.«
Ein geräuschloser Strom glanzlos-durchsichtigen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein, und der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck eines gebannten Zuschauerkreises, der, in seiner fröhlichen Tracht überrascht, gleich so wie er war, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahm. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, Leben und Tod vereinigten sich in dem Bild; und die Augen, die es gewahrten, hießen jetzt die Lippen verstummen. Das Gespräch schlief ein. Die Herzen schienen stillzustehn, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen. »Da ward mir das Herz aus der Brust genommen« hat ein Mystiker gesagt, und nach einer Weile erinnerte sich Agathe dessen. Verstohlen öffnete sie sich dem Enthusiasmus, der sie gerade in diesem Garten schon einmal hatte glauben lassen, das Tausendjährige Reich breche an. Man hat sich dann sehr still zu verhalten. Man darf keinerlei Begehren Platz lassen, nicht einmal dem lebhaften zu fragen. Man muß sich des Verstandes entäußern, in dem man sonst seine Geschäfte besorgt. Man muß sein Ich aller inneren Werkzeuge berauben. So sagte sie sich und trachtete, sich der Voraussetzungen und Einzelheiten zu entsinnen, die zu beachten wären. Denn das Tausendjährige Reich war doch wohl das gleiche wie die Ekstatische Sozietät, und diese war ihrem Geist zum Greifen glaubhaft vorgekommen, ohne daß eine gefühlvolle begünstigende Übertreibung dazu nötig gewesen wäre; sie meinte also, es könne diesmal gelingen. Und obwohl sie spürte, daß sie sich nicht gleich an alles erinnere, kam ihr doch, während sie sich kaum erst in diesen Zustand hineinversetzte, schon vor, daß Mauern und Pfeiler beiseite wichen und die Welt in ihr Auge trete, wie es Tränen tun. Aber plötzlich ertappte sie sich dabei, daß sie nur noch äußerlich an ihrem Vorsatz festhalte und daß ihre Gedanken dem längst entschlüpft seien.
Ihre Gedanken befanden sich da, als sie sie wieder antraf, bei einer weit abgesprungenen Frage, bei einem kleinen Ungeheuer an Abspenstigkeit; sie fragte sich nämlich gerade auf das törichteste, und sehr erpicht auf diese Torheit: »Ist es überhaupt wahr, daß ich einmal voll Haß und Unglück gewesen bin?« Ein Mann ohne Namen war ihr fern erinnerlich und gegenwärtig, dessen Namen sie trug, ja den sie ihm recht eigentlich davongetragen hatte, aber sie fühlte keinen Haß mehr gegen ihn. Es kam ihr unglaubwürdig vor, was ihr alles widerfahren sei. Der Wechsel des Lebens, seiner Umstände, Zustände, Ziele und Gefühle, worin sich die Jugend, wenig davon wissend, naturhaft-großartig vorkommt, ehe er einem abgereifteren Alter so natürlich erscheint wie der Wetterwechsel: – Agathe meinte sich fremd zwischen beiden stehen, und die veränderliche Flucht des Gefühls spiegelte sich seltsam in dem steinklaren Himmel, aus dem sie soeben erwacht war! Insofern waren ihre Gedanken also noch immer im Bannkreis des Toten- und Blütenzugs; aber sie bewegten sich anders als auf seine stumm-feierliche Art. Und es dauerte darum auch nicht lange, daß sie ihren Bruder wieder ansprach.
»Hast du nicht gestern gesagt, die Hinfälligkeit all unseres Fühlens hänge damit zusammen, daß wir unsere Gefühle selbst zerstören, indem wir uns von ihnen dazu bewegen lassen, zu handeln, Tatsachen zu schaffen, Werke zu tun, Ideen und Eigenschaften anzunehmen« begann sie mit abgewandtem Gesicht, das ihre Augen nicht sehen lassen sollte, zu fragen. »Wenigstens habe ich es so verstanden –.«
»Immer habe ich es gesagt« bestätigte Ulrich. »Aber natürlich habe ich auch das Gegenteil davon gesagt, nämlich daß Gefühl auf die Art auch bewahrt und verstärkt wird. Mit einem Wort, wir verwandeln fortwährend die lebendige Kraft des Gefühls in aufgesparte und diese in jene.«
»Oder mit anderen Worten,« fiel Agathe achselzuckend und das Wort zuspitzend ein »aus der Vergänglichkeit des Fühlens entsteht das Leben!«
»So ist es!« Ulrich fuhr bequemlich fort: »Mein Gott, dieses ganze weltliche Werk des Gefühls, dieses sein eigentlicher Reichtum, dieses Wollen und Freuen, Tun und Untreuwerden, aus nichts, als weil es treibt, einbezogen alles, was man denkt und vergißt, tut und auch vergißt: es ist ja schön wie ein Baum voll Äpfel in jeder Farbe, aber es ist auch sinnlos eintönig wie alles, was sich mit jedem Jahr, und mit jedem Menschengeschlecht, von neuem rundet und abfällt …!«
Agathe lachte ein wenig.
»Was hast du dagegen?« fragte er.
»Weniger, als du selbst dagegen haben solltest! Und verlangst du denn nicht überdies, daß man aus allem und jedem, und wäre es auch nur ein tieferer Atemzug, ein Geschehnis von Bedeutung zu machen hätte?«
»Das ist wahr. Es ist eine Schwäche von mir. Du aber hast dich immer erfolgreich gegen das Ansinnen gewehrt, daß man erst Bedeutendes tun müßte, um sein Leben zu rechtfertigen« gestand Ulrich zu, um den spöttischen Angriff durch gleiche Neckerei abzufangen, fuhr aber dann fast anerkennend fort: »Auch daß man verpflichtet sei, sich von allem eine Idee und Regel zu bilden, ist deinem tiefsten Geschmack erfreulich gleichgültig geblieben: es hat dich nie gelockt, im Herrensattel auf einem Steckenpferd zu reiten!«
Agathes Auge belebte sich. »Vielleicht ist es zur Strafe dafür auch nie das Ziel meiner Gefühle gewesen, mich zu einem Charakter zu bilden« sagte sie, bezeugend, daß der Abgrund an Verschiedenheit, der sich zwischen ihnen aufgetan hätte, nur eine Krümmung der Oberfläche sei. »Ich habe, was ich erlebte und fühlte, nie so geliebt, daß ich sozusagen sein Schrank und seine Dauer auf Lebenszeit hätte sein mögen! Wenigstens früher nicht.«
»Und jetzt möchtest du es?«
Die Frage klang nachdrücklich und nachdenklich. Agathe gab keine Antwort. Dagegen sahen sie beide nun wieder dem Zug der Blütenasche zu, der ereignislos mitten durch ihr Gemüt zu schweben schien. Obzwar sie offen gescherzt hatten, waren sie innerlich dem zeitlosen Ernst des Fühlens näher als zuvor. Vielleicht hätte Agathe nach manchem soeben gewechselten Wort erwarten können, daß ihr Bruder wieder von der Kühnheit der heimlichen Grenzüberschreiter reden, ja das geheime Paßwort der ekstatischen Welt und des Tausendjährigen Reichs ausgeben werde; und in Wahrheit meinte sie auch jetzt noch, er sollte es tun. Statt dessen aber lächelte er plötzlich nachsichtig oder zärtlich und schien auf andere Gedanken gekommen zu sein, denn er hub so zu ihr zu sprechen an: »Wie ist es eigentlich merkwürdig, daß du für dein Gefühl früher so oft Männer gewählt hast, die dir weder aus ganzer Seele noch aus ganzem Leibe lieb gewesen sind: es ist gerade so, als hättest du damit den Zug zum Wirklichen, das Begehren, zum voraus in dir abschwächen wollen!«
Agathe gab keine Antwort. Sie hörte seine Worte, aber sie war doch damit beschäftigt, ihren Geist zu hindern, daß er sich auf bestimmte Weise etwas zuwende. Es war ihr sogar halb bewußt, daß sie an Lindner denken könnte und daß damit Ulrichs rückzielende Bemerkung auch einen sehr verdächtigen gegenwärtigen Fall vorfände. Aber sie enthielt sich, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie wollte auch von ihren Sinnen keinen Gebrauch wie von Werkzeugen machen. Sie versuchte sich auch solang des Willens zu begeben, bis ihr Gefühl zu nichts mehr hinstrebe. Kurz, sie trachtete in diesem Augenblick gerade, sich auf jede Weise ihrer selbst zu entäußern. Es war ein aus dem Stegreif unternommener kleiner Versuch, Ulrichs Lehre von der Leidenschaft auf eigene Art in Szene zu setzen; denn so verkürzt erschien ihr diese jetzt: Der Mensch muß entweder wie ein Kind vor Wut und Unglück und Begeisterung und Liebe heulen und entschlägt sich so seines Gefühls in einem kurzen, nichtigen Wirbel; oder er kann geheimnisvoll an sich halten, ohne den Zug zur Wirklichkeit, dem Trieb, dem mit jedem Gefühl verwachsenen Begehren ein Zugeständnis zu machen, und dann wächst sein Gefühl über ihm mit den Wipfeln der Bäume, mit den Turmspitzen, mit dem Scheitel des Himmels zusammen. Was aber dazwischen liegt, dieser maßvolle sogenannte Reichtum des Gefühls, lohnt nicht des Aufhebens, das davon gemacht wird! Und wirklich, er spielte auch zwischen ihr und ihrem Bruder augenblicklich keine Rolle gegenüber den Grenzfällen. Agathe verschloß also mit Willen ihr Ohr gegen das, was Ulrich jetzt sagen mochte, und nahm sich vor der Welt in acht, als müßte sie sich totstellen, damit ihre Aufmerksamkeit nicht ausreiße. Aber wenn auch das erste gelang, das zweite schien eine so unmögliche Aufgabe zu sein, wie es in der Kindheit die gewesen war, zwischen Beichte und Kommunion keine Sünde zu begehen; und endlich gab sie den Versuch unvermittelt wieder auf, richtete sich halb in die Höhe, stützte sich auf den gestreckten Arm und erteilte Ulrich eine sehr verspätet kommende Antwort, indem sie fast ärgerlich sagte: »Gestatte eine Frage, die sonst dein Vorrecht wäre, aber nun gerade mir einfällt: Wie soll denn eigentlich eine Gefühlswelt, in der man nichts begehren darf, begehrenswert sein?«
Ihr Blick suchte den ihres Bruders, um die Antwort darin zu lesen; aber bei dieser gefährlichen, auf die Gesetze der Ekstatischen Sozietät gerichteten Nachforschung schloß Ulrich vorsichtig die Augen.
So verließ sie ihren Liegestuhl ganz und stand eine Weile unschlüssig, indes sie lächelnd bald auf Ulrich, bald in den Garten blickte. Sie streckte ihre Beine und klopfte mit kleinen Schlägen der Hände ihren Rock zurecht. Jede einzelne dieser Bewegungen hatte eine Art bäurischer Schönheit, einfach, gesund, gedankenlos; und entweder geschah es so durch Zufall oder weil sie durch ihre letzten Gedanken auf handfeste Weise munter geworden war. Das Haar fiel in einem Zacken zuseiten ihres Gesichts hinab, und der Hintergrund, der jetzt von Bäumen und Gebüschen gebildet wurde, die sich an der Stelle, wo sie stand, in die Tiefe öffneten, war ein Rahmen, der ihr Bild einprägsam vor die Welt und den Himmel stellte. So sah sie Ulrich vor sich, wenn er einen schmalen Spalt zwischen seinen Augenlidern öffnete, und dieser Anblick, den er verstohlen genoß, war nicht nur anziehend, sondern wurde es – und vielleicht durch die Wirkung von Agathes nachklingenden Worten – bald auch so sehr, daß er nichts neben sich übrig zu lassen begann, was nicht herangezogen worden wäre. Es schien in der Richtung auf sie eine Bewegung zu walten, die mit Begriffen nicht zu erfassen war, eine gesteigerte Sinnfülle, ja eine hohe Überfülle und Bedrängnis, derart, daß alles, was sie umgab, einen Abglanz auf sie warf und sie in ein Ansehen setzte, für das nicht nur kein Wort vorhanden war, sondern auch jeder andere Ausdruck und Ausweg fehlte. Jede Falte ihres Kleides war so mit Kräften, oder vielleicht wäre schlechthin zu sagen mit Geltung, geladen, daß sich kein größeres Glück, aber auch kein ungewisseres Abenteuer denken ließ, als diese Falte vorsichtig mit der Fingerspitze zu berühren!
Sie hatte sich halb von ihrem Bruder abgewandt und stand, ohne sich zu regen, so daß er sie unbefangen betrachten und das Geheimnis dieser betäubenden, tief vertrauten Bildwerdung ausspähen konnte. Er kannte, was er sah. Seit dem Tag seiner Ankunft in dem ausgestorbenen Elternhaus, wo er Agathe als eine zärtlichere Wiederholung seiner selbst vorgefunden hatte – aber auch schon in ihrer Kindheit; ja selbst in Agathes Abwesenheit, und dann als das, was anderen Frauen fehlte; vollends nun, seit sie wie in einem Traum eine gemeinsame innere Gestalt suchten und manchmal kraft dieses Gefühls beinahe auch schon ein Leib zu sein glaubten, der, schwer von einer seltsamen Seligkeit, noch schmerzend ans Kreuz der Zweiheit geschlagen war, seit je also und immer wieder, war es offenbar ein und dasselbe, was trotz wechselnder Form auf sonderliche Art seine Schwester mit ihm verband. Es schien Ulrich, während er diese Erlebnisse wieder aufleben ließ, allen gemeinsam zu sein, daß sie ein Gefühl von größter Stärke aus einer Unmöglichkeit, aus einem Versagen und Stillstand empfingen; es fehlte ihnen die zur Welt und von dieser zurückführende Brücke des Handelns, ja selbst die des Begehrens; und schließlich endeten sie alle auf einer wohl schwindelnd schmalen Grenze zwischen größtem Glück und krankhaftem Benehmen. So zeigten sie die gleichen Kräfte und Schwächen und erinnerten ihn, der sich jetzt als erfrischende Ausnahme einige unbefangene, ja sogar häßliche Vergleiche gestattete, ein wenig an Porzellangruppen, und an ein blindes Fenster, und an eine Sackgasse, und an das schmerzhaft endlose Lächeln von Wachsfiguren unter Glas und Licht, die auf dem Weg zwischen Tod und Auferstehung steckengeblieben zu sein scheinen und keinen Schritt vor oder zurück tun können.
Und plötzlich, wie sich ein Wort manchmal im Kopf festsetzt, fiel ihm dafür auch der Ausdruck »erhöhte Zurechnungsfähigkeit« ein, einem düsteren Wort nachgebildet, das ihn einmal beschäftigt hatte; und wahrhaftig, so es eine verminderte gibt, deren verhextem Treiben die natürliche Beziehung zur Wirklichkeit fehlt, so haftete der gleiche Makel der Unnatur auch an der Überbedeutsamkeit, die er vor sich sah.
Er suchte sie nun in diesem Sinn zu erklären, und es fiel ihm nicht schwer: Das Gefühl, das zu handeln gewohnt ist, die Anteilnahme, die gewöhnlich auf vieles verteilt ist, würden beim Entstehen dieses Zustands offenbar in eine Richtung gelockt, wo kein Ausweg war, und häuften sich machtlos an, weshalb unzählige Worte auf der Zunge zu liegen schienen, von denen sich keines aussprechen ließ. Ungesucht fielen Ulrich jetzt auch andere Vergleiche ein. »So könnte man ja auch eine Tote anstarren,« dachte er »deren Antlitz keinen Wunsch erwidert und keinen verscheucht. Oder einen Fetisch lieben, ein Haarband, ein Kleid, dessen Besitz mehr als alles und weniger als nichts ist!« Es gab also eine unangenehme, mehr oder minder verkrüppelte Vetternschaft, und Ulrich wäre kein Mann gewesen, wenn ihn das Schiefgezogene, Schlüpfrige und Schlupfwinkelige dieser Verhältnisse nicht mit Unbehagen erfüllt hätte. Er richtete sein Herz zwar an dem Gedanken auf, daß es schlechthin nichts gebe, was nicht mißratene Vettern habe, denn die Welt der Gesundheit ist aus den gleichen Kräften gemacht wie die der Krankheit, und bloß die Verhältnismaße sind andere; dennoch fühlte er jetzt nicht ohne Mißtrauen, daß sich eine unheimliche Willensschwäche ein stilles Abrücken in die Gegend des Schlafs, des Todes, des Bildes, des Unbeweglichen und Ohnmächtigen wie ein Traum fast in ihm ausbreitete, wenn er seinen Blick auf seine Schwester richtete und ihn von ihrem Anblick trinken ließ. Die Gedanken strömten ab, jeder kräftige Trieb verlor sich, die Glieder erlahmten, und die Welt begann fern und taub zu werden. Mit dem Eintritt dieser Entmächtigung begann sich aber auch in seinem Körper überall wieder eine seltsame Glücksbereitschaft zu regen, wie der Rausch eines Bienenschwarms, der sich an die Königin hängt.
Aber während er noch auf alles das achtete, wurde es durch einen natürlichen Einfall unterbrochen; des Inhalts, daß sich die vielgestaltigen Versuchungen des Gefühls, die ihm durcheinander vorschwebten wie der Schatten, den bei steiler Sonne das Laub eines unruhigen Baumes wirft, doch aus einem einzigen Punkt verstehen ließen, sobald er sich entschlösse, einfach das sinnliche Verlangen nach seiner Schwester als ihren Ursprung anzusehen. Denn offenbar war, in Kenntnis der menschlichen Schwächen beurteilt, nichts anderes als dieses Begehren der Held des Versagtseins, des abbrechenden Wegs und aller sich daranschließenden zweideutigen Abenteuer und Umwege; und sogar die Gefühlspsychologie, die er in seinen Aufzeichnungen auf eigene Faust betrieben hatte, mochte nun bloß als ein Versuch erscheinen, die nackte Geschwisterliebe in einem ehrbaren und unzugänglichen Gedankengebäude wohl zu verstecken.
Im ersten Augenblick verblüffte, ja beleidigte ihn diese einfache Lösung, die einen allerwegen probaten Gedanken etwas beschämend auf ihn selbst und die Gedankengeschichte anwandte, die Agathe und ihn von den andern Menschen und ihrer Liebe einigermaßen ausnahmen; dann aber gab ihm auch der Widerspruch ein, wie leicht es wäre, und oft schon beinahe geschehen, eine solche Erklärung ins Unrecht zu setzen. Agathes Schönheit war ihm fast so vertraut wie die einer Gattin, ihre und seine Lippen waren nicht gerade selten schon neugierige Freunde gewesen, und ihre Seelen paßten zusammen wie Widerhall und Einsamkeit: Sie hatten also bloß den Willen, zu wechseln und einander ein Zeichen der Einwilligung zu geben. Das bedeutete für ihr Leben nicht mehr als die Wahl eines Vorzeichens, einer Überschrift und einer anderen Lesart, und kein Buchstabe des Sinns und Hintersinns wäre dadurch gekränkt oder von seinem Platz gerückt worden; ja eher mochte dann erst vieles klar werden wie ein Feuer, das durch den Rauch bricht. Und unwillkürlich, aber doch mit ein wenig Spott vermischt, als Schutz vor der Überredungskunst der Begierde, und aus diesem Grunde auch nicht besonders reich in der Ausführung, stellte sich Ulrich vor, was erfolgen würde. Nicht anders als sich ein Zirkuspferd beim Schall der Musik von selbst in Bewegung setzt, und doch jedesmal, klingelnd mit seinem blinkenden Geschirr, sein höheres Wesen oder Unwesen in einem Zauberkreis treibt, begann da in Ulrich oder vor ihm die vielerfahrene Einbildungskraft zu arbeiten und stellte ihm das am öftesten gespielte aller Menschendramen, das stets ohne Zuschauer gespielte, so lebendig vor, daß er fast die Hand hob, um das Zeichen zum wirklichen Beginn zu geben. Denn er sollte doch vielleicht bloß die Hand seiner Schwester ergreifen und unter einem Vorwand, der so durchsichtig wie möglich wäre, etwa vorschlagen, den blendenden Tag mit der tieferen Zurückgezogenheit im Hause zu vertauschen, so könnte sie schon ein Zittern der Augen aneinander verraten, und die Hände in ihrer Blindheit, die Seelen in ihrer Hilflosigkeit wußten sie unaufhaltsam weiter zu führen. Das Leben ist erschreckend einfach im Gewähren, wenn man seine gewohnten Wege benutzt. Ulrich fühlte die Verlockung des Lebens fast wie einen Schwindel, den man, über einen steilen Absturz gebeugt, bei dem Gedanken erleidet, daß man sich bloß loszulassen oder einen Fehlgriff zu machen hätte und dann unaufhaltsam fortgetragen würde. Und zugleich entstand ein eigentümliches, neues und lebhaftes Fühlen der Wirklichkeit in ihm dadurch, daß er sich nicht regte und nicht aus der Phantasie hervortrat; es war ähnlich, wie sich Bewegungen hinter einer dünnen Wand verstümmelt, aber aufregender anhören, als ob man sie sähe. Beide Bilder huschten durch seinen Kopf, ohne daß er hätte sagen mögen, ob ihm die Wirklichkeit als verstümmelt erscheine oder die Zurückhaltung von ihr. Es erinnerte ihn an Agathes Bemerkung, daß eine Welt ohne Triebe schwerlich begehrenswert sein könne, und an seine eigene, daß sich das weltliche Werk des Gefühls eintönig wiederhole, und er wurde über all dem nicht gewahr, daß seine Schwester schon eine Weile neugierig seine Augen beobachtete.
Nun trat sie mit plötzlichem Entschluß auf ihn zu und ließ ihre Hand mutwillig an ihnen vorbeifallen, als wollte sie den sonderbaren Blick, mit dem er sie ansah, von oben nach unten entzweischneiden. So kam wieder Bewegung an die Stelle des lastenden Schweigens. Und als genügte auch das nicht, faßte sie seinen Arm und bemühte sich, ihn vom Stuhl empor zu ziehen. Ulrich erleichterte es ihr. Er stand auf und dehnte die Schultern. Agathe schlug vor: »Komm, wir wollen ein wenig umhergehn!« und hängte sich in ihn ein.
Sie verstanden einander, obwohl sie nun einige Sätze wechselten, die mit dem Vorangegangenen scheinbar keinen Zusammenhang hatten. Ulrich sagte: »In diesem Augenblick kämpfen an vielen Orten viele Menschen auf Leben und Tod, und unzählige Tiere fallen über einander her!« Agathe aber erwiderte: »Du hast gestern eine Welt beschrieben, und heute ist sie nicht da!« So schritten sie aus. Agathe sagte lachend: »Seit gestern ist mir so weise im Kopf, und im Herzen so verdutzt zumute, als wäre ich an mir selbst vorbeigegangen und hätte mich nicht gegrüßt!« Und sie preßte mit aller Kraft ihre Fingernägel in den Arm ihres Bruders, der ihn abwehrend spannte. Eine Gewähr des Lebens lag in der kleinen Roheit, die verläßlicher war als Gedanken, die, was sie begehrten, gerade noch mit der Fingerspitze zu streicheln vermochten; sie lag überdies auch in der Bewegung; lag darin, daß in dem Garten, obwohl er im Sonnenschein zu schlafen schien, der Kies knirschte und manchmal der Wind aufflatterte; und daß die Körper jetzt hell und wach über die Natur Ausschau hielten. Die Zukunft war im Schreiten leichter zu tragen, und die durchsichtige Luft verband das Auge tief und heiter mit allem, was es sah. Nur wenn sie stehenblieben, wurde es danach wieder so schwermütig wie ein tiefer Atemzug, die ersten Schritte in die bildhafte Landschaft zu setzen. »Wie gut ist es, daß ich dich leibhaftig neben mir fühle!« sagte Ulrich.

62.
Das Sternbild der Geschwister oder
Die Ungetrennten und die Nichtvereinten

Auch in den Jahren, wo Ulrich seinen Lebensweg allein und nicht ohne Übermut gesucht hatte, war ihm das Wort Schwester oft schwer von unbestimmter Sehnsucht gewesen, obwohl er damals so gut wie niemals daran dachte, daß er eine lebende und wirkliche Schwester besitze. Darin lag ein Widerspruch, und er weist auf eine unebene Herkunft hin, für die sich denn auch manches anführen läßt, das die Geschwister gewöhnlich gering achteten. Es mußte ihnen nicht falsch erscheinen, wog aber im Verhältnis zu der Wahrheit, der sie sich nahe wußten, nicht mehr, als ein einspringender Winkel für die Rundung eines groß geschwungenen Mauerzugs bedeutet.
Ohne Frage kommt Ähnliches oft vor. In manchem Leben ist die unwirkliche, erdichtete Schwester nichts anderes als die hochfliegende Jugendform eines Liebesbedürfnisses, das sich später, im Zustand kälterer Träume, mit einem Vogel oder anderen Tier begnügt oder sich der Menschheit oder dem Nächsten zuwendet. Im Leben manches anderen Menschen ist sie jugendliche Lebensscheu und Einsamkeit, ein erdichteter Doppelgänger voll spiegelfechterischer Anmut, der die Angst der Einsamkeit zur Zärtlichkeit eines einsamen Beisammenseins mildert. Und von manchen Naturen wäre bloß zu sagen, daß dieses schwärmerisch von ihnen gehegte Bild nichts sei als die eingekochteste Eigenliebe und Selbstsucht; ein über die Maßen Geliebtseinmögen, das eine verschlagene Verbindung mit süßer Selbstlosigkeit eingegangen ist. Daß aber viele Männer und Frauen ein solches Gegenbild im Herzen tragen, daran kann kein Zweifel bestehn. Es stellt schlechthin die Liebe dar und ist immer das Zeichen eines unbefriedigenden und gespannten Verhältnisses zur Welt. Und nicht nur die verkürzt wurden oder von Natur ohne Ebenmaß sind, auch die Wohlgeratenen kennen solche Wünsche.
So fing Ulrich denn an, zu seiner Schwester von einem Erlebnis zu sprechen, das er ihr schon einmal erzählt hatte, und wiederholte die Geschichte der unvergeßlichsten Frau, die, Agathe selbst ausgenommen, je seinen Weg gekreuzt hatte. Diese Frau war ein Frau-Kind, ein Mädchen von etwa zwölf Jahren gewesen, das, merkwürdig vollendet in seinem Gebaren, mit ihm und einem Begleiter eine kurze Strecke weit in dem gleichen Straßenbahnwagen gefahren war und ihn entzückt hatte wie ein geheimnisvoll vergangenes Liebesgedicht, dessen Andeutungen voll nie erlebter Seligkeit sind. Dieses Aufflammen seiner Verliebtheit hatte später manchmal Bedenken in ihm erregt, denn es war seltsam und ließ zweifelhafte Rückschlüsse auf ihn selbst zu. Er gab darum die Erinnerung auch nicht gefühlvoll wieder, sondern sprach von den Bedenken, wenngleich er diese wohl nicht ohne Gefühl verallgemeinerte. »Ein Mädchen hat in diesem Alter sehr oft schönere Beine als später« sag te er. «Die spätere Gedrungenheit entsteht wahrscheinlich erst aus dem, was sie unmittelbar über sich zu tragen haben; in der Halbwüchsigkeit sind sie lang und frei und können laufen, und wenn die Röcke bei einer lebhaften Bewegung die Schenkel freigeben, deren Rundung schon etwas sanft Zunehmendes hat – oh, mir fällt die Mondsichel ein, gegen das Ende ihrer zarten ersten Mondmädchenzeit –, so sehen sie herrlich aus! Ich habe mich später manchmal ernsthaft nach den Gründen gefragt. Das Haar hat in diesem Alter den mildesten Glanz. Das Gesicht zeigt seine schöne Anlage. Die Augen sind wie ein glatter, noch nie zerknitterter Seidenstoff. Der Geist, in Zukunft dazu bestimmt, kleinlich und begehrlich zu werden, ist noch zwischen dunklen Wünschen eine reine Flamme ohne viel Helligkeit. Und was in diesem Alter gewiß noch nicht schön ist, zum Beispiel der Kinderbauch oder der blinde Ausdruck der Brust, gewinnt durch die Kleidung, sofern sie die Erwachsenheit geschickt vortäuscht, und durch die träumerische Ungenauigkeit der Liebe alles, was eine liebenswürdige Bühnenmaske vermag. So ein Geschöpf zu bewundern, ist also ganz rechtschaffen in Ordnung, und wie sollte man es anders tun als mit einem Anflug von Liebe!«
»Und wider die Natur ist es gar nicht, solche Empfindungen an ein Kind zu wenden?« fragte Agathe.
»Widernatürlich wäre erst ein plump unmittelbares Begehren« erwiderte Ulrich. »Aber ein solcher Mensch verstrickt auch das unschuldige, oder auf jeden Fall unfertige und schutzlose, Geschöpf in Geschehnisse, für die es nicht bestimmt ist. Er muß von der Unreife des werdenden Geistes und Körpers absehen und seine Leidenschaft mit einem stummen und verhüllten Gegenspieler spielen; nein, er sieht nicht nur von allem, was ihn hindern sollte, ab, sondern er setzt sich mit Roheit darüber hinweg! Das ist ganz ein anderes Verhalten mit anderen Folgen!«
»Aber vielleicht liegt ein Anhauch der Verderblichkeit des ›Hinwegsetzens‹ doch auch schon darin, daß man ›absieht‹?« wandte Agathe ein. Sie war vielleicht eifersüchtig auf das Gedankengespinst ihres Bruders; jedenfalls widersetzte sie sich. »Ich finde keinen großen Unterschied darin, ob man nicht achtet, was einen hindern könnte, oder ob man es nicht fühlt!«
Ulrich entgegnete: »Du hast recht und hast es nicht. Ich habe die Geschichte eigentlich bloß erzählt, weil sie eine Vorstufe der Geschwisterliebe ist!«
»Der Geschwisterliebe?« fragte Agathe und stellte sich erstaunt, als hörte sie das Wort zum erstenmal; aber da sie ihre Nägel wieder in Ulrichs Arm eingrub, tat sie es vielleicht zu stark, und es zitterten ihre Finger. Ulrich, der es empfand, als ob sich nebeneinander fünf kleine warme Quellen in seinem Arm geöffnet hätten, sagte plötzlich: »Wessen stärkste Erregungen mit Erlebnissen verbunden sind, von denen jedes auf irgendeine Art unmöglich ist, der will nicht die möglichen Erlebnisse! Mag sein, daß die Phantasie eine Flucht vor dem Leben, eine Zuflucht der Feigheit und eine Lasterhöhle ist, wie es viele behaupten; ich glaube, daß die Geschichte des kleinen Mädchens, und auch alle anderen Beispiele, von denen wir gesprochen haben, nicht auf eine Unnatur oder Lebensschwäche hinweist, sondern auf eine Widerweltlichkeit und starke Widersetzlichkeit, auf ein übergroßes und überleidenschaftliches Verlangen nach Liebe!« Er vergaß, daß Agathe nichts von den anderen Beispielen und zweifelhaften Vergleichen wissen konnte, mit denen seine Gedanken zuvor die Geschwisterliebe in Verbindung gebracht hatten; denn er fühlte sich jetzt wieder im klaren und hatte den betäubenden Geschmack, die Verwandlung in das Willenlose und Leblose, das zu seiner Erfahrung gehörte, für dieses Mal überwunden, so daß die selbsttätige Erwähnung ungewollt durch eine Gedankenlücke schlüpfte.
Diese Gedanken waren noch immer auf das Allgemeinere gerichtet, mit dem sich sein persönlicher Fall sowohl vergleichen ließ, als er auch davon abstach; und wenn man zugunsten des inneren Zusammenhangs dieser Gedanken beiseite läßt, wie sie einander folgten und formten, so bleibt ein mehr oder minder unpersönlicher Gehalt über, der ungefähr so aussah: Für das Lebensgefüge mag der Haß ebenso wichtig sein wie die Liebe. Es scheint auch ebensoviel Gründe zu geben, die Welt zu lieben wie zu verabscheuen. Und in der Natur des Menschen liegen beide Instinkte anwendungsbereit, in einem ungleichen Verhältnis ihrer Kräfte, das persönlich verschieden ist. Aber es ist nicht zu sagen, wie sich Lust und Unwillen dabei die Waage halten, um uns das Leben doch immer weiterführen zu lassen: Falsch ist offenbar bloß die gern gehörte Meinung, daß es dazu eines Mehr an Lust bedürfe. Denn wir führen auch das Leben in Unlust weiter, mit einem Überschuß an Unglück, an Haß oder Geringschätzung für das Leben, und fahren dabei so sicher wie mit einem Überschuß an Glück. Es fiel Ulrich aber ein, daß beide ein Äußerstes sind, der lebensliebe wie der vom Unwillen beschattete Mensch, und darum dachte er an den mannigfaltigen Ausgleich, der das Gewöhnliche ist. Zu diesem Ausgleich von Liebe und Haß, und somit zu den Vorgängen und Gebilden, mit deren Hilfe sie sich ins Einvernehmen setzen, gehören zum Beispiel die Gerechtigkeit und alle anderen Formen des Maßhaltens; gehört aber nicht minder auch die Bildung der Genossenschaften von zweien oder von Unzähligen, Vereinigungen, die wie gefütterte Nester mit auswendigen Dornengürteln sind; es gehört auch die Gottesgewißheit dazu; und Ulrich wußte, daß in dieser Ruhe endlich auch das geistig-sinnliche Gebilde der »Schwester« als ein gewagtestes Mittel seinen Platz habe. Aus welcher Schwäche der Seele dieser Traum seine Feuchtigkeit zog, stand darum hintan, und voran stand als Ursprung ein eigentlich übermenschliches Mißverhältnis. Und wahrscheinlich hatte Ulrich aus diesem Grunde auch von Widerweltlichkeit gesprochen, denn wer die Tiefe der guten und bösen Leidenschaft kennt, dem zerfällt alles Übereinkömmliche, das dazwischen vermittelt, und nicht um die Leidenschaft zum eigenen Blut zu beschönigen, hatte er es also gesprochen. Ohne sich Rechenschaft zu geben, warum er es tue, erzählte er Agathe nun auch ein zweites Geschichtchen, das anfangs gar keinen Zusammenhang mit dem ersten zu haben schien. »Es ist mir einmal vor Augen gekommen und wirklich soll es sich in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zugetragen haben, als ohnegleichen Menschen und Völker durcheinandergeworfen worden sind« begann er. »Aus einer Gruppe einsam liegender Bauernhöfe waren die meisten Männer von den Kriegsdiensten entführt worden, keiner von ihnen kam wieder, und die Frauen führten allein die Wirtschaft, was ihnen mühevoll und verdrießlich war. Da geschah es, daß einer von den verschollenen Männern in die Heimat zurückkehrte und sich nach vielen Abenteuern bei seinem Weibe meldete. Ich will aber lieber gleich sagen, daß es nicht der rechte Mann gewesen ist, sondern ein Landstreicher und Betrüger, der einige Monate lang mit dem Verschollenen und vielleicht Zugrundegegangenen Marsch und Lager geteilt und sich dessen Erzählungen, wenn das Heimweh die Zunge lockerte, so gut eingeprägt hatte, daß er sich für ihn auszugeben vermochte. Er kannte den Kosenamen des Weibs und der Kuh und die Namen und Gewohnheiten der Nachbarn, die überdies nicht nahe wohnten. Er hatte einen Bart, wie und wo ihn der andere gehabt hatte. Er blickte auf eine Art aus zwei Augen, die keine besondere Farbe hatten, daß man wohl meinen konnte, er hätte es auch früher nicht viel anders getan, und ob seine Stimme zwar anfangs befremdete, ließ es sich immerhin dadurch erklären, daß man früher nie so genau auf sie geachtet hatte wie jetzt. Kurz und gut, der Mann wußte seinen Vorgänger Zug um Zug zu vertreten, wie ein grobes und unähnliches Bild anfangs abstößt, aber umso ähnlicher wird, je länger man mit ihm allein bleibt, und schließlich ganz die Erinnerung einschüchtert. Ich meine wohl, daß manchmal etwas wie ein Grauen die Frau gewarnt haben wird, er wäre es nicht; aber sie hat ihren Mann wieder haben wollen, und vielleicht überhaupt nur einen Mann, und so ist der Fremde in seiner Rolle immer fester geworden –«
»Und wie ist das ausgegangen?« fragte Agathe.
»Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich wird dieser Mensch durch irgendeinen Zufall doch entlarvt worden sein. Aber der Mensch im allgemeinen wird es sein Lebtag nicht!«
»Du willst sagen: Man liebt immer bloß die Stellvertreter der Richtigen? Oder du willst sagen: Wenn ein Mensch zum zweiten Mal liebt, so verwechselt er zwar nicht die Personen, aber das Bild der neuen ist an vielen Stellen nur eine Übermalung von dem der alten?« fragte Agathe mit einem anmutigen Gähnen.
»Ich habe noch viel mehr sagen wollen, und es ist viel langweiliger« gab Ulrich zur Antwort. »Versuche dir einen Farbenblinden vorzustellen, dem Helligkeiten und Abschattungen fast völlig die farbige Welt vertreten: er sieht keine einzige Farbe, und kann sich doch wahrscheinlich so verhalten, daß man es nicht bemerkt, denn was er zu sehen vermag, vertritt ihm das, was er nicht sehen kann. So aber, wie es hier in einem besonderen Bezirk geschieht, ergeht es uns allen eigentlich mit der Wirklichkeit. Sie zeigt sich in unseren Erlebnissen und Forschungen nie anders wie durch ein Glas, das teils den Blick durchläßt, teils den Hineinblickenden widerspiegelt. Wenn ich das zart gerötete Weiß auf deiner Hand betrachte oder die widersetzliche Innigkeit deines Fleisches in meinen Fingern fühle, habe ich Wirkliches vor mir, aber nicht so, wie es wirklich ist; und ebenso wenig, wenn ich es bis auf die letzten Atome und Formeln zurückführe!«
»Warum strengt man sich dann an, es auf etwas zurückzuführen, das abscheulich ist!«
»Erinnerst du dich an das, was ich von der geistigen Abbildung der Natur gesagt habe, vom Bildsein ohne Ähnlichkeit? Man kann irgendetwas in sehr verschiedener Hinsicht als das genaue Abbild von etwas anderem auffassen; aber immer muß dann alles, was in dem Bild vorkommt oder sich aus ihm ergibt, in eben dieser bestimmten Hinsicht ein Abbild von dem sein, was die Durchforschung des Urbilds zeigt. Bewährt sich das auch dort, wo es ursprünglich nicht vorhergesehen werden konnte, so ist das Bild dann gerechtfertigt, wie es nur sein kann. Das ist ein sehr allgemeiner und sehr unsinnlicher Begriff von Bildlichkeit. Er setzt ein bestimmtes Verhältnis zweier Bereiche voraus und gibt zu verstehen, daß es sich als Abbildung auffassen lasse, wenn es sich ohne Ausnahme über beide erstrecke. In diesem Sinn kann eine mathematische Formel das Bild eines Naturvorganges sein, so gut wie die sinnliche äußere Ähnlichkeit eine Abbildung begründet. Eine Theorie kann sich in ihren Folgen mit der Wirklichkeit decken, und die Wirklichkeitsfolge mit der Theorie. Eine Tonwalze ist das Abbild einer Singweise und eine Handlung eines schwankenden Gefühls. In der Mathematik, wo man vor lauter Entwicklung des Denkens am liebsten nur noch dem trauen möchte, was sich an den Fingern abzählen läßt, wird gewöhnlich bloß von der Genauigkeit der Zuordnung gesprochen, die Punkt für Punkt möglich sein muß. Aber im Grunde läßt sich alles, was Entsprechung, Vertretbarkeit zu einem Zweck, Gleichwertigkeit und Vertauschbakeit oder Gleichheit in Hinsicht auf etwas, oder Unterscheidbarkeit, oder Angemessenheit aneinander nach irgend einem Maß heißt, auch als ein Abbildungsverhältnis auffassen. Eine Abbildung ist also ungefähr ein Verhältnis der völligen Entsprechung in Ansehung irgend eines solchen Verhältnisses –«
Agathe unterbrach diese Darlegung, die Ulrich etwas unlustig und pflichtgemäß vortrug, mit den warnenden Worten: »Durch all das könntest du einmal einen der neuen Maler in Begeisterung versetzen –«
»Oh, warum nicht!« gab er zur Antwort. »Überlege dir, welchen Sinn es hat, dort von Naturtreue und Ähnlichkeit zu reden, wo schon das Räumliche durch eine Fläche ersetzt wird oder die Buntheit des Lebens durch Metall oder Stein. Darum sind die Künstler, die diese Begriffe der sinnlichen Nachbildung und Ähnlichkeit als photographisch von sich weisen und außer einigen mit Werkstoff und Gerät überlieferten Gesetzen nur die Inspiration oder irgendeine ihnen geoffenbarte Theorie anerkennen, gar nicht ganz im Unrecht; aber die abgebildeten Kunden, die sich nach dem Vollzug dieser Gesetze wie die Opfer eines Justizirrtums vorkommen, sind es meistens auch nicht –« Ulrich machte eine Pause. Obwohl es seine Absicht gewesen war, nur darum von dem logisch strengen Begriff der Abbildung zu sprechen, daß er aus ihm die freien, und doch keineswegs beliebigen Folgerungen ziehen könne, von denen die verschiedenen im Leben vorkommenden Bildverhältnisse beherrscht werden, schwieg er jetzt. Es befriedigte ihn nicht, sich bei diesem Versuch zu beobachten. Er hatte in letzter Zeit viel vergessen, was ihm früher geläufig gewesen war, besser gesagt, er hatte es beiseite geschoben; sogar die scharfen Ausdrücke und Begriffe seines früheren Berufes, die er so oft benutzt hatte, waren ihm nicht mehr gefügig, und er spürte auf der Suche nach ihnen nicht nur eine unangenehme Trockenheit, sondern fürchtete sich auch, wie ein Pfuscher zu reden.
»Du hast gesagt, daß einem Farbenblinden nichts fehlt, wenn er die Welt sieht!« ermunterte ihn Agathe.
»Ja. Natürlich hätte ich es nicht ganz so sagen sollen« erwiderte Ulrich. »Es ist alles in allem noch eine unklare Frage. Schon wenn man sich auf das geistige Bild beschränkt, das der Verstand von irgendetwas gewinnt, gerät man bei der Frage, ob es wahr sei, in die größten Schwierigkeiten, obschon man durchwegs eine trockene und lichtdurchglänzte Luft atmet. Nun sind gar die Bilder, die wir uns im Leben machen, um richtig handeln und fühlen zu können oder auch kräftig handeln und fühlen zu können, nicht bloß vom Verstand abhängig, ja oft sind sie höchst unverständig und nach seinen Maßen unähnliche Bilder; und doch müssen sie ihren Dienst erfüllen, damit wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit und uns selbst bleiben. Sie müssen also nach irgendeinem Bildschlüssel oder irgendeiner Gebrauchsanweisung und gemäß dem Begriff, der die Art der Abbildung bestimmt, auch genau und vollständig sein, selbst wenn dieser Begriff Raum für verschiedene Ausführungen läßt –«
Agathe unterbrach ihn lebhaft. Sie hatte plötzlich den Zusammenhang erfaßt. »Der falsche Bauer ist also ein Abbild des echten gewesen?« fragte sie.
Ulrich nickte. »Ursprünglich hat ja auch ein Bild immer seinen Gegenstand ganz vertreten. Es hat Macht über ihn verliehen. Wer einem Bild die Augen oder das Herz ausstach, tötete den Abgebildeten. Wer sich des Bildes einer unzugänglichen Schönen heimlich bemächtigte, dem fiel sie anheim. Auch der Name gehört zu den Bildern; und so hat man Gott bei seinem Namen beschwören können, was soviel hieß wie gefügig machen. Wie du weißt, entwendet man übrigens auch heute noch heimlich Erinnerungszeichen oder schenkt sich Ringe mit dem eingegrabenen Namen und trägt Bilder und Locken als Talisman am Herzen. Da hat sich also etwas im Lauf der Zeit gespalten; das Ganze ist zum Aberglauben herabgesunken, und ein Teil hat dafür die trockene Würde der Photographie, der Geometrie oder ähnliches erreicht. Aber denke einmal an den Hypnotisierten, der mit allen Anzeichen des Wohlgefallens in eine Kartoffel beißt, die ihm einen saftigen Apfel vertritt, oder denke an die Puppen deiner Kindheit, die du umso leidenschaftlicher geliebt hast, je einfacher und der Menschenähnlichkeit ferner sie gewesen sind, so bemerkst du, daß es nicht auf das Äußere ankommt, und bist wieder bei dem bolzsteifen Fetischpfahl, der einen Gott darstellt –«
»Sollte man nicht beinahe sagen können, je unähnlicher ein Bild sei, desto größer die Leidenschaft dafür, sobald wir uns daran gebunden haben?« fragte Agathe.
»Wahrhaftig ja!« stimmte ihr Ulrich bei. »Unser Verstand, unsere Wahrnehmung haben sich in dieser Frage von unserem Gefühl getrennt. Man kann sagen, daß die ergreifendsten Stellvertretungen immer etwas Unähnliches haben.« Er betrachtete sie lächelnd von der Seite und fügte hinzu: »Wenn ich nicht in deiner Gegenwart bin, sehe ich dich nicht ähnlich vor mir, so wie dich einer malen möchte; sondern mir ist eher, als hättest du in ein Wasser geblickt und ich bemühte mich vergeblich, darin mit dem Finger dein Bild nachzuzeichnen. Ich möchte behaupten, daß man nur Gleichgültiges richtig und ähnlich sieht.«
»Seltsam!« erwiderte seine Schwester. »Ich sehe dich genau vor mir! Vielleicht, weil mein Gedächtnis überhaupt zu genau und unselbständig ist!«
»Ähnlichkeit der Abbildung ist eine Annäherung an das, was der Verstand wirklich und gleich findet; es ist ein Zugeständnis an ihn!« sagte Ulrich artig und fuhr vermittelnd fort: »Daneben gibt es aber doch auch die Bilder, die sich an unser Gefühl wenden, und ein Kunstbild ist zum Beispiel eine Mischung aus beiden Ansprüchen. Willst du aber darüber hinaus bis dorthin gehen, wo etwas nur noch für das Gefühl etwas anderes vertritt, so mußt du an solche Beispiele denken wie eine flatternde Fahne, die in besonderen Augenblicken ein Bild unserer Ehre ist –«
»Da läßt sich doch nur noch von einem Symbol, aber von keinem Bild mehr reden!« warf Agathe ein.
»Sinnbild, Gleichnis, Bild, es geht ineinander über« meinte Ulrich. »Sogar solche Beispiele gehören hieher wie das Krankheitsbild und der Heilungsplan, die sich ein Arzt macht. Sie müssen die erfinderische Ungenauigkeit der Einbildung, immerhin aber auch die Genauigkeit der Ausführbarkeit haben. Diese geschmeidige Grenze zwischen der Einbildung des Planens und dem Bild, das vor der Wirklichkeit bestehen bleibt, ist im Leben überall wichtig und schwer zu finden.«
»Wie verschieden wir sind!« wiederholte Agathe nachdenklich.
Ulrich wehrte den Vorwurf lächelnd ab. »Sehr! Ich spreche von der Ungenauigkeit, etwas für etwas zu nehmen, als von einer Fruchtbarkeit und Leben spendenden Gottheit und bemühe mich, ihr so viel Ordnung beizubringen, als sie verträgt; und du bemerkst nicht, daß ich längst auch von der wahrhaften Möglichkeit doppelgängerischer Zwillinge rede, zwei Seelen zu haben und eine zu sein?« Er fuhr lebhaft fort: »Stelle dir Zwillinge vor, die einander ›zum Verwechseln‹ ähnlich sehen, stelle sie dir in der gleichen Haltung vor, und bloß durch eine als Strich angedeutete Wand getrennt, die dir bestätigt, daß es zwei selbständige Wesen sind. Und nun mögen sie in einer unheimlichen Steigerung einander auch in dem, was sie tun, wiederholen, sodaß du unwillkürlich das gleiche von ihrem Innern annimmst: Was ist das Unheimliche dieser Vorstellung? Daß wir sie an nichts unterscheiden können, und daß sie doch zwei sind! Daß für uns in allem, was wir mit ihnen unternehmen könnten, der eine so gut wie der andere ist, obwohl sich an ihnen dabei doch etwas wie ein Schicksal vollzöge! Kurz, daß sie für uns gleich sind, und für sich nicht!«
»Warum treibst du solchen gruseligen Spuk mit den Zwillingen?« fragte Agathe.
»Weil das ein Fall ist, der oft vorkommt. Er ist der Fall des Verwechselns, der Gleichgültigkeit, des in Pausch und Bogen Nehmens und Behandelns, der Vertretbarkeit …, also ein Hauptkapitel aus den Bräuchen des Lebens. Ich habe es bloß ausgeschmückt, um es dir etwas auffälliger zu machen. Denn nun kehre ich es um: Unter welchen Umständen werden die Zwillinge für uns zweierlei und für sich ein und dasselbe sein? Ist das auch Spuk?«
Agathe preßte seinen Arm und seufzte. Dann gab sie zu: »Wenn es möglich ist, daß zwei Menschen für die Welt gleich sind, so könnte es auch sein, daß uns ein Mensch doppelt erscheint. – Aber du zwingst mich, Unsinn zu reden!« fügte sie bei.
»Stell dir zwei Goldfische in einem Glas vor« bat Ulrich.
»Nein!« sagte Agathe entschlossen, wenn auch lachend. »Ich tue nicht mehr mit!«
»Bitte, stell es dir vor! Ein kugelförmiges großes Glas, wie man es manchmal in einem Salon sieht. Du kannst nebenbei denken, daß das Glas auch so groß sein kann wie die Grenzen unseres Grundstücks. Und zwei golden rötliche Fische, die ihre Flossen wie Schleier bewegen und langsam auf und nieder schwingen. Lassen wir beiseite, ob sie wirklich zwei oder eins sind. Für einander werden sie vorerst jedenfalls zwei sein; dafür sorgen schon der Futterneid und das Geschlecht. Auch weichen sie einander ja aus, wenn sie sich zu nahe kommen. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß sie für mich eins werden: Ich brauche bloß auf diese Bewegung zu achten, die sich langsam einzieht und entfaltet, so ist das einzelne schimmernde Geschöpf bloß ein unselbständiger Teil dieser gemeinsam auf und absteigenden Bewegung. Nun frage ich, wann es ihnen selbst auch so geschehen könnte –«
»Es sind Goldfische!« warnte Agathe. »Und keine Tanzgruppe, die an übernatürlichen Einbildungen leidet!«
»Es sind du und ich,« entgegnete ihr Bruder nachdenklich »und darum möchte ich auch versuchen, den Vergleich richtig zu Ende zu bringen. Es scheint mir eine lösbare Aufgabe zu sein, sich vorzustellen, wie an ihrer geteilt-einigen Bewegung die Welt vorbeigleitet. Es geschieht nicht anders, als sich an einem Eisenbahnzug, der durch Krümmungen fährt, die Welt vorbeidreht; bloß geschieht es zweifach, so daß zu jedem Augenblick des Doppelwesens zwei Stellungen der Welt gehören, die irgendwie seelisch zusammenfallen müssen. Das heißt, es wird niemals der Einfall mit ihnen verbunden sein, durch eine Bewegung von der einen zur andern zu gelangen; es wird nicht der Eindruck einer zwischen ihnen bestehenden Entfernung entstehen; noch desgleichen mehr. Ich glaube, mir vorstellen zu können, daß man sich ganz leidlich auch in einer solchen Welt zurechtfände, und es ließe sich dazu wohl auf verschiedene Art die nötige Beschaffenheit der Sinneswerkzeuge und Auffassungsvorgänge ausklügeln.« Ulrich blieb einen Augenblick stehen und dachte nach. Manche Einwände waren ihm bewußt geworden, und auch die Möglichkeit ihrer Abschaffung deutete sich an. Er lächelte schuldbewußt. Dann sagte er: »Aber wenn wir annehmen, daß diese Beschaffenheit der unseren gleich sei, ist die Aufgabe gar viel leichter! Die beiden schwebenden Geschöpfe werden sich ja auch dann schon als eines fühlen, ohne daß sie durch die Verschiedenheit ihrer Wahrnehmungen darin gestört würden, und ohne daß es dazu einer höheren Geometrie und Physiologie bedürfte, so du bloß glauben willst, daß sie seelisch aneinander stärker gebunden sind als an die Welt. Wenn irgendetwas ihnen gemeinsam Wichtiges unendlich stärker ist als die Verschiedenheit ihrer Erlebnisse; wenn es diese überdeckt und gar nicht erst zu Bewußtsein kommen läßt; wenn ihnen das störend von der Welt Kommende nicht des Bewußtseins wert ist, wird das geschehn. Und es kann eine gemeinsame Suggestion solche Wirkung haben; oder eine süße Nachlässigkeit und Ungenauigkeit der Aufnahmegewohnheiten, die alles verwechselt; oder eine einseitige Spannung und Überspanntheit, die nur das Erwünschte durchläßt: eines, wie mir scheint, so gut wie das andere –«
Nun lachte ihn Agathe aus. »Wozu habe ich dann die ganze Genauigkeit der Abbildungsverhältnisse durchexerzieren müssen?« fragte sie.
Ulrich zuckte die Achseln. »Es hängt alles miteinander zusammen« erwiderte er verstummend.
Er wußte selbst, daß er in seinen Anläufen nirgends durchgedrungen sei, und ihre Verschiedenheit verwirrte seine Erinnerung. Er sah voraus, daß sie sich wiederholen würden. Aber er war müde. Und wie die Welt im versiegenden Licht traulich schwer wird und alle Glieder an sich zieht, so drang Agathes Nachbarschaft wieder körperlich zwischen seine Gedanken, während sein Geist versagte. Sie hatten sich beide daran gewöhnt, solche schwierigen Gespräche zu führen, und diese waren nun schon seit längerer Zeit so gemischt aus dem Treiben der Einbildungskraft und der vergeblichen äußersten Anstrengung des Verstandes, es zu sichern, daß es ihnen beiden nichts Neues war, bald auf eine Entscheidung zu hoffen, bald sich von ihren eigenen Worten im Gehen und Stehen kaum anders einwiegen zu lassen, als man auf das kindlich vergnügte Selbstgespräch eines Brunnens horcht, der lallend vom Ewigen schwätzt. In diesem Zustand fiel Ulrich jetzt nachzüglerisch noch etwas ein, und er griff wieder auf seine sorgfältig untermalte Parabel zurück. »Es ist erstaunlich einfach, aber doch auch seltsam, und ich weiß nicht, wie ich es dir überzeugend sagen soll« meinte er. »Du siehst jene Wolke dort an einer etwas anderen Stelle als ich, und auch sonst vermutlich etwas anders; und davon haben wir gesprochen, daß, was du siehst und tust und was dir einfällt, niemals dem gleich sein wird, was mir widerfährt und was ich tue. Und die Frage haben wir untersucht, ob es nicht trotzdem möglich wäre, bis ins letzte eins zu sein und zu zweien mit einer Seele zu leben? Wir haben allerhand ausgezirkelte Antworten angedeutet, aber die einfachste habe ich dabei vergessen: daß die beiden Menschen gesonnen und imstande sein könnten, alles, was sie erleben, nur als Gleichnis hinzunehmen! Bedenke bloß, daß jedes Gleichnis für den Verstand zweideutig, aber für das Gefühl eindeutig ist. Wem die Welt bloß ein Gleichnis ist, der könnte also wohl, was nach ihren Maßen zwei ist, nach den seinen als eins erleben.« In diesem Augenblick schwebte es Ulrich sogar vor, daß in einem Lebensverhalten, dem das Hiersein bloß ein Gleichnis des Dortseins wäre, sogar das Nichterlebbare, in zwei getrennt wandelnden Körpern eine Person zu sein, den Stachel seiner Unmöglichkeit verlöre; und er schickte sich an, darüber weiterzusprechen.
Aber Agathe zeigte auf die Wolke und unterbrach ihn zungenfertig: »Hamlet: ›Seht ihr die Wolke dort, beinah’ in Gestalt eines Kamels?‹ Polonius: ›Beim Himmel, sie sieht auch wirklich aus wie ein Kamel.‹ Hamlet: ›Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel!‹ Polonius: ›Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel.‹ Hamlet: ›Oder wie ein Walfisch?‹ Polonius: ›Ganz wie ein Walfisch‹!« Sie brachte es so hervor, daß es ein Spottbild geflissentlicher Übereinstimmung war.
Ulrich begriff den Einwand, fuhr aber unbehindert fort: »Man sagt doch von einem Gleichnis auch, daß es ein Bild sei. Und ebenso gut ließe sich von jedem Bild sagen, daß es ein Gleichnis wäre. Aber keines ist eine Gleichheit. Und eben daraus, daß es einer nicht nach Gleichheit, sondern nach Gleichnishaftigkeit geordneten Welt angehört, läßt sich die große Stellvertretungskraft, die heftige Wirkung erklären, die gerade ganz dunklen und unähnlichen Nachbildungen zukommt und von der wir gesprochen haben!« Dieser Gedanke selbst wuchs durch sein Zwielicht, und er vollendete ihn nicht. Die unmittelbare Erinnerung an das, was über Abbildungen gesprochen worden, verband sich darin mit dem Bild der Zwillinge und mit der erlebten bild-schönen Erstarrung Agathes, die sich vor den Augen ihres Bruders wiederholt hatte, und dieses Gemenge wurde von ferner belebt durch die Erinnerung daran, wie oft solche Gespräche, wenn sie am schönsten waren und aus ganzer Seele kamen, selbst eine Neigung bekundeten, sich nur noch in Gleichnissen auszudrücken. Heute aber geschah das nicht, und Agathe traf nun wie ein Schütze die empfindliche Stelle, als sie ihren Bruder wieder mit einer Bemerkung störte. »Warum, in aller Welt, gehen denn deine Wünsche und Worte überhaupt nach einer Frau, die abenteuerlich genau deine zweite Ausgabe sein soll!« rief sie unschuldig verletzend aus. Trotzdem war ihr ein wenig bang vor der Erwiderung und sie schützte sich auch durch eine Wendung ins Allgemeine: »Kann man es denn verstehen, warum in aller Welt das Ideal aller Liebenden es ist, ein Wesen zu werden, ungeachtet diese Undankbaren fast allen Reiz der Liebe gerade dem verdanken, daß sie zwei Wesen sind und als Geschlecht verlockend ungleich sind?« Sie fügte scheinheilig, aber noch arglistiger zielend hinzu: »Sie sagen sogar manchmal zueinander, als wollten sie dir entgegenkommen: ›Du bist meine Puppe!‹«
Ulrich nahm indessen den Spott hin. Er hielt ihn für gerecht, und es war schwierig, ihn durch eine neue Anpassung zu widerlegen. Es war in dem Augenblick auch nicht nötig. Denn obzwar die Geschwister sehr verschieden sprachen, waren sie doch einig. Von einer unbestimmten Grenze an fühlten sie sich als ein Wesen; so wie aus zwei Menschen, die vierhändig spielen oder zweistimmig laut eine Schrift lesen, die für ihr Heil wichtig ist, ein Wesen entsteht, dessen bewegter, hellerer Umriß sich ohne Deutlichkeit von einem Schattengrund abhebt. Wie in einem Traum schwebte es ihnen vor, zu einer Gestalt zu verschmelzen – ebenso unbegreiflich, überzeugend und leidenschaftsschön, wie es da geschieht, daß zwei Menschen nebeneinander vorkommen, und heimlich derselbe sind; und es war durch die in letzter Zeit hervorgetretene nachdenkliche Behandlung teils gestützt, teils gestört worden. Von diesen Überlegungen ließe sich sagen, daß es nicht unmöglich sein sollte, was der Wirkung des Gefühls im Schlaf gelingt, auch bei wachem Bewußtsein zu wiederholen; vielleicht mit Auslassungen, gewiß auf veränderte Art und durch andere Vorgänge, es könnte aber auch zu erwarten sein, daß es dann mit größerer Widerstandsfähigkeit gegen die auflösenden Einflüsse der wachen Welt geschieht. Sie sahen sich davon freilich weit genug entfernt, und sogar die Wahl der Mittel, die sie bevorzugten, unterschied sie voneinander, insofern als Ulrich mehr zur Rechenschaft neigte und Agathe zum unbedacht gläubigen Entschluß.
Darum geschah es oft, daß scheinbar das Ende einer Aussprache weiter vom Ziel war als der Anfang, wie auch diesmal im Garten, wo die Zusammenkunft beinahe wie ein Versuch, nicht mehr zu atmen, begonnen hatte und einstweilen geradezu in Mutmaßungen über die Bauweise von verschiedenen gedachten Kartenhäusern übergegangen war. Im Grunde war es aber natürlich, daß sie sich verhindert fühlten, nach ihren allzu kühnen Gedanken zu handeln. Denn wie sollten sie etwas verwirklichen, das sie selbst als die lautere Unwirklichkeit planten, und wie sollte ihnen das Handeln in einem Geiste leicht fallen, der recht eigentlich ein Zaubergeist der Untätigkeit war. Darum wünschten sie sich inmitten ihrer weltabgeschlossenen Unterhaltung plötzlich recht lebendig, wieder mit Menschen in Berührung zu kommen.

63.
Versuche, ein Scheusal zu lieben

Die Fußgänger, ahnungslos davon, daß sie beobachtet würden, riefen den verstärkt und befremdlich äußerlichen Eindruck hervor, der jedesmal entsteht, wenn man die Beweglichkeit des Lebens betrachtet, ohne sie mitzumachen. Arm wie Alltagsdinge, ja ärmer als dies, wie flache Scheiben, Signalscheiben, von denen in der Hast keine Signale kamen, wirkten die Gesichter. Und wenn plötzlich Worte herübergetragen wurden, so waren sie abgerissen, und der Sinn war nicht zu verstehen; aber dafür hatten sie einen verstärkten Klang, wie ihn unbewohnte Räume haben.
Die beiden Beobachter hatten schließlich, ohne daß es dazu einer Verständigung bedurft hätte, langsam einen Weg eingeschlagen, der sie der Grenze ihres kleinen Gartenreiches, und damit wieder den Menschen, nahebrachte; und es wäre wohl auch zu gewahren gewesen, daß es nicht zum erstenmal geschehe. Wo sie der Straße ansichtig geworden waren, die sich hinter dem hohen, von einem Steinsockel getragenen Eisengitter lebhaft vorbeiwälzte, hatten sie den Pfad verlassen, hatten von dem Schutz von Bäumen und Büschen Gebrauch gemacht und auf einem kleinen Hügel angehalten, dessen trockener Boden den Standplatz einiger alter Bäume bildete. Hier ging das Bild der Ruhenden im Spiel von Licht und Schatten verloren. Es war unwahrscheinlich, daß sie von der Straße entdeckt werden könnten, und doch waren sie ihr sehr nahe. Die beiden brauchten nun auch nicht lange darauf zu warten, daß ein oder der andere Mensch ihrem Halbversteck noch näher komme. Bald hielt einer an und musterte fassungslos das viele Grün, das sich unerwartet an seinem Wege auftat; bald fühlte sich ein anderer von der günstigen Gelegenheit dazu angehalten, etwas für einen Augenblick aus der Hand, und auf den Steinsockel der Einfriedung zu legen, oder den Fuß aufzustemmen und das Schuhband zu knüpfen; bald blieben zwei Menschen in dem kurzen, von den Zwischenpfeilern auf den Weg fallenden Schatten im Gespräch stehen, während hinter ihnen die anderen vorbeiströmten. Je zufälliger alles das im einzelnen zu geschehen schien, umso deutlicher hob sich von der Verschiedenheit und dem vermeintlichen Reichtum dieser mannigfaltigen Handlungen mit der Zeit die sich gleichbleibende und unbewußt und fallenartig festhaltende Wirkung des Gitters ab. Es zeigte fast höhnisch die Eintönigkeit hinter dem bunten Gewirke des Tuns und seiner Gefühle.
Das Gitter war aber auch noch in anderer Weise ein Sinnbild: es trennte und verband. Die Geschwister hatten diese Bedeutung schon in den Tagen entdeckt, wo sie in unsicherem Eifer durch die Straßen gewandelt waren, angezogen davon, daß all jenes Hinbeugen, aber nicht Hingelangen des Menschen zur inneren Seligkeit wie denn auch des einen Menschen zum andern, und zumal das des Liebenden zu dem, woran er innigst teilnehmen möchte; daß alles Spiel von Gut und Bös, von Innigkeit und Feindseligkeit, von höherem Sinn und Roheit, dessen nutzlosen Kreislauf sie an sich selbst und am Leben der andern beobachteten, um nichts mehr wäre als die Freiheit, die ein vergittertes Fenster gewährt. Das meiste von dem, was Agathe und Ulrich damals gesprochen hatten, nahm sich freilich heute recht überholt, ja kindlich-zeitverschwenderisch aus; aber der Name, den sie in jenem Zustand dem Gitter dank seiner Sinnbildlichkeit gegeben hatten, und damit dem ganzen Platz, worauf sie sich befanden, wegen der Vorzüge seiner Lage, »die Ungetrennten und Nichtvereinten«, dieser Name hatte seither für sie an Inhalt nur noch gewonnen. Denn ungetrennt und nicht vereint waren sie selbst und glaubten in ihrer Ahnung zu erkennen, daß auch alles andere in der Welt ungetrennt und nichtvereint wäre. Es ist eine vernünftig verzichtende Wahrheit, und trotzdem eine der seltsamsten, obwohl noch dazu eine der allgemeinsten, daß die Welt, wie sie ist, allenthalben eine Welt durchscheinen läßt, die sein hätte können oder werden hätte sollen; so daß alles aus ihrem Treiben Hervorgehende mit Forderungen vermischt ist, die nur in einer andern Welt verständlich wären. Vor den Augen der Geschwister war das, was sich in den Seelen der einzelnen wie auch in der Allgemeinheit mischt, aber entzwei gesprungen: der stille Ausgleich zwischen der Höhe der guten und der Tiefe der bösen Leidenschaft; die vermittelnden Ideen; endlich auch in ihnen selbst die natürliche Abwägung von Leidenschaft und Enthaltung. Es war wohl ihr Schicksal, daß sie jenes ekstatische Leben, dessen Spiegel zerbrochen unter dem gewöhnlichen hervorblickt, für ebenso wirklich halten sollten wie dieses. Und darum empfanden sie auch nicht Hochmut gegen das gewöhnliche Leben – so sehr sie sich immer von ihm absonderten –, und daß sie das grobe Sinnbild des Gartengitters aufsuchten, geschah mit dem Wunsch, sich selbst angesichts der Menschen halb ernst und halb scherzhaft noch einmal auf die Probe zu stellen.
Agathe legte ihre Hand, deren leichte, trockene Wärme wie aus feinster Wolle war, auf Ulrichs Kopf, wandte den in die Richtung der Straße, ließ die Hand auf der Schulter ruhen und kitzelte das Ohr ihres Bruders mit den Worten: »Nun wollen wir unsere Nächstenliebe prüfen. Wie wäre es, wenn wir einen von diesen zu lieben versuchten wie uns selbst?«
»Ich liebe mich nicht selbst!« widersprach Ulrich.
»Dann ist es wenig schmeichelhaft, was du mitunter sagst, daß ich deine in eine Frau verwandelte Selbstliebe sei!«
»Oh, nicht doch! Du bist meine andere Selbstliebe, die gute!«
»Erklären!« befahl Agathe und sah nicht auf.
»Ein guter Mensch hat liebenswerte Fehler, und an einem bösen sind sogar die Tugenden schlecht. So wird der eine auch eine gute Selbstliebe haben und der andere eine schlechte.«
»Ich glaube es. Aber es bleibt mir dunkel.«
»Und rührt doch von einem der größten Denker her, von dem das Christentum viel gelernt hat, nur leider gerade das nicht! Ein halbes Jahrtausend vor Christus hat er gelehrt, wer nicht die rechte Selbstliebe habe, habe auch keine gute Liebe zu andern!«
»Das macht es nicht viel klarer!«
»Drehe einmal den Satz um« schlug Ulrich vor.
»Denke nicht, wer gut sei, müsse unter anderm auch mit der Selbstliebe im Lot sein, und das heißt dann gewöhnlich bloß maßvoll; sondern sage, wer die rechte Selbstliebe habe, sei gut! Dann steht der Satz auf den Füßen. Aufrecht und gerade, ist er jetzt die Behauptung, wer sich nicht selbst liebe, könne nicht gut sein, eine Botschaft, die ziemlich das Gegenteil von Christentum ist! Denn nicht, wer gegen andere gut ist, gilt da als gut; sondern wer gut ist an sich selbst, ist es notwendig auch gegen andere. Das ist also eine schöpferische Art Selbstliebe ohne Schwäche und Unmännlichkeit, eine kriegerische Übereinstimmung von Glück und Tugend, eine Tugend in stolzem Sinn!«
»Du bist ein unausstehlicher Turnlehrer, der allmorgens kommt!« wehrte Agathe ab. »Der Hahn kräht, und man soll schon wieder losprasseln! Ich möchte jetzt schlafen!«
»Nein, du sollst mir doch helfen!«
Sie lagen, gegen den Boden gewandt, neben einander. Wenn sie die Köpfe hoben, sahen sie die Straße; wenn sie es nicht taten, sahen sie die vertrocknenden Abfälle des hohen Baums zwischen spitzen, jungen Gräsern. Weshalb sprachen sie von »Selbstliebe«? Vielleicht weil sie eng nebeneinander lagen und die Wärme des einen Körpers zu der des anderen kroch wie zwei Wesen, die keinen Kopf haben. Vielleicht auch gerade deshalb, weil keiner von ihnen sich selbst liebte, und sein früheres Leben, und weil sie für das, was ihnen im gewöhnlichen Sinn fehlte, ineinander Entschädigung suchten. Und vielleicht, weil es die schmerzlich selige Zwillingsfrage war, daß einer den andern genau so lieben wollte wie sich selbst.
»Wer ist der Mann gewesen, der das gesagt hat?« fragte Agathe.
»Ach, ich weiß nicht; vielleicht Aristoteles« gab Ulrich zur Antwort und wurde schweigsam.
Nun sahen sie wieder hinaus, die Augen auf die Straße gerichtet, und die Schar der Fußgänger und Gefährte schwamm vor dem Blick vorbei, der kein bestimmtes Ziel hatte. Bei diesem Zustand des Körpers verschwammen auch die Gedanken zu großen bewegten Massen, zwischen denen sich einzelnes mehr oder minder willkürlich hervorhob. Der Begriff der Aristotelischen Selbstliebe, der Philautia, des männlich schönen Verhältnisses zu sich selbst, das nicht Ichsucht sei, sondern Wesensliebe des niederen Seelenteils zum höheren Selbst, wie eine ursprüngliche Lesart zu verstehen gibt, dieser anscheinend sehr sittsame, in Wahrheit aber zu vielem fähige Gedanke hatte es Ulrich seinerzeit gleich angetan, bei der ersten, flüchtigen Bekanntschaft, bei der es leider auch nach den Lernjahren geblieben war. Die buchgelehrte und christliche Überlieferung hat aus dieser griechischen Selbstliebe, ihrer geistigen Leidenschaft unkundig, mehr oder minder das Wohlgefallen gemacht, womit ein Schulmeister die Schulzucht betrachten mag. Einer neurerischen Zeit – seit man wieder mehr der Leidenschaften, und vornehmlich der niederen, bedächtig ist – mochte sie dem erziehlichen Verhältnis gleichzustellen sein, das zwischen dem auf glühenden Kohlen thronenden moralischen Ich und eben diesem niedrig schwelenden Bereich der Triebe bestehen solle, und auch das gefiel Ulrich nicht. Er hatte seine eigene Vermutung, und auch sie mochte leicht falsch sein; aber seit je war ihm die Verbindung des Gutseins gegen andere mit dem Gutsein gegen sich selbst – und zumal die dann auch kühnlich mögliche Beschreibung des guten Verhaltens gleich der einer Bewegung, die das Geliebte wie den Liebenden, das Gewollte wie das Wollende, kurz, das Gebende und das Empfangende von außen und innen erfaßt – als eine Gedankenverbindung vorgekommen, die nur einem Menschen hätte einfallen können, dem mystische Empfindungen nicht ganz fremd gewesen wären. Und weil es so ist, daß man festeren Boden unter den Füßen zu haben meint, wenn man die Fußstapfen eines Vorgängers erkennen kann, trennte er sich nicht alsbald von diesem Einfall, wodurch nach und nach einige Augenblicke heiter schmerzlichen Gedankenspiels, denen das Gespräch sein Entstehen verdankt hatte, einen Unterbau von Vorgeschichte erhalten, mit Einsprüchen und Unterbrechungen, die von Agathe kamen.
»Warum denkst du an so alte Geschichten?« fragte sie anfangs, denn sie verband mit dem Namen zunächst bloß ein Mißtrauen, wie sie es gegen einen nebelgrauen, unendlich langen Bart gehabt hätte.
»Kannst du dich des Fühlens entsinnen, das uns begleitet hat, während wir im Gespräch, eingehängt ineinander, hieher gingen?« erwiderte Ulrich.
»Wenn du etwas gesagt hast, war mir im nächsten Augenblick zumute, als hätte meine Stimme es ausgesprochen. Wenn sich etwas in deiner Stimme änderte, änderten sich meine Gedanken. Und wenn du etwas gefühlt hast, so kamen sicher die Folgen in meinem Gefühl zum Vorschein.«
Agathe lachte. »Ich glaube, du lügst jetzt, meine Selbstliebe! Soviel ich mich erinnere, habe ich dich manchmal nicht verstanden, und manchmal sind wir verschiedener Meinung gewesen!«
»Sonst hätte ja auch bloß Übereinstimmung zwischen uns bestanden, und vielleicht noch Empfindsamkeit!« verteidigte sich Ulrich. »Es ist aber mehr als das gewesen. Eine besondere Art der gegenseitigen Ergänzung, wie zwei Spiegel einander dasselbe Bild zuwerfen, das immer inständiger wird. Und die Natur war genau so im Bunde wie wir selbst.«
»Und das war Philautia?« fragte Agathe auf eine Art, die ihren Unglauben an solchen Erwägungen ausdrückte.
»Eben ja und nein.« Ulrich zögerte. »Es gibt da noch einen zweiten Begriff, und ich habe die beiden wohl vermengt. Der große Denklehrer hat auch den Gedanken ausgeführt, daß es Ursachen bestimmter Art gebe, die nicht wie andere in ihre Folgen übergehn, sondern die mit ihnen schon zum voraus verbunden sind, wie etwa ein Redner von dem beeinflußt wird, der ihm zuhört, also daß sie sich wechselseitig auch die ganze Zeit über beeinflußen. Eine Zielursache bestimmt die Geschehnisse, und gleichzeitig dienen diese dazu, sie zu entwickeln; und das findest du überall, wo Absichten, Wachstums- und Anpassungsvorgänge, gegenseitige Ausgestaltung, zweiseitige Wirkungen im Spiel sind, im lebendigen Geschehen also, und vornehmlich im zweckvollen und beseelten. Darum hat man zu Zeiten geglaubt, einen Gegenbegriff zu den kalten Beobachtungen der Naturwissenschaft daran zu haben, und auch heute spukt das wieder in manchen Köpfen. Aber entschuldige, daß ich dich mit solchen Erinnerungen unterhalte, die ich halb vergessen habe und die wahrscheinlich niemals etwas ganz Fertiges und Klares bedeutet haben!«
»Wenn es dich unvermeidlich dünkt!« rief Agathe getrost aus; halb zärtliche Dulderin, halb beglaubigend, daß dann auch sie es zu verstehen hoffe.
»In die Beschreibung unseres kleinen Spaziergangs oder in die von dir und mir« fuhr Ulrich denn fort »hat sich also etwas eingemengt, das sehr unklar, aber sehr bekannt, und nichts weniger als eine Geheimlehre ist. Aber vielleicht habe ich es auch nicht zu Unrecht eingemengt. Denn das Ursprungserlebnis ist doch wohl dieser Zustand von Ich und Du und von Mensch und Natur, daß sie sich wiegen wie auf demselben Ast; und daß ein Mystiker dabei die Beseelung der Welt zu erleben meint, der nüchtern Irrende oder Findende aber einen Grundbegriff zur Beschreibung der lebenden Natur, im Gegensatz zur toten, entdeckt: das sind vielleicht nur verschiedene Auslegungen.« Er blickte zu dem Wipfel des Baumes empor, der sich vor seinem Auge leise im Himmelsblau bewegte; und die Menschen vor dem Gitter strömten mit dem seltsam streifenden Geräusch eines Flusses vorbei, das vom Scheuern der Steine aus dem Schotterbett heraufdringt, wenn man sich von den Wellen tragen läßt.
»Womit wollen wir beginnen?« fragte Agathe entschlossen, nachdem sie seinem Blick gefolgt war, der wieder zur Straße ging.
»Das läßt sich wohl nicht auf Befehl tun!« mahnte Ulrich lächelnd ab.
»Nein. Aber einen Versuch könnten wir machen. Und wir werden uns ihm nach und nach anvertrauen!«
»Es muß von selbst kommen.«
»Tun wir etwas dazu!« schlug Agathe vor. »Hören wir zum Beispiel jetzt auf zu reden und überlassen wir uns ganz dem, was wir sehen!«
»Meinetwegen!« gab Ulrich zu.
Eine kleine Weile blieben sie nun still, und Agathe spürte etwas, das sie an den Augenblick erinnerte, wo der weiche Zug abgefallener Baumblüten durch die Luft geschwebt war und alles Gefühl zum Stillstand gebracht hatte. Aber ein wenig später war ihr wieder etwas anderes eingefallen. »Schließlich heißt doch, etwas auf gewöhnliche Art zu lieben, es anderem vorzuziehn?« flüsterte sie. »Also müßten wir trachten, einen von diesen in unser Gefühl einzulassen, aber gleichsam bei offen bleibender Tür!«
»Bleib still! Vor allem mußt du doch still sein!« wehrte Ulrich die Störung ab.
Nun sahen sie wieder eine Weile hinaus.
»Es gelingt ja doch nicht!« beklagte sich Agathe leise, stützte sich auf den Ellbogen und sah ihren Bruder zweifelnd an. »Eigentlich sind wir schreckliche Nichtstuer!«
Ulrich lachte. »Du vergißt, daß auch die Seligkeit keine Arbeit ist!«
»Laß uns etwas Gutes tun!« schlug sie unvermittelt vor. »Am Gitter wird sich schon ein Anlaß finden!«
»Dazu muß man selbst gut sein. Sonst erfährst du gar nicht, was gut ist! Darum habe ich wohl von der Philautia gesprochen; jetzt verstehe ich es!«
Agathe antwortete mit bitterer Heiterkeit: »Ein bequemer Grundsatz! Wenn man gut ist, ist alles gut, was man tut und läßt!«
»Vielleicht« sagte Ulrich und fuhr mit der Mischung von Ernst und Unernst fort, die gewöhnlich dem leeren Verstandesgeschick zur Last gelegt wird, in Wahrheit aber von dem Hinundherschielen der Gefühle hervorgerufen wird: »Ein guter Mann kann auch töten. Er darf sich jedenfalls verteidigen. Ein tiefer und im Grunde glücklicher Ernst, der das Gegenteil der kämpfenden Roheit ist, wird auch in seine Feindseligkeit mehr Seligkeit als Feindlichkeit legen!«
»Das glaubst du aber doch selbst nicht, daß man ohne Roheit kämpfen kann!« rief Agathe aus.
»Oh, Gott nein!« bestätigte Ulrich auch das. »Bei einem Manne unserer Zeit, wie auch ich einer bin, ist die Todesverachtung ja doch nur Lebensverachtung, im Grunde also Selbstverachtung! Wir schätzen eher noch den Tod als das Glück –«
»Willst du also gar nichts tun?« unterbrach Agathe diese Meditation.
Ulrich lachte. Er war gereizt. Sollte er bekennen, daß ihm in diesem Augenblick neben seiner Schwester Männerstreit und Tapferkeit noch einmal beneidenswert und als das einzige männliche Glück vorkamen, und bloß wegen der bittersüßen Erfahrung, wie feig und unentschlossen jedes andere Glück mache?
Nun verstand Agathe den Scherz nicht mehr. »Ist alles das dein Ernst?« fragte sie.
»Es ist der Schatten meines Ernstes!«
Aber sie stand trotzdem auf und leistete Widerstand.

64.
Gartenkapitel mit General

Agathe streifte plötzlich den Rock über die Knie hinunter, nahm eine gesittetere Lage an und ordnete ihr Haar; und als Ulrich nach der Ursache forschte, sah er den General die Wiese vom Haus heraufkommen. Der General trug noch die hohen Stiefel, in denen er nach seinem »Morgenritt« ins Büro gekommen war, und die roten, wie Stengel sich biegenden, weithin sichtbaren Streifen an seinen Reithosen verliehen dem daraufsitzenden Leib das Aussehen eines runden, himmelblauen Blumensträußchens, das durch Gottes Wunder über eine Wiese ging. Ulrich winkte ihm höflich zu, der General, der die Kappe von dem erhitzten Haupt genommen hatte, schwenkte sie zum Gruß wie einen Säbel zur Brust und gegen den Boden, und als er vor den beiden stand und sich nicht ohne Anstrengung zu Agathes Hand gebückt hatte, sagte er: »Ich bitte um Verzeihung. Ich bin schon wieder da. Aber ein solches Nichtstun, während wir andern angestrengt arbeiten, verdient selbst diese Strafe!«
»Wollen Sie nicht auch Platz nehmen?« fragte Agathe, und als Agathe ihm Platz auf dem Rasen anbot und als Stumm nach diesem Vorgang wieder zu Atem kam und eine Lage gefunden hatte, die sowohl seiner würdig als auch einigermaßen bequem war, eröffnete er das Gespräch mit der Frage: »Gnädigste, können Sie mir sagen, was für eine Art Frau eigentlich Frau Clarisse ist?«
Agathe lächelte und blickte auf Ulrich, den nun auch Stumm wartend anblickte, so daß er sich genötigt sah, die Antwort zu erteilen. Er tat es kurz mit dem einen Wort: »Verrückt!«
»Wirklich verrückt?« Es widerstrebte Stumm wohl doch.
»Ich glaube: wirklich.«
Stumm blickte fragend auf Agathe.
»Ich kenne Clarisse zu wenig« sagte diese.
»Aber wie kommt es dann, daß der Friedenthal nichts bemerkt?« zweifelte Stumm.
Ulrich entgegnete: »Ärzte bemerken so etwas nur bei Krankenbesuchen; bei Privatbesuchen sind sie imstande, es für Geist, für Ungewöhnlichkeit, Kunst, oder was weiß ich zu halten. Offenbar muß auch ein Krankheitsbild den richtigen Rahmen haben! Selbst ihr eigener Bruder gewahrt es doch nicht!«
Stumm war es zufrieden. »Dann brauche ich mir schon gar keine Vorwürfe zu machen!«
»Weshalb auch!«
»Hat sie auch dir von dem Nietzsche-Jahr erzählt?« fragte Stumm heiter.
»Das ist eine von ihren Ideen« antwortete Ulrich. Agathe wollte wissen, was ein Nietzsche-Jahr sei.
»Man soll in diesem Jahr bloß nach Nietzsches Büchern leben« beeilte sich Stumm, sie zu belehren.
»Und im nächsten Jahr wohl nach denen von Goethe?« fragte Agathe spöttisch, die Clarisse nicht wohl wollte.
Der General erwiderte: »Kann sein; ich weiß es nicht, Gnädigste. So genau hat sie sich darüber nicht ausgelassen. Übrigens –« fuhr er plötzlich philosophisch fort und war ersichtlich gesonnen, für Clarisse Partei zu nehmen: »Einen guten Schriftsteller soll man doch wirklich beim Wort nehmen können! Denn wenn es die Leute nicht ernst meinen, dann brauchen sie ja auch nicht zu schreiben!« Als ihm auffiel, daß darauf keine Antwort kam, blickte er erst Agathe, dann Ulrich fragend an.
»Ich bin beinahe auch deiner Meinung, aber vielleicht ist es etwas verwickelter« erwiderte nun Ulrich, höflich zögernd.
»Sie sagt überhaupt manches, was ganz hervorragend ist! Hat sie dir zum Beispiel schon einmal vom Willen zur Macht erzählt?« fragte ihn Stumm, besann sich aber darauf, daß Agathe wenig Teilnahme gezeigt habe und daß es darum ungezogen sei, von Clarisse weiterzureden. »Verzeihen, Gnädigste, daß ich nun auch noch auf den Willen zur Macht zu sprechen gekommen bin« bat er. »Aber ich muß mir jetzt alles unter dem militärischen Gesichtspunkt anschaun! Es kann ja verrückt sein, was ich da erfahre, aber ich empfange wirklich viel Anregungen. Ich glaube ihr nicht alles. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich es einmal selbst durchdenke, wird manches Brauchbare zum Vorschein kommen!«
»Stumm hat recht« vermittelte Ulrich.
»Oh, ja!« sagte Stumm. »Ich darf in diesem Kreise ja sagen: Was einen gesunden Menschen von einem geisteskranken unterscheiden läßt, ist bloß, daß der Gesunde alle Geisteskrankheiten hat und der Geisteskranke bloß eine!«
Ulrich rief anerkennend aus »Donnerwetter, Freund, du hast Geist bekommen!« und schlug Stumm neckend auf die Schulter.
»Und du bist wie vor dem Spiegel, wenn du das sagst!« gab dieser verzagt zurück. »Denn diesen Ausspruch habe ich von dir.«
»Von mir?«
»Auf dem Palaver bei deiner Kusine hast du es von dir gegeben. Ich glaube, wenn ich nicht wäre, würdest du deinen ganzen geistigen Reichtum nutzlos verschwenden!« – Stumm meinte diese vorwurfsvolle Artigkeit beinahe aufrichtig und selbstbewußt; aber im Augenblick war es ihm wichtiger, sie als leichten Übergang zu benützen, und so streckte er lächelnd die offenen Hände aus und ging auf den Zweck seines Kommens über: »Darum bin ich auch wieder hier. Gib mir einen guten Gesprächsstoff für den Leinsdorf!«
Ulrich überlegte und wurde ernst. »Hast du schon einmal über den merkwürdigen Begriff der Meinung nachgedacht?«
Stumm sah seinen Freund erstaunt an. »Sicher ganz interessant« erwiderte er gedehnt. »Aber wenn ich ihm mit der öffentlichen Meinung komme, wird der Erlaucht bestimmt bloß auf die Zeitungsschmierer zu schimpfen anfangen.« Und in der Absicht, diesem Vorschlag die Spitze abzubrechen, wandte er sich mit der Bemerkung, »daß sich Gnädigste aber auch dafür interessieren, habe ich nicht erwartet!« höflich an Agathe.
Zu seiner Überraschung hörte er Ulrich antworten: »Du scheinst nicht zu wissen, daß Meinung mit Minne zusammenhängt.«
»Aber geh!« Und trotz der Gegenwart einer Dame hätte Stumm beinahe gesagt, daß öffentliche Meinung dann soviel wie öffentliche Minne oder öffentliche Liebe wäre. »Meinung hängt doch eher mit Streit zusammen! Wo immer Menschen eine Meinung haben, dort streiten sie eben auch!« rief er darum abwehrend aus.
»Umso bemerkenswerter ist es, daß Meinen noch auf mittelhochdeutsch lieben heißt! Minnen, Meinen, Mahnen ist miteinander verwandt und hängt irgendwie mit Andenken und Denken, wahrscheinlich also mit einem inneren Mein-machen zusammen!«
Nun war der General gewonnen. Er sah ein reichgegliedertes Gedankengeflecht mit Leinsdorf voraus, das ihm Gelegenheit bieten sollte, seine Geisteskräfte aus unerwarteten Uniformen angreifen zu lassen. Und da sich Agathe abgewandt hatte und, scheinbar gelangweilt, in einem dicken Buch nachdenklich blätterte, bat er leise und mit der Würde des Spottes: »Halte mir also einen lichtvollen Vortrag darüber!«
Aber Ulrich sprach laut. »Es gibt Wahrheiten, die unumstößlich sind.«
»Zum Beispiel, daß heute Donnerstag ist« sagte Stumm vergnügt.
»Meinetwegen.«
»Und daß morgen die Sonne aufgehen wird.«
»Voraussichtlich.«
»Oder daß zwei mehr drei gleich drei mehr zwei ist!«
»Das ist unbedingt wahr; aber freilich unter bestimmten Bedingungen!«
»Unbedingt unter bestimmten Bedingungen!« rief Stumm erfreut aus: »Das könnte ich gesagt haben!«
»Vielleicht habe ich versucht, deiner Denkweise entgegenzukommen!« erwiderte Ulrich. »Denn jetzt erheben wir uns zu den unangenehmsten Höhen der Betrachtung. Du hast gestern eine so sinnvolle Unterscheidung gemacht zwischen Geist und Logik.« Ulrich war melancholisch entschlossen, den General zu mißbrauchen, um seine Gedanken so lange durch sein Aufnahmevermögen zu pressen, bis sie auch in seinen Kopf eingingen, erst dann wollte er, was er selbst nicht ganz einfach ausdrücken konnte, für richtig ausgedrückt anerkennen. Dazu war es nötig, dessen Mitwirkung zu gewinnen.
So sagte Ulrich: »Wir wollen noch einmal anfangen. Wie sehe ich aus?«
»Aber laß mich!« entgegnete Stumm. Doch folgten seine Augen aus Gutmütigkeit der Aufforderung. »Ein gelbes Mascherl hast du.«
»Und du bist blau. Wie kommt es übrigens, daß du heute keinen Waffenrock, sondern die Bluse anhast?«
»Ich bin in der Früh geritten.«
»Und jetzt möchtest du wissen, was ich noch fragen werde. Deine Neugierde hängt an meinen Lippen.«
»Das ist etwas übertrieben ausgedrückt!«
»Aber was ich sage, bewegt dich zu Antworten, und wenn ich mich jetzt hinüberbeugen sollte, um dir etwas ins Ohr zu sagen, würdest du mir dein Ohr entgegenhalten! Ich befinde mich dir also gegenüber als ein fremdes Wesen, aber rage doch auch in dein Inneres und bilde sogar einen Teil von ihm.«
»Unsinn! Das heißt, ich weiß schon, daß das Philosophie ist. Aber mein Gott: wenn es das schon ist!« rief Stumm aus.
»Nein, nein; gib nur acht! Du siehst, daß ich einen rohseidenen Anzug anhabe, und meine Binde ist gelbgrau. Der Bau deiner Augen ist Ursache dieser Wahrnehmungen. Eine allgemeine, bei den meisten Menschen aufs gleiche wirkende Ursache, nicht die besondere dafür, daß du es gerade jetzt und an mir siehst. Und solltest du gar finden, daß ich abscheulich aussehe, so wärst du erst recht, mit mir zusammen, die Ursache dieses Erlebnisses. Trotzdem wirst du dich niemals daran schuldig fühlen und noch weniger wirst du ja auch nur die geringste Verantwortung für das Graugelb meiner Halsbinde spüren. Jeder Wahrnehmungsvorgang schließt also schon ein moralisches Abrücken, eine Salvierung und Lossprechung in sich ein! –«
General: »Ich weiß nicht, mich freut dieses Gespräch heute nicht! Worauf willst du denn hinaus?« Ulrich lachte. »Ich weiß es selbst nicht. Anscheinend will ich deine Unterscheidung zwischen dem teilnehmenden Geist des Verstehens und dem kalten des Erkennens bis an die Wurzeln bloßlegen.«
»Ich habe bloß zwischen Geist und Logik unterschieden« berichtigte ihn Stumm stolz und bescheiden.
»Ja. Aber näher an der Wurzel ist es der Unterschied zwischen dem teilnehmenden und dem feindseligen Blick des geistigen Auges. Haben wir nicht soeben davon gesprochen? Und ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß wir einen Teil der Welt nur durch Gesinnungsverwandtschaft verstehen sollen und den andern durch nüchterne Beobachtung?«
»Warum sollte das merkwürdig sein! Menschen verstehen wir eben durch Gesinnungsverwandtschaft, und Teekessel durch Beobachtung! Nein, Teekessel überhaupt nicht! Hast du schon jemals einen Teekessel verstanden? Ich käme mir unheimlich vor, wenn ich es von mir sagen müßte!« Er machte ein komisches rundes Gesicht und blies die Luft durch die Nase.
»Wacker!« sagte Ulrich. »Du hebst jetzt die Doppeldeutigkeit des Wortes Verstehen hervor. Einen Menschen versteht man durch Einsicht, eine Maschine aus Blech begreift man bloß von außen, selbst wenn man in sie hineinsieht; man erlernt nicht mehr, als ihre Zusammensetzung richtig zu behandeln. Aber jetzt eine Frage: Menschen verstehen wir doch sowohl aus uns selbst als auch, indem wir sie wie Teekessel beobachten und behandeln; und ich denke, gerade das zweite ist doch deine ›Logik des Offiziers‹?«
»Na ja!« gab Stumm widerwillig zu. »Vielleicht.«
»Sicher!« bekräftigte es Ulrich. »Frag den Zugsführer Hirsch. Laß ihn auf die Universitäts-Bibliothek los. Du ahnst nicht, wieviel Federn, ja schon Griffel und schon Bücher daran stumpf geworden sind, daß man das Leben zu einem Teil nur von innen teilnehmend, zum anderen Teil nur von außen beobachtend verstehn kann und in einem weiteren Drittel sowohl auf die eine als auch auf die andere Art! Es ist heute noch die Quelle unzähliger Irrtümer wie zum Beispiel der beiden, daß eine Menge Narren Seele von der Wissenschaft verlangt – sie möchten, daß die Wissenschaft auch mit der Seele spreche, kurz, sie möchten, daß der Bock Milch gibt! – und daß eine andere Menge Narren das Wissen für den Gipfel der Seele hält – sie möchten –«
»Nun?« fiel Stumm in die kleine Pause ein, da Ulrich zögerte. »Zu dem Melken des Bocks ist es schwer, jetzt das ergänzende Gleichnis zu finden! Es interessiert mich, weil doch der Leinsdorf geradezu eine Schwäche für gute Gleichnisse hat.«
»Kurz, ihnen ist eine Büchse Trockenmilch lieber als die Geiß!«
Stumm überlegte. Über so scharfe Fragestellungen hatte Ulrich schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen, es heimelte ihn richtig nah an. »Vielleicht sollte man sagen, sie verlangen von einer gebildeten Geiß, daß sie am Euter schon zwei Büchsen Kondensmilch hat?« schlug er vor.
Aber Ulrich ließ das Gleichnis sein und sagte:
»Wir wollen bei der Stange bleiben: Manche halten also den Verstand für eine Entartung des teilnehmenden Verstehens, und andere halten das teilnehmende Verstehen für einen unreinen Verstand. Das ist eine der wichtigsten Formeln für den unausgegorenen Gegensatz von Irrationalismus und Rationalismus.«
»Aber was ist es mit dem dritten Drittel?« forschte Stumm aufmerksam und Ulrich mußte sich belehren lassen, daß er ein solches unterschieden habe. »Offenbar ist es merkwürdig, daß wir vieles sowohl von innen als auch von außen verstehen« verteidigte er nun seinen ursprünglichen Plan. »Dich zum Beispiel kann ich aus mir selbst verstehen, unmittelbar, nachschöpferisch; aber ich käme auch zum Ziel, wenn ich mir ganz fremd sagte: Das ist ein General, er wird also die meisten Eigenschaften aller Generale haben; er ist Kavallerist, zieht dem Sattel aber einen Sessel im Ministerium vor; er verehrt Clarisse, wird sich also auch nach den Erfahrungen verstehen lassen, die man mit den Verehrern dieser merkwürdig züngelnden Frau macht. – Und so weiter, denn das ist natürlich eine Einkreisungstaktik. Übrigens läßt sie sich immer nur in Verbindung mit einem schöpferischen Verstehen anwenden!«
»Ich finde, du hast jetzt wenig schmeichelhaft von mir gesprochen!« mahnte Stumm nachdenklich.
»Ich habe bloß zeigen wollen, wie ich dich mit Geist und wie ich dich mit ›Logik‹ verstehen könnte. Davon haben wir doch sprechen wollen? Und wenn auch nicht schon immer hienieden, am letzten Ende stimmt es überein; so will es unser Glaube an beides. Jetzt aber will ich sagen,« fuhr Ulrich warm werdend fort »daß es sich mir gar nicht ums Verstehen und Erkennen handelt; denn in alledem zeigt sich etwas, das beiweitem allgemeiner ist.«
»Eben!« verteidigte sich der General. »Wenn ich Logik meine, dann pfeife ich aufs Verstehen!«
Ulrich: »Innen und Außen ist in allen menschlichen Beziehungen eigenartig verflochten. Ich möchte dir die Grundzüge davon beschreiben.«
Stumm: »Gern. Aber wenn du jetzt wieder etwas Neues anfangst, ich habe nicht mehr viel Zeit.«
Ulrich (lachend): »Es ist ganz einfach. Wir wollen wieder darauf zurückgreifen, daß du mich ansiehst und mein Bild in dich aufnimmst.«
Stumm (erheitert): »Und moralisch von dir abrücke, hast du gesagt.«
Ulrich: »Aber wie geschieht das? Wenn du mich wahrnimmst, bin ich dir als ein Etwas gegeben, das dir nicht angehört. Daß ich dir aber als ein solches Etwas gegeben bin, und wie es dir gegeben ist, gehört augenblicklich zu deinem Zustand und befindet sich also im Zusammenhang deines Ich. Wenn du also etwas außer dir wahrnimmst, so gehört es dir als etwas an, das dir nicht angehört –«
Stumm: »Das ist doch ein Widerspruch?« Ulrich: »Vor allem ist es eine Undeutlichkeit. –
Die Worte taugen nicht viel, wir wollen aber versuchen, der Sache doch etwas näher beizukommen. Du, das Ich, bist dir anders gegeben als das Es, das deinem Ich angehört. Ich füge jetzt hinzu, daß sowohl dieses Es als auch das Ich in den verschiedensten Formen an einem solchen Vorgang beteiligt sein können. Du kannst mich wahrnehmen, du kannst aber auch von mir wissen, mich erraten, verstehen, fühlen oder etwas von mir vermuten und annehmen; jedesmal bin ich dir auf eine andere Art gegeben, meist auch von einer andern Seite, und ich gehöre dir auf verschiedene Weise an, und du selbst wirst auf verschiedene Art ins Spiel gesetzt. Manchmal scheinst du zu verschwinden und nur ich bin da, das heißt, du bist ganz ausgefüllt, von dem, was du siehst; aber noch ein wenig mehr davon, und es fließt schon über, wobei du deutlich bemerkst, wie beteiligt du selbst bist. So ist es also schon bei den Erkenntnisvorgängen, wo alles scheinbar ganz sachlich zugeht und wir fast untätig und bloß empfangend sind –«
»Was kommt jetzt?« erkundigte sich Stumm vorsichtig.
Ulrich: »Daß das viel deutlicher an den Beziehungen hervortritt, wo unser Mittun greifbar wird. Überall also, wo unsere Gefühle, Vorurteile oder Ideen beteiligt sind. Nimm an, ich hasse etwas, flüchte vor ihm oder zerstöre es; oder ich liebe etwas, begehre es, greife danach, eigne es mir an: An solchen Akten ist nichts fest; ich verändere mich, und es verändert sich fortwährend das Was und Wie –«
Stumm: »Wieso Akt? Du gebrauchst heute die geläufigsten Worte ungewöhnlich.«
Ulrich: »Nun, man sagt so. Es ist mir etwas in einem Akt des Wünschens gegeben, sagt man, wie man sagt, es ist mir im Akt des Wahrnehmens gegeben. Ein Etwas ist mir gegeben als ein Es, und in mir ist diese Gegebenheit als ein Es und als Ich; so zum Beispiel, daß ich etwas weiß. Und daß ich es weiß, und nicht wahrnehme oder wünsche, wäre ungefähr der Akt. So nennt man es.«
Stumm: »Hast du es nicht gestern den im Begehren schwebenden Gegenstand genannt?«
»Vielleicht.«
Stumm: »Aber, ernsthaft gesprochen, die Vorstellung zum Beispiel: ein Apfel verschwindet in mir, er hört dabei irgendwann auf, ein LatritteApfel zu sein und fängt an, ich zu sein, das ist mir immer ebenso mysteriös vorgekommen wie das schauerliche Geheimnis der Zeugung!«
Ulrich: »Siehst du! Nun sind wir aber geistig durch lauter solche Akte verbunden! Wir meinen, glauben, ahnen, wissen, überreden, überzeugen, entschließen uns; und das geht wie in einem Nebel vor sich: weder ist uns der bestimmt gegeben, an den wir uns wenden, noch das, was wir sagen und tun, noch ob wir meinen oder glauben, entschlossen sind oder bloß versuchen, noch was unser Anteil ist und was seiner und was der allgemeine. Wir sind recht wie eine Wolke aus Millionen Tröpfchen, die einander durchschneiden und sich dann wieder auf sich selbst zusammenziehen. Wir verschwinden ineinander und stehen uns später wieder gegenüber –«
»Aber doch nicht wirklich?« warf Stumm gewissenhaft ein.
Ulrich: »Bloß im Geiste. Die Vorgänge, wie wir uns klar von unserem Gegenüber absondern wie bei den Wahrnehmungen oder klar in uns trennen, was wir sind und was die Wahrheit ist, sind natürlich von größter Wichtigkeit, aber man darf im Verhältnis zu den andren ihre Häufigkeit nicht überschätzen. (Und wir sollten sie wohl auch sonst nicht überschätzen!) Denn nicht das Urteil, sondern das Vorurteil, nicht die Wahrheit, sondern der Glaube und die Meinung, also das, was seinem Wesen nach unbedingt zum Teil falsch ist, treibt das Leben an; die Wahrheit, ja die Notwendigkeit selbst, dient nur zur Berichtigung und Regelung. Es ist also letzten Endes auch falsch, der Nötigung den größten Wert beizumessen, wie du es meinst, wenn du deine Logik der starken Hand entwickelst.«