Aus dem Nachlass


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durch er des ruhigen Gefühls, sich in sich zu befinden, entbehrte. Einen Augenblick vor einer breiten Pfütze stehen bleibend, die seinen Weg sperrte, fragte er sich: »Was habe ich also zu tun?« und wußte selbst nicht, welchem von beiden Hindernissen diese Frage galt, die sich nur als ein wortloser Ruck fühlen gemacht hatte.
Aber vielleicht war es diese Lacke zu seinen Füßen, oder es waren auch die besenkahlen Bäume zu seinen Seiten, was ihm plötzlich Straße und Dorf hervorzauberte und die eigentümliche Stimmung hervorrief, in der er oft Monate am Land verbracht hatte. Sollte er dahin zurückkehren? Es war so einfach! Die Gefühle schläfern; die Gedanken lösen sich voneinander wie Wolken nach bösem Wetter, und mit einemmal bricht ein leerer schöner Himmel aus der Seele! Nun mag darunter eine Kuh mitten am Weg strahlen: es ist eine Eindringlichkeit des Geschehens, als ob sonst nichts auf der Welt wäre! Eine Wolke mag hindurchwandern, das gleiche über der ganzen Gegend tun; das Gras wird dunkel, und eine Weile später blitzt das Gras ringsum vor Nässe: aber das ist eine Fahrt wie von einer Küste eines Meeres zur anderen! Ein alter Mann verliert, während man zwei Tage fort war, seinen letzten Zahn: und dieses so natürliche Ereignis bedeutet einen Einschnitt im Leben aller seiner Nachbarn, woran sie ihre Erinnerungen knüpfen können! Und so singen die Vögel alle Abende um das Dorf und immer in der gleichen Weise, wenn hinter der sinkenden Sonne die Stille kommt, aber es ist jedesmal ein neues Ereignis, als wäre die Welt noch keine sieben Tage alt! Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viele Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens, aber Ulrich wußte, daß es die Macht des Menschen tausendfach ausdehnt, und wenn es selbst im Einzelnen ihn zehnfach verdünnt, ihn im Ganzen noch hundertfach vergrößert, und ein Rücktausch kam für ihn gar nicht in Frage. Wohl aber fiel ihm zum erstenmal auf, daß das seelische Gesetz, wonach man sich in überlasteter Gegenwart; von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes ist als das der erzählerischen Ordnung! Jene einfache Ordnung, die darin besteht, daß man sagen kann: »Nachdem das geschehen war, hat sich jenes ereignet«. Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen, wie ein Mathematiker sagen würde; die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, den berühmten »Faden der Erzählung«, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann »als«, »ehe« und »nachdem«! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiedergeben kann, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. Das hat sich der Roman künstlich zunutze gemacht; der Wanderer mag bei strömendem Regen die Landstraße reiten oder bei zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird behaglich zumute: aber dieser ewige Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen beruhigen, diese bewährteste »perspektivische Verkürzung des Verstandes«, die den Schein bewirkt, daß man das Leben in der Hand habe, ist fast so alt wie die Seele. Wohl kommt darin auch etwas »weil« und »damit« vor, doch bleiben die meisten Menschen gute alte Erzähler, welche die Geschehnisse schätzen und sich in der Tatsache, daß das Leben »einen Lauf« hat, irgendwie geborgen fühlen. Sie lieben nicht die Lyrik, oder nur für Augenblicke, und sie verabscheuen die durch keinen Nutzen bedingte Besinnung, sie lieben die einfache Handlung, wegen ihrer besonderen Eignung für die Erinnerung; und ob das Leben gleich schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem »Faden« mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet, hält sich das Glück der Selbstzufriedenheit meistens, wenn auch etwas beunruhigt, noch an sein altes Verfahren!


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durch ich des ruhigen Gefühls, mich in mir zu befinden, entbehre! Und einen Augenblick vor einer breiten Pfütze stehen bleibend, die seinen Weg sperrte, fragte er sich: »Was habe ich also zu tun?« und wußte selbst nicht, welchem von beiden Hindernissen diese Frage galt, die sich nur als ein wortloser Ruck fühlen gemacht hatte.
Es war diese Lacke zu seinen Füßen, und vielleicht waren es auch die besenkahlen Bäume zu seinen Seiten, was plötzlich Straße und Dorf hervorzauberte und die zwischen Erfüllung und Vergeblichkeit liegende Eintönigkeit der Seele in ihm weckte, die dem Land eigentümlich ist und ihn seit jener ersten »Reise-Flucht« in seiner Jugend mehr als einmal zu einer Wiederholung gelockt hatte. Es wird alles so einfach! Die Gefühle schläfern; die Gedanken lösen sich voneinander wie Wolken nach bösem Wetter, und mit einemmal bricht ein leerer schöner Himmel aus der Seele! Nun mag angesichts dieses Himmels eine Kuh mitten am Weg strahlen: es ist eine Eindringlichkeit des Geschehens, als ob sonst nichts auf der Welt wäre! Eine Wolke mag hindurchwandernd, das gleiche über der ganzen Gegend tun: das Gras wird dunkel, und eine Weile später blitzt das Gras ringsum vor Nässe, sonst ist nichts geschehen, aber das ist eine Fahrt wie von einer Küste eines Meeres zur andern! Ein alter Mann verliert, während man zwei Tage fort war, seinen letzten Zahn: und dieses so natürliche Ereignis bedeutet einen Einschnitt im Leben aller seiner Nachbarn, woran sie ihre Erinnerungen knüpfen können! Und so singen die Vögel alle Abende um das Dorf und immer in der gleichen Weise, wenn hinter der sinkenden Sonne die Stille kommt, aber es ist jedesmal ein neues Ereignis, als wäre die Welt noch keine sieben Tage alt! Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: So beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens, aber Ulrich wußte auch, daß es die Macht des Menschen tausendfach ausdehnt, und wenn es selbst im Einzelnen ihn zehnfach verdünnt, ihn im ganzen noch hundertfach vergrößert, und ein Rücktausch kam für ihn nicht ernsthaft in Frage. Dagegen fiel ihm mit einemmal und durch einen jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen auf, daß jenes seelische Gesetz des einfachen Lebens, wonach man sich überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin besteht, daß man sagen kann: »Nachdem das geschehen war, hat sich jenes ereignet«! Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen, wie ein Mathematiker sagen würde, was uns beruhigt; die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, eben jenen berühmten »Faden der Erzählung«, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann »als«, »ehe« und »nachdem«! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiedergeben kann, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. Das hat sich der Roman künstlich zunutze gemacht: der Wanderer mag bei strömendem Regen die Landstraße reiten oder bei zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird behaglich zumute, und dieser ewige Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen beruhigen, diese bewährteste »perspektivische Verkürzung des Verstandes«, die den Schein bewirkt, daß man das Leben in der Hand habe, ist fast so alt wie die Seele. Und wenn in den Faden des Lebens auch ein wenig »weil« und »damit« hineingknüpft wird, so bleiben die meisten Menschen doch auch im Verhältnis zu sich selber gute alte Erzähler, welche die Geschehnisse schätzen und sich in der Tatsache, daß das Leben »einen Lauf« hat, irgendwie geborgen fühlen. Sie lieben nicht die Lyrik, oder nur für Augenblicke, und sie verabscheuen die durch keinen Nutzen bedingte Besinnung: sie lieben die einfache Handlung, wegen ihrer besonderen Eignung für die Erinnerung, und ob das Leben gleich schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem »Faden« mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet, hält sich das Glück der Selbstzufriedenheit meistens, wenn auch etwas beunruhigt, noch an sein altes Verfahren!


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durch erich des ruhigen Gefühls, smich in sichmir zu befinden, entbehrte. Einenentbehre! Und einen Augenblick vor einer breiten Pfütze stehen bleibend, die seinen Weg sperrte, fragte er sich: »Was habe ich also zu tun?« und wußte selbst nicht, welchem von beiden Hindernissen diese Frage galt, die sich nur als ein wortloser Ruck fühlen gemacht hatte.
Aber vielleichtEs war es diese Lacke zu seinen Füßen, oder es und vielleicht waren es auch die besenkahlen Bäume zu sieinen Seiten, was ihm plötzlich Straße und Dorf hervorzauberte und die eigentümliche Stimmung hervorrief,zwischen Erfüllung und Vergeblichkeit liegende Eintönigkeit der Seele in der er oft Monate amihm weckte, die dem Land verbrachteigentümlich ist und ihn seit jener ersten »Reise-Flucht« in seiner Jugend mehr als einmal zu einer Wiederholung gelockt hatte. Sollte er dahin zurückkehren? Es warEs wird alles so einfach! Die Gefühle schläfern; die Gedanken lösen sich voneinander wie Wolken nach bösem Wetter, und mit einemmal bricht ein leerer schöner Himmel aus der Seele! Nun mag darunterangesichts dieses Himmels eine Kuh mitten am Weg strahlen: es ist eine Eindringlichkeit des Geschehens, als ob sonst nichts auf der Welt wäre! Eine Wolke mag hindurchwandernd, das gleiche über der ganzen Gegend tun;: das Gras wird dunkel, und eine Weile später blitzt das Gras ringsum vor Nässe:, sonst ist nichts geschehen, aber das ist eine Fahrt wie von einer Küste eines Meeres zur anderen! Ein alter Mann verliert, während man zwei Tage fort war, seinen letzten Zahn: und dieses so natürliche Ereignis bedeutet einen Einschnitt im Leben aller seiner Nachbarn, woran sie ihre Erinnerungen knüpfen können! Und so singen die Vögel alle Abende um das Dorf und immer in der gleichen Weise, wenn hinter der sinkenden Sonne die Stille kommt, aber es ist jedesmal ein neues Ereignis, als wäre die Welt noch keine sieben Tage alt! Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viele Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: soSo beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens, aber Ulrich wußte auch, daß es die Macht des Menschen tausendfach ausdehnt, und wenn es selbst im Einzelnen ihn zehnfach verdünnt, ihn im Ganzenganzen noch hundertfach vergrößert, und ein Rücktausch kam für ihn gar nicht ernsthaft in Frage. Wohl aberDagegen fiel ihm zum erstenmalmit einemmal und durch einen jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen auf, daß dasjenes seelische Gesetz des einfachen Lebens, wonach man sich in überlasteter Gegenwart;überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes istsei als das der erzählerischen Ordnung! Jene einfacheJener einfachen Ordnung, die darin besteht, daß man sagen kann: -»Nachdem das geschehen war, hat sich jenes ereignet«.«! Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen, wie ein Mathematiker sagen würde, was uns beruhigt; die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, deneben jenen berühmten »Faden der Erzählung«, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann »als«, »ehe« und »nachdem«! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiedergeben kann, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. Das hat sich der Roman künstlich zunutze gemacht;: der Wanderer mag bei strömendem Regen die Landstraße reiten oder bei zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird behaglich zumute: aber, und dieser ewige Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen beruhigen, diese bewährteste »perspektivische Verkürzung des Verstandes«, die den Schein bewirkt, daß man das Leben in der Hand habe, ist fast so alt wie die Seele. Wohl kommt darinUnd wenn in den Faden des Lebens auch etwasein wenig »weil« und »damit« vor, dochhineingknüpft wird, so bleiben die meisten Menschen doch auch im Verhältnis zu sich selber gute alte Erzähler, welche die Geschehnisse schätzen und sich in der Tatsache, daß das Leben »einen Lauf« hat, irgendwie geborgen fühlen. Sie lieben nicht die Lyrik, oder nur für Augenblicke, und sie verabscheuen die durch keinen Nutzen bedingte Besinnung,: sie lieben die einfache Handlung, wegen ihrer besonderen Eignung für die Erinnerung;, und ob das Leben gleich schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem »Faden« mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet, hält sich das Glück der Selbstzufriedenheit meistens, wenn auch etwas beunruhigt, noch an sein altes Verfahren!


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durch ich des ruhigen Gefühls, mich in mir zu befinden, entbehre! UndEr blieb einen Augenblick vor einer breiten Pfütze stehen bleibend, die seinen Weg sperrte, fragte er sich: »Was habe ich also zu tun?« und wußte selbst nicht, welchem von beiden Hindernissen diese Frage galt, die sich nur als ein wortloser Ruck fühlen gemacht hatte.
Es. Vielleicht war es diese Lacke zu seinen Füßen, und vielleicht waren es auch die besenkahlen Bäume zu seinen Seiten, was in diesem Augenblick plötzlich Straße und Dorf hervorzauberte und die zwischen Erfüllung und Vergeblichkeit liegende Eintönigkeit der Seele in ihm weckte, die dem Land eigentümlich ist und ihn seit jener ersten »Reise-Flucht« in seiner Jugend mehr als einmal zu einer Wiederholung gelockt hatte. »Es wird alles so einfach! !« fühlte er. »Die Gefühle schläfern; die Gedanken lösen sich voneinander wie Wolken nach bösem Wetter, und mit einemmal bricht ein leerer schöner Himmel aus der Seele! Nun mag angesichts dieses Himmels eine Kuh mitten am Weg strahlen: es ist eine Eindringlichkeit des Geschehens, als ob sonst nichts auf der Welt wäre! Eine Wolke mag, hindurchwandernd, das gleiche über der ganzen Gegend tun: das Gras wird dunkel, und eine Weile später blitzt das Gras ringsum vor Nässe, sonst ist nichts geschehengeschehn, aber das ist eine Fahrt wie von einer Küste eines Meeres zur andern! Ein alter Mann verliert, während man zwei Tage fort war, seinen letzten Zahn: und dieses so natürlichekleine Ereignis bedeutet einen Einschnitt im Leben aller seiner Nachbarn, woran sie ihre Erinnerungen knüpfen können! Und so singen die Vögel alle Abende um das Dorf und immer in der gleichen Weise, wenn hinter der sinkenden Sonne die Stille kommt, aber es ist jedesmal ein neues Ereignis, als wäre die Welt noch keine sieben Tage alt! Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, ,« dachte er »man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: Sound so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens, aber Ulrich
Aber indem er das dachte, wußte er auch, daß es die Macht des Menschen tausendfach ausdehnt, und wenn es selbst im Einzelnen ihn zehnfach verdünnt, ihn im ganzen ganzen noch hundertfach vergrößert, und ein Rücktausch kam für ihn nicht ernsthaft in Frage. Dagegen fiel ihm mit einemmal und durch einenUnd als einer jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen auf, fiel ihm ein, daß jenes seelischedas Gesetz des einfachendieses Lebens, wonachnach dem man sich, überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin besteht, daß man sagen kann: »NachdemAls das geschehen war, hat sich jenes ereignet«!Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen, wie ein Mathematiker sagen würde, was uns beruhigt; die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, eben jenen berühmten »Faden der Erzählung«, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann »als«, »ehe« und »nachdem«! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiedergeben kannwiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. Das hatist es, was sich der Roman künstlich zunutze gemacht hat: der Wanderer mag bei strömendem Regen die Landstraße reiten oder bei zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird behaglich zumute, und das wäre schwer zu begreifen, wenn dieser ewige Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen beruhigen, diese bewährteste »perspektivische Verkürzung des Verstandes«, die den Schein bewirkt, daß man das « nicht schon zum Leben in der Hand habe, ist fast so alt wie die Seele. Und wenn in den Faden des Lebens auch ein wenig »weil« und »damit« hineingknüpft wird, so bleiben dieselbst gehörte. Die meisten Menschen doch auchsind im VerhältnisGrundverhältnis zu sich selber gute alteselbst Erzähler, welche die Geschehnisse schätzen und sich in der Tatsache, daß das Leben »einen Lauf« hat, irgendwie geborgen fühlen.. Sie lieben nicht die Lyrik, oder nur für Augenblicke, und sie wenn in den Faden des Lebens auch ein wenig »weil« und »damit« hineingeknüpft wird, so verabscheuen die durch keinen Nutzen bedingtesie doch alle Besinnung, die darüber hinausgreift: sie lieben die einfache Handlung, wegen ihrer besonderen Eignung für die Erinnerung, und ob dasdas ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, daß ihr Leben einen »Lauf« habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und Ulrich bemerkte nun, daß ihm dieses primitiv Epische abhanden gekommen sei, woran das private Leben gleichnoch festhält, obgleich öffentlich alles schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem »Faden« mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet, hält sich das Glück der Selbstzufriedenheit meistens, wenn auch etwas beunruhigt, noch an sein altes Verfahren!.



Unkorrigierte Druckfahne 433

Trotzdem blieb diese Begegnung noch eine Weile lebendig, als wäre sie ein zartes Idyll von einer Minute Dauer gewesen und Ulrich malte sich aus, was geschehen wäre, wenn er es fortgesetzt und das Mädchen mit sich genommen hätte. Er täuschte sich nicht über die rohe Armut seiner flüchtigen Freundin. Sie war keine Darstellerin menschlicher Zustände, ja sie würde nicht einmal begreifen, was das sein soll. Sie hatte einige primitive Kenntnisse von der Kunst der Liebe, soweit diese zwischen abwechslungsreichem Gebrauch und Mißbrauch des Körpers liegt, aber schon das Verlangen nach einer nichtsexuellen Unterhaltung würde sie aufsässig machen, und sie würde dann mit einem gewissen Standesbewußtsein auf die Ausübung ihrer Fähigkeiten drängen. Sie würde darauf bestehen, den Blick ein wenig zu verrenken und einen jener kleinen, ungeschickt gemachten Seufzer auszustoßen, die sie im rechten Augenblick anzubringen gelernt hat. »Aber, das ist rührend!« dachte Ulrich. »Das ist menschliche Komödie auf der Schmiere gespielt!« Denn diese tief gemeine, völlig unbegabte Schauspielerei für einen ausgemachten Betrag strömte etwas unausdrückbar Freundschaftliches aus, er wußte nicht warum; vielleicht nur deshalb, weil nach den schweren Gedanken, die ihn belasteten, seine Phantasie ohne Aufsicht damit gespielt hatte.
Und schon während Ulrich mit dem Mädchen sprach, hatte ihn eine sehr naheliegende Gedankenverbindung an Moosbrugger erinnert. Moosbrugger, der durch jene Unglücksnacht genau so gegangen war wie er heute. Als die kulissenhafte Unsicherheit der Straßenwände einen Augenblick stillhielt, war er auf das unbekannte Wesen gestoßen, das ihn in der Mordnacht bei der Brücke erwartete. Welch wunderbares Erkennen mußte das gewesen sein, vom Kopf bis zu den Sohlen! Ulrich glaubte einen Augenblick lang, daß er sich das vorstellen könne. Es hebt hoch, wie das eine Welle tut. Man verliert das Gleichgewicht, aber man braucht es nicht, dahingetragen in der Bewegung. Sein Herz zog sich zusammen, aber das Vorstellen verwirrte sich dabei in einer unbegrenzen Erweiterung und hörte alsbald in einer Art von entmachtender Wollust auf. Was diese Blendung des Gefühls nachträglich an Schatten hinterließ, konnte Ulrich erkennen; es war das undeutliche Bild einer Handlung, worin das Zugreifen, wie es aus höchster Erregung folgt, und das Ergriffenwerden in einem unbeschreiblichen gemeinsamen Zustande eins wurden, der Lust und Zwang, Sinn und Notwendigkeit, höchste Tätigkeit wie seeligstes Empfangen gar nicht zur Unterschiedung kommen ließ. So waren auch in einer seltsamen Weise die Vorstellungen des abstoßenden Grauens und der anziehenden Liebe darin nicht sowohl verflochten als vielmehr aus dem ihnen gemeinsamen Untergrund des Außerordentlichen und Ordnungsfeindlichen noch nicht hervorgegangen und entwickelt. Die Ähnlichkeit mit der merkwürdigen Vorstellung eines Verbrechens, die in jenem Augenblick durch ihn gestreift war, als er von Graf Leinsdorfs Fenster der außen brandenden Empörung zusah, war vollkommen deutlich. »Ich male mir den Zustand eines Lustmörders etwas romantisch aus!« sagte sich Ulrich spöttisch. Es kam offenbar davon, daß er zu lange an der Überzeugung festhehalten hatte, die Aktivität eines vollkommen klaren Menschen könne sich nur als Zurückhaltung äußern, als Verzicht auf die einfältige Bereitschaft, ein Dasein wie das gegenwärtige ernst zu nehmen: nun sehnte er sich bis zu dem Grade nach dem Gegenteil, daß er einen Geisteskranken um seine Zwangsvorstellungen beneidete! Aber Moosbrugger lockte ja nicht nur ihn, sondern alle anderen Menschen auch? Er hörte in sich Arnheims Stimme fragen: »Würden Sie ihn befreien?« Und sich antworten: »Nein. Wahrscheinlich nein. « – »Tausendmal nein!« fügte er hinzu.
Er erinnerte sich an die Auffassung, nach der solche Unglücksgeschöpfe die Verkörperung unterdrückter Triebe sind, an denen alle teilhaben, die Fleischwerdung ihrer Gedankenmorde und Phantasieschändungen: Mochten dann sie, die daran glaub-


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Trotzdem blieb diese Begegnung noch eine Weile lebendig, als wäre sie ein zartes Idyll von einer Minute Dauer gewesen, und Ulrich gestaltete aus, was geschehen wäre, wenn er das Mädchen mit sich genommen hätte. Er täuschte sich nicht über die rohe Armut seiner flüchtigen Freundin. Sie war keine Darstellerin menschlicher Zustände, ja sie würde nicht einmal begreifen, was das sein soll. Sie hatte einige primitive Kenntnisse von der Kunst der Liebe, soweit diese zwischen abwechslungsreichem Gebrauch und Mißbrauch des Körpers liegt, aber schon das Verlangen nach einer nichtsexuellen Unterhaltung würde sie aufsässig machen, und sie würde dann mit einem gewissen Standesbewußtsein auf die Ausübung ihrer Fähigkeiten drängen. Sie würde darauf bestehen, den Blick ein wenig zu verrenken und einen jener kleinen, ungeschickt gemachten Seufzer auszustoßen, die sie im rechten Augenblick anzubringen gelernt hat. »Aber, das ist rührend!« dachte Ulrich. »Das ist menschliche Komödie auf der Schmiere gespielt!« Denn diese tief gemeine, völlig unbegabte Schauspielerei für einen ausgemachten Betrag strömte etwas unausdrückbar Freundschaftliches aus, er wußte nicht warum; vielleicht nur deshalb, weil nach den schweren Gedanken, die ihn belasteten, seine Phantasie ohne Aufsicht damit gespielt hatte.
Und schon während Ulrich mit dem Mädchen sprach, hatte ihn eine sehr naheliegende Gedankenverbindung an Moosbrugger erinnert. Moosbrugger, der durch jene Unglücksnacht genau so gegangen war wie er heute. Als die kulissenhafte Unsicherheit der Straßenwände einen Augenblick stillhielt, war er auf das unbekannte Wesen gestoßen, das ihn in der Mordnacht bei der Brücke erwartete. Welch wunderbares Erkennen mußte das gewesen sein, vom Kopf bis zu den Sohlen! Ulrich glaubte einen Augenblick lang, daß er sich das vorstellen könne. Es hebt hoch, wie das eine Welle tut. Man verliert das Gleichgewicht, aber man braucht es nicht, dahingetragen in der Bewegung. Sein Herz zog sich zusammen, aber das Vorstellen verwirrte sich dabei in einer unbegrenzen Erweiterung und hörte alsbald in einer Art von entmachtender Wollust auf. Was diese Blendung des Gefühls nachträglich an Schatten hinterließ, konnte Ulrich erkennen; es war das undeutliche Bild einer Handlung, worin das Zugreifen, wie es aus höchster Erregung folgt, und das Ergriffenwerden in einem unbeschreiblichen gemeinsamen Zustande eins wurden, der Lust und Zwang, Sinn und Notwendigkeit, höchste Tätigkeit wie seeligstes Empfangen gar nicht zur Unterschiedung kommen ließ. So waren auch in einer seltsamen Weise die Vorstellungen des abstoßenden Grauens und der anziehenden Liebe darin nicht sowohl verflochten als vielmehr aus dem ihnen gemeinsamen Untergrund des Außerordentlichen und Ordnungsfeindlichen noch nicht hervorgegangen und entwickelt. Die Ähnlichkeit mit der merkwürdigen Vorstellung eines Verbrechens, die » ihn an diesem Tag wiederkehrend umschwirrte, war vollkommen deutlich. »Ich male mir den Zustand eines Lustmörders etwas romantisch aus!« sagte sich Ulrich ernüchtert. Es kam offenbar davon, daß er viel zu lange an der Überzeugung festhehalten hatte, die Aktivität eines vollkommen klaren Menschen könne sich nur als Zurückhaltung äußern, als Verzicht auf die einfältige Bereitschaft, ein Dasein wie das gegenwärtige ernst zu nehmen: nun sehnte er sich bis zu dem Grade nach dem Gegenteil, daß er einen Geisteskranken um seine Zwangsvorstellungen und den Glauben an seine Rolle beneidete! Aber Moosbrugger lockte ja nicht nur ihn, sondern alle anderen Menschen auch? Er hörte in sich Arnheims Stimme fragen: »Würden Sie ihn befreien?« Und sich antworten: »Nein. Wahrscheinlich nein.« – »Tausendmal nein!« fügte er hinzu.
Er erinnerte sich an die Auffassung, nach der solche Unglücksgeschöpfe die Verkörperung unterdrückter Triebe sind, an denen alle teilhaben, die Fleischwerdung ihrer Gedankenmorde und Phantasieschändungen: Mochten dann sie, die daran glaub-


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Trotzdem blieb diese Begegnung noch eine Weile lebendig, als wäre sie ein zartes Idyll von einer Minute Dauer gewesen, und Ulrich malte sichgestaltete aus, was geschehen wäre, wenn er es fortgesetzt und das Mädchen mit sich genommen hätte. Er täuschte sich nicht über die rohe Armut seiner flüchtigen Freundin. Sie war keine Darstellerin menschlicher Zustände, ja sie würde nicht einmal begreifen, was das sein soll. Sie hatte einige primitive Kenntnisse von der Kunst der Liebe, soweit diese zwischen abwechslungsreichem Gebrauch und Mißbrauch des Körpers liegt, aber schon das Verlangen nach einer nichtsexuellen Unterhaltung würde sie aufsässig machen, und sie würde dann mit einem gewissen Standesbewußtsein auf die Ausübung ihrer Fähigkeiten drängen. Sie würde darauf bestehen, den Blick ein wenig zu verrenken und einen jener kleinen, ungeschickt gemachten Seufzer auszustoßen, die sie im rechten Augenblick anzubringen gelernt hat. »Aber, das ist rührend!« dachte Ulrich. »Das ist menschliche Komödie auf der Schmiere gespielt!« Denn diese tief gemeine, völlig unbegabte Schauspielerei für einen ausgemachten Betrag strömte etwas unausdrückbar Freundschaftliches aus, er wußte nicht warum; vielleicht nur deshalb, weil nach den schweren Gedanken, die ihn belasteten, seine Phantasie ohne Aufsicht damit gespielt hatte.
Und schon während Ulrich mit dem Mädchen sprach, hatte ihn eine sehr naheliegende Gedankenverbindung an Moosbrugger erinnert. Moosbrugger, der durch jene Unglücksnacht genau so gegangen war wie er heute. Als die kulissenhafte Unsicherheit der Straßenwände einen Augenblick stillhielt, war er auf das unbekannte Wesen gestoßen, das ihn in der Mordnacht bei der Brücke erwartete. Welch wunderbares Erkennen mußte das gewesen sein, vom Kopf bis zu den Sohlen! Ulrich glaubte einen Augenblick lang, daß er sich das vorstellen könne. Es hebt hoch, wie das eine Welle tut. Man verliert das Gleichgewicht, aber man braucht es nicht, dahingetragen in der Bewegung. Sein Herz zog sich zusammen, aber das Vorstellen verwirrte sich dabei in einer unbegrenzen Erweiterung und hörte alsbald in einer Art von entmachtender Wollust auf. Was diese Blendung des Gefühls nachträglich an Schatten hinterließ, konnte Ulrich erkennen; es war das undeutliche Bild einer Handlung, worin das Zugreifen, wie es aus höchster Erregung folgt, und das Ergriffenwerden in einem unbeschreiblichen gemeinsamen Zustande eins wurden, der Lust und Zwang, Sinn und Notwendigkeit, höchste Tätigkeit wie seeligstes Empfangen gar nicht zur Unterschiedung kommen ließ. So waren auch in einer seltsamen Weise die Vorstellungen des abstoßenden Grauens und der anziehenden Liebe darin nicht sowohl verflochten als vielmehr aus dem ihnen gemeinsamen Untergrund des Außerordentlichen und Ordnungsfeindlichen noch nicht hervorgegangen und entwickelt. Die Ähnlichkeit mit der merkwürdigen Vorstellung eines Verbrechens, die in jenem Augenblick durch» ihn gestreift war, als er von Graf Leinsdorfs Fenster der außen brandenden Empörung zusahan diesem Tag wiederkehrend umschwirrte, war vollkommen deutlich. »Ich male mir den Zustand eines Lustmörders etwas romantisch aus!« sagte sich Ulrich spöttischernüchtert. Es kam offenbar davon, daß er viel zu lange an der Überzeugung festhehalten hatte, die Aktivität eines vollkommen klaren Menschen könne sich nur als Zurückhaltung äußern, als Verzicht auf die einfältige Bereitschaft, ein Dasein wie das gegenwärtige ernst zu nehmen: nun sehnte er sich bis zu dem Grade nach dem Gegenteil, daß er einen Geisteskranken um seine Zwangsvorstellungen und den Glauben an seine Rolle beneidete! Aber Moosbrugger lockte ja nicht nur ihn, sondern alle anderen Menschen auch? Er hörte in sich Arnheims Stimme fragen: »Würden Sie ihn befreien?« Und sich antworten: »Nein. Wahrscheinlich nein. « – »Tausendmal nein!« fügte er hinzu.
Er erinnerte sich an die Auffassung, nach der solche Unglücksgeschöpfe die Verkörperung unterdrückter Triebe sind, an denen alle teilhaben, die Fleischwerdung ihrer Gedankenmorde und Phantasieschändungen: Mochten dann sie, die daran glaub-


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Trotzdem blieb dieseDiese Begegnung blieb noch eine Weile lebendig, als wäre sie ein zartes Idyll von einer Minute Dauer gewesen, und Ulrich gestaltete aus, was geschehen wäre, wenn er das Mädchen mit sich genommen hätte.. Er täuschte sich nicht über die rohe Armut seiner flüchtigen Freundin. Sie war keine Darstellerin menschlicher Zustände, jaAber wenn er sich vorstellte, wie sie würde nicht einmal begreifen, was das sein soll. Sie hatte einige primitive Kenntnisse von der Kunst der Liebe, soweit diese zwischen abwechslungsreichem Gebrauch und Mißbrauch des Körpers liegt, aber schon das Verlangen nach einer nichtsexuellen Unterhaltung würde sie aufsässig machen, und sie würde dann mit einem gewissen Standesbewußtsein auf die Ausübung ihrer Fähigkeiten drängen. Sie würde darauf bestehen, den Blick ein wenig zu verrenken und einen jener kleinen, ungeschickt gemachten Seufzer auszustoßenausstoßen würde, die sie im rechten Augenblick anzubringen gelernt hat. »Aber, das ist rührend!« dachte Ulrich. »Das ist menschliche Komödie auf der Schmiere gespielt!« Denn , so strömte diese tief gemeine, völlig unbegabte Schauspielerei für einen ausgemachten Betrag strömtedoch auch etwas unausdrückbar FreundschaftlichesRührendes aus, er wußte nicht warum; vielleicht nur deshalb, weil nach den schweren Gedanken,es die ihn belasteten, seine Phantasie ohne Aufsicht damitmenschliche Komödie auf der Schmiere gespielt hatte.
war. Und schon während Ulrich mit dem Mädchen sprach, hatte ihn eine sehr naheliegende Gedankenverbindung an Moosbrugger erinnert. Moosbrugger, der krankhafte Komödiant, der Prostituiertenjäger und -vertilger, der durch jene Unglücksnacht genau so gegangen war wie er heute. Als die kulissenhafte Unsicherheit der Straßenwände einen Augenblick stillhielt, war er auf das unbekannte Wesen gestoßen, das ihn in der Mordnacht bei der Brücke erwartete. Welch wunderbares Erkennen mußte das gewesen sein, vom Kopf bis zu den Sohlen!: Ulrich glaubte einen Augenblick lang, daß eres sich das vorstellen könne. Es hebt hochzu können! Er fühlte, daß ihn etwas hochhob, wie das eine Welle tut. Man verliertEr verlor das Gleichgewicht, aber man brauchter brauchte es nicht, dahingetragen in der Bewegung. Sein Herz zog sich zusammen, aber das Vorstellen verwirrte sich dabei in einer unbegrenzen Erweiterung und hörte alsbald in einer Art von entmachtender Wollust auf. Was diese Blendung des Gefühls nachträglich an Schatten hinterließ, konnte Ulrich erkennen; es war das undeutliche Bild einer Handlung, worin das Zugreifen, wie es aus höchster Erregung folgt, und das Ergriffenwerden in einem unbeschreiblichen gemeinsamen Zustande eins wurden, der Lust und Zwang, Sinn und Notwendigkeit, höchste Tätigkeit wie seeligstes Empfangen gar nicht zur Unterschiedung kommen ließ. So waren auch in einer seltsamen Weise die Vorstellungen des abstoßenden Grauens und der anziehenden Liebe darin nicht sowohl verflochten als vielmehr aus dem ihnen gemeinsamen Untergrund des Außerordentlichen und Ordnungsfeindlichen noch nicht hervorgegangen und entwickelt. Die Ähnlichkeit mit der merkwürdigen Vorstellung eines Verbrechens, die » ihn an diesem Tag wiederkehrend umschwirrte, war vollkommen deutlich. »Ich male mir den Zustand eines Lustmörders etwas romantisch aus!« sagte sich Ulrich ernüchtert. Es kam offenbar davon, daß er viel zu lange an der Überzeugung festhehalten hatte, die Aktivität eines vollkommen klaren Menschen könne sich nur als Zurückhaltung äußern, als Verzicht auf die einfältige Bereitschaft, ein Dasein wie das gegenwärtige ernst zu nehmen: nun sehnte er sich bis zu dem Grade nach dem Gegenteil, daß er einen Geisteskranken um seine Zwangsvorstellungen und den Glauben an seine Rolle beneidete! Aber unbegrenzten Erweiterung und hörte alsbald in einer Art fast entmachtender Wollust auf. Er suchte sich zu ernüchtern. Er hatte offenbar so lange an einem Leben ohne innere Einheit festgehalten, daß er nun sogar einen Geisteskranken um seine Zwangsvorstellungen und den Glauben an seine Rolle beneidete! Aber Moosbrugger lockte ja nicht nur ihn, sondern alle anderen Menschen auch? Er hörte in sich Arnheims Stimme fragen: »Würden Sie ihn befreien?« Und sich antworten: »Nein. Wahrscheinlich nein.« – »Tausendmal nein!« fügte er hinzu.
Erund fühlte trotzdem wie eine Blendung das Bild eines Handelns, worin das Zugreifen, wie es aus höchster Erregung folgt, und das Ergriffenwerden in einem unbeschreiblichen gemeinsamen Zustande eins wurden, der Lust von Zwang, Sinn von Notwendigkeit, höchste Tätigkeit von seligem Empfangen nicht unterscheiden ließ. Flüchtig erinnerte er sich an die Auffassung, nach derdaß solche Unglücksgeschöpfe die Verkörperung unterdrückter Triebe sindseien, an denen alle teilhaben, die Fleischwerdung ihrer Gedankenmorde und Phantasieschändungen: MochtenSo mochten dann siedie, die daran glaub-



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fang genommen habe, und daß die gnädige junge Frau schon vor etwa einer Stunde gekommen sei, gerade als der Alte weggehen wollte, und sich nicht habe abweisen lassen, so daß er es vorgezogen habe, auch für seine Person im Haus zu bleiben und für heute auf seinen Urlaub zu verzichten, denn der gnädige Herr möge ihm die Bemerkung verzeihen, aber die junge Dame habe auf ihn einen sehr aufgeregten Eindruck gemacht.
Als Ulrich ihm gedankt hatte und seine Wohnung betrat, lag Clarisse auf einem Diwan, etwas zur Seite gedreht und die Beine an den Leib gezogen; ihre taillenlos schlanke Figur, der knabenartig frisierte Kopf mit dem langen lieblichen Gesicht, das ihm, auf den Arm gestützt, entgegensah, als er die Tür öffnete, waren überaus verführerisch. Er erzählte ihr, daß er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Clarisse bekam Augen, die wie das Schnellfeuer eines Browningn waren. »Vielleicht bin ich einer! « erwiderte sie. »Der alte Schlaukopf, der dich bedient, hat mich um keinen Preis bleiben lassen wollen; ich habe ihn schlafen geschickt, aber ich weiß, daß er sich unten irgendwo versteckt hat! Schön hast dus hier! « Dabei reichte sie ihm die Depesche, ohne aufzustehen. »Ich habe einmal sehen wollen, wie du nach Hause kommst, wenn du glaubst, daß du allein bist« fuhr sie fort. »Walter ist in einem Konzert. Er kommt erst nach Mitternacht zurück. Ich habe ihm aber nicht gesagt, daß ich zu dir gehe.«
Ulrich riß die Depesche auf und las sie, während er nur mit halbem Ohr hörte, was Clarisse sagte; er wurde überraschend bleich und las ungläubig noch einmal den sonderbaren Wortlaut. Er hatte schon seit einiger Zeit, obgleich er verschiedene Anfragen seines Vaters wegen der Parallelaktion und der verminderten Zurechnungsfähigkeit zu beantworten verabsäumt hatte, kein Mahnschreiben erhalten, ohne daß es ihm aufgefallen war; nun meldete ihm das Telegramm in einer ausführlichen, aus halb unterdrückten Vorwürfen und voller Todesfeierlichkeit wunderlich gemischten Weise, die sein Vater offenbar selbst noch auf das genaueste geregelt und aufgesetzt hatte, das Ableben seines Erzeugers. Sie hatten wenig Neigung für einander besessen, ja es war Ulrich der Gedanke an seinen Vater beinahe immer unangenehm gewesen, trotzdem dachte er, während er den schnurrig-unheimlichen Text ein zweites Mal las: »Ich bin nun ganz allein auf der Welt!« Es war nicht so recht der wörtliche und schlecht zu dem nun beendeten Verhältnis passende Sinn dieser Worte, was er meinte; eher fühlte er sich verwundert aufsteigen, als wäre ein Ankertau zerrissen, oder fühlte einen sich nun ganz herstellenden Zustand der Landesfremdheit in einer Welt, der er durch seinen Vater noch verbunden gewesen war.
»Mein Vater ist gestorben!« sagte er zu Clarisse und hob mit einiger unwillkürlicher Feierlichkeit die Hand mit der Depesche.
»Ach!« antwortete Clarisse. »Ich gratuliere!« Und nach einer kleinen, besinnlichen Pause fügte sie hinzu: »Da wirst du jetzt wohl sehr reich?« Sie sah sich neugierig um.
»Ich glaube nicht, daß er mehr als wohlhabend war« erwiderte Ulrich ablehnend. »Ich lebte hier über seine Verhältnisse.«
Clarisse bestätigte die Zurechtweisung mit einem ganz kleinen Lächeln, einer Art Kratzfuß von Lächeln; viele ihrer ausdrücklichen Bewegungen waren so hastig und auf kleinstem Raum übertrieben wie die Verbeugung eine Knaben, der einer gesellschaftlichen Verpflichtung seinen Erziehungstribut entrichten muß. Sie blieb wieder allein im Zimmer zurück, da sich Ulrich für einige Augenblicke entschuldigte, um die Anordnungen für seine Abreise zu treffen. Als sie nach dem heftigen Auftritt, den sie miteinander gehabt, Walter verlassen hatte, war sie nicht weit gegangen, denn vor der Türe ihrer Wohnung führte eine selten benutzte Stiege zum Boden hinauf, und dort war sie, in ein Tuch gehüllt, sitzen geblieben, bis sie ihren Gatten das Haus verlassen hörte. Sie wußte irgendetwas von Schnürböden in Theatern; dort oben, von wo die Seile laufen, saß sie also, während Walter seinen Abgang über die


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fang genommen habe, und daß die gnädige junge Frau schon vor etwa einer Stunde gekommen sei, gerade als der Alte weggehen wollte, und sich nicht habe abweisen lassen, so daß er es vorgezogen habe, auch für seine Person im Haus zu bleiben und für heute auf seinen Urlaub zu verzichten, denn der gnädige Herr möge ihm die Bemerkung verzeihen, aber die junge Dame habe auf ihn einen sehr aufgeregten Eindruck gemacht.
Als Ulrich ihm gedankt hatte und seine Wohnung betrat, lag Clarisse auf einem Diwan, etwas zur Seite gedreht und die Beine an den Leib gezogen; ihre taillenlos schlanke Figur, der knabenartig frisierte Kopf mit dem langen lieblichen Gesicht, das ihm, auf den Arm gestützt, entgegensah, als er die Tür öffnete, waren überaus verführerisch. Er erzählte ihr, daß er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Clarisse bekam Augen, die wie das Schnellfeuer eines Brownings waren. »Vielleicht bin ich einer!« erwiderte sie. »Der alte Schlaukopf, der dich bedient, hat mich um keinen Preis bleiben lassen wollen; ich habe ihn schlafen geschickt, aber ich weiß, daß er sich unten irgendwo versteckt hat! Schön hast du's hier!« Dabei reichte sie ihm die Depesche, ohne aufzustehen. »Ich habe einmal sehen wollen, wie du nach Hause kommst, wenn du glaubst, daß du allein bist« fuhr sie fort. »Walter ist in einem Konzert. Er kommt erst nach Mitternacht zurück. Ich habe ihm aber nicht gesagt, daß ich zu dir gehe.«
Ulrich riß die Depesche auf und las sie, während er nur mit halbem Ohr hörte, was Clarisse sagte; er wurde überraschend bleich und las ungläubig noch einmal den sonderbaren Wortlaut. Er hatte schon seit einiger Zeit, obgleich er verschiedene Anfragen seines Vaters wegen der Parallelaktion und der verminderten Zurechnungsfähigkeit zu beantworten verabsäumt hatte, kein Mahnschreiben erhalten, ohne daß es ihm aufgefallen wäre; nun meldete ihm das Telegramm in einer ausführlichen, aus halb unterdrückten Vorwürfen und voller Todesfeierlichkeit wunderlich gemischten Weise, die sein Vater offenbar selbst noch auf das genaueste geregelt und aufgesetzt hatte, das Ableben seines Erzeugers. Sie hatten wenig Neigung für einander besessen, ja es war Ulrich der Gedanke an seinen Vater beinahe immer unangenehm gewesen, trotzdem dachte er, während er den schnurrig-unheimlichen Text ein zweites Mal las: »Ich bin nun ganz allein auf der Welt!« Es war nicht so recht der wörtliche und schlecht zu dem nun beendeten Verhältnis passende Sinn dieser Worte, was er meinte; eher fühlte er sich verwundert aufsteigen, als wäre ein Ankertau zerrissen, oder fühlte einen sich nun ganz herstellenden Zustand der Landesfremdheit in einer Welt, der er durch seinen Vater noch verbunden gewesen war.
»Mein Vater ist gestorben!« sagte er zu Clarisse und hob mit einiger unwillkürlicher Feierlichkeit die Hand mit der Depesche.
»Ach!« antwortete Clarisse. »Ich gratuliere!« Und nach einer kleinen, besinnlichen Pause fügte sie hinzu: »Da wirst du jetzt wohl sehr reich?« Sie sah sich neugierig um.
»Ich glaube nicht, daß er mehr als wohlhabend war« erwiderte Ulrich ablehnend. »Ich lebte hier über seine Verhältnisse.«
Clarisse bestätigte die Zurechtweisung mit einem ganz kleinen Lächeln, einer Art Kratzfuß von Lächeln; viele ihrer ausdrücklichen Bewegungen waren so hastig und auf kleinstem Raum übertrieben wie die Verbeugung eines Knaben, der einer gesellschaftlichen Verpflichtung seinen Erziehungstribut entrichten muß. Sie blieb allein im Zimmer zurück, da sich Ulrich für einige Augenblicke entschuldigte, um die Anordnungen für seine Abreise zu treffen. Als sie nach dem heftigen Auftritt, den sie miteinander gehabt, Walter verlassen hatte, war sie nicht weit gegangen, denn vor der Türe ihrer Wohnung führte eine selten benutzte Stiege zum Boden hinauf, und dort war sie, in ein Tuch gehüllt, sitzen geblieben, bis sie ihren Gatten das Haus verlassen hörte. Sie wußte irgendetwas von Schnürböden in Theatern; dort oben, von wo die Seile laufen, saß sie also, während Walter seinen Abgang über die


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fang genommen habe, und daß die gnädige junge Frau schon vor etwa einer Stunde gekommen sei, gerade als der Alte weggehen wollte, und sich nicht habe abweisen lassen, so daß er es vorgezogen habe, auch für seine Person im Haus zu bleiben und für heute auf seinen Urlaub zu verzichten, denn der gnädige Herr möge ihm die Bemerkung verzeihen, aber die junge Dame habe auf ihn einen sehr aufgeregten Eindruck gemacht.
Als Ulrich ihm gedankt hatte und seine Wohnung betrat, lag Clarisse auf einem Diwan, etwas zur Seite gedreht und die Beine an den Leib gezogen; ihre taillenlos schlanke Figur, der knabenartig frisierte Kopf mit dem langen lieblichen Gesicht, das ihm, auf den Arm gestützt, entgegensah, als er die Tür öffnete, waren überaus verführerisch. Er erzählte ihr, daß er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Clarisse bekam Augen, die wie das Schnellfeuer eines BrowningnBrownings waren. »Vielleicht bin ich einer! « erwiderte sie. »Der alte Schlaukopf, der dich bedient, hat mich um keinen Preis bleiben lassen wollen; ich habe ihn schlafen geschickt, aber ich weiß, daß er sich unten irgendwo versteckt hat! Schön hast dusdu's hier! « Dabei reichte sie ihm die Depesche, ohne aufzustehen. »Ich habe einmal sehen wollen, wie du nach Hause kommst, wenn du glaubst, daß du allein bist« fuhr sie fort. »Walter ist in einem Konzert. Er kommt erst nach Mitternacht zurück. Ich habe ihm aber nicht gesagt, daß ich zu dir gehe.«
Ulrich riß die Depesche auf und las sie, während er nur mit halbem Ohr hörte, was Clarisse sagte; er wurde überraschend bleich und las ungläubig noch einmal den sonderbaren Wortlaut. Er hatte schon seit einiger Zeit, obgleich er verschiedene Anfragen seines Vaters wegen der Parallelaktion und der verminderten Zurechnungsfähigkeit zu beantworten verabsäumt hatte, kein Mahnschreiben erhalten, ohne daß es ihm aufgefallen warwäre; nun meldete ihm das Telegramm in einer ausführlichen, aus halb unterdrückten Vorwürfen und voller Todesfeierlichkeit wunderlich gemischten Weise, die sein Vater offenbar selbst noch auf das genaueste geregelt und aufgesetzt hatte, das Ableben seines Erzeugers. Sie hatten wenig Neigung für einander besessen, ja es war Ulrich der Gedanke an seinen Vater beinahe immer unangenehm gewesen, trotzdem dachte er, während er den schnurrig-unheimlichen Text ein zweites Mal las: »Ich bin nun ganz allein auf der Welt!« Es war nicht so recht der wörtliche und schlecht zu dem nun beendeten Verhältnis passende Sinn dieser Worte, was er meinte; eher fühlte er sich verwundert aufsteigen, als wäre ein Ankertau zerrissen, oder fühlte einen sich nun ganz herstellenden Zustand der Landesfremdheit in einer Welt, der er durch seinen Vater noch verbunden gewesen war.
»Mein Vater ist gestorben!« sagte er zu Clarisse und hob mit einiger unwillkürlicher Feierlichkeit die Hand mit der Depesche.
»Ach!« antwortete Clarisse. »Ich gratuliere!« Und nach einer kleinen, besinnlichen Pause fügte sie hinzu: »Da wirst du jetzt wohl sehr reich?« Sie sah sich neugierig um.
»Ich glaube nicht, daß er mehr als wohlhabend war« erwiderte Ulrich ablehnend. »Ich lebte hier über seine Verhältnisse.«
Clarisse bestätigte die Zurechtweisung mit einem ganz kleinen Lächeln, einer Art Kratzfuß von Lächeln; viele ihrer ausdrücklichen Bewegungen waren so hastig und auf kleinstem Raum übertrieben wie die Verbeugung eineeines Knaben, der einer gesellschaftlichen Verpflichtung seinen Erziehungstribut entrichten muß. Sie blieb wieder allein im Zimmer zurück, da sich Ulrich für einige Augenblicke entschuldigte, um die Anordnungen für seine Abreise zu treffen. Als sie nach dem heftigen Auftritt, den sie miteinander gehabt, Walter verlassen hatte, war sie nicht weit gegangen, denn vor der Türe ihrer Wohnung führte eine selten benutzte Stiege zum Boden hinauf, und dort war sie, in ein Tuch gehüllt, sitzen geblieben, bis sie ihren Gatten das Haus verlassen hörte. Sie wußte irgendetwas von Schnürböden in Theatern; dort oben, von wo die Seile laufen, saß sie also, während Walter seinen Abgang über die


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fang genommen habe, und daß die gnädige junge Frau schon vor etwa einer Stunde gekommen sei, gerade als der Alte weggehen wollte, und sich nicht habe abweisen lassen, so daß er es vorgezogen habe, auch für seine Person im Haus zu bleiben und für heute auf seinen Urlaub zu verzichten, denn der gnädige Herr möge ihm die Bemerkung verzeihen, aber die junge Dame habe auf ihn einen sehr aufgeregten Eindruck gemacht.
Als Ulrich ihm gedankt hatte und seine Wohnung betrat, lag Clarisse auf einem Diwan, etwas zur Seite gedreht und die Beine an den Leib gezogen; ihre taillenlos schlanke Figur, der knabenartig frisierte Kopf mit dem langen lieblichen Gesicht, das ihm, auf den Arm gestützt, entgegensah, als er die Tür öffnete, waren überaus verführerisch. Er erzählte ihr, daß er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Clarisse bekam Augen, die wie das Schnellfeuer eines Brownings waren. »Vielleicht bin ich einer!« erwiderte sie. »Der alte Schlaukopf, der dich bedient, hat mich um keinen Preis bleiben lassen wollen; ich habe ihn schlafen geschickt, aber ich weiß, daß er sich unten irgendwo versteckt hat! Schön hast du'sdu’s hier!« Dabei reichte sie ihm die Depesche, ohne aufzustehen. »Ich habe einmal sehen wollen, wie du nach Hause kommst, wenn du glaubst, daß du allein bist« fuhr sie fort. »Walter ist in einem Konzert. Er kommt erst nach Mitternacht zurück. Ich habe ihm aber nicht gesagt, daß ich zu dir gehe.«-
Ulrich riß die Depesche auf und las sie, während er nur mit halbem Ohr hörte, was Clarisse sagte; er wurde überraschend bleich und las ungläubig noch einmal den sonderbaren Wortlaut. Er hatte schon seit einiger Zeit, obgleich er verschiedene Anfragen seines Vaters wegen der Parallelaktion und der verminderten Zurechnungsfähigkeit zu beantworten verabsäumt hatte, kein Mahnschreiben erhalten, ohne daß es ihm aufgefallen wäre; nun meldete ihm das Telegramm in einer ausführlichen, aus halb unterdrückten Vorwürfen und voller Todesfeierlichkeit wunderlich gemischten Weise, die sein Vater offenbar selbst noch auf das genaueste geregelt und aufgesetzt hatte, das Ableben seines Erzeugers. Sie hatten wenig Neigung für einanderfüreinander besessen, ja es war Ulrich der Gedanke an seinen Vater beinahe immer unangenehm gewesen, trotzdem dachte er, während er den schnurrig-unheimlichen Text ein zweites Mal las: »Ich bin nun ganz allein auf der Welt!« Es war nicht so recht der wörtliche und schlecht zu dem nun beendeten Verhältnis passende Sinn dieser Worte, was er meinte; eher fühlte er sich verwundert aufsteigen, als wäre ein Ankertau zerrissen, oder fühlte einen sich nun ganz herstellenden Zustand der Landesfremdheit in einer Welt, der er durch seinen Vater noch verbunden gewesen war.
»Mein Vater ist gestorben!« sagte er zu Clarisse und hob mit einiger unwillkürlicher Feierlichkeit die Hand mit der Depesche.-
»Ach!« antwortete Clarisse. »Ich gratuliere!« Und nach einer kleinen, besinnlichen Pause fügte sie hinzu: »Da wirst du jetzt wohl sehr reich?« Sie sah sich neugierig um.
»Ich glaube nicht, daß er mehr als wohlhabend war« erwiderte Ulrich ablehnend. »Ich lebte hier über seine Verhältnisse.«
Clarisse bestätigte die Zurechtweisung mit einem ganz kleinen Lächeln, einer Art Kratzfuß von Lächeln; viele ihrer ausdrücklichen Bewegungen waren so hastig und auf kleinstem Raum übertrieben wie die Verbeugung eines Knaben, der einer gesellschaftlichen Verpflichtung seinen Erziehungstribut entrichten muß. Sie blieb allein im Zimmer zurück, da sich Ulrich für einige Augenblicke entschuldigte, um die Anordnungen für seine Abreise zu treffen. Als sie nach dem heftigen Auftritt, den sie miteinander gehabt, Walter verlassen hatte, war sie nicht weit gegangen, denn vor der Türe ihrer Wohnung führte eine selten benutzte Stiege zum Boden hinauf, und dort war sie, in ein Tuch gehüllt, sitzen geblieben, bis sie ihren Gatten das Haus verlassen hörte. Sie wußte irgendetwas von Schnürböden in Theatern; dort oben, von wo die Seile laufen, saß sie also, während Walter seinen Abgang über die